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Indonesien

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 03.05.2018

Java - das Tor zur Hölle!

Java, April, Mai 2018

Die Ablegestelle der Fähre und den Ticketschalter hatten wir schnell ausfindig gemacht. Jetzt hieß es nur noch die 24 stündige Überfahrt zu überstehen. Im Gegensatz zu Lennox waren Leander und ich keine besonderen Freunde von Schiffspassagen. Nach einer Nacht auf dem Hafengelände konnten wir den Truck zeitig am nächsten Morgen an Bord des Schiffes bringen.
Es gab keine getrennten Kabinen, dafür ein großes Schlafdeck mit Internats Charakter.
Beim Durchgehen überschlug ich die Schlafkojen und kam auf 128 Plätze. Nach und nach füllte sich das Schiff und etwas verängstigt stellte ich fest, dass gemeinsam mit mir vielleicht fünf Frauen an Board waren, der Rest Männer. Wir die einzigen Weißen. Ich war auf die Nacht gespannt, nicht weil ich um unsere Sicherheit bangte, sondern eher um meinen Schlaf. Gedanklich stellte ich mich auf ein Schnarchkonzert ein, was erstaunlicherweise aus blieb.
Das Frühstück gab es direkt ans Bett serviert! Zwar keine warmen Brötchen, dafür ein kleines Reispaket. In Asien wird bei den Mahlzeiten nicht zwischen Frühstück, Mittag- oder Abendessen unterschieden. Ein Schälchen Reis ist fixer Bestandteil einer jeden Mahlzeit, kombiniert mit Köstlichkeiten die der lokale Markt hergibt.

Planmässig erreichten wir die Stadt Surabaya auf Java. Eigentlich wollten wir der zweitgrößten Stadt Indonesiens so schnell wie möglich den Rücken kehren, doch Lennox machte uns einen Strich durch die Rechnung. Er quälte sich mit einer Entzündung an einer heiklen Stelle ab die nicht einladend aussah. Wir mussten ein Krankenhaus finden. Google war dabei äußerst behilflich, wie schon sooft. In Situationen wie diesen rätselten wir immer wieder, wie wohl das Reisen vor der Erfindung des www`s ausgesehen hatte.
Obwohl wir nicht die größten Fans von der ganzen Technologie sind, muss man zugeben, dass sie schon sehr hilfreich sein kann.
Viele Mütter verfallen nicht in Freudentränen bei der Vorstellung mit ihrem kleinen Kind ein indonesisches Krankenhaus zu konsultieren. Doch oft kommt es anders als erwartet. Der Arzt dem wir zugewiesen wurden war kompetent, sprach super Englisch und erkannte das Problem sofort.

Eingedeckt mit der richtigen Medizin fuhren wir erleichtert in den Bromo Tengger Semeru Nationalpark. Ziel war das kleine Dorf Cemoro Lawang, welches auf über 2.000m die Einstiegspforte in das Gebiet war.
Die Zustände auf Javas Strassen waren kaum besser als in Kalimantan. Eng, holprig, kurvenreich, bergauf- und bergab mit ungeheuer viel Verkehr. LKW`s donnerten uns mit Höllengeschwindigkeit entgegen und Mopedfahrer nutzten jede Lücke um sich vorbei zu drängen. Es war furchtbar anstrengend und ermüdend sich auf langen Fahrstrecken permanent auf den konfusen Verkehr zu konzentrieren.
Neu für uns war, dass man in Indonesien seine Augen nicht nur nach vorne sondern vor allem auch nach oben richten musste. Das Problem waren tief hängende Äste die das Auto zerkratzten oder gar schwer beschädigen konnten, und Stromleitungen die sich an den Stauboxen oder am Kamin verfingen und dadurch abrissen.
Sehr viel mehr als Schritttempo war teilweise nicht machbar, darum benötigten wir für die letzten 120km in den Nationalpark satte sechs Stunden. Einen großen Vorteil hatte die Plackerei allerdings, denn oben angelangt wurden wir von kühlen Temperaturen empfangen. Mit offenen Mündern starrten uns die Einheimischen an und fragten, ob wir ernsthaft mit dem Truck hier hoch gefahren sind. Es war eine sehr enge und eine der steilsten Straßen die wir jemals gefahren sind. Definitiv nicht für LKW´s gemacht.
Mit 2.329m ist der Mount Bromo zwar nicht der höchste Gipfel des Landes, aber der Bekannteste und meist bestiegene Vulkan Indonesiens. Wenn die Sonne aufgeht und die ersten Sonnenstrahlen über den Kraterrand kriechen, beginnt das Spektakel. Nur für diesen Ausblick reisen jedes Jahr Abertausende in die Region, um einmal von der Aussichtsplattform auf dem Kraterrand den Sonnenaufgang mitzuerleben.
Unser Besuch auf dem Berg sollte nicht in einem Geschubse und Gedränge enden, wie es in vielen Reiseberichten geschildert wurde. Wir wollten den Sonnenaufgang entspannt, ohne Stress und vor allem ohne Menschenauflauf genießen.

Wir hatten Glück, denn während einer kleinen Wanderung entdeckten wir einen geeigneten Zeltplatz, der eine mindestens genauso gute Aussicht auf den Mount Bromo versprach, wie die Aussichtsplattform, die jeden Morgen das Objekt der Begierde für hunderte von Touristen war.
Zufrieden kehrten wir zu Akela zurück. Da der Tag noch jung war holten wir unsere Cross vom Heckträger, was wir schon lange nicht mehr getan hatten, und unternehmen einen Streifzug durch die Sea of Sands. Wir waren nicht alleine mit dieser Idee. Zahlreiche Guides jagten in Jeeps durch die Sandwüste und schonten dabei weder die Autos noch ihre zahlenden Gäste. Nachdem wir genug Sand und Staub geschluckt hatten waren wir froh beim einsamen Kloster Pura Luhur Poten wieder tief durchatmen zu können.

An eine ruhige Nacht war nicht zu denken. Um 03:30 ging es los. Hunderte von identischen Jeeps knatterten an uns vorbei, pflügten durch das Sandmeer und schraubten sich in einer langen Schlange auf der anderen Seite wieder den Berg hinauf. Das Ziel war der Aussichtspunkt auf dem Mount Penanjakan in 2.770m Höhe, den wir tunlichst vermeiden wollten.
Wir gingen es gemächlich an. Nach dem Frühstück flanierten wir durch das Dorf und schmökerten in den Souvenirläden, die alle das Gleiche anboten. Warme Mützen, Schals, T-Shirts und Pullover, verziert mit dem Motiv des Mount Bromo. Nichts was Erinnerungswert hatte, nur Ramsch und Plunder. Mit leeren Händen kehrten wir zum Lastwagen zurück, packten die Ausrüstung zusammen und machten uns auf den Weg.
Die extra Kilos auf unseren Rücken machten sich beim Aufstieg deutlich bemerkbar. Wir waren auch nichts mehr gewohnt. Oben angelangt bauten wir das Zelt auf und richteten uns für die Nacht ein. Zu späterer Stunde war ich über die zusätzlichen Jacken im Gepäck froh, auf die Leander bestanden hatte, und die ich für übertrieben gehalten hatte.
Es war arschkalt und wir zitterten am ganzen Leib. Mit heißer Suppe und dampfendem Tee wärmten wir uns von innen, ehe wir uns bei Dämmerung ins Zelt verkrochen.
Pünktlich zu Sonnenaufgang klingelte der Wecker. Müde schälten wir unsere steifen Glieder aus den Schlafsäcken, öffneten die Zeltwand und konnten vor Staunen unsere Münder kaum geschlossen halten.
Langsam lösten sich die ersten Sonnenstrahlen vom Horizont und verfärbten den Mount Bromo und den dahinter liegenden, majestätischen Vulkan Mount Semeru in ein orang, violettes Farbenspiel. Minutenlang saßen Lennox und ich im Zelteingang und betrachteten mucksmäuschenstill das kitschige, wenn nicht sogar surreale Bild vor unseren Augen. Leander, der natürlich schon lange vor uns aufgestanden war, rieb seine eiskalten Hände aneinander und blickte zufrieden. Er hatte alles im Kasten.
Vollgepumpt mit Glückshormonen packten wir zusammen und machten uns an den Abstieg. Nicht nur runter vom Vulkan, sondern wieder auf Meeresniveau, wo uns die tropischen Temperaturen wieder mit offenen Armen empfingen.

Es bedeutete zwar einen Umweg, doch der Tumpak Sewu Waterfall sollte es wert sein. Ein Einheimischer bemerkte die Verzweiflung in unseren Augen, keinen vernünftigen Schlafplatz für die Nacht zu finden. Spontan lud er uns ein im Innenhof seines Hauses zu parken, mit der Aufforderung uns wie zu Hause zu fühlen. Die Familie war natürlich neugierig, was völlig ok war. Bereitwillig beantworteten wir ihre Fragen, verschlangen viele Köstlichkeiten, die Maxda, die Hausherrin für uns zubereitete und lernten im Laufe der nächsten Tage die gesamte Familie kennen. Was auf Dauer ganz schön anstrengend war.
Allerdings war es mir ein Vergnügen Maxda`s Herzenswunsch zu erfüllen. Sie war passionierte Hobby Make Up Artistin und wollte unbedingt Hand an mich anlegen. Welche Frau lässt sich diese Chance entgehen? Zwei Stunden pinselte, malte und tupfte sie in meinem Gesicht und hielt mir nach vollbrachter Arbeit den Spiegel erwartungsvoll vors Gesicht. Ich war sprachlos! Lennox lief bei meinem Anblick verschreckt davon, und Leander gab mir deutlich zu verstehen, dass ich mich so nicht im Lastwagen blicken lassen sollte. Es war super gemein, denn sie hatte ihr Bestes gegeben und war stolz auf ihr Werk, aber unter uns, ich hätte auf jeder Halloween Party den ersten Platz abgeräumt. Aber macht euch selbst ein Bild.

Tags darauf durften wir mit der Family noch einen Offroad Ausflug zu einem Tempel machen, hoch in den Bergen, kochten zusammen mit lokalen Lebensmitteln aus dem Garten und wanderten zu einem kleinen Wasserfall.
Alles in allem eine sehr schöne Erfahrung, doch um ehrlich zu sein wurde uns dass enge Zusammenleben mit der Familie in deren Vorhof nach einer knappen Woche zu anstrengend. Es war an der Zeit lebe wohl zu sagen.
Wir standen am Parkplatz des Tumpak Sewu Waterfall, der zu den schönsten und mit 120m gleichzeitig zu den höchsten Indonesiens`s zählt. Trotz der tollen Bilder die wir im Internet entdeckten, konnten sich Lennox und ich nicht zu einer Besichtigung aufraffen. Wir waren müde und erschöpft von den letzten Nächten, in denen wir kaum ein Auge zutaten.
Dafür gab es genau zwei Gründe und ich weiß nicht welcher von beiden der Schlimmere war. Erstens, die Gebetsaufrufe der Muezzins die lautstark aus den Lautsprechern donnerten, vorwiegend Nachts, und zweitens Hähne, die sich lange vor Sonnenaufgang zu batteln begannen und nicht mehr aufhören wollten. That`s Indonesia! Gott sei Dank war uns damals noch nicht bewusst, dass uns diese Phänomene noch in den Wahnsinn treiben würden.

Der größte Inselstaat der Welt ist in vielerlei Hinsicht „anders“ und bietet Besonderheiten die nirgendwo sonst zu finden sind. Der unberechenbare Vulkan Mount Ijen gehört zweifellos dazu. Nicht nur, dass der Kratersee als das größte Säurefass der Erde bezeichnet wird. Nachts, wenn die Schwefelgase austreten und sich mit dem Sauerstoff verbinden, schnellen tiefblaue Schwefelflammen hervor, die weltweit einzigartig sind.
Dort oben, auf 2.977m, arbeiten täglich zahlreiche Männer, die mit dem Schwefelabbau versuchen für sich und ihre Familien einen Lebensunterhalt zu verdienen. Unangefochten zählt der Mount Ijen zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen der Welt. Der Preis den die Männer dafür bezahlen ist hoch!
Der Weg dorthin war ein ständiges Auf und Ab im Gelände, gespickt mit scharfen, unübersichtlichen Kurven und Verkehrsteilnehmern die noch nie eine Fahrschule von innen gesehen hatten. Ein Weiterkommen war nur schleichend möglich. Die Straße auf den Mount Ijen stellte keine Ausnahme dar, im Gegenteil. Manche Passagen waren beängstigend steil, mit Serpentinen an denen Leander mehrmals reversieren musste um durchzukommen.
Mitten in der Plackerei kamen uns einige Ranger entgegen und hielten an um uns zu warnen, dass wir mit unserem Truck da nicht hochkommen würden. Leander winkte lächelnd ab. Beeindruckt von unserem Koloss regelten sie auf den letzten Schlüsselstellen zu unseren Gunsten den Verkehr und verabschiedeten sich erst, als wir sicher den Parkplatz des Camps erreicht hatten. Auch das ist Indonesien! Freundliche und hilfsbereite Menschen wo immer man hinblickt.

Es herrschten angenehm kühle Temperaturen auf dem Plateau. Wir warfen eine Jacke über und erkundeten die Umgebung. Neben typisch indonesischen Garküchen, sogenannten Warungs, war die Schwefel Wiegestation nicht zu übersehen. Eine abgewrackte Holzhütte vor der eine mittelalterlichen Waage aufgebaut war, um die sich gelbe Schwefelberge stapelten. Im Minutentakt rollten ausgemergelte Arbeiter das gelbe Gold in Scheibtruhen herbei und luden es vor der Waagschale ab. Ihre Gesichter waren in Tüchern vermummt, und am Körper trugen sie zerschlissene Hosen und Jacken. Erschöpft sanken sie zu Boden und rollten sich eine Zigarette aus Nelkentabak, während sie auf ihren Sold warteten.
Trotz der Strapazen ihres harten Schicksals, das wir bislang nur erahnen konnten, lächelten sie uns entgegen und forderten uns auf näher zu kommen. Das ganze Jahr über tummeln sich Touristen von überall her auf dem Berg, aber die wenigsten machen einen Abstecher zu den Arbeitern. Bereitwillig beantworteten sie unsere neugierigen Fragen und erzählten aus ihrem Alltag.
Mitten in der Nacht beginnt der harte Arbeitstag. Mit leeren Holzkarren begeben sich die Männer auf den knapp drei Kilometer langen und steilen Aufstieg. Am Kraterrand angelangt tauschen sie die Holzkarren gegen zwei Tragekörbe die mit einer Bambusstange verbunden sind, um dann mehrere hundert Meter in den gefährlichen Kraterschlund abzusteigen, wo der erhärtete Schwefel mühsam und mit einfachsten Mitteln abgebaut wird.
Dort unten sind die Arbeitsbedingungen extrem! Unerwartete Explosionen setzen ständig hochgiftige Schwefelgase frei. Überall zischt, faucht und donnert es. Der Gestank ist erbärmlich. Solange der Geruch an verfaulte Eier erinnert kann die Luft noch eingeatmet werden, aber nicht ohne Ekelgefühl. Wenn der Wind dreht, und sich der Sauerstoff in eine giftige Nebelschwade verwandelt wird es lebensbedrohlich.
Die beißenden und ätzenden Gase verhindern ein Atmen und verwandeln den Krater in ein Whiteout. In solchen Momenten halten die Arbeiter die Luft an, oder wickeln sich nasse Stofffetzen um Nase und Mund, was natürlich nur ein oberflächlicher Schutz ist. Gasmasken werden ihnen nicht zur Verfügung gestellt und sind zu teuer für sie. Es verhindert nicht, dass die schädlichen Gase in die Lunge strömen und über die Jahre verheerende gesundheitliche Schäden anrichten. Tagtäglich geschieht es, dass die Männer ohnmächtig werden und zu Boden sinken. Aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig als sich wieder aufzuraffen und weiter zu schuften, denn ihre Familien müssen essen.
Auf Nahrung wird gänzlich verzichtet, lediglich Wasser nehmen die Männer mit auf den Berg, denn jedes Gramm bedeutet Zusatzgewicht.
Um die 80kg Schwefel packt ein Minenarbeiter in seine Körbe, etwa das doppelte seines eigenen Körpergewichtes, und schleppt diese die beinahe senkrechte Kraterwand hoch, wo das Gestein in die Holzkarren umgeladen wird. Manche von ihnen schaffen sogar bis zu 120kg. Dann geht es an den steilen und holprigen Abstieg, zurück ins Basislager. Bis zu dreimal am Tag steigen sie hinauf und kommen vollbeladen wieder runter, denn bezahlt wird pro Kilo. Jeder Mann arbeitet alleine und ist für sich selbst verantwortlich.
Arbeitsverträge oder medizinische Versorgung sind Fremdwörter. Pro Tag werden mehrere Tonnen per Hand unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen abgebaut und in die Stadt Surabaya transportiert, wo das gelbe Gold zu Streichhölzern, Autobatterien, Bleichmittel und Waschpulver verarbeitet wird.
Trotzdem die schwere Arbeit die Männer nicht reich macht, ist es ein überdurchschnittlich gut bezahlter Job. Für ein Kilo Schwefel gibt es umgerechnet ca. 6-10 Cent, hängt von der Qualität des Schwefels ab. Trotz der harten Arbeit, den Schmerzen und das hohe Krankheitsrisiko ist die Minenarbeit sehr begehrt, denn unterm Strich bleibt am Monatsende mehr übrig als bei einem normalen indonesischen Durchschnittseinkommen.
Einer der Arbeiter zog sein Hemd aus und zeigte uns seine dicken, vernarbten Schwellungen am Rücken, die vom Tragen der Körbe stammten. Wir waren bestürzt und sprachlos.
In Gedanken versunken verabschiedeten wir uns von den Männern und spazierten zur Rangerstation, um Tickets für den morgigen Tag zu kaufen und uns zu erkundigen, ob ein Aufstieg frühmorgens möglich wäre.

Der Vulkan ist eigenwillig und seine Ausbrüche lassen sich nicht immer berechnen. Eine unerwartete Eruption vor einem Monat hatte zur Folge, dass 30 Menschen mit schweren Gasvergiftungen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert werden mussten. Für morgen gab er grünes Licht, allerdings durfte saisonbedingt aus Sicherheitsgründen erst um 05:00 Uhr früh gestartet werden. Somit war klar, dass wir die blauen Flammen nicht sehen würden, denn die können nur bei absoluter Dunkelheit bestaunt werden.
Leander und ich waren schon vor dem Wecksignal wach. Wir waren aufgeregt und nervös und hatten keine Ahnung was uns erwartete. Auf Gasmasken, die es gegen Gebühr zum Ausleihen gab, verzichteten wir bewusst. Allerdings hatten wir Tücher eingepackt, die wir uns bei eventuellen Atembeschwerden um Gesicht und Nase wickeln konnten. Es herrschte bereits reges Treiben am Eingangstor, dabei war nicht zu übersehen, dass viele Touristen den Aufstieg nur mit lokalen Führern wagten.
Da nicht viel Zeit bis zum Sonnenaufgang blieb, beschlossen wir, dass Leander vorausging, Lennox und ich bildeten die Nachhut. Der Weg auf den Vulkan war super steil und das herumliegende Geröll machte es nicht einfacher. Ausgestattet mit Stirnlampe stapfte der Kleine brav Schritt für Schritt neben mir den Berg hinauf, zusätzlich angetrieben von motivierenden Zusprüchen anderer Bergsteiger die uns unterwegs begegneten. Mit zunehmender Höhe machte sich vermehrt der Geruch nach faulen Eiern breit, der typische Schwefelgeruch, den bestimmt jeder kennt.
Allerdings empfanden wir es nicht so schlimm, dass wir uns Tücher um das Gesicht wickeln hätten müssen. Manch Gipfelstürmer stülpte sich in seiner Hysterie bereits auf den ersten Metern eine Gasmaske über. Wir konnten ihre Gesichter kaum erkennen, aber ich tippte auf Chinesen ;-). Nach einer Stunde erreichten wir den Kraterrand. Mit unseren mitgebrachten Walkie Talkies stellten wir Funkkontakt zu Leander her und machten einen Treffpunkt aus.
Der war bereits über die aktuelle Tagessituation informiert und klärte uns über die Fakten auf. Dass es ein bewölkter Morgen war und sich die Sonne beim durchblitzen schwer tat, hatten wir bereits selber festgestellt. Der Abstieg in den Krater, wo die Minenarbeiter schufteten, war für Touristen ebenfalls gesperrt, da zu hohe Gaswerte gemessen wurden. Wir suchten uns erstmal ein windgeschütztes Plätzchen und frühstückten, bevor wir uns trotz heftiger Windböen an den Kraterrand wagten, um einen Blick auf den Säuresee zu ergattern.
Die tief hängenden Wolken ließen es nur selten zu, doch ab und zu tat sich ein Loch auf und gab ein kleines Sichtfenster frei.
Dicke, gelbe Nebelschwaden schoben sich dicht aneinander gedrängt über das türkis blaue Wasser des Kratersees und verwandelte den Schauplatz für Sekunden in eine mystische und unnatürliche Atmosphäre. Es war faszinierend! Vor Jahren hatte ich eine Fernsehdokumentation über den Mount Ijen gesehen, und die Bilder waren immer noch lebhaft in meinem Kopf. Dass ich Jahre später selber an diesem Schauplatz stehen durfte, hätte ich mir damals nicht einmal in meinen kühnsten Träumen erhofft.

Leander trat nervös auf der Stelle und teilte mir schließlich mit, dass er zusammen mit einem Russen, den wir tags zuvor kennen lernten, trotz Absperrung in den Krater hinabsteigen wollte. Ich war nicht besonders glücklich über sein Vorhaben, denn aus Jux wurde der Einstieg in den Krater von den Rangern nicht gesperrt. Allerdings kannte ich ihn mittlerweile gut genug um zu wissen, dass er solche Entscheidungen nicht leichtfertig traf und sich selbst ein Bild von der Arbeit am Krater machen wollte. Während er zusammen mit dem Russen im Nichts verschwand, suchten Lennox und ich ein Plätzchen wo wir auf ihn warteten. Minuten wurden zu Stunden. Immer wieder stapften Minenarbeiter mit schwer beladenen Körben an uns vorbei. Pausen gab es nicht, denn Zeit war Geld! Obwohl uns die Männer zu zwinkerten, hatte ich das Gefühl im Weg zu stehen. Wir alle waren im Weg!
Hunderte Touristen rannten jubelnd und schreiend auf dem Vulkan umher und machten Selfies mit den Mienenarbeitern auf einem Platz, wo schon viele ihrer Kollegen ums Leben gekommen waren. Ich verstand Leander! Sein Anstand ließ es nicht anders zu. Er wollte zumindest einen kleinen Beitrag leisten.
Endlich sah ich ihn aus den Nebelschwaden hervortreten. Auf dem Rücken seinen 10kg schweren Fotorucksack, und auf den Schultern einen schwer beladenen 40kg Korb mit Schwefelgestein. Schweiß überströmt legte er die Last ab und atmete kräftig durch. Nur abgehackt konnte er erzählen, was er gesehen hatte. Unmöglich sich vorzustellen wie diese Männer mehrmals täglich den Abstieg in die Hölle überlebten.
Auf unserem Rückweg war es bereits taghell.
Bergab überholten wir Arbeiter die ihre vollgeladenen Schubkarren runter rodelten. Die Beine bei jedem Schritt fest in den Boden gestemmt, damit die schwere Last nicht mit ihnen durchging. Es kamen uns auch Männer entgegen, die bereits das zweite Mal auf den Berg stiegen. Viele besserten sich ihren Lohn auf, indem sie beim Hinaufgehen Touristen mitnahmen, denen der Aufstieg zu mühsam war. Ein absolutes No go. Ich würde mich schämen!
Wir blieben noch eine weitere Nacht, ehe wir den Schwefelberg mit gemischten Gefühlen verließen. Es ist schwer zu begreifen und zu verstehen. Für mich hat der Mount Ijen eine zwiegespaltene Seele.
Er zählt zu den aussergewöhnlichsten, atemberaubendsten und bizzarsten Plätzen die ich je gesehen hatte und zugleich war er das unberechenbare Tor zu Hölle.

Uns zog es weiter an die Ostküste Javas, in die Stadt Banyuwangi. Ihr Hafen war die Eintrittkarte in das Urlaubsparadies Bali. Das Verkehrsaufkommen in der Stadt war enorm, und die Straßenbeschilderung unter jeder Sau, selbst das Navi spielte verrückt. Immer wieder kamen wir am selben Punkt zum Stehen.
Genervt studierten wir die Straßenkarte, als plötzlich ein junger Mann ans Führerhaus trat und fragte:“ Can I help you?“ Dankend nahmen wir das Angebot an. Bevor er uns den Weg zum Hafen zeigen wollte, begleitete uns Fendi zu Fuß auf den lokalen Markt, wo wir unsere Lebensmittel aufstockten. Wir hatten den leisen Verdacht, dass es günstiger war hier auf Java die Lebensmittel aufzustocken, als auf Bali. Akela parkten wir in der Zwischenzeit auf einem belebten Parkplatz.
Wir staunten nicht schlecht, als wir bei unserer Rückkehr den Truck in einer Menschenmenge vor fanden aus der ein Mann hervortrat und sich vorstellte.

Er war Journalist des größten indonesischen Online Magazins namens Detik und bat um ein Interview. Wir fühlten uns natürlich geschmeichelt und sagten zu. Die Tatsache, dass wir völlig verschwitzt waren und tagelang keine Dusche gesehen hatten störte den Schreiberling nicht. Da sein Englisch nicht unbedingt kommunikationstauglich war, bot Fendi an zu übersetzen. So geschah es, dass wir mitten am Stadtplatz, umringt von lautem Verkehr unser zweites Interview gaben. Wer der indonesischen Sprache mächtig ist, kann es hier nachlesen.


Für die Fähre nach Bali war es mittlerweile zu spät geworden. Das Interview hatte länger gedauert als erwartet, wodurch es bereits angefangen hatte zu dämmern. Wir benötigten einen Schlafplatz und zwar schnell. Fendi erzählte von einem netten Platz am Strand wo wir unsere Ruhe hätten und bot uns an, uns dorthin zu bringen. Klang gut. Er fuhr mit dem Scooter voraus und wir hinter her. Allerdings schien er vergessen zu haben, dass ihm ein 10 Tonner mit knapp vier Metern Höhe folgte.
Er lotste uns durch dicht besiedelte Wohngebiete durch die keine Straßen mehr führten sondern Gässchen. Der Weg war kaum breiter als unser Truck. Fluchend rangierte Leander im Schritttempo den Brummi durch die Häuser und musste dabei noch Acht geben die Hausbewohner nicht zu überfahren, die bei unserem Anblick mit offenem Mund wie angewurzelt stehen blieben. Meine Aufgabe war es immer wieder aufs Dach zu klettern und mit einem Stock die tief hängenden Stromleitungen zu heben, damit Leander durchfahren konnte. Eine Aufgabe die ich nur sehr widerwillig erledigte, denn ich hatte Angst.

Mittlerweile war es stockfinster geworden und die Challenge an den Strand zu gelangen schien nicht enden zu wollen. Große Steine auf der Strasse, zu enge Kurven, Verkaufsstände, alles stand uns im Weg. Wir waren fix und fertig mit den Nerven, und weil das alles noch nicht genug war, rissen wir auch noch eine Stromleitung ab. Im Nu waren wir von einer laut durcheinander schimpfenden Menschenmenge umringt. Verständlich, dass sie zornig waren, denn sie saßen im Dunklen.
Fendi erkannte erst zu spät, dass wir für seinen Weg an den Strand zu groß waren. Die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Er beruhigte die aufgebrachten Menschen und versprach, sich schnellstmöglich um den Schaden zu kümmern. Bei uns entschuldigte er sich im Minutentakt, doch wir konnten ihm nicht wirklich böse sein, schließlich hatte er es nur gut gemeint.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den Strand.
Es bedurfte keiner großen Menschenkenntnisse um zu bemerken, dass wir nur noch unsere Ruhe wollten.
Am nächsten Morgen weckten uns hunderte Fliegen die es sich im Truck gemütlich gemacht hatten. Es gibt wirklich kaum etwas unangenehmeres als diese lästigen Insekten, die unermüdlich versuchen sich auf deinem Körper niederzulassen, nur um dich zu ärgern. Der Blick aus dem Fenster versprach auch kein Highlight. Einstimmig verzichteten wir auf das Frühstück und machten uns vom Acker. Noch dazu mussten wir uns sputen, da Besuch auf dem Plan stand.
Wir fanden einen einfacheren Weg zurück und fuhren schnurstracks zum Hafen, von wo es stündlich Fähren nach Bali gab.

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