Skip navigation

Indonesien

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 28.07.2018

Ein Wechselbad der Gefühle!

Lombok

Geschickt manövrierte Leander Akela in den Rumpf der Fähre, stieg aus und drehte eine Runde an Board. Immer noch Fuß gehandicapt blieben Lennox und ich im Truck und hielten die Stellung. Das Schiff schaukelte bereits auf den Wellen gegen den offenen Ozean, als Leander beim Öffnen der Truck Türe mit den Worten “Oh mein Gott“ klatschnass hereinstolperte. Verängstigt schaute ich ihn an und wartete auf eine Ansage.

Nervös von einem Fuß auf den anderen tretend berichtete er kurzatmig, dass er soeben von einer Welle erwischt wurde und er erfragt hatte, dass wir die letzte Fähre waren, die hinausgeschickt wurde. Der Hafen wurde dicht gemacht. Die See war zu stürmisch und gefährlich geworden, um eine sichere Überfahrt zu gewährleisten. Entsetzt und mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an. „Wenn es zu gefährlich war, warum haben sie uns noch rausfahren lassen? Was passiert nun?“ „Keine Ahnung“, fauchte er zurück, „Mach dich selber schlau!“ Haha, sehr witzig! Hatte er vergessen, dass ich nicht laufen konnte?

Um Lennox zu beschäftigen ohne viel Lärm zu produzieren, denn das war gerade sehr ungünstig, erlaubten wir ihm einen Film zu schauen, während ich im Alkoven lag und damit beschäftigt war mein Frühstück im Magen zu behalten. Die Wucht des hohen Wellenganges jagte uns durch Mark und Bein. Das Schiff schaukelte erbarmungslos bedrohlich von links nach rechts. Leander krallte sich am Inventar fest, um nicht herumgeworfen zu werden. Von draußen drangen immer wieder Schreie zu uns herein, Scooter vielen um wie Dominosteine und wir konnten beobachteten, wie das Personal versuchte die Trucks mit zusätzlichen Bolzen am Boden zu verankern.

Ich hatte Angst, und zwar so richtig. Das erste Mal seit wir unterwegs waren, bangte ich um unsere Sicherheit. Wir spielten viele Horrorszenarien in Gedanken durch, als wir uns für die Reise vorbereiteten, doch ein Schiffbruch war nie dabei. Leander stieg zu mir hoch, strich mir beruhigend über das Haar und fragte, ob ich mit Lennox klar käme, er würde nach draußen gehen und die Situation abchecken. Ich nickte, blickte ihm tief in die Augen und ließ ihn gehen. Lennox war in seinen Film vertieft, er bekam nichts mit, und das war gut so.

Panisch wartete ich auf seine Rückkehr, während sich Minuten wie Stunden anfühlten. Als er zurückkam fackelte er nicht lange rum. Er kramte unter Lennox`s Bett Kletterseile, Karabiner und Taucherbrillen hervor, füllte sämtliche verfügbaren Flaschen mit Trinkwasser, legte ein Messer dazu und verstaute alles in einen handlichen Rucksack. Die Seile und Karabiner, damit wir uns aneinander ketten konnten, die Taucherbrillen, um uns vor den Wellen zu schützen, Wasser und Messer sind selbst erklärend. Unser Surfbrett lag griffbereit, just in case, um etwas im Wasser zu haben, woran wir uns klammern konnten. Angsterfüllt verfolgte ich jeden seiner Handgriffe und versuchte mich auf die Worte zu konzentrieren, die er Lennox so oft predigte, „Angst ist nichts schlechtes, sie ist dein Freund, sie warnt dich, lässt dich besser konzentrieren und lenkt den Fokus in einer brenzligen Situation auf das essentiell Wichtige“. Amen!

Der Ozean war aufgebracht und warf das Schiff wie eine Nussschale im peitschenden Wasser unerbittlich in sämtliche Richtungen. Das Gebälk des in die Jahre gekommen Karrens knarzte und krachte an allen Ecken und Enden, immer wieder hörten wir schwere Gegenstände durch den Schiffsrumpf rollen. Es war grausam!

Die innere Unruhe zwang Leander an Deck zu bleiben, um die Lage im Auge zu behalten. Nass wie ein begossener Pudel schaute er gelegentlich bei uns rein, hielt mich am Laufenden. und zeigte mir Videos, die er von den Wellen gemacht hatte. Beim Anblick der Bilder fiel mir die Kinnlade ein Stockwerk tiefer, denn die Wucht des Wassers schwappte weit über den Bug des Schiffes hinaus. Es war eine Zerreißprobe, die sich über mehrere Stunden hinzog. Zwischendurch hatte ich den Glauben daran verloren, doch die alte Jolle schaffte es in den Hafen von Lombok. Wer auch immer daran beteiligt war, dass wir allesamt wieder festen Boden unter den Füßen hatten, vergelts Gott.

Den Schrecken der Überfahrt noch in den Knochen, hielten wir an der nächsten Tankstelle um zu übernachten, da es bereits finster geworden war. Und nach dieser Höllenüberfahrt hatte auch niemand mehr Lust auf Weiterfahren.


Lennox schlief schon, als draußen aus dem Nichts ein undefinierbares, lautes Grollen auftauchte. Etwas zeitverzögert fing der Truck so heftig zu schaukeln an, als ob draußen mehrere Elefanten gegen die Wand drücken würden. Hysterische Schreie hallten durch die Nacht und vom Fenster konnten wir erkennen, dass Menschen panisch aus den Häusern rannten. Die Stadt war dunkel, nicht ein Lichtstrahl war zu erkennen, totaler Stromausfall. Leander schlüpfte in die Schuhe und sprang aus dem Lastwagen. Durch das kleine Fenster aus unserem Bett konnte ich Menschenansammlungen erkennen, die hektisch durcheinander schrien, und nervös in ihre Handys tippten.

Kurze Zeit später kam Leander zurück. Nicht weit entfernt wurde ein Erdbeben der Stärke 7,3 gemessen. Die App warnte auch vor einem Tsunami, was unlogisch war, denn das Beben wurde auf dem Land aufgezeichnet und demzufolge sollten sich die Druckwellen doch hinaus auf das offene Meer bewegen, oder?! Wir waren verwirrt.

Innerhalb weniger Minuten brach Panik in der Bevölkerung aus, der sich niemand verantwortlich oder verpflichtet fühlte. Keine Polizei, keine Lautsprecherdurchsagen, kein Krisenmanagement, nichts!! Die Menschen wurden ihrem Schicksal überlassen ohne jegliche Aufklärung oder Anweisungen seitens staatlicher oder öffentlicher Organisationen. Es war niemand zur Stelle, der die Situation vernünftig erkannte, kommunizierte und dementsprechend agierte. Also folgten die Menschen ihrem natürlichen Instinkt und flohen ins Hinterland.

Ob auf dem Moped, dem Fahrrad, in Autos oder Trucks, alles war auf der Straße ins Landesinnere unterwegs. Alleine sah man niemandem in seinem Fahrzeug, denn eines funktionierte tadellos, die Hilfe untereinander. Ein Truck nach dem anderen zog an uns vorbei, die Ladeflächen voll mit Menschen. Darunter Mütter mit kleinen Babys im Arm, Kinder die weinten, alte Menschen, die nicht wussten wie ihnen geschah, dazwischen Nutztiere und andere Habseligkeiten, die schnell zu greifen waren. Es war ein Bild des Grauens. Die Verzweiflung und Angst stand den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Auch wir waren ratlos und wussten nicht so recht wie oder was. An einen Tsunami glaubten wir nicht, sämtliche Informationen aus dem Internet sprachen dagegen. Allerdings rechneten wir jederzeit mit weiteren Beben. Klar war, dass wir die Tankstelle so schnell wie möglich verlassen mussten, wir parkten relativ ungünstig neben der Hauptgasleitung, und sollte die explodieren, dann Grüß Gott. In diesem Fall brauchten wir uns keine Gedanken mehr über einen Fluchtweg zu machen. Also schlossen wir uns der Masse an und fuhren ins Landesinnere.

Während der Fahrt gab es kein Drängeln oder ungehalten sein, doch die Stimmung war mehr als bedrückend. Wir passierten Menschen, die im Regen vor ihren Häusern auf der Straße schliefen, andere wiederum sammelten sich in Gruppen um ein wärmendes Feuer oder zündeten Kerzen an, um gemeinsam zu beten. Niemand blieb alleine.

Nach etwa einer Stunde Fahrt hielten wir zusammen mit anderen Fahrzeugen an einer Wiese. Sollte die Erde erneut beben, waren wir soweit geschützt, dass rundherum nichts war, was über uns zusammenbrechen hätte können. Wir grenzten uns nicht ab, sprachen mit den Menschen um uns und boten unsere Hilfe an. Dann fielen wir so, wie wir waren ins Bett. In den wenigen Momenten die es bedurfte in den Schlaf zu fallen, spürten wir mehrere Nachbeben, die Gott sei Dank nicht mehr so intensiv waren wie das Erste. Fertig mit der Welt und froh, diesen Tag überlebt zu haben schliefen wir ein und registrierten erst am nächsten Morgen aufgrund eines überquellenden Handydisplay`s, dass während der Nacht die Erde unter uns noch mehrmals kräftig ins Rumpeln gekommen war.

Nicht nur die App spielte verrückt! Es trudelten Nachrichten von Freunden und Verwandten ein, die sich Sorgen um uns machten, da sie von der Erdbebenwelle in Indonesien durch die Medien erfahren hatten. Bis auf einen Schock ging es uns gut. Wie die Lage allerdings im direkten Krisenzentrum aussah, konnten wir in dem Moment noch nicht abschätzen. Klar zu erkennen war, dass sich der Gefahrenherd eindeutig auf den Norden von Lombok konzentrierte. Es gab nicht viel zu überlegen, wir mussten schleunigst in den Süden, was sowieso der Plan war. Dort hatten wir Freunde und auch einen Stellplatz.

Im Ort Kuta angekommen, parkten wir Akela wieder an unserem üblichen Platz und gingen zu Fuß in das Zentrum. Dank eines dicken Stützverbandes konnte ich meinen Fuß halbwegs belasten. Der sonst von sonnenverbrannten, surfwütigen und jungen Touristen wimmelnde Ort wirkte wie ausgestorben. Lautsprecher, aus denen üblicherweise laute Musik trällerte blieben stumm, die sonst überfüllten Restaurants waren mit Tüchern verhangen und Surfschulen hatten ihre Boards hinter verriegelten Türen barrikadiert. Außer den streunenden Hunden war weit und breit niemand zu sehen.

Auf dem Weg zurück zum Truck erblickten wir den Schweizer Restaurantbesitzer, welchen wir bei unserem ersten Stop auf Lombok kennengelernt hatten. Mit hängendem Kopf und angewinkelten Beinen kauerte er auf einem Stuhl in seinem leeren Lokal und starrte Löcher in den Boden. Er erkannte uns sofort wieder und war verwundert, dass wir nicht wie die anderen Touristen die Insel fluchtartig verlassen hatten.

Gegenseitig schilderten wir die letzten Stunden unseres Lebens. Leider ist mir sein Name entfallen. Er erzählte uns, dass sein Haus schwere Schäden vom Erdbeben erlitten hatte. Es war zu riskant weiter dort zu wohnen, deshalb säße er hier in seinem verlassenen Geschäft. Weiter berichtete er, dass die Dorfbewohner über Nacht ihre Läden dicht gemacht hatten und versuchten, zu ihren Verwandten in den Norden zu gelangen, der nach dem schweren Erdbeben dem Erdboden gleich gemacht worden sei. Straßen und Brücken seien verschüttet und eingestürzt, Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser existierten nicht mehr. Von vielen Todesopfern war die Rede, eine grobe Schätzung gab es noch nicht. Nach und nach bekamen wir einen Einblick, welch verheerende Auswirkungen die Erdbeben der letzten Tage mit sich brachten.

Völlig betroffen und beklemmt gingen wir nach Hause. Erneut wurde uns schlagartig bewusst, welch gigantischer Schutzengel in letzter Zeit über uns gewacht haben musste. Das erste große Beben am Mt Rinjani vor gut einer Woche, wo uns quasi unsere Faulheit davor bewahrt hatte hinzufahren, dann die katastrophale Überfahrt von Sumbawa nach Lombok und jetzt das zweite große Beben, dessen Epizentrum nur 20km von uns entfernt war. Wir waren dankbar am Leben zu sein, fühlten uns aber gleichzeitig schlecht, da uns bewusst war, dass viele Menschen da draußen nicht mit soviel Glück gesegnet waren wie wir.

Wir riefen unsere Freunde Olle und Diana vom Surfcamp Lombok an, die sich gerade auf Bali aufhielten. Natürlich waren sie über die Situation informiert. Auch sie mussten ihre Kurse absagen, da ihre Gäste in letzter Minute stornierten, oder Hals über Kopf die Insel verlassen hatten. Jordy, der Surflehrer hielt die Stellung im Camp. Geteiltes Leid war halbes Leid, deshalb machten wir uns mit der Cross auf den Weg, um ihn mit einem Besuch zu überraschen.

Der Ort Gerupuk wirkte genauso gespenstisch wie Kuta, nämlich leergefegt. Schon von weitem sahen wir Jordy auf der Veranda sitzen. Er staunte nicht schlecht, als er uns beim Näherkommen erkannte. Die Ereignisse der letzten Tage waren Gesprächsstoff Nummer eins. Doch so alleine war Jordy gar nicht, wie sich herausstellte. Die Organisation Pelita, die sich der Dorfkinder annahm, nutzte einige Räume des Camps. Im normalen Alltag organisierten sie Ausflüge und beschäftigten die Kids mit sinnvollen Aktivitäten, um sie von der Straße fernzuhalten. Jetzt, in der Krise hatten sie alle Hände damit zu tun Konvois mit Hilfsgütern aufzustellen, um in den Norden zu fahren, sofern dies überhaupt möglich war.

Claire, die Leiterin bestätigte unser vages Wissen. Der Norden war ausgelöscht worden. Keine Straßen, keine Häuser, keine pulsierenden Märkte, kein Kinderlachen aus Schulen oder Kindergärten, keine Hupkonzerte auf belebten Straßen, einfach nichts mehr. Es fehlte an allem, Kleidung, Decken, Nahrungsmittel und vor allem Trinkwasser. Sie konnte nicht einschätzen, wie lange es dauern würde, bis sie in das Katastrophengebiet vordringen konnten. Weiter berichtete sie von Straßensperren und Plünderungen auf dem Weg dorthin. Auf die Frage, wie wir am besten helfen konnten, wusste sie ad hoc keine Antwort. Sie riet uns jedenfalls davon ab auf eigene Faust etwas zu unternehmen.

Wir überlegten hin und her. Mit Akela hatten wir die Möglichkeit viele lebenswichtige Dinge zu transportieren. Doch wie weit würden wir kommen? Es könnte Tage dauern, bis wir vor Ort waren, was zu zweit nicht das Problem war, aber mit Kind? Womöglich könnte uns die Polizei „zu unserer eigenen Sicherheit“ aufhalten, da wir keiner Organisation angehörten. Die Hilfsmittel würden wir abgeben müssen, die dann mit ziemlicher Sicherheit völlig überteuert verhökert wurden. Denn selbst in der Not kennt die Korruption kein Pardon. Auch mit einem 10 Tonner über desolate Straßen und vor allem Brücken wäre es vermutlich kein sinnvolles Vorhaben.

Wohin mit Lennox in der Zeit? Olle und Diana, die bestimmt auf ihn aufgepasst hätten, waren auf Bali. Mitnehmen? Wir wollten helfen, unbedingt, doch es war nicht Sinn der Sache dabei die eigene Familie in Gefahr zu bringen, oder laufende Hilfsaktionen womöglich durch unsere Unwissenheit und Naivität zu blockieren.

Trotz vieler Ratschläge unserer Freunde die Insel so schnell wie möglich zu verlassen, blieben wir. Nicht aus Trotz, sondern aus Anstand. Wir verbreiteten via Facebook und Instagram die Botschaft, dass Lombok jeden Touristen derzeit nötiger hatte als sonst. Das klingt vielleicht paradox, doch der Süden war sicher, und Urlauber waren momentan die einzige Einnahmequelle, die der Insel geblieben waren. Wenn dieses Geld auf Dauer wegbrach, war das Loch noch schwärzer, als es jetzt schon war.

So pendelten wir die nächsten Tage zwischen Kuta und Gerupuk hin und her. Lennox, Leander und Jordy gingen noch mehrmals surfen, doch richtig Stimmung kam keine auf. Zum einen hatte sich das Klima verändert, es war Winter. Natürlich lag kein Schnee, doch die Temperaturen waren gesunken, es zogen raue Winde auf, und das Meer hatte keine Badewannentemperatur mehr. Kann natürlich auch sein, dass wir mittlerweile zu verwöhnten Warmduschern geworden waren, die nichts mehr gewohnt waren. Das kann man jetzt sehen, wie man will! Andererseits widersprach es unserer Moral Spaß zu haben, während wenige Kilometer entfernt Menschen ums blanke Überleben kämpften. Doch rumsitzen und Trübsal blasen half auch niemandem weiter.

Als die Drei eines Nachmittags triefend nass vom Surfen zurückkehrten, schnappte ich Lennox und ging mit ihm duschen. Beim Hineingehen in die kleine Nasszelle fiel mir aus dem Augenwinkel ein kleiner Truck auf, der unmittelbar davor stand. Ich dachte mir wenig dabei und schob den Riegel der Türe zu. Wir zogen uns aus, drehten den Wasserhahn auf und begannen uns einzuseifen. Lennox brach wie üblich beim Duschen in einen Redeschwall aus, als er plötzlich durch einen mega Knall abrupt unterbrochen wurde. Er stürzte zu Boden und begann zu weinen. Ich wollte ihm beim Aufstehen behilflich sein, konnte ihn aber nicht greifen. Das ganze Gebäude wackelte und ich hatte Mühe, mich selber auf den Beinen zu halten. Nach wenigen Sekunden war wieder alles still um uns herum. Mein erster Gedanke:“Himmel noch mal, die Indonesier und Autofahren, jetzt hat der Depp den Rückwärtsgang erwischt und ist mit dem Lastwagen in die Dusche geknallt!“ Doch dann hörte ich Leander`s Stimme, die immer lauter wurde, wie er besorgt rief:“ Ist alles ok bei euch? Es gab ein Erdbeben!“

Das Wort Erdbeben verursachte eine Ganzkörpergänsehaut an mir. Wie von der Tarantel gestochen machten wir uns fertig, schlüpften in die Kleider und rannten so schnell wie möglich aus dem Mauerwerk hinaus. Gemeinsam mit Jordy setzten wir uns unter freiem Himmel auf den Boden, keiner sprach ein Wort. Es folgten noch mehrere kleine Nachbeben. Jedem von uns war bewusst, dass jedes neue Beben die mühsamen und wichtigen Hilfs- und Aufräumarbeiten, die im Gange waren, wieder zunichte machten. Wie Sisyphus, der vergeblich versuchte seinen Stein auf den Gipfel des Berges zu rollen.

Der Inselstaat Indonesien liegt auf dem pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Dort gibt es etwa 130 aktive Vulkane, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Serie von Beben, unter der Lombok zu leiden hatte, ist jedoch auch für indonesische Verhältnisse sehr ungewöhnlich.

Während unserer Zeit auf Lombok wurden über 300 Beben gemessen. Darunter drei, die auf der Richterskala den Wert 7 überschritten. Unzählige Male erlebten wir, wie Menschen vor ihren Häusern campierten, aus Angst davor im Schlaf von herabstürzenden Ziegelsteinen erschlagen oder begraben zu werden. So gut es ging versuchten wir mit Feuerholz, Decken oder Anteil nehmenden Worten zu helfen, was natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war, verglichen mit dem „Ganzen“.

Zusätzlich zur gesamten Nordküste wurden weitere Inselabstriche völlig ausgelöscht, darunter das berühmte Taucherparadies der Gili Islands, eines der Aushängeschilder Indonesiens. Es mag forsch, frech und unüberlegt klingen, wenn ich behaupte, dass das weniger schlimm war. Hier kann man davon ausgehen, dass die Regierung mit kräftigen Finanzspritzen den Wiederaufbau pusht und forciert, denn wo keine Hotels, da keine zahlenden Gäste. Wenn die betuchten Touristen der Gili Islands ausbleiben, fließen auch keine Steuergelder in die Staatskasse.

Viel dramatischer und aussichtsloser bleibt die Situation für die Menschen auf der Hauptinsel. Zu Beginn der Bebenserie rief Indonesien keinen nationalen Notstand aus und lehnte internationale Hilfe ab, um das Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Man wollte nicht riskieren, dass der Touristenstrom und der damit verbundene Geldfluss, durch internationale „Horrormeldungen“ abrupt abriss. Doch die Ausweglosigkeit der Situation konnte nicht ewig beschönigt werden. Viel zu spät gelangte professionelle Hilfe an die richtigen Stellen.

Diese menschliche Katastrophe forderte über 550 Todesopfer, viele von ihnen mussten ihr Leben lassen, da sie zu spät aus den Trümmern geborgen wurden, weil es an Einsatzkräften vor Ort mangelte. Seuchen und Krankheiten brachen aus, da nicht genug sauberes Wasser und Medikamente zur Verfügung gestellt werden konnten. Viele der Betroffenen sind immer noch obdachlos, weil ihnen das Geld fehlt, ihre Häuser wieder zu errichten, oder weil es das Grundstück nicht mehr gibt, da es von Erd- und Schlammmassen verwüstet wurde.

Für uns war die Zeit auf Lombok, wie soll ich sagen, eine der Schlimmsten die wir auf der Reise je erlebt haben. Nicht weil wir Sorgen um unsere persönliche Sicherheit hatten da es in Akela vermutlich der sicherste Platz auf der Insel war, obwohl wir uns mehrmals sprichwörtlich in die Hosen ge........ haben! Vielmehr war es der respektlose und leichtsinnige Umgang der indonesischen Regierung seitens der eigenen Bevölkerung, der uns Kummer bereitete. Es gibt Länder, in denen ein Menschenleben weniger wert ist, als in anderen, und Indonesien gehört definitiv zur ersten Sorte, das haben wir hier gelernt. Es war für uns erschütternd, zermürbend und menschenunwürdig dies mitzuerleben.

Herzerwärmend in Erinnerung bleibt aber die Erkenntnis, dass hier die Hilfsbereitschaft und das Verantwortungsbewusstsein seinem Nächsten gegenüber eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Tugend, die wir in der ersten Welt gerne vergessen!

Unsere Reise in Wort und Bild zu dokumentieren ist eine Menge Arbeit. Und wie ihr schon gesehen habt, ist unsere Website werbungsfrei. Das wollen wir auch so belassen um euch nicht mit sinnloser Werbung zu nerven, allerdings verdienen wir dadurch auch nichts mit unserer Website. Wenn euch unsere Blogbeiträge gefallen und ihr uns unterstützen möchtet, würden wir uns sehr über eine Spende freuen, um auch weiterhin berichten zu können. Vielen Dank!

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben