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Indonesien

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 05.07.2018

Die Alternative, die gar nicht übel klang!

Sumbawa

Die Weichen für unsere weitere Reisezukunft hatten wir, soweit es möglich war, vorbereitet. Wie das aussehen könnte, werde ich berichten, wenn wir selber näheres wussten, bis dahin möchte ich euch nicht mit unseren Spekulationen langweilen, denn davon gab es zu viele. Uns blieb momentan nur Daumen drücken übrig.

Da wir die kommenden Tage noch keine Antworten auf unsere Mails erwarteten, machten wir uns Richtung Osten auf den Weg. Wenn wir schon auf Sumbawa sind, dann schauen wir uns den Rest der Insel auch noch an. Auf Sumbawa gibt es generell nur eine „gute“ Straße, die von West nach Ost führt. Auf der tuckerten wir Kurve um Kurve dahin und kämpften mit sich breit machender Müdigkeit, als uns plötzlich eine willkommene Abwechslung aus unserer Monotonie rüttelte. Ein Wasserbüffelrennen direkt am Straßenrand, wie geil!

Waghalsige junge Männer kämpften in einem Race auf einfachen Holzschlitten, die von zwei Bullen gezogen wurden in einem Schlammfeld um jede hundertstel Sekunde. Angetrieben vom „Jockey“ galoppierten die Tiere schnaubend drauf los und wurden vom kreischenden Publikum noch zusätzlich angefeuert. Nicht selten geriet ein Gespann außer Kontrolle und donnerte ungebremst auf die Menschenmenge zu. Absperrungen oder Sicherheitsmaßnahmen gab es nicht. Jeder war für seine Sicherheit selbst verantwortlich. Das Preisgeld? Das Ansehen der Dorfgemeinde und ein feuchter Handschlag vom Bürgermeister.
Auf den kommerziellen Inseln werden Wasserbüffelrennen meist nur noch für Touristen veranstaltet. Die Einwohner von Sumbawa waren schlauer, anstatt den Boden mühsam mit einem Pflug umzuackern machten sie ein Volksfest daraus und jagten die Büffel durch, um im Anschluss Reis auf den Feldern zu pflanzen. Wir waren die einzigen Weißen Zuschauer und Leander juckte die Einladung der Einheimischen mitzumachen gehörig in den Zehen. Doch der hatte sich ein paar Tage zuvor eine Welle zu genau angesehen und sich den Rücken beim Surfen gestaucht.

Bevor es weiter zum Hafen ging, stoppten wir in Lakey Peak, das im Süden liegt. Ein reiner Surfer Point, und unter uns gesagt, nichts Besonderes. Zumindest für uns. Lange Sandstrände, die von Müll gesäumt waren, mit rauen Wellen die über ein Riff in die Bucht klaffen. Wir fühlten uns verpflichtet etwas Sinnvolles zu tun und begannen wieder einmal den Strand von Plastik, Windeln, Essensresten, einzelnen Schuhen, Zahnbürsten und Dosen zu befreien. Die vollen Säcke stellten wir, unter Beobachtung der skeptisch drein blickenden Einheimischen, vor einen überquellenden Mülleimer. Sie hielten uns für verrückt und lachten uns aus, doch das störte uns nicht.

Über Lakey Peak ging es quer durch die halbe Insel an den Hafen von Desa Bugis, von wo aus die Fähre nach Flores ging. Für 150 km benötigten wir einen ganzen Tag und kamen leider zu spät. Der Ticketschalter hatte bereits geschlossen. Dafür trafen wir zwei deutsche Pärchen die dasselbe Schicksal ereilte. Wir waren alle hungrig und stolperten in ein nahe gelegenes Warung. Für knapp 3 € bedienten wir uns zu dritt vom Buffet, tranken mehrere Wasser und verputzten Muffins als Nachspeise. Wir waren günstige Preise in Indonesien gewohnt, doch diese Rechnung übertrumpfte alles, und das Essen war super lecker.

Immer zwei und zwei spazierten wir in der stockfinsteren Nacht an der Straße zum Lastwagen zurück. Ich ging außen und dachte mir nichts dabei, als ein Mopedfahrer ziemlich straight auf mich zufuhr und unerwartet nach meiner Geldbörse griff, die ich lose in der Hand trug. Instinktiv krallte ich die Finger fester zusammen, wodurch er sie mir nicht entreißen konnte, sie fiel lediglich auf den Boden. Blitzschnell bückte ich mich und hob „mein Leben“ wieder auf.

Nach zwei Jahren war dies die erste Situation in der jemand versuchte uns auszurauben und eigentlich war ich selber Schuld, denn ich hätte nicht so auffällig damit in meiner Hand herum- wedeln müssen.

Wir waren unter den Ersten, als der Ticketschalter am Morgen öffnete und standen immer noch davor, als das Schiff bereits kurz vorm Auslaufen war. Der unerwartet hohe Ticketpreis von knapp 700 € (Return ticket) hielt uns davon ab in den Rumpf des Schiffes zu fahren. Immer wieder versuchten wir den Angestellten davon zu überzeugen, dass er uns in die falsche Kategorie einordnete und wir auf den anderen Fährstrecken viel weniger bezahlt hätten. Doch es war ihm egal. Hopp oder Trop! So schnell konnten wir uns nicht entscheiden, es war eine Menge Geld.

Um eine Nacht darüber zu schlafen und in Ruhe nachdenken zu können fuhren wir einige Kilometer nördlich der Küste entlang und hofften auf einen Stellplatz. Was uns erwartete, war mit Abstand die dreckigste und versiffteste Strecke, die wir je gefahren waren. Kilometerlang türmte sich links und rechts neben der Straße Müll auf. Zum üblichen Plastik gesellten sich tote Tiere, Kühlschränke, Autoreifen und anderes undefinierbares Zeug. Es stank wie die Pest, selbst den Fliegen war es zu viel, denn die flüchteten zu uns in den Truck und nutzten die Mitfahrgelegenheit. Es war mir unverständlich, wie Menschen dort leben konnten. Neben Schafen, Ziegen und Hunden sahen wir auch immer wieder Menschen, die im Abfall nach „Brauchbarem“ wühlten.

Nach dem Dorf hörte der Müll allmählich auf und wir hielten direkt an der Straße. Wir fanden keinen besseren Stellplatz, was uns wenig kümmerte. Eine Entscheidung was wir tun sollten war dann auch relativ schnell getroffen. Wir sparten das Geld für die Fähre und verzichteten auf Flores. Ob wir den Entschluss bereuen würden war schwer abzuschätzen. Fakt war, dass Flores nicht weniger kurvig und hügelig war als die letzten Inseln und ehrlich gesagt hatten wir es satt im Führerhaus herum zu purzeln wie Murmeln, die man auf unebenem Gelände losläßt. Wälder und Wohngebiete reichten laut Karte bis an die Strände heran, was „kommunikative“ Stellplätze versprach und die Straßen, oder besser gesagt die eine Straße, die durch die Insel führte, war schätzomative vergleichbar mit denen, die wir bereits kannten. Spann man das Rad weiter, mussten wir die Strecke auch wieder zurückfahren, an die ca. 1000km, denn für uns war der Zug nach Australien abgefahren, zumindest von Ost Timor aus. Von Flores gab es keine Verbindungen nach Australien, genauso wenig wie von Sumbawa oder Lombok. Was bedeutete, dass wir viele, viele Kilometer wieder zurückfahren mussten, wenn wir nicht in Indonesien versumpfen wollten.

Um nicht stupide exakt dieselbe Strecke wieder zurück fahren zu müssen, die wir gekommen waren, bogen wir an der einzigen großen Kreuzung der Insel ab und hielten uns nördlich. Das Gebiet war uns noch völlig unbekannt. Ob wir in Stimmung waren auf den 2.722 m hohen Vulkan Tambora zu steigen ließen wir erstmal offen im Raum stehen, doch es ging schon mal in die Richtung.

Wir ratterten bei offenem Fenster gedankenlos die Straße entlang und realisierten im Seitenspiegel einen kleinen LKW, der zum Überholen ansetzte. Auf der Ladefläche saßen etwa ein Dutzend Menschen, nichts Ungewöhnliches in Indonesien. Als er mit uns auf gleicher Höhe fuhr, warf ich einen Blick aus dem Fenster und musste gleich zweimal hinsehen. Streckte uns da ein kleiner Junge demonstrativ den Stinkefinger entgegen?

Ein fragender Blick zu Leander bestätigte meine Vermutung. Triumphierend grinsend hielt der Bengel unseren Blicken stand und verschwand mit dem Truck in einer Staubwolke. „Den Rotzlöffel kauf i ma“, zeterte Leander und drückte das Gaspedal durch. Allerdings arbeitete die Steigung der Straße gegen uns und die fehlenden Pferde unter der Motorhaube ließen uns weit zurückfallen. Der Lastwagen verschwand aus unserem Blickfeld. Es war nicht zu übersehen, dass Leander bei jeder Gelegenheit das Maximum aus Akela rausholte, um Meter zu machen.
Er gab nicht auf, ich konnte es an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Ich weiß nicht was ihn mehr wurmte, der Stinkefinger, oder die immer größer werdende Distanz zwischen uns und dem anderen Fahrzeug. Doch siehe da! Eine handvoll Kurven später tauchte der Truck am Straßenrand auf. Man trifft sich immer zweimal im Leben, dass sich diese Weisheit in so kurzer Zeit bestätigte, nennt man wohl Schicksal.

Der Knabe wog sich in Sicherheit und rechnete natürlich nicht damit, dass Leander hielt und streckte uns abermals seinen Mittelfinger entgegen. „Du törichter Junge“, schoss mir durch den Kopf und war gespannt, was geschehen würde. Leander sprang mit einem Satz aus dem Führerhaus, sprintete mit Karacho um den kleinen Truck und blieb eine Nasenbreite vor dem Knaben stehen. Sein schelmischer Grinser schlug in einen Angst verzerrten Blick um.
So schnell es seine überflüssigen Kilos am Körper zuließen versuchte er zu seines Gleichen auf die Ladefläche zu klettern. Leander blitzschnell hinterher.

Er packte ihn natürlich nicht am Krawadel, gab ihm aber auf Deutsch, Englisch und Indonesisch, soweit er es beherrschte deutlich zu verstehen, dass er ein frecher, feiger, kleiner Lümmel war der eine saftige Ohrfeige verdient hätte!! Um es noch dramatischer wirken zu lassen, holte er mit seiner rechten aus und ließ sie knallend in die linke klatschen.
Dem Jungen kullerten Tränen übers Gesicht und er kniff verdächtig seine Beine zusammen. Er hatte seine Lektion gelernt, dass konnte man erkennen. Leander, mit bösem Blick obwohl der sich das Lachen fast nicht verkneifen konnte, sprang von der Ladefläche, verabschiedete sich höflich von den anderen Mitfahrenden, denen er zwischendurch als Entwarnung zugezwinkert hatte, stieg in Akela ein und setzte seinen Weg fort.
Bei sinnlosen Blödheiten kannte er kein Pardon, egal ob klein oder groß. Genugtuend schmunzelnd setzten wir unsere Fahrt fort.

Wir saßen ewig stumm im Führerhaus und betrachteten die Landschaft, als uns beiden beinahe gleichzeitig derselbe Gedanke über die Lippen rutschte. „Hier schaut es aus wie in der Mongolei!“ Ganz abrupt hatte sich die Umgebung verändert und war von gestrüppartigen Wäldern in eine leere, sanft hügelige Landschaft über gegangen. Es war nur ein kleiner Streifen, denn wenige Kilometer weiter empfing uns die bekannte Vegetation wieder. Wir stoppten, wendeten und fuhren ins Gelände hinein.
Es wurde uns richtig warm ums Herz, sollten wir hier die so nötige Ruhe und Abgeschiedenheit finden, der wir seit Monaten hinterherjagten? Es gab nichts, keine Häuser, keine Menschen, kein Müll, lediglich ein paar Kühe betrachteten uns wiederkäuend und mit gelangweilten Blick. Wir stiegen aus, ließen Akela stehen und erkundeten die letzten Meter zu Fuß eine Böschung hinunter, hinter der sich das Meer versteckte. Ein winzig, kleiner und sauberer Strand tat sich auf. Es war herrlich, beinahe unwirklich. Zum Glück hatten wir im letzten Ort noch die Wassertanks und Lebensmittel aufgefüllt. Freiheit wir kommen!

Die nächsten Tage taten wir genau das, worauf wir Lust hatten und nichts anderes. Die Badeklamotten blieben im Schrank. Wir liebten es, nackt in den Ozean zu springen, planschten und quietschten wie kleine Kinder und ließen uns anschließend in der warmen Sonne lufttrocknen. Zu Abend gegessen haben wir unter freiem Himmel, an dem die Sterne zu späterer Stunde um die Wette strahlten, während wir uns am knisternden Lagerfeuer wärmten. Dieses unbeschwerte und grenzenlose Gefühl hatte uns so gefehlt und war in Indonesien kaum zu finden. Besser gesagt hatten wir das dass letzte Mal in Sibirien! Normalerweise konnten wir nicht unser Campingzeug einfach raus stellen und friedlich essen. In null Komma nichts wären wir von zig Menschen umringt gewesen, die es interessant fanden, wie wir die Gabel zum Mund führten.

Am frühen Morgen kletterten wir auf einen nahegelegenen Hügel und betrachteten die Sonne, wie sie sich Zentimeter um Zentimeter langsam über den Horizont schob, während wir uns frisch zubereitete Palatschinken auf der Zunge zergehen ließen. Studiert wurde natürlich auch, allerdings nicht stupide über ein Heft gebeugt, nein! Gibt es einen besseren Lehrmeister als die Natur, eingebaut in eine aufregende Schnitzeljagd?
Leander war beim Ausarbeiten solcher Aufgaben immer Feuer und Flamme. Nur zu gerne hätte er sich gewünscht, dass auch mit ihm jemand eine Schnitzeljagd gemacht hätte, wie er noch klein war, und er machte es Lennox wahrlich nicht einfach. Ausgerüstet mit Hinweisen, Kompass und Schatzkarte machte er sich auf den Weg und versuchte den heiß begehrten Schatz zu bergen.

Wir genossen die letzten Tage ungemein, waren aber realistisch genug um zu wissen, dass wir die weiteren Reisepläne konkretisieren mussten, mittlerweile sollten einige Antworten eingetrudelt sein. Da war Internet von Vorteil. Das gab es, wie wir bereits wussten in Kencana Beach, mit einer generell guten Infrastruktur rund herum.

Wir waren nicht abergläubisch, dennoch hatten wir ein ungutes Gefühl an den Ort zurückzukehren, wo uns die negativen Ereignisse erschlagen hatten. Zumindest freuten sich die Jungs der Strand Security uns wiederzusehen, als wir unerwartet auf dem Parkplatz standen. Bereits von weitem winkten sie und lächelten uns zu. Während bei unserem ersten Besuch das Parken frei war, kam diesmal die Rezeptionistin des nahe gelegenen Resorts auf uns zu und wollte 50.000 IRD, umgerechnet 3 € pro Nacht haben. Als Begründung gab sie an, dass in den nächsten Stunden eine deutsche Gruppe mit 15 Fahrzeugen aufschlagen würde, die auch bezahlen müsse. Uns blieb die Spucke im Hals stecken als wir das hörten.
Wie viele geführte, deutsche Campinggruppen würden wohl zeitgleich mit uns in Indonesien unterwegs sein? Wir mussten nur eins und eins zusammen zählen, um zu checken, dass es sich genau um die Gruppe handelte, die uns kurz zuvor eine Absage für Australien verpasst hatte, und das auf ziemlich uncharmante Art und Weise, um es höflich auszudrücken. OMG, das konnte heiter werden. Leander war schon auf 180, bevor die Gruppe überhaupt hier war.

Lennox und ich gingen schwimmen. Wir waren noch nicht lange im Wasser, als die ersten deutsch sprechenden Touristen auftauchten. Der Konvoi war eingetroffen, Zweifels ohne. Der Kleine und ich spazierten zurück und erblickten Akela umringt von Fahrzeugen. Schlagartig fühlte ich mich auf einen Campingplatz an der oberen Adria versetzt. Wäscheleinen waren gespannt, Campingstühle und Tische standen aufgebaut und rings herum wurden Lebensmitteldosen zum anschließenden Verzerr auf Gaskochern heiß gemacht. Ruhe ade!

Natürlich kam es zu einer Konfrontation mit dem Gruppenleiter, der für unseren Rauswurf verantwortlich war. Es wurde argumentiert, diskutiert und „lauter gesprochen“, doch wozu? Die Entscheidung stand fest, die Argumente, die dazu führten waren fadenscheinig und das Erscheinungsbild des Veranstalters wurde unsympathischer, je länger wir darüber nachdachten. Wer weiß wofür die Entscheidung gut war.

Bei uns hatte sich mittlerweile einiges getan und das Glas war nicht mehr halbleer, sondern halbvoll. Diese Betrachtungsweise machte einen großen Unterschied und konnte Berge versetzen.

Wir hatten eine Agentur gefunden, die bereit war unser Biest nach Australien zu verschiffen. Anstatt nach Dilli mussten wir zurück nach Jakarta, aber damit hatten wir bereits gerechnet, und ankommen würde das Schiff nicht in Darwin, dem Norden von Australien, sondern in Melbourne, also dem entgegengesetzten Ende auf dem roten Kontinent. Check, das war zu handeln. Wir mussten die komplette Route umplanen und den Jahreszeiten anpassen. Als wir uns intensiv damit beschäftigten waren wir sogar der Meinung, dass für unsere persönliche Routenplanung Melbourne viel geeigneter war als Darwin.

Die Zeit war keine permanente Konstante mehr in unseren Köpfen. Seit langem hatten wir mehr als genug davon. Mitte September wollten wir zurück auf Bali sein. Dort konnten wir Akela für einen Monat sorgenfrei bei der Villa Latitude unterstellen, während wir nach Österreich zurückflogen.

Bali war zudem eine gute Base um nach unserer Rückkehr den Truck nach australischem Standard zu putzen, dachten wir jedenfalls. Wir hatten mittlerweile gute Kontakte dort, kannten uns aus und wussten die Infrastruktur zu schätzen.

Unsere Rückflüge auf Bali planten wir für Anfang Oktober. Akela`s Putzaktion und Reparatur sollte nicht länger als 4 Wochen in Anspruch nehmen. Danach kalkulierten wir eine Woche ein, um nach Jakarta zu fahren und die Hafenformalitäten zu erledigen. Wenn der Plan aufging, dann konnten wir den Dicken Mitte November auf den Frachter bringen, der dann nochmal 4 Wochen auf hoher See war und um den 15. Dezember in Melbourne eintreffen sollte. Mit etwas Glück konnten wir alle vier Weihnachten in Down Under feiern.

Selbst für das anfänglich unlösbare Asbest Problem fanden wir eine Lösung. Über sieben Ecken machte Leander einen australischen Asbestgutachter ausfindig, der mit der Behörde zusammen arbeitete. Beinahe unentgeltlich, für Flug und Unterkunft mussten wir natürlich aufkommen, erklärte er sich bereit nach Bali zu fliegen und Akela auf mögliches Asbest zu checken. Anhand der Ergebnisse konnten wir dann zu Hause die nötigen Teile besorgen, die ausgetauscht gehörten, um asbestfrei einreisen zu können. Schwachstelle an diesem Plan war noch einen geeigneten Mechaniker zu finden, der die Reparaturen oder Austauscharbeiten vornehmen konnte. Indonesien war das erste Land bis dato, in dem wir keine vernünftigen Mechaniker finden konnten. Warum auch immer? Doch daran verzweifelten wir jetzt nicht, wir hatten Zeit, um uns umzusehen und wer weiß was sich noch ergab. Auch das hatten wir auf unserer Reise gelernt. Nichts übers Knie brechen, gut Ding braucht Weile. Put it to the universe!

Wir konnten halbwegs entspannt durchatmen und waren wieder auf Kurs. Endlich!
Für einen nicht Reisenden ist es kaum vorstellbar, dass uns die letzten Wochen an den Rand mehrerer Herzinfarkte, Burnouts und Ehekrisen geführt hatten, zusätzlich zu den vergangenen Monaten die wir sowieso mit Planen und Bürokratie verbracht hatten, um überhaupt hierher zu gelangen. Ganz abgesehen von der finanziellen Belastung bedingt durch Verschiffungen, von denen wir ab Vladiwostok vier Stück hatten, Islandhopping in Indonesien nicht mit gerechnet. Und, die richtig Fette, von Jakarta nach Melbourne stand erst an. All das Geld haben wir weder gespart noch einem Gönner zu verdanken. Jeder Cent wurde während der Reise hart verdient und schwer erarbeitet. Alles in allem Rede ich bei den Verschiffungen von einem fünf stelligen Betrag, wo keine Eins zu Anfang steht.

Doch genug gejammert. Solche Abschnitte sind „Part of the game“, erzählen wir zumindest jedem immer und werden uns bestimmt noch häufiger Steine zwischen die Räder werfen.
Die restliche Zeit, die wir auf Sumbawa eingeplant hatten, wollten wir im Westen der Insel verbringen, dort wo wir uns zu Hause fühlten.

Nach einer Nacht in Thomas`Alam Dita packten wir zusammen und fuhren noch südlicher an den Strand von Sekonkan. Eine kleine felsumrandete Bucht mit Sand so fein wie Puderzucker, Smaragd grünem Wasser und keiner Menschenseele. Unser Ausblick von der „Terrasse“ hatte es nicht nötig sich mit kitschigen Postkartenmotiven zu konkurrieren.

Doch Neptun schien Sorgenfalten auf der Stirn zu runzeln und machte sich augenscheinlich Luft, indem er sieben bis acht Meter hohe Wellen mit betörendem Donnergrollen an den Strand preschen ließ. In ihrem Auslauf bäumte sich hohe Gischt auf, die wiederum wahre Schätze aus der Tiefsee an das Ufer spuckte. Viele von ihnen wurden durch die Wucht des Wassers zerdeppert, andere blieben heil und warteten nur darauf von uns gefunden zu werden. Sekonkan Beach war uns keine große Hilfe dabei, unsere Muschel Sammelleidenschaft in den Griff zu bekommen. Doch mal ehrlich, einer Nautilus kann niemand widerstehen!

Nicht nur das Wasser war unruhig. Ein genereller Wetterumschwung zeichnete sich ab, der sich durch starke Winde und sinkende Temperaturen ausdrückte. Abends zogen wir uns gerne mal Jacke und Mütze an oder warfen uns eine Decke über. Der Winter stand vor der Türe, es klingt lustig, wenn ich das über Indonesien schreibe, nicht? Doch auch hier gibt es Jahreszeiten.

Das Wochenende stand vor der Tür und eigentlich wollten wir uns auf den Weg in den Norden nach Lombok machen. Aber die Faulheit siegte und wir blieben doch noch.

Daran, dass es ein Sonntag war, konnte ich mich erst im Nachhinein wieder erinnern. Allerdings werde ich den Grund, warum ich mich so genau an den Wochentag erinnern konnte, ein Leben lang nicht vergessen.

Leander schreckte frühmorgens hoch und fuhr Lennox geistesabwesend an, ob es wirklich nötig war uns durch sein Herumgetobe so zeitig zu wecken. Lennox antwortete genervt, dass er selbst noch schlafe, drehte sich wieder um, steckte den Daumen in den Mund und grunzte weiter.

Leander drehte sich zu mir, fasste sich an den Kopf und fragte: „Hob i ma des jetzt nur eingebildet, oda hot do grod da gonze Lostwogen gwoggelt?“ Nein, ich hatte es auch gespürt. Wir kamen nicht dahinter was es war, schenkten dem ganzen keine große Bedeutung mehr und machten es Lennox gleich.

Direkt am Strand gab es kein Internet Signal, deshalb fuhr Leander gelegentlich mit dem Moped auf die Hauptstraße und rief unsere Nachrichten ab. Von seiner letzten Fahrt kam er ganz aufgeregt zurück und klärte mich auf, dass Akela`s morgendliches Wackeln von einem Erdbeben auf der Nachbarinsel Lombok herkam. Woher er das wisse, fragte ich neugierig!? Dann zeigte er mir nach und nach Artikel, Meldungen und WhatsApp Nachrichten.

Indonesien ist ein einziger Feuerball der aus unterirdischen und oberirdischen Vulkanen besteht. Verschiedene Erdplatten treffen dort aufeinander und befinden sich in ständiger Bewegung. Die Geologen unter uns sind bestimmt up to date, die anderen können gerne einen Blick auf Google riskieren, um sich zu informieren. Tatsache war, dass um das Gebiet des Vulkans Mount Rinjani auf Lombok ein Erdbeben der Stärke 7,1 gemessen wurde.

Leander starrte mich fragend an und sagte:“Checkst dus?“ Genervt blickte ich ihn an und konterte, ob er glaube, dass ich doof sei. Natürlich wusste ich was ein Erdbeben war. Er glotzte mich weiterhin an! Es dauerte einige Sekunden, bis mich die Erleuchtung überkam. Halleluja, da war noch etwas. Wir hatten vor knapp einer Woche überlegt nach Lombok zurück zu schiffen und wollten an dem besagten Sonntag Mount Rinjani besteigen, um dem Strandleben etwas Abwechslung zu geben. Waren aber dann doch zu faul. Keiner wollte Lastwagenfahren, die Fähre war mühsam und hatte wetterbedingt nur wenige Zeitfenster und Wandern, ja das war auch so eine Sache, die momentan niemanden aus den Stühlen fegte. Also sind wir geblieben, zu unserem Glück. Wären wir wie geplant gefahren, säßen wir jetzt gemeinsam mit über 300 Touristen eingesperrt in der Region rund um den Vulkan, oder Schlimmeres. Wir wussten nichts Genaues, bekamen aber soviel mit, dass der Norden der Insel schwere Verwüstungen hinnehmen musste, und zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren.

Auch unser Freund Jim machte sich Sorgen und vergewisserte sich mit einer Textnachricht, ob wir das Beben mitbekommen hätten und wir ok waren.

Wir zögerten es lange genug raus, aber irgendwann mussten auch wir wieder zurück nach Lombok. Die kommenden Tage beobachteten wir das Meer, die Wellen Forecast- und die Erdbebenapp, die wir uns heruntergeladen hatten, und das Wetter generell ganz genau. Es gab nicht viele Optionen. Sämtliche Prognosen gaben ein wackeliges, dunkelgrünes Licht für kommenden Sonntag. Wir beschlossen es zu riskieren.

Nett war, dass uns Jim am Samstag zuvor noch besuchen kam, um sich ein letztes Mal zu verabschieden. Er schnappte sich Lewis, wie er unseren Sohn nannte, nach dem gleichnamigen Boxer Lennox Lewis, und ging mit ihm an den Strand. Als Leander und ich von einem Spaziergang zurückkehrten, sahen wir sie auf einem Felsen sitzend in ein Gespräch vertieft. Die Augen der Sonne entgegen gerichtet, die sich feuerrot zu verabschieden begann und den Himmel in ein orange farbiges Lichtermeer verzauberte.

Wir gesellten uns zu ihnen. Während Leander bereits hoch geklettert war, hing ich noch in der Wand. Ich langte nach einem sicheren Griff und stieg hoch, als sich plötzlich das Felsstück, dass ich umklammert hielt, löste. Eine Alternative konnte ich nicht schnell genug krallen. „Ich stürze“, schoss es mir noch durch den Kopf. Bum, bum, krach, bum – autsch! Benommen landete ich auf dem Boden. Im ersten Moment konnte ich außer brennenden Schürfwunden an Armen und Beinen nichts Gröberes entdecken. Ich gab Entwarnung und sprang im Affekt auf. Meine Knie zitterten wie wild, aber sonst alles gut.

Jim verabschiedete sich nach dem Abendessen und wir packten alles für die morgige Abfahrt zusammen, ehe wir ins Bett wollten. Dabei spürte ich es immer deutlicher. Ich konnte kaum auf meinen rechten Fuß aufsteigen. Schmerzverzerrt humpelte ich durch den Truck und ließ letztendlich alles liegen und stehen. Unter Tränen verkroch ich mich ins Bett und hoffte, dass Beine hochlagern Linderung verschaffen würde, fehl gedacht. Leander war fix und fertig und machte sich Sorgen. Weinen vor Schmerz kannte er nicht von mir! Selbst bei den Geburten meiner beiden Söhne gab ich kaum Laute von mir. Nach zwei heftigen Chemiebomben rotzte ich immer noch und krümmte mich auf der Matratze. Irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein, Leander auch. Er tat mir wirklich leid, denn ich hatte ihm die halbe Nacht die Ohren voll gejammert. An ein Auftreten am nächsten Morgen war nicht zu denken. Der Schmerz hatte zwar nachgelassen, doch das Gelenk war immer noch höllisch beleidigt und mittlerweile dementsprechend geschwollen.

Wir entschieden trotzdem zum Hafen zu fahren und die Fähre nach Lombok zu nehmen, mit dem Wissen, dass ich Leander die nächsten Tage keine Hilfe sein würde. Aber es war das letzte halbwegs vernünftige Wetterfenster für die nächste Zeit. Im Führerhaus sitzen war eine einzige Tortur. Die Unebenheiten und Schlaglöcher der Straße übertrugen sich eins zu eins auf mein Bein. Es war zum Schreien. Wir machten einen Schichtwechsel. Während ich mich ins Bett kauerte, kletterte Lennox zu seinem Papa nach vorne und leistete ihm Gesellschaft. Lautes Gelächter und schallende Musik drang zu mir nach hinten. Ich war froh darüber, denn ich mochte es nicht, wenn Leander alleine hinterm Steuer saß. Nach und nach fiel ich durch das Gerumpel in einen Schlaf und wachte erst kurz vorm Hafen wieder auf.

Es warteten nur wenige Fahrzeuge auf eine Fähre nach Lombok, was unüblich war, denn ansonsten, waren die Schiffe knalle voll. Leander erkundigte sich beim Personal und bei den Passagieren die gerade mit dem letzten Schiff aus Lombok ankamen, wie der Wellengang war. Die Angestellten der Reederei versuchten ihn zu beruhigen, während die Touristen die gerade von der anderen Seite kamen, eher anderer Meinung waren.

Er kam zu mir in den Truck, wo wir gemeinsam berieten, was vernünftig war. Auf besseres Wetter brauchten wir nicht zu hoffen, die nächsten Tage sollten noch ungünstiger sein. Andererseits würden die Verantwortlichen doch nicht so dämlich sein und ein Schiff raus aufs offene Meer schicken, wenn es zu gefährlich war. Oder etwa doch? Wir waren in Indonesien, machte sich da überhaupt jemand Gedanken darüber?

Wir kauften ein Ticket, es war entschieden! Noch ein Stoßgebet Richtung Universum und schon ratterten wir die Rampe hoch und fuhren in den Rumpf des Schiffes. Die letzte Überfahrt nach Lombok, nicht nur für uns.

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