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Indonesien

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 31.05.2018

Bali – das Ibiza Südostasiens!

Bali, April-Mai 2018

Die Überfahrt von Java nach Bali dauerte knapp eine Stunde. Wir fuhren von der Schiffsrampe, verließen den Hafen von Gilimanuk und das Erste was uns auffiel, waren gut ausgebaute Straßen. Ganz anders als in Kalimantan und Java, säumten hier viele kleine Tempel und Statuen das Bild neben der Straße. Dazu muss man wissen, dass Bali eine Ausnahme im muslimischen Inselstaat bildet. Rund 80 % der Bevölkerung gehören dem hinduistischen Glauben an. Ein Seufzer der Erleichterung durchfuhr uns. Sollte es möglich sein endlich wieder erholsam durchzuschlafen, ohne nächtliche Gebetsattacken aus Lautsprechern?

Bali erlebte in den letzten Jahren einen regelrechten Beliebtheitsboom. Vermutlich locken die saftig grünen Reisfelder, die einzigartige Kultur der Balinesen, die perfekten Wellen, die inspirierenden Yogaoasen, die traumhaften Strände, die bunten Fische beim Schnorcheln und Tauchen, die pink-roten Sonnenuntergänge und das himmlische Essen immer noch mehr Reisende auf die kleine Insel. Wer möchte da nicht ein Stück vom Paradies abbekommen und sich treiben lassen?

Nach der Überfahrt hielt es uns nicht mehr lange hinter dem Steuer. Wir rollten wenige Kilometer entlang der Nordküste und stoppten kurz vor Einbruch der Dunkelheit an einem Parkplatz neben der Straße, wo wir unser Nachtlager aufschlugen.

Postkartenstrände macht euch bereit, wir kommen! Im nahegelegenen Ort Permuteran zeigte das Navi einen langen Sandstrand, dort wollten wir es versuchen. Leider wechselten die Straßengegebenheiten schnell wieder in den uns bekannten Katastrophenzustand. Eng und kurvig mit viel Verkehr, vor allem Scooter. Außerdem war jeder Quadratmeter verbaut. Nach mehreren Anläufen fanden wir eine Zufahrt zum Meer, die für unseren Truck breit genug war. Sie endete an einer großen freien Fläche mit zwei, drei Palmen die Schatten spendeten.

Obwohl Mülltonnen aufgestellt waren, lag der Unrat kreuz und quer verstreut herum. Auch das Meer wirkte trüb und anstatt bunter Fische tummelte sich Plastikmüll darin. Es war nicht perfekt, aber dafür gab es einen Wasseranschluss, was nie verkehrt war. Momentan passte es für uns. Während Lennox das halbe Grundstück mit dem Wasserschlauch unter Wasser setzte, machten sich Leander und ich über die ersten Reinigungsarbeiten, die für die Einreise nach Australien anstanden.

Sobald es dunkel wurde, zwangen uns Moskitos in den Truck. Leider verbringt man Abends viel weniger Zeit als vermutet vor einem gemütlichen Lagerfeuer. Mücken, Sandflöhe oder sonstiges Ungeziefer tauchen oft ungebeten auf und crashen so manch Idylle. Lennox schlief bereits und Leander und ich gingen unserer Arbeit nach, als draußen plötzlich laute Stimmen zu hören waren. Wir verhielten uns ruhig und warteten ab. Poch, poch, poch! Jemand klopfte an die Türe. Leander steckte den Kopf zum Fenster raus und starrte in mehrere Gesichter, die alle gleichzeitig zu reden begannen.

Die Einheimischen wollten wissen, ob wir um Parkerlaubnis gefragt hatten. Natürlich! Das machten wir immer. Doch „irgendjemanden“ zu fragen reichte nicht. Auf Bali gibt es ein Gesetz, dass man den Bürgermeister persönlich um Erlaubnis fragen muss. Eine komplizierte Sache.

Bali ist in Banjars aufgeteilt, das sind kleinste formelle Einheiten, die von einem gewählten Oberhaupt geleitet werden. Die Gruppe unterhält vor allem ein Bale Banjar, einen Versammlungsort, an dem Gemeinschaftstreffen und verschiedenste Aktivitäten stattfinden. Wächst ein Banjar auf über 500 Menschen an, wird ein Neues gegründet.

Wir hatten uns also erlaubt auf einem Bale Banjar zu parken. Der Bürgermeister hatte durch seine Schäfchen Wind davon bekommen und war wenig darüber erfreut, dass wir ihn hintergangen hatten. Unabsichtlich natürlich, woher sollten wir das wissen. Die Dorfbewohner drängten auf die Erlaubnis ihres Häuptlings, und zwar sofort. Mit dem Argument, dass Lennox bereits schlief versuchten wir sie auf morgen zu vertrösten. Vergeblich, sie ließen nicht locker! „This is indonesian law“. Wie konnten wir das vergessen? Durch das laute Wortgefecht wachte der Kleine auf und begann plötzlich fürchterlich zu weinen, er hatte Angst. Ich wurde wütend, das ging jetzt wirklich zu weit. Wir stritten mit einer handvoll Menschen darüber, ob wir auf einem verdreckten Platz übernachten durften, wo wir im Grunde niemanden störten und zuvor schon „locals“ gefragt hatten. Nach kurzer Beratschlagung mit Leander bat ich den Rädelsführer der Gruppe mich zum Dorfchef zu bringen, der das aber verweigerte und meinte wir sollen doch den Truck nehmen. Wer Bali kennt weiß, dass es hier unmöglich ist mit einem Truck durch die engen Gassen zu fahren. Wie auch immer, ein junger Mann bot mir den Sozius seines Scooter`s an und fuhr mit mir los. Leander war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, doch einer musste bei Lennox bleiben. Nach wenigen Minuten hielt er an einem prachtvollen Haus. Er führte mich hinein und wies mich an, auf einem Sofa Platz zu nehmen. Während ich wartete, schweiften meine Augen durch den Raum. Der Banjar schien nicht arm zu sein. Viele Gemälde und Kunstgegenstände zierten das Haus. Als er den Raum betrat, erhob ich mich und reichte ihm die Hand zum Gruß, die er respektlos ignorierte. Durch meinen Fahrer fragte er nach, warum ich, „die Frau“, gekommen sei und nicht „der Mann“. Daher wehte der Wind. Schon mal was von Gleichberechtigung gehört? Tja, und wenn „der Mann“ gekommen wäre, würde ein noch anderer hier wehen. Er setzte sich mir gegenüber und begann mit meinem Begleiter ein Gespräch, auf indonesisch versteht sich. Nachdem ich weiterhin ignoriert wurde, unterbrach ich den Redeschwall der Beiden und fragte, was nun los sei. Der Mann, der mich brachte, gab mir zu verstehen, dass ich mich noch gedulden musste. Es handle sich hier schließlich um ein schweres Vergehen, dass wir begangen hatten, und der Bürgermeister war noch nicht schlüssig, wie er mit uns vorgehen sollte. Schweres Vergehen!?!

Aus den Wortfetzen konnte ich mehrmals das Wort „Donation“ heraushören. Ich musste stillschweigend zuhören, wie über uns entschieden wurde. Nach mehreren Minuten erhob sich der Bürgermeister, der in einen blütenweißen traditionellen Sarong gekleidet war und verschwand hinter einer Türe. Gut, dass ich mitten in der Nacht hergekommen war und danke für das vernünftige Gespräch. Endlich klärte mich mein Begleiter auf. Wir durften bleiben, allerdings nur, wenn wir uns bei den Dorfbewohnern für unser Fehlverhalten entschuldigten und, um aus unserem Fehler zu lernen, mussten wir einen Geldbetrag locker machen. Wie viel, das würde er uns noch mitteilen.

Mit einem Lächeln stieg ich auf das Motorrad und ließ mich zum Truck zurückbringen. Leander wartete bereits nervös auf mich. Während ich erzählte, fing ich an den Truck fahrtauglich zu machen. Es war klar, dass wir hier keine Sekunde länger bleiben würden. Je mehr ich von der Begegnung berichtete, desto wütender wurde Leander. Sich entschuldigen, wofür? Wir hatten nichts verbrochen außer, dass wir uns erlaubt hatten an einem verdreckten Platz zu campen. Und eine Donation, auf gut deutsch Schmiergeld, würden wir sowieso nicht bezahlen. Der Banjar trug schon genug Gold und Schmuck an seinem Körper, mehr wäre nur noch kitschig gewesen. Doch das Lächerlichste von allem war, dass es zu unserer eigenen Sicherheit wäre! Leander konnte sich ein schallendes Lachen nicht verkneifen. Seit knapp zwei Jahren waren wir auf uns alleine gestellt und kamen damit sehr gut zurecht. Wir brauchten keine indonesische Security um uns sicher zu fühlen.

Lennox hatte sich während meiner Abwesenheit wieder beruhigt und im Lastwagen war alles verstaut. Nichts wie weg hier, nur wohin? Es war stockfinster draußen. Auf die Schnelle fiel uns nur der Parkplatz der vorangegangenen Nacht ein. Es lag auf der Hand, dass dieses absurde Gesetz, welches bisher nur auf Bali existierte, noch das ein oder andere Problem mit sich bringen würde.

Neben der Straße wollten wir natürlich nicht bleiben, also versuchten wir unser Glück Tags darauf in dem Ort Lovina.

Lovina war genauso verbaut, wie alles auf Bali. Durch enge Touristengassen erkämpften wir uns den Weg zu einem öffentlichen Parkplatz am Strand. Kaum ausgestiegen waren wir auch schon der Mittelpunkt. Es waren weniger die Fragen, die wir immer wieder gestellt bekamen, sondern mehr das Begrapschen des Trucks, das lästig war. Besonders Mutige sprangen sogar auf Akela`s Einstiegstrittbrett. Allerdings nur ein einziges Mal, da verstand Leander keinen Spaß.

Wir verkrümelten uns in das letzte Eck des Parkplatzes und hofften, dass das Interesse an uns möglichst schnell abklingen würde. Um eine Parkerlaubnis kamen wir diesmal drum rum. Die Einheimischen erklärten uns, dass es sich um ein frei nutzbares Gelände handle. Ihr Wort in Gottes Ohr. Lennox und ich streiften die Badeklamotten über und spazierten zum Strand. Leander traute dem Frieden noch nicht und blieb sicherheitshalber beim Lastwagen.

Meine Vorstellung von schön sieht anders aus und wenn mir zu Hause mein Reisebüro des Vertrauens hier unbeschwerte Urlaubstage verspricht, dann möchte ich mein Geld zurück. Durch die Nordküste zieht sich ein langer, schmaler, schwarzer Sandstrand. Das Meer spült laufend Unrat an, der sich an Land mit weiterem Müll vermischt. Der schwarze Untergrund bewirkt, dass man im Wasser die eigene Hand nicht vor Augen sieht und mit den Füßen kann man nur erahnen worauf man gerade tritt. Allerdings war das Wasser sanft und ruhig und man konnte die Menge an Salzwasser, die man beim Schwimmen verschluckte gut steuern. Hinter der Beachzeile reihten sich Souvenirläden, Restaurants und Cafes mit lauter Musik eng aneinander.

Wir waren noch in der Vorsaison unterwegs, weshalb die Händler aufdringlich um jeden Touristen keilten. „Looki, Looki – cheap, cheap“, wir konnten es nicht mehr hören. Durch unser Verhalten beeinflusst wusste sich selbst Lennox zu schützen und konterte mit schlagfertigen Argumenten. Ob das richtig war oder nicht ist eine andere Sache.

Ein großer Unterschied zwischen Touristen und Reisenden ist der, dass man Menschen kennenlernt, auf die man während eines Pauschalurlaubs nicht gestoßen wäre. Wie zum Beispiel der Australier Danny, ein Paradoxon für sich. Seit mehreren Jahren lebte er in Lovina, nicht weil er sich dort so wohlfühlte oder es so schön fand. Im Gegenteil, er hasste es. Sein einziger Beweggrund galt den Kindern, vorwiegend junge Mädchen, die niemand haben wollte und um die sich niemand kümmerte. Er sorgte dafür, dass sie in die Schule gingen und hielt sie Nachmittags von der Straße fern, indem er Freizeitaktivitäten anbot. Von der indonesischen Regierung erhält er keinerlei Unterstützung für sein Projekt. Nicht einmal einen geeigneten Aufenthaltsraum bekommt er zur Verfügung gestellt. Völlig uneigennützig investiert er seine Zeit und sein Erspartes und erntet dafür Misstrauen und Verachtung in der Bevölkerung. Doch das Lächeln der Kinder am Ende des Tages ist für ihn Lohn genug und zugleich die Motivation das Rad am Laufen zu halten.

Wir durften Danny mit seiner Mädchenschar bei einem gemeinsamen Abendessen näher kennenlernen und es war schön mitzuerleben, wie die Kinder in seiner Anwesenheit aufblühten. Für mich ist Danny ein Vorzeigebeispiel und verdient höchsten Respekt. Es macht Mut mitzuerleben wie sich Menschen für Hilfsbedürftige einsetzen und sich nicht unterkriegen lassen, dort wo die eigene Regierung die Augen bewusst verschließt.

Lovina zählt bestimmt nicht zu unseren Favoriten, doch der Parkplatz mitten im Zentrum hatte durchaus Positives. Nachdem Lennox eingeschlafen war, brezelten wir uns auf und schlürften mehrere Drinks in einer nahe gelegenen Bar mit Live Music, die einen direkten Blick auf Akela erlaubte. Für den Fall, dass der Kleine aufgewacht wäre. What a Feeling!! Zeit zu zweit. Ein so seltenes Gut während unserer Reise, dass wir jede Sekunde auskosteten. Und am nächsten Tag gleich nochmal, inklusive Karaokeeinlage von Leander. Wie schon gesagt, what a feeling ;-))

Wasserfälle gehören zweifelsohne zu den schönsten Natursehenswürdigkeiten auf Bali und davon gibt es reichlich. Auf unserer gestarteten Tour von Nord nach Süd quer durch die Insel besuchten wir den Banyumala Twin Waterfall. Oft befinden sich die reißenden Schönheiten direkt neben der Straße und sind eine hervorragende Gelegenheit um sich zwischendurch Abkühlung zu verschaffen.

Doch nicht nur kühles Nass verspricht Abhilfe bei tropischen Temperaturen, auch eine Fahrt in höhere Regionen wirkt oft Wunder.

Im 1.200 m hoch gelegenen Dorf Candikuning freuten wir uns auf ein milderes Klima und den Pura Ulun Danu BratanTempel, der dem Gott Shiva geweiht ist. Grob geschätzt befinden sich etwa 20.000 Tempelanlagen auf Bali. Dieser Wassertempel zählt zu den bedeutendsten des Landes und liegt am Bratansee, dessen Wasser, wie kann es anders sein, als heilig gilt.

Ums Parken mussten wir uns hier keine Sorgen machen, es gab einen großen Besucherparkplatz, der von zahlreichen Touristenbussen genutzt wurde.

Für heute war der große Besucheransturm vorbei. Nach und nach räumten die letzten Busse das Feld. Zurück blieb ein desaströses Schlachtfeld, welches nach einem NFL Super Bowl Spiel nicht heftiger aussehen hätte können. Auf dem Boden liegen gebliebene Pappbecher, Essensreste, Eintrittskarten und Plastikflaschen wurden vom Wind in alle Ecken getragen, obwohl Mistkübel angebracht waren. Für uns ist dieses Verhalten schwer zu verstehen oder nachvollziehbar. Warum wirft man seinen Abfall auf den Boden, wenn daneben Mülltonnen stehen? Eine Katastrophe! Wir haben dieses Verhalten schon öfters beobachtet und da drängt sich die Frage auf: „Sind die Menschen hier doof?“ Das soll jetzt nicht überheblich klingen. Nicht nur öffentliche Plätze, Straßen oder ein freies Stück Land werden in Indonesien als Müllkippen missbraucht. Rund um die Häuser und Wohnungen der Einheimischen schaut die Situation oft nicht anders aus. Ich gehe von einem natürlichen Hausverstand aus und der sagt mir, dass ich mich im Dreck nicht wohlfühle. Hier scheint das anders zu sein. Und nein, ich habe natürlich nicht vergessen, dass Indonesien ein Entwicklungsland ist, dass mit all den Problemen zu kämpfen hat, die man mit diesem Status assoziiert. Aber muss man deshalb im Abfall leben?

Wir ließen uns trotzdem nicht die Laune verderben und besichtigten den Wassertempel. An Kulissen wie diesen ist es für Fotografen natürlich ein No-Go die Kamera zu Hause zu lassen. Die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne, in Kombination mit dem Tempel und dem See ergeben eine faszinierende Komposition. Obwohl der Zeiger der Uhr sechs Uhr morgens noch nicht angekratzt hatte, waren wir nicht die Einzigen, die sich auf Motivsuche begaben. Und ich war nicht die Einzige, die mit Gänsehaut im Vulkansee für ein Foto posierte. Es macht nicht immer Spaß in aller Herrgottsfrüh aus den Federn zu krabbeln und fotografieren zu gehen. Zumeist sieht man morgens auch nicht immer Tau frisch aus. Einer der Hauptgründe, warum ich auf vielen Fotos nur von hinten zu sehen bin ;-). Doch um das Kind beim Namen zu nennen. Selbst wir können nicht alleine von Luft und Liebe leben und müssen unterwegs unsere Brötchen verdienen, auch wenn hinterher oft nicht mehr als eine Erkältung dabei rausschaut.

Reis ist auf Bali nicht nur ein Nahrungsmittel, es ist DAS Nahrungsmittel und darf natürlich bei keiner Mahlzeit fehlen. Die Balinesen ordnen jedem einzelnen Korn eine Seele zu, die nicht verärgert werden soll, um die Reisgöttin Dewi Sri nicht zu erzürnen, denn das könnte zu Ernteeinbußen führen. So ist es nur logisch, dass passend zu jedem Wachstumsstadium des Getreides Zeremonien abgehalten werden, die zu Ehren der Götter stattfinden. Die Reisterrassen von Bali sind bauliche Meisterwerke und verschönern mit abertausenden Grünschattierungen das Landschaftsbild der Insel.

Die Himmelstreppen zu den Göttern, wie sie von den Inselbewohnern auch liebevoll genannt werden, sind der Inbegriff eines gelungenen Bali Urlaubs. Die Jatiluwih oder Tegalalang Felder stehen dabei hoch im Kurs und das völlig zurecht. Die Terrassen sind von einer außergewöhnlichen Aura umgeben und versprühen einen Hauch von Perfektionismus, wenn der Morgendunst gen Himmel aufsteigt und die letzten Tautropfen der Sonne trotzen scheint die Welt still zu stehen. Doch wie alles im Leben gibt es auch hier zwei Seiten.
Das Bali auf Instagram besteht vor allem aus Wasserfällen, gesunden Frühstück Bowls, schönen westlichen Menschen oder Schaukeln in waghalsigen Höhen die einen Swing über die Reisterrassen zeigen.
Dass diese Kulissen nur für Fotos konstruiert wurden, man für ein einminütiges Schaukelvergnügen eine Menge Geld hinblättert und manchmal sogar Schlange stehen muss, um ein cooles Foto schießen zu können, wissen die wenigsten Follower.
Auf alle Fälle machen die meisten Fotos auf Instagram richtig Lust auch einmal nach Bali zu reisen. Ob die Fotos der Wirklichkeit entsprechen und wie viel Balis Instagram Welt mit dem echten Bali zu tun hat? Das lasse ich mal so im Raum stehen! Denn Motive von vermüllten Stränden oder Müllhalden im Hinterland ergattern selten viele Likes in der perfekt gefilterten Instagramwelt.
Doch auch diese Bilder gehören zu Bali. Wer seinen Urlaub auf Bali verbringt, den verschlägt es unweigerlich auch nach Ubud. In den 60er Jahren ein kleines Dorf im Hochland der Insel, mittlerweile eine Stadt, die unaufhaltsam im Trend liegt. Während früher Sarong tragende Hippies durch die Gassen spazierten, ist es mittlerweile zu einem High Society Hot Spot geworden. Ubud steht für vieles. Chilligen Balistyle, beste Handwerkskunst, Organic Food, Yoga, Souvenir Hunting, pittoreske Reisterrassen, Bars, Restaurants, alles fancy and nice...! Filme wie Eat, Pray and Love mit Julia Roberts waren an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt. Meiner Meinung nach hat Ubud etwas zu viel vom Massentourismus abbekommen und dadurch seinen spirituellen Charme, wofür es berühmt war, weitgehend eingebüßt.

Es war aussichtslos im Zentrum einen Schlafplatz zu finden. Nachdem wir mehrmals die verstopften Straßen auf und ab gefahren waren, liebäugelten wir mit einem Fußballplatz etwas außerhalb. Der zuständige Banjar war nicht ausfindig zu machen um eine Parkerlaubnis zu bekommen. Wir stellten uns auf ein nächtliches Deja vu ein und waren nicht weiter verwundert, als zur Schlafenszeit eine Volksversammlung vor Akela stattfand. Diesmal durften wir bleiben, ganz ohne Donation oder Entschuldigung. Unter der Menschenmenge befand sich der Betreiber einer Tourismusschule, der beim Übersetzen half und uns für den nächsten Tag in sein Haus einlud. Während seine Frau das Mittagessen vorbereitete, plauderten wir über unsere Reise, unsere Eindrücke und unsere Beweggründe.

Für ihn als Tourismuschef war es natürlich auch interessant zu erfahren, wie uns Bali gefiel. Die Insel hat wunderschöne und bezaubernde Ecken zu bieten und ist Garant für einen unvergesslichen Urlaub. Aber es poppen auch offensichtliche Probleme auf, ganz oben steht dabei die Plastiküberflutung, die nicht nur Bali betrifft, sondern ganz Indonesien. Mit Falten auf der Stirn stimmte er zu und versuchte die Ursachen zu erklären. Früher wurde Essen und anderes in Bananenblätter eingeschlagen.
Sauber, effektiv und kompostierbar. Heute dominieren Plastikverpackungen den Markt und jenes Plastik wird genauso entsorgt wie seit Urzeiten die Bananenblätter. Es wird einfach auf den Boden geworfen. Mit der steigenden Popularität der Insel stieg auch der Touristenstrom abrupt an. Auf diesen Zug sprangen Großkonzerne auf und exportierten Trinkwasser in Plastikflaschen. Ein Fluch für die Insel, denn jeder kauft sie, weil sie praktisch sind und qualitativ hochwertiges Trinkwasser enthalten.
Mit dem Problem der Entsorgung steht die Bevölkerung allerdings alleine da, Nestle & Co zeigt dafür wenig Verständnis und Unterstützung. Am Schlimmsten betroffen sind die Randgebiete der Städte, jene endlosen Siedlungen entlang der Ausfallstraßen, in denen es weder eine geregelte Müllentsorgung noch eine Initiative zur Müllverbrennung gibt. Die Äcker, Plantagen oder Wälder entlang dieser Gebiete sind einfach nur ein großer Müllhaufen. Mülltrennung gibt es nicht. Entweder wird alles in den Wald oder ins Meer gekippt oder es wird verbrannt. Somit entsteht ein ewiger Kreislauf, für den sich niemand verantwortlich fühlt.

Wir hatten viel unternommen die letzten Wochen auf Bali und so nach und nach gingen uns die Ideen aus. Wasserfälle, Reisterrassen und Tempel konnten wir mit gutem Gewissen von unserer Liste streichen. Was nicht heißt, dass es nichts zu tun gab. Ganz im Gegenteil, in knapp drei Monaten wollten wir nach Australien verschiffen. Neben den gesamten organisatorischen Vorbereitungen, die uns bereits seit Monaten auf Trab hielten, stand noch die große Putzaktion an. Um nicht alles auf den letzten Drücker zu erledigen, wollten wir bereits auf Bali damit beginnen. Einen geeigneten Platz dafür hatte uns unser italienischer Freund Emi organisiert. Nick, sein langjähriger australischer Freund, der seit über 30 Jahren auf Bali lebte und dort Luxus Villen managt, erlaubte uns auf dem Brachland hinter den Villen zu campen.
Wir waren froh über dieses Angebot, denn wie wir am eigenen Körper erfahren hatten, gab es auf der Insel kaum einen Quadratmeter freies Land, wo man ungestört parken konnte.

Nicks zu Hause lag am südlichsten Zipfel der Insel, abseits des Touristenstroms, was uns sehr gelegen kam. Telefonisch kündigten wir unsere Ankunft an und machten uns von Ubud aus auf den Weg. Im Gegensatz zum Norden bietet der Süden Balis goldbraune Strände. Man findet lange Strandabschnitte die flach ins Meer münden, genauso wie kleine Buchten an denen die Brandung tobt. Durch die Eröffnung des Flughafens in der südlich gelegenen Hauptstadt Denpasar wurden die Weichen für den Tourismus gelegt, die bis heute nicht abrissen. Mittlerweile hat er eine Passagierkapazität von 6,4 Millionen Menschen pro Jahr, die sich großteils auf den Süden der Insel verteilen. Bali`s Süden gleicht einem riesigen Vergnügungsviertel. Orte wie Sanur, Kuta, Seminyak, Nusa Dua oder Jimbaran verschmelzen förmlich miteinander. Luxus Hotels, Designer Boutiquen, Kosmetik Salons, Restaurants, Cafes, Tattoo Studios oder Surfschulen lassen keine Wünsche übrig und verwandeln den Inselabschnitt in einen vorwiegend australischen Ballermann.

Meter um Meter kämpften wir uns mit Akela durch die belebten Straßen um zum vereinbarten Treffpunkt zu gelangen, wo uns Nick abholen wollte. Geschätzt 99% der Verkehrsteilnehmer waren mit Scootern unterwegs, dass diese oft von Kindern gelenkt wurden, die kaum älter als unser Sohn waren juckte hier niemanden. Wir trafen Nick am vereinbarten Treffpunkt und fuhren die letzten Kilometer hinter ihm her.
Gott sei Dank ist Leander mittlerweile im Bewältigen der indonesischen Straßengegebenheiten bestens geübt, denn die Zufahrt zur Villa Latitude stellte noch einmal eine gesonderte Herausforderung dar. Endlich, nach einem langen und anstrengenden Fahrtag konnten wir den Motor abstellen. Akela stand on top of the hill, hinter den Villen, mit Blick auf das Meer. Wir packten unsere Campingstühle aus, genossen die frische Meeresbrise und stießen mit einem kalten Bier gemeinsam mit Nick an. Er machte einen netten Eindruck. Neben der gratis Parkmöglichkeit bot er uns an, seine Dusche und die Toilette zu nutzen und stellte uns noch einen Scooter zur Verfügung, um mobil zu sein.
Denn unseren Dicken würden wir hier die nächsten Wochen nicht mehr weg bewegen. Lennox hatte ihn sowieso schon in sein Herz geschlossen oder besser gesagt seine Hunde, denn davon hatte Nick sechs Stück. Die ersten Tage ließen wir es ruhig und gemütlich angehen.

Wir erkundeten die umliegenden Strände und machten uns mit der Umgebung vertraut. An einem buchungsfreien Tag durften wir auch etwas High Society Luft schnuppern und für wenige Stunden die Villa nutzen. Ich war gespannt, was eine Luxusunterkunft wohl bieten konnte um den Preis von 3.000 USD pro Nacht zu rechtfertigen! Ganz ehrlich? Ich war zwar nicht enttäuscht, doch umgehauen hat es mich auch nicht, mit Ausnahme des Infinity Pools, der mit 37 m Länge und 4 m Tiefe an der tiefsten Stelle das absolute Highlight des Anwesens darstellte. Ein Tag nach dem anderen verstrich und plötzlich war er da, der Tag X. Leander`s Mutter kam auf Besuch.
Sie mietete sich für zwei Wochen in einem netten Hotel am Strand von Sanur ein und konnte es kaum erwarten ihren Enkel zu sehen. Als sie endlich im Hotel eingetroffen war, schwangen wir uns auf das Moped und jetteten zu ihr.

Lennox konnte es kaum erwarten seine Oma in die Arme zu schließen und als er sie im Foyer erblickte flossen die Tränen, auf beiden Seiten ;-). Es gab natürlich viel zu erzählen und um die Oma ganz für sich alleine zu haben, beschloss Lennox die nächsten Tage bei ihr im Hotel zu verbringen. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie lange es her war, dass wir eine Nacht ohne unseren Spross verbracht hatten. Doch Zweisamkeit oder Romantik waren mittlerweile Fremdwörter für uns geworden, es gab viel zu tun. Wir wollten die Zeit die Lennox im Hotel verbrachte optimal nutzen und die Wohnkabine auf Vordermann bringen. Alles was nicht niet- und nagelfest im Truck verschraubt oder verbaut war, landete draußen vor der Türe, um so selbst dem hartnäckigen Schmutz in den verstecktesten Ritzen den Kampf anzusagen. Es kursierten so viele Horrorgeschichten über die Einreise nach Australien, dass wir richtig Spundus davor hatten. Wenn wir unsere wundgescheuerten Finger betrachteten und daran dachten, was uns putztechnisch noch bevorstand überkamen uns oft Zweifel, ob es den Aufwand überhaupt wert war.
Doch so kurz vor dem Ziel hieß es Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen. Während wir die kinderfreien Tage mit putzten und schrubben verbrachten, ließ sich Lennox von Leander`s Mutter verwöhnen, bis ihm nach einer Woche einfiel, dass er uns vermisste. Er hatte ein gutes Timing, denn auch wir hatten unsere persönliche Vorgabe, die Wohnkabine während Lennox`s Abwesenheit blitzeblank zu putzen erfüllt. Jetzt war Qualitytime angesagt und dafür hatte sich Leander etwas ganz besonderes einfallen lassen.

Als kleines Dankeschön an seine Mum, weil sie uns den kleinen Rabauken abgenommen hatte und weil Muttertag vor der Tür stand, organisierte er für uns alle zusammen einen mehrtägigen Ausflug auf die vorgelagerte Insel Nusa Penida.

Wir buchten die erste Fähre und erreichten nach knapp 50 Minuten den Hafen der Insel, von wo wir mit angemieteten Scootern in die gebuchte Unterkunft fuhren. Irmgard schlug sich wirklich tapfer. Ich kenne keine Großmutter, die sich ohne zu meckern auf ein Moped schwingt und dabei auch noch eine gute Figur macht. Noch dazu wenn drei Generationen auf einem Moped sind!

Die ehemalige Gefängnisinsel besticht durch schroffe Steilküsten mit kleinen Buchten, in denen die Wellen ihre volle Naturgewalt entfalten und tosende Wassermassen für Faszination sorgen. Viele Orte bieten zudem eine grandiose Aussicht über die Küste und das Meer. Wer auf Nusa Penida dem Badevergnügen frönen möchte sollte jedoch trittsicher sein, denn der Abstieg über die Klippen ist meist sehr steil und die Treppen verwachsen. Besonders attraktiv sind die vielen Schnorchel- und Tauchgebiete rund um die Insel, doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn die starken Strömungen im Wasser sind nichts für ungeübte Schwimmer. Und wenn ich starke Strömungen sage, dann meine ich: vom Boot ins Wasser hüpfen und in knapp 10 Sekunden 100m weggetragen zu werden.

Wir mieteten uns ein kleines Boot und machten uns ausgerüstet mit Taucherbrillen und Schnorcheln auf den Weg. Um soviel wie möglich von der „noch“ intakten Unterwasserwelt erforschen zu können hielten wir an verschiedenen Spots, darunter auch Manta Point, wo man mit etwas Glück auf Mantarochen stoßen konnte. Leider gehörten wir nicht zu den Auserwählten, weit und breit war kein einziger Rochen zu sehen. Es wäre jetzt ein Jammern auf hohem Niveau wenn ich behaupte, dass wir uns den Schnorchelausflug sparen hätten können weil uns keine Mantas vor die Linse geschwommen waren, aber eine gewisse Enttäuschung stand uns schon ins Gesicht geschrieben.

Zurück auf festem Boden spülten wir erstmal den salzigen Geschmack im Mund mit einem Mittagessen runter. Der Tag war noch jung. Zurück in die Unterkunft? Nein! An einen Strand zum Baden? Auch darauf hatte keiner Lust. Die Manta`s ließen uns nicht los. Sollten wir noch einen Versuch wagen? Gute Frage, natürlich gab es auch diesmal keine Garantie. Wir überlegten hin und her, doch man lebt nur einmal. Wenig später saßen wir alle vier erneut in einem Boot und steuerten diesmal direkt den Manta Point an. Kurz bevor wir den Platz erreichten gab uns der Bootsmann ein Zeichen, dass er Mantas gesichtet hatte.

Nervös und voller Vorfreude machten wir uns tauchfertig und warteten aufgeregt darauf, bis der Schiffsmotor verstummt war. Leander sprang sofort mit seiner Unterwasserkamera ins Meer und war nicht mehr gesehen. Ich kletterte über die Reling und wagte einen prüfenden Blick ins Wasser, wo mir fast der Atem stehen blieb. Ein riesiger dunkler Schatten bewegte sich kreisförmig um das Boot. Ich zog meine Taucherbrille über die Augen und sprang zögernd ins Wasser. Da war er, nur wenige Meter unter mir und zog gemächlich seine Runden. Ich war so aufgewühlt, dass ich meinen viel zu hastigen Atem laut durch den Schnorchel wieder hallen hörte. Ich tauchte auf und bat Lennox sich fertig zu machen und zu mir ins Wasser zu hüpfen. Ohne Vorwarnung forderte ich ihn auf seinen Kopf unter Wasser zu halten, was er auch tat. Wenige Sekunden später tauchte er leicht panisch auf, klammerte sich heulend an mich und schrie:“ Mama, ich habe Angst“! Was ich gut verstehen konnte, das Tier war riesig.

Auffälliger als Mantarochen können Meeresbewohner wohl kaum sein. Bis zu acht Meter Spannweite erreichen die gigantischen Tiere, die sich ausschließlich von Plankton ernähren, dass sie beim Schwimmen mit weit aufgerissenem Maul einfangen. Die charakteristische auf und ab Bewegung ihrer Flossen gleicht dem Flügelschlag eines Vogels und lässt sie dadurch förmlich durch das Wasser gleiten.

Nach und nach konnte ich Lennox beruhigen. Ich ergriff seine Hand und schnorchelte mit ihm Seite an Seite dem Manta hinterher. Wir waren nicht lange unterwegs als wir plötzlich von sieben, acht Riesenmantas umzingelt waren. Sie waren vor uns, sie waren neben uns und unter uns. Manche von ihnen kamen uns so nahe, dass wir sie berühren hätten können. Trotz ihrer Größe bewegten sie sich anmutig im Wasser und spielten förmlich mit uns.

Lennox wurde mutig! Meine Hand hatte er schon vor längerer Zeit losgelassen. Nun traute er sich sogar schon zu den Manta`s runter zu tauchen und ihnen zu folgen, was natürlich chancenlos war. Obwohl wir nicht wollten, war es für Lennox und mich besser zurück auf das Boot zu klettern, da wir vor Kälte zitterten. Auch Irmgard ließ nicht mehr lange auf sich warten und kam zurück. Eingehüllt in unsere Badetücher schauten wir den Tieren stillschweigend vom Boot aus zu. Wir konnten kaum den Blick von ihnen lassen, so überwältigt waren wir.

Endlich erblickten wir auch Leander. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, da ich ihn im Wasser nirgends ausfindig machen konnte. Er legte sein Kameraequipment ab und fragte Lennox, ob er mit ihm noch einmal abtauchen mochte. Dazu musste man ihn nicht zweimal bitten. Im Nu hatte er seine Taucherbrille aufgesetzt, sprang zu seinem Papa ins Wasser und weg waren sie.

Auf dem Rückweg quasselten wir alle durcheinander. Das soeben erlebte sprudelte nur so aus uns heraus. Wir waren so unsagbar glücklich darüber, dass wir einen zweiten Anlauf gemacht hatten.

Viel Schlaf wurde uns nicht gegönnt in unserer Unterkunft. Direkt an der Hausmauer waren mehrere Kampfhähne in Käfige eingesperrt, die die ganze Nacht über ihre Schnäbel nicht halten konnten und um die Wette krähten. Der Einzige, der davon unbeeindruckt blieb war Lennox. Mit einem breiten Grinser im Gesicht schlummerte er seelenruhig vor sich hin. Wir Erwachsene halfen mit einem kleinen Schlummertrunk nach und machten es uns mit einer Flasche Bier auf der Terrasse gemütlich.

Nach und nach lenkte Leander die Unterhaltung auf uns und unsere Reise. Er und Irmgard telefonierten zwar regelmäßig, aber es ist natürlich mehr als verständlich, dass es für eine Mutter nicht leicht ist, den einzigen Sohn und das einzige Enkelkind am anderen Ende der Welt zu wissen. Sie fehlt an Geburtstagen, sie fehlt an Weihnachten, sie fehlt einfach. Ich kann das nachvollziehen und spreche aus eigener Erfahrung! Auch ich vermisse meinen großen Sohn, der in Österreich lebt. Abgehackte WhatsApp Telefonate trösten zwar über die Entfernung hinweg, können ihn aber nicht an meine Seite zaubern und die Sehnsucht stillen.

Obwohl wir erahnen konnten, wie es ihr die letzten Jahre gefühlsmäßig ergangen war, hatten wir immer den Eindruck, dass sie sich uns gegenüber nicht öffnen wollte oder konnte. Vielleicht aus Eigenschutz, vielleicht aber auch aus Rücksichtnahme uns gegenüber, damit wir kein schlechtes Gewissen hatten.

Alkohol löst bekanntlich die Zunge. Umso leerer die Bierflaschen wurden, desto offener wurde die Unterhaltung. Sie gestand uns, dass ab dem Zeitpunkt wo der Lastwagen vor unserer Haustüre stand, ein Kloß in ihrem Hals herangewachsen war, der größer und größer wurde. Sie realisierte, dass wir es ernst mit der Weltreise meinten.

Ich glaube, dass ihr ab diesem Moment schlagartig bewusst wurde, dass sie physisch alleine war, denn ihre kleine Familie würde bald nicht mehr greifbar sein. So etwas erzeugt natürlich eine innere Angst und Unruhe die im Unterbewusstsein bewirken, dass man eine Mauer um sich aufbaut, an der vieles abprallt.

Ein persönliches Gespräch oder eine feste Umarmung können durch nichts ersetzt werden und bewirken in uns Menschen soviel mehr, als ein zeitversetztes Telefonat mit meist schlechter Verbindung, wo man häufig versucht Emotionen aus dem Spiel zu lassen, um den anderen nicht zu beunruhigen. Auch für uns war und ist es nicht immer leicht und natürlich vermissten auch wir unsere Familien, Freunde und Bekannte. Zudem werden wir oft vor Probleme gestellt, die uns in unserem alten Leben fremd waren. Doch nichtsdestotrotz überwiegen auch heute noch die positiven Aspekte, warum wir uns für dieses Leben entschieden haben.

Es war ein langer Abend. Wir hörten uns gegenseitig zu, sprachen unsere Sorgen und Ängste aus, Tränen flossen, dann wurde wieder gelacht...!

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass die Zeiger der Uhr schneller ticken, wenn man sich wohl und glücklich fühlt. Viel zu schnell vergingen die zwei Wochen, die uns Irmgard auf Bali besuchen kam. Ihre letzten Urlaubstage verbrachte sie noch gemeinsam mit Lennox im Hotel auf Bali, bevor es wiedereinmal „Lebe wohl“ hieß auf unbestimmte Zeit.

Am Flughafen versuchten wir es relativ schmerzfrei zu halten. Es gab eine große Familienumarmung und geheult wurde erst, nachdem sie aus dem Blickfeld war. Ich bin mir sicher, dass sie es umgekehrt genauso gemacht hat. Wir werden dich vermissen und freuen uns jetzt schon auf deinen nächsten Besuch.

Nichts hassten wir mittlerweile mehr als Verabschiedungen und die Nächste klopfte bereits an die Türe. Aber es half nicht, wenn wir unser Schiff nach Australien nicht versäumen wollten, dann mussten wir weiterziehen. Der Lastwagen war fahrbereit, die Vorräte aufgefüllt und Nick stand mit seinen sechs Hunden zum Abschied Spalier. Jeder von ihnen wurde noch einmal fest umarmt und gestreichelt. Lennox fing bereits beim dritten Hund bitterlich an zu weinen, er liebte Hunde. Beim letzten Hund konnten wir den Anblick nicht mehr ertragen. Wir schnappten den Kleinen, setzten ihn ins Führerhaus und drückten aufs Gas. Nick konnten wir noch lange im Rückspiegel erkennen, wie er uns nachwinkte. Hey Dude, danke für alles! See you hopefully again somewhere in down under!!

Kommentare (1)

  1. patricia schwoerer
    patricia schwoerer am 15.07.2019
    MERCI!

    ich koennte stunden-, wochen-, monatelang eure berichte lesen - so spannend, so beeindruckend, so reel!

    eine grosse freude!

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