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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 19.04.2017

Einzigartige Menschen im Blickpunkt ihrer zerrütteten Politik!

 

März 2017

Den meisten von uns ist Kappadokien, das im Bergland westlich von Kayseri liegt, ein Begriff für eine außergewöhnliche und mystische Tuffstein Landschaft mit zahlreichen Höhlenwohnungen, Höhlenkirchen und unterirdischen Städten. Die Vielfalt der Farben und Formen dieser bizarren Landschaft verzaubert jährlich viele Besucher. Tiefe Hangrinnen und scharf gezeichnete Kammlinien erzeugen zu jeder Tageszeit ein Stimmungsbild von Licht und Schatten. Überwältigt von den gegoogelten Bildern der wahnsinnig kunstvollen Landschaft und der über ihr fliegenden Heißluftballons, machten wir uns auf den Weg zu diesem geheimnisvollen Ort.

Das Gebiet, das als Kappadokien bezeichnet wird, umfasst heutzutage sechs Hauptprovinzen, von denen Göreme mit seiner aus weichem Tuff herausgehauenen Höhlenarchitektur die bekannteste ist. Sie gilt als das Zentrum Kappadokiens. Noch heute leben in Anatolien Menschen in Höhlen aus Lavagestein. Die Landschaft Kappadokiens sieht mit ihren Häusern in Form von Zuckerhüten aus wie aus einer anderen Welt.

Um 04:00 Uhr morgens rappten wir uns auf, um die Etappe Ankara – Göreme (300 Kilometern) zu bewältigen. Leise kletterten wir ins Führerhaus, ließen den Motor an und rollten los. Lennox legten wir für Notfälle das Walkie Talkie neben das Kopfkissen. Er wusste Bescheid, wie immer, wenn wir eine Morgenschicht ohne ihn einlegten. Gegen 08:00 Uhr hielten wir um zu frühstücken. Der Kleine schlief immer noch bombenfest als wir in die Wohnkabine stiegen. 

Nach einer Stärkung mit Müsli & Co machten wir uns an die restlichen Kilometer. Zwei Stunden saßen wir noch im Führerhaus, ehe Akela bei der Taleinfahrt in Göreme ankam. Die ersten Blicke, die wir auf die Landschaft werfen durften, waren vielversprechend. Langsam rollten wir die Straße entlang, während unsere Augen wild umherschweiften und sich kaum satt sehen konnten. Im Ort selbst florierte der Tourismus. Hotels, Restaurants, Reisebüros, Heißluftballonfirmen und Souvenirläden waren in Reih und Glied an der Hauptstrasse angesiedelt. Ein Stellplatz in der kleinen City wäre „langweilig“ gewesen! Wer uns kennt und verfolgt weiß, dass wir nach „etwas anderem“ verlangten. Nach längerer Suchen fanden wir einen atemberaubenden Platz auf einer Aussichtsplattform, mit einem beinahe kitschigen Blick über die Tufflandschaft. Die untergehende Sonne zauberte ein grandioses Licht und Schattenspiel in die Felsformationen. Wir hielten inne, atmeten kräftig durch, und ließen den Moment auf uns wirken.

Beim Erwachen am nächsten Morgen ereilte uns allerdings ein Deja-vu. Der Blick aus dem Fenster hievte uns beinahe aus den Socken, es hatte geschneit, und das nicht wenig. Unseren Youngstar hielt es natürlich nicht mehr im Truck, er wollte ab in die weiße Pracht. Erst am späten Nachmittag schafften wir es mit vereinten Kräften ihn in die gute Stube zu bekommen. Völlig erschöpft und todmüde viel er nach dem Abendessen in die Falle. 

Am zweiten Morgen rückte Leander zeitig mit seiner Kamera aus, Lennox und ich schlummerten noch, als ich plötzlich von einem dumpfen Geräusch aus dem Schlaf gerissen wurde. Was war das? Ich öffnete die Dachluke unseres Alkovens, als ich erschrocken zusammenfuhr. Vielleicht drei Meter über meinem Kopf schwebte ein Heißluftballon. Nach dem ersten Schreck lächelte ich den Passagieren zu und winkte zurück. Das Wetter war herrlich! Wärmende Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase, und erst bei genauerem Hinsehen vielen mir die anderen Heißluftballons auf, die sich um den besten Platz im Himmel stritten. Es waren an die 60 Stück, in den buntesten Farben. 

Der Schnee war genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war. Unsere Glieder bettelten nach den langen Stehzeiten in den Städten förmlich nach Bewegung, weshalb wir zu einer Wanderung ins Liebestal alle drei sehr schnell motiviert waren. Der Name des Tales ist selbsterklärend, wenn man die Form der Tuffsteine betrachtet. In einer kleinen Hütte, die wir auf unserem Weg zufällig fanden, tranken wir eine Tasse Cay zur Erfrischung, ehe wir den Rückweg antraten. Wir verbrachten zwei wunderschöne Tage in dieser bizarren Märchenlandschaft. Nach dem Abendessen am letzten Tag machten wir den Truck fahrtauglich. Lennox durfte in unser Bett krabbeln, während wir beide für eine Nachtschicht ins Führerhaus kletterten, um die Distanz von 600 km nach Erzincan ein wenig zu verkürzen.

In Erzincan wollten wir Murat besuchen, den Leander vom letztjährigen Trip mit Fabi noch gut in Erinnerung hatte. Der Wassertank der Snowmads war gerissen. Per Zufall gerieten sie an Murat, der ihnen in seiner Werkstatt mit Rat und Tat zur Seite stand. Während unserer Reise gingen auch an unserem Oldi Dinge kaputt, von denen wir hofften, dass uns Murat helfen konnte. 

In Griechenland hatten wir eine unangenehme Begegnung mit einem Autobus, bei der uns an den Seitenfenstern die Regenrinnen abgerissen sind. Die Schutzabdeckung unserer Dieseltanks hing nur noch in Fetzen vom Truck, und noch weitere Kleinigkeiten standen auf unserer Liste.

Nach ca. zwei Stunden Fahrt gaben wir unseren schwer werdenden Augenlidern nach und hielten an einer Tankstelle. Das Personal war sehr freundlich und erlaubte uns auf dem Gelände zu übernachten. Wir holten ein wenig Schlaf nach und starteten am frühen Vormittag den Rest der langen Etappe. Akela rollte weiter gen Osten und ohne eine physische Grenze zu übertreten begaben wir uns in die autonome Region Kurdistan. Welche ein nicht genau begrenztes Gebiet Vorderasiens ist und sich auf die Staaten Türkei, Irak, Iran und Syrien verteilt.

Rau und unwirtlich erscheint die östliche Bergregion Anatoliens. Viele Jahrhunderte lang lebten die Kurden dort als Nomaden in einer Stammesgesellschaft, unabhängig und meist unbeachtet von fremden Mächten. Doch Erdöl und Wasservorräte machten das Gebiet zum Zankapfel der umliegenden Großreiche. Trotz fehlender einheitlicher Sprache und genau umrissener Grenzen haben die Kurden im Laufe der Jahrhunderte eine eigene Identität bewahrt. Diese beruht einerseits auf den historischen Wurzeln im nomadischen Stammeswesen, andererseits auf der Unterdrückung und Fremdherrschaft, denen sie immer wieder ausgesetzt waren und noch sind. Die Kurden erfuhren die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib - mit einem für sie schlechten Ausgang. Aus dieser Unterdrückung heraus entwickelte sich die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans). Die sozialistisch ausgerichtete Untergrundorganisation kämpft für politische Autonomie in kurdisch besiedelten Gebieten in der Türkei. Weltweit wird die Organisation als terroristische Vereinigung eingestuft. Doch zurück zu unserer Geschichte!

Erschöpft und ausgepowert fuhren wir gegen 16:00 Uhr bei Murat´s Firma vor. Ich kannte ihn nur aus Leanders Erzählungen und war schon sehr gespannt. Wenige Minuten später trat er in Erscheinung. Groß, von stattlicher Figur und mit einem breiten Grinser im Gesicht. Er umarmte Leander und hieß uns herzlich willkommen. Murat´s Englisch war genauso gut wie unser Türkisch – erbärmlich, doch es stellte ein „problem yok“ dar, was soviel heißt wie „alles kein Problem“. Ein running Gag zwischen Murat und Leander. Schier egal womit man Murat konfrontierte, mit einem Lächeln winkte er ab und meinte nur: „problem yok!“.

Im Aufenthaltsraum der Mitarbeiter gab es zunächst eine kleine Stärkung für uns alle. Bei einem späteren Rundgang um Akela zeigte Leander Murat die Mängel, die wir gerne behoben hätten. Für den Türken wie immer kein Problem. Es war bereits dunkel geworden und unsere Mägen knurrten. Murat schlug vor, seine Frau Cigdem und deren Söhne Devran (11 Jahre) und Devrim (4 Jahre) von zu Hause abzuholen und gemeinsam Abendessen zu gehen. Ein Mann – ein Wort, wenige Minuten später saßen wir zu siebt im Auto und steuerten ein Restaurant ausserhalb der Stadt an. Das sprachliche Problem wurde via Facetime Anrufe gelöst. Viele Türken haben Verwandte in Österreich und Deutschland, welche kurzerhand, wenns gar nicht anders ging, immer wieder kontaktiert wurden um zu übersetzen. So lernten wir auch Ali, Filiz und Orhan kennen. Liebe Grüße auf diesem Weg. Die Kinder hatten da weniger Probleme, denn spielen funktioniert weltweit ohne großartige Kommunikation. 

Während Murat und Leander die nächsten Tage in der Werkstatt verbrachten, waren Lennox und ich Gäste bei Cigdem und den Kindern zu Hause, was mir einen kleinen Einblick in eine moderne kurdische Familie gewährte. Zu Beginn fühlte ich mich etwas unwohl in meiner Haut, doch Cigdem machte es mir leicht meine anfängliche Scheu abzulegen. Wir kochten gemeinsam - was richtig Spaß machte, Verwandte kamen zum Kaffeeklatsch vorbei, ich durfte ihre Waschmaschine benutzen, sie begleitete mich zur Bank um Geld zu Wechseln und wartete geduldig zwei Stunden beim Friseur auf mich. 

Dieselbe Hilfsbereitschaft erfuhr Leander in Murat´s Werkstatt. Unermüdlich wurde gebastelt, geschraubt, angepaßt, Ersatzteile besorgt und noch vieles mehr. Zu guter Letzt durften wir noch unsere Wassertanks auffüllen, bevor wir adieu sagen mussten. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft! Oft bedarf es keiner großen Worte, denn die Sprache des Herzens wir überall verstanden.

Wir steuerten Akela aus Murat´s Werkstatt und lenkten weiter ostwärts Richtung Erzurum, wo wir im Skigebiet Palandöken (Ostanatolien) einen Skitag einplanten. Gegen Abend erreichten wir unser Ziel und fanden auch schnell einen geeigneten Übernachtungsplatz etwas außerhalb der Stadt. Wir legten uns zeitig schlafen, um für den bevorstehenden Skitag fit und ausgeruht zu sein. Frühmorgens lachte uns bereits die Sonne entgegen, als wir unsere Augen aufschlugen. Hastig schlangen wir das Frühstück hinunter, packten den Lastwagen zusammen, kramten unser Skiequipment hervor, sprangen ins Führerhaus und gaben Gas Richtung Powder.

Das Skigebiet Palandöken befindet sich in Ostanatolien. Zum Skifahren und Snowboarden stehen über 70 Kilometer Piste zur Verfügung. 15 Skilifte befördern die Gäste in eine Höhe von 2.200 bis 3.140 m. Der höchste Punkt in der Region ist Mt. Palandoken mit 3180m Höhe. Mit ein paar Anlaufschwierigkeiten, Lennox konnte sich plötzlich nicht mehr besinnen wie eine Kurve in der Piste zu nehmen war, hatten wir einen herrlichen Skitag mit traumhaftem Wetter. Wir nutzten den Tag bis zur Sperrstunde der Lifte, ehe unsere Ski mit Wehmut wieder auf den Dachträger verbannt werden mussten. Mit Suppe, Dürüm und Ayran gestärkt, verließen wir Erzurum City und fuhren weiter östlich! Mit jedem Kilometer rückte die iranische Grenze immer näher. Das Skifahren machte sich in unseren Knochen bemerkbar, weshalb wir nach zwei Stunden Fahrt erneut an einer Tankstelle hielten und dort übernachteten.

Die vorgenommene Etappe des nächsten Tages war die Grenzstadt Dogubayazit. Sie unterschied sich kaum von anderen Grenzstädten, die wir auf unseren Reisen bereits durchquert hatten. Schmutz und Staub waren allgegenwärtig, über den Dächern hing eine graue Dunstglocke und die Luft war geschwängert von Teer und Abgasen. In einem Supermarkt deckten wir uns reichlich mit Lebensmitteln ein, ehe wir etwas außerhalb der Stadt – ein wenig im Hinterland - unsere Tagesetappe beendeten. 

Das Ostanatolische Hochland ist geprägt von kargen Steppenlandschaften. Ohne langes herumfackeln schlugen wir das Nachtlager an einem für uns geeigneten Platz in the middle of nowhere auf. Hier, im persisch-türkisch-armenischen Grenzgebiet, liegt der mit 5165m höchste Berg der Türkei, der Mt. Ararat, der uns seinen tief verschneiten Gipfel stolz präsentierte. Während Lennox und Leander die letzten Sonnenstrahlen im Freien nutzten, bereitete ich das Abendessen zu. Im Anschluss durchkämmten wir den Truck ein letztes Mal nach Genussmitteln wie Alkohol und dergleichen, welche im Iran tabu waren. Denn eine selbst verursachte Komplikation bei der Einreise wollten wir strikt vermeiden.

Am nächsten Morgen wurden wir etwas unsanft geweckt. Wildes Klopfen gegen unsere Eingangstür riss uns aus den Träumen. Zaghaft linsten wir aus dem Fenster und sahen drei Männer in Militäruniform und mit Maschinengewehren bewaffnet vor unserer Türe postiert. In lautem Drillton hämmerte uns einer von ihnen entgegen:“ Where are you from – What are you doing here...“. Er hielt uns an, die Türe zu öffnen um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Nach einem kurzen Blick in die Wohnkabine gab er seinem Gefolge Entwarnung. Im selben Augenblick tauchten vier weitere Männer mit Gewehren auf, die sich hinter Felsen verschanzt hatten. Momentan war mir etwas mulmig zumute, allerdings klärte sich die Situation sehr schnell auf. Offensichtlich befanden wir uns im Terrorgebiet der PKK. Es wurde uns nahegelegt, möglichst schnell das Weite zu suchen, da hier anscheinend die PKK zu Gange war. Wobei wir von der wahrscheinlich weniger zu befürchten hätten als vor dem Militär selbst. Wie auch immer, nach einem hastigen Frühstück brachen wir auf. Allerdings ging die Fahrt nicht weiter Richtung Iran wie geplant. Am Vortag entdeckten wir auf unserem Navi den Ishak Pasha Palast und beschlossen kurzfristig ein bisschen Sightseeing zu machen. 

Der burgähnliche Palast des osmanischen Emirs von Dugubayazit, Colak Abdi Pasa und seines Sohnes Ishak PasaII, wurde zwischen 1685 und 1784 erbaut. An drei Seiten erheben sich die Außenmauern der Anlage direkt über einem Steilhang. Der Zugang erfolgt von oben über den Bergrücken. Gegen eine geringe Eintrittsgebühr erhielten wir Einlass in die altertümlichen Gemäuer die sehr beeindruckend waren. Offenbar war der Palast auch ein beliebter Spot bei Frischvermählten für Fotoshootings. Gleich zwei Brautpaare durften wir während unseres Rundganges bewundern. Am Ausgang tranken wir an einem kleinen Kiosk noch eine Tasse Cay und genossen das herrliche Panorama mit den letzten Sonnenstrahlen dieses Tages.

Dabei viel uns ein kleiner Bauernhof auf, um welchen emsig mit Ziegen und Kühen gewirtschaftet wurde. Mehrere kleine Gebäude waren in einfacher Bauweise mit Ziegelsteinen und Lehm an den Hang geschmiegt. Die Tiere fanden auf dem Steilhang kaum Platz zum Weiden. Wir waren neugierig und spazierten rüber. Als wir dort waren winkte uns ein junger Mann zu sich. In schnellem Schritt ging er voraus und hielt uns an ihm zu folgen. Vor der Stalltüre gab er uns ein Zeichen, dass wir stehenbleiben sollten. Er öffnete das Gatter und unzählige Ziegen drängten sich ins Freie. Als die letzte draussen war, nahm er Lennox bei der Hand und führte ihn in den Stall. Unsere Augen mußten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, es gab kein Licht und auch kein Fenster. Doch schnell erkannten wir, warum er uns dort hinein gelotst hatte. In einem kleinen Verschlag tummelten sich bestimmt an die 20 Jungtiere, viele davon erst wenige Tage alt. Ahmet, so hieß der Bauer, schnappte sich ein Geißlein und drückte es Lennox in die Hand zum Streicheln. 

Ahmet hatte sichtlich Freude an unserem Besuch. Aufgeregt zeigte er uns die restlichen Tiere und führte uns herum. Er gab uns zu verstehen, dass noch einiges an Arbeit auf ihn wartete, er sich aber freuen würde, wenn wir ihn Abends besuchen würde. Bevor wir gingen riet er uns eindringlich, Akela nahe dem Gehöft zu parken, da die Gegend nachts ein beliebter Treffpunkt für Männer war um sich zu betrinken und zu randalieren. Ahmets Alarmanlage für diese nicht ganz sichere Gegend waren fünf furchterregende Hunde, die Hyänen glichen. Nachts sollten wir auf keinen Fall alleine draußen unterwegs sein, das könnte böse für uns enden. 

Nach getaner Arbeit, als es bereits dunkelte, holte uns Ahmet vom Truck ab und führte uns in den Wohnraum. Es gab keinen Estrich oder Boden wie wir es gewohnt waren. Auf der blanken Erde  waren Teppiche ausgebreitet. Die aneinander gereihten Ziegelsteine der Hausmauern waren mit Lehm und Kuhdung verschmiert und als Dach dienten Wellblechplatten. In der Mitte des Raumes stand ein uralter Holzofen, dessen beste Zeit auch schon längst vorüber war. Ein Bad oder Waschbecken suchte man vergeblich. In einer Ecke des Zimmers war eine Kuhle in den Boden gemauert, mit einem Abfluss ins Freie. Dort wusch sich Ahmet nach der Arbeit mit Wasser aus Plastikkanistern. Er offerierte uns einen Platz auf einer Matratze am Boden, welche offensichtlich sein Bett war. Die Wände waren mit Fotos von Familienmitgliedern geschmückt. Er lebte in Verhältnissen die für uns konsumorientierte Europäer schier unglaublich waren, dennoch wirkte er zufrieden und ausgeglichen. Flink wie ein Wiesel wuselte er von einer Ecke des Raumes in die andere und zauberte Mandeln, Rosinen und Kekse auf den Tisch. Oder besser gesagt auf den Boden, denn Tisch und Stühle gab es nicht. 

So gut es wegen mangelnder Sprachkenntnisse beiderseits funktionierte, versuchte er uns ein wenig über sein Leben teilnehmen zu lassen. Vor über 20 Jahren, er dürfte wohl noch ein kleines Kind gewesen sein, rückte das Militär in einer Nacht und Nebel Aktion an und erschoss beinahe seine ganze Familie. Sie waren/sind Kurden, und deshalb für die Regierung damals wie heute ein Dorn im Auge. Gerechtfertigt wurde die Kurdenverfolgung der 80er Jahre, der über 40.000 Menschen zum Opfer fielen, mit dem fadenscheinigen Argument, es würde der Staatssicherheit dienen. Einfach gesagt, die Opfer wurden zu Tätern gemacht. Jeder Kurde wurde/wird verdächtigt der verbotenen Arbeiterpartei PKK anzugehören und galt/gilt somit automatisch als Terrorist. Beim Lauschen seiner Worte gefror uns schier das Blut in den Adern. Es war erstaunlich, wie offen und ehrlich er seine Meinung über Politik, die PKK und die herrschende Korruption in seiner Heimat kund tat.

Es war schon spät geworden und wir wollten uns langsam verabschieden. Doch Ahmets Pläne sahen anders aus. Mit der Hand deutete er auf seinen Magen und gab zu verstehen, dass jetzt Zeit fürs Abendessen war, und wir selbstverständlich seine Gäste wären. Mein mehrfaches Bitten, ihm bei der Zubereitung helfen zu dürfen, ignorierte er mit Freundlichkeit. Er servierte Spaghetti mit Tomatensauce, Tomatensalat mit frischer Petersilie dazu selbstgemachtes Ayran (Joghurt mit Wasser verdünnt und etwas Salz). Im Schneidersitz saßen wir zu viert auf dem Boden und ließen uns das Essen schmecken. Selbst beim Abwasch durfte ich ihm nicht helfen. Nach dem Essen war es wirklich Zeit für uns in die eigenen vier Wände zurückzukehren, zumal Lennox beinahe auf der Matratze eingeschlafen war. Ahmet begleitete uns zum Truck und wünschte Lennox und mir eine gute Nacht. Dann begleitete er Leander auf eine nächtliche Fototour. Einerseits zum Schutz vor den Hunden, und andererseits weil ihn die Materie sehr interessierte. 

Bei längerem Grübeln hätte diese Nacht mit verherrenden Folgen enden können, wäre uns Ahmet nicht über den Weg gelaufen. Zielsicher hätten wir unseren Truck auf dem Plateau geparkt, wo regelmäßig die Alkoholexzesse stattfanden. Wäre Leander nicht in eine Schlägerei geraten, so hätten ihn auf jeden Fall die Hunde übel zugerichtet. Danke Ahmet, dass wir dich kennenlernen durften. Schade, dass es nicht mehr viele Menschen gibt wie dich. Das Schicksal hat dir und deiner Familie übel mitgespielt, dennoch versprühst du eine Zufriedenheit, die wünschenswert ist. 

Nicht ganz ausgeschlafen statteten wir ihm am nächsten Morgen noch einen kurzen Besuch ab, um uns zu verabschieden. Immer noch betroffen und gerührt vom vergangenen Abend traten wir dieses mal wirklich die letzten 30 Kilometer in das persische Reich an.

Die Türkei hat all unsere Erwartungen übertroffen. Wir wurden mit offenen Armen empfangen und fühlten uns zu keinem Zeitpunkt unsicher oder hatten Angst. Die Menschen sprechen offen über Politik und lassen ihrem Unmut freien Lauf. Egal ob arm oder reich, gebildet oder nicht. Die Kernaussage bleibt immer die gleiche, im Land scheint die Demokratie zu sterben.

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