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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 01.08.2017

Pamir Highway - ein bezauberndes Stück Nichts!

Juni 2017

...wie schon Marco Polo zu sagen pflegte!
Dazu muss man wissen, dass der Pamir Highway nach dem Karakorum Highway, der zwischen China und Pakistan liegt, die zweithöchste Fernstraße der Welt ist. Er folgt einem Teil der alten Seidenstraße von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe ins Pamir Gebirge und führt dort zunächst an der afghanischen Grenze entlang, bevor er sich über Hochgebirgspässe von über 4.600m und Hochgebirgswüsten weiter Richtung Norden über einen Grenzpass nach Kirgistan, in die Stadt Osch, schlängelt.
Nicht nur Afghanistan, sondern auch die Grenzen zu Pakistan und China kommen in Sichtweite. Schroffe Berge bis zum Siebentausender, an deren Flanken Gletscher kleben, karge Wüstenmondlandschaften, uralte Festungen aus der Zeit Alexanders des Großen, rauschende Gebirgsbäche und heiße Quellen, weite grüne Hochtäler mit Jurten und grasenden Yaks kirgisischer Hirten. Das alles bietet der Pamir Highway.


Allerdings darf man sich keinen “Highway” vorstellen wie man ihn vielleicht aus einem USA Urlaub kennt. Die Piste wurde Anfang der 30er Jahre von russischen Soldaten gebaut und gleicht bzw. glich einer Meisterleistung des Strassenbaus. Die Straße wechselt die Beschaffenheit wie das Wetter im Gebirge. Mal gleicht sie einer Schotterpiste, dann wiederum ist es eine geteerte Straße, die sich mittlerweile in verschiedenen Auflösungsstadien befindet. Gelegentlich fehlt ein Stück und verlangt Flussbettüberquerungen, denn Erdrutsche und Schlammlawinen bedrohen den Pamir Highway regelmäßig, so dass man sich auf kurzfristige Plan- und Routenänderungen einstellen muss, oder einfach mal festsitzt. Wovon wir Gott sei Dank verschont blieben.
Im Konvoi fuhren wir mit der rumänischen Familie am frühen Nachmittag in Duschanbe los. Sie waren mit ihrer Ural (Marke des Motorrades) erheblich schneller unterwegs, weshalb sie die Vorhut übernahmen. Kulob war das erste angesteuerte Etappenziel am Pamir, allerdings erwies sich die Distanz für einen Nachmittag als zu weit entfernt.

Weshalb uns der Nurek Stausee, die zur Zeit höchstgelegene Talsperre der Erde, für eine erfrischende Abkühlung sehr gelegen kam. Wir bogen in eine Seitenstrasse ein und fuhren offroad gen See. Eine Brücke, die dem Verfall sehr nahe kam, schien beinahe unsere Pläne zu durchkreuzen, doch Augen zu und durch – sie hielt. Anhand der Gegebenheiten war es nicht möglich direkt bis ans Ufer zu fahren, doch das war egal. Wir fanden einen geeigneten Platz auf einer Wiese, warfen uns in die Badeklamotten und sprinteten zum See. Der Stausee war jetzt nichts aussergewöhnliches, doch für eine erfrischende Abkühlung war er allemal gut genug. Feuerholz für ein anschließendes Lagerfeuer war schnell eingesammelt, und im Nu loderte eine ordentliche Flamme, an der die Kinder Würstchen grillen konnten. Die beiden Jungs spielten und alberten herum, während wir Erwachsene uns bei einer Flasche Bier näher kennenlernten.
Etwas zerknautscht, da wir am Vorabend bis 02:00 Uhr morgens am Feuer abgehangen hatten, starteten wir am nächsten Morgen die Motoren und fuhren los. Die Strassen nach Kulob waren noch in gutem Zustand. Sie schlängelte sich durch Hügellandschaften in deren Dörfer Kinder, auf Eseln reitend, Ziegen- oder Schafherden vor sich hertrieben. Nach vielen Stunden hinterm Steuer, gegen Ende des Tages donnerte uns plötzlich kurz vor Kulob ein Jeep mit überhöhter Geschwindigkeit auf unserer Fahrspur entgegen.
Nun lassen sich zehn Tonnen nicht einfach mal schnell Not bremsen und auf die Seite reißen, weshalb es unvermeidlich war, dass uns der Jeep touchierte. Wir stiegen alle aus, und waren sofort von einer Menschentraube umringt. Der PKW wies einen eingedrückten Kotflügel auf, uns hatte es bei dem Aufprall eine Staubox an der Seite zerkratzt. Einer der Insassen im PKW sprach Englisch und erklärte uns, dass aus Sicht des Fahrers natürlich wir Schuld trugen. Logisch, wir waren ja auch die Touristen, und wie es der Teufel will, war Tadschikistan blöderweise das erste Land in dem wir auf eine KFZ-Versicherung verzichtet hatten. Es wurde wild gestikuliert und geschimpft, weshalb wir ins Auto stiegen und dem englisch sprechenden Passagier zuriefen, dass wir ins wenige Kilometer entfernte Kulob weiterfahren würden.
Bei Bedarf könnte dort der Sachverhalt in Anwesenheit von der Polizei geregelt werden. In Kulob wurden wir bereits von uniformierten Beamten empfangen. Ich möchte jetzt gar nicht weiter ausholen, denn das würde den Rahmen sprengen. Fakt war, dass wir über zwei Stunden verhandelten, stritten und diskutierten. Einmal wollte die Polizei unsere Pässe einbehalten, ein andermal das Fahrzeug beschlagnahmen, Fakten wurden verdreht. Ein Klassiker eben, wenn man als Tourist im Ausland in einen Unfall verwickelt ist. Der Fahrer des anderen Autos beharrte auf seiner Unschuld und wollte einfach nur Kohle sehen. Die Polizei schien ihm Glauben zu schenken, und verwies immer wieder darauf, dass wir ein Schuldzugeständnis tätigten, dadurch, dass wir den Tatort verlassen hätten. Schlussendlich einigten wir uns auf 600 tadschikische Somoni (umgerechnet ca. 60 Euro).

Unsere rumänischen Freunde warteten geduldig ein paar Meter abseits und hüteten während der hitzigen Diskussion unseren Sohn. Etwas genervt und total erschlagen folgten wir Mihai und Oana in deren gebuchtes Hostel um dort noch eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken. Im Anschluss schlenderten wir zu Akela zurück, der nach positiv erledigtem Vorfall sicher und wohlbehütet auf dem Polizeiparkplatz auf uns wartete.

Der eigentliche Einstig in den Pamir Highway startete erst am nächsten Tag, als wir uns von Kulob weiter nach Osten aufmachten und sich die Straße langsam in eine Schlagloch-übersäte Piste verwandelte. Sie führte uns in immer einsamere, staubigere und bergigere Gegenden. Schon bald wurden wir von dem Gerumpel und Geschüttel der Straße in eine trügerische Monotonie gewiegt, die perfekt zu der wüstenartigen, bergigen Kulisse passte die vor unseren Fenstern vorbeizog. Wir hatten das Pamir Gebirge erreicht, und fuhren entlang der afghanischen Grenze, dessen natürliche Abtrennung zwischen Tadschikistan und Afghanistan der reißende Flus Panji war. Die Straße schmiegte sich an die linke Flanke eines steilen Gebirgstals, krass abfallend unter uns der Fluss, und drüben, am anderen Ufer, zum Greifen nah - Afghanistan.
Auf beiden Seiten passierten wir vereinzelt Siedlungen mit Lehmhäusern, Menschen mit Eseln und Grüppchen spielender Kinder die uns im vorbeifahren zuwinkten. Über Qalài Khumb und Vahdat ging es weiter ins Bartang Valley.
Dort haben wir uns neben einem Fluss einen netten Campinspot auserkoren. Nicht nur für die übliche Lagerfeuerromantik, sondern auch um Leander´s Geburtstag zu feiern. Dieser wurde standesgemäß mit einem heimatlichen Stück Wienerschnitzel gefeiert. Wobei die Zutaten eher multikulti waren.

Die Rumänen hatten einen strengeren Zeitplan als wir, da ihr Sohn Vladimir pünktlich Anfang September in der Schule sitzen sollte. Weshalb sie für Wanderungen oder dergleichen keine Zeit hatten. Wir schon!
Eine wackelige Hängebrücke führte über den Bartang Fluss zum Einstieg in das Bartang Valley. Das Tal ist bekannt für seine wilde und unberührte Natur. Obwohl die dort lebenden Menschen 2015 von einem heftigen Erdbeben betroffen waren und viele dadurch ihre Existenz verloren hatten, zählen sie zu den gastfreundlichsten und lebenslustigsten Menschen am Pamir. Während einer kleinen Wanderung zu mehreren Bergseen wollten wir zumindest einen kleinen Teil des Valleys genießen. Den Rucksack voll bepackt mit Jause und Badesachen spazierten wir los. Die Landschaft versprühte einen Hauch von Idylle und Bergromantik.
Wir wanderten entlang eines glasklaren Baches der gesäumt von schattenspendenden Bäumen war, rings umher wucherten wilde Kräuter und Wiesenblumen. Von überall her hörte man Bienengesumme, die eifrig damit beschäftigt waren Blütenstaub einzusammeln. Eine richtige Postkartenszenerie – zumindest solange bis Lennox wieder einfiel, dass Wandern ja eigentlich langweilig und anstrengend war. Wir waren wirklich bemüht ihn zu animieren und anzuspornen, doch wie schon die letzten Male – vergeblich! Hinzu kam, dass wir uns auf der Karte vertan hatten. Der geplante See war für eine halbtages Wanderung zu weit entfernt, und der, welcher zum Vorschein kam glich einem Moorasttümpel.
Lennox`s Gejammere nahm kein Ende und irgendwann platzte Leander der Kragen. In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht für möglich gehalten, was sich in den folgenden Minuten vor meinen Augen abspielen würde, doch es geschah.
Voller Zorn schmiss er seine sündhaft teure Kamera in hohem Bogen gegen die Felswand, die Go Pro und seine Sonnenbrille gleich hinterher. Schimpfend und fluchend legte er seinen Rucksack ab und ließ uns stehen. Völlig verdutzt und sprachlos sammelte ich die Gegenstände wieder ein. Schien alles noch heil zu sein, ausser ein paar Schrammen nichts passiert. Lennox und ich traten ebenfalls ohne ein Wort zu wechseln den Rückweg an. Irgendwann hatten wir Leander eingeholt, von da weg schlichen wir zu dritt stumm weiter. Bei Akela angekommen orderten wir den Kleinen in den Lastwagen während wir draussen sitzen blieben und Revue passieren ließen, was sich soeben ereignet hatte.
Beschämt über das eigene Verhalten, aber trotzdem noch sauer über Lennox`s Egoismus (doch was will man erwarten von einem fünfjährigen?) versuchten wir zu analysieren wie und was wir besser machen konnten. Eine Patentlösung ist uns leider nicht zugeflogen, allerdings waren wir der Meinung, dass wir gerade beim Bergsteigen und Wandern wohl nicht an dem Punkt ansetzen konnten, an dem wir in Österreich aufgehört hatten. Um ihm die Berge nicht ganz zu vermiesen, in denen wir Erwachsene uns so gerne bewegten, mussten wir wohl oder übel wieder ganz von vorne anfangen und, wenns nicht anders geht, bei jedem dritten Stein eine Pause einlegen.

Nachdem wir uns gegenseitig entschuldigt hatten und der Emotionspegel wieder auf Normalzustand gesunken war, stiegen wir in den Truck zurück und knatterten weiter Richtung Khorog. Dort sollten die Rumänen auf uns warten. Khorog ist die Hauptstadt der autonomen Provinz Gorno-Badachschan (GBAO, wofür man eine separate Erlaubnis benötigt) und befindet sich auf über 2.000m Höhe in einem engen Pamir-Gebirgstal. Die Stadt liegt eingebettet wie eine grüne Oase in der Bergwüste, ringsum ragten uns die Pamir-Gipfel mit über 4.000m entgegen. Jenseits des Flusses gab es einen Grenzübergang und einen der wenigen “Border Markets” zwischen den Afghanen und Tadschiken.
Doch leider hatte bei unserer Ankunft beides geschlossen. Nach einer Übernachtung auf dem Parkplatz des Homestays, indem sich die rumänische Familie für eine Nacht eingemietet hatte ging am nächsten Tag unsere Reise weiter nach Ishkashim.
Da die Nordroute ab Khorog immer noch gesperrt war, nahmen wir die südliche Route über den Wachankorridor – eine neutrale Zone zwischen Tadschikistan und Afghanistan, und Überbleibsel des “Great Game” zwischen Briten und Russen um die Vorherrschaft in Zentralasien.
Die Landschaft war wunderschön und abwechslungsreich, mit kleinen Siedlungen auf beiden Seiten und Flussauen wie grüne Oasen. Auf unserer Seite erhaschten wir kurz einen Blick auf die gletscherweiße Spitze des Karl-Marx-Peak (6.726m), auf der anderen Seite des Flusses begleiteten uns ab sofort die schroffen Gebirgszüge des Hindukusch.

In den Dörfern holten die Frauen Wasser aus den vielen kleinen Gebirgsbächen, die munter an den Häusern vorbei plätscherten. Da die verträumte Landschaft förmlich zum verweilen einlud, beschlossen wir dort unsere Zelte für eine Nacht aufzustellen.
Die Rumänen halt, denn wir mussten im Grunde nur den Motor abstellen und unser Zuhause war aufgebaut. Ich gesellte mich mit unserer Schmutzwäsche zu einer der Frauen am Bach und begann zu schrubben, die Kinder spielten am Wasser und die Männer gingen in Begleitung von zwei Einheimischen auf Fischfang, allerdings ohne Erfolg. Leider setzte ein herannahender Sturm mit heftigen Regenschauern der romantischen Campingidylle ein jähes Ende. Nur zu gerne hätten wir mit den tadschikischen Mädchen, die keine Scheue zeugten und sich zu uns gesellten, und zudem noch sehr gut Englisch sprachen noch weiter geplaudert, doch jeder rettete sich ins Trockene um nicht völlig durchnässt zu werden.

Nach einer großen Portion Spaghetti für alle freuten wir uns, ein wenig durch gefroren, auf unsere kuscheligen Betten. Am nächsten Morgen ließen wir uns mit dem Weiterfahren noch ein wenig Zeit und saugten die verträumte Landschaft rund um uns auf, ehe wir nach Ishkashim weiter fuhren.
Am meisten gefreut hatte ich mich auf den Besuch des Border Marktes in der Stadt, auf dem sich Tadschiken und Afghanen in der Mitte des Flusses auf einer kleinen Insel trafen und verschiedenste Ware zum Verkauf anboten.
Doch auch hier hatten wir Pech, denn der Bazar war bereits die letzten Wochen auf Grund von Taliban Gerüchten geschlossen. Während die Rumänen direkt nach Langar, zum nächsten geplanten Stop weiter rauschten, setzten wir unsere holprige Fahrt auf den Hügeln des Tales fort und besuchten die Überreste der uralten und sehr beeindruckenden Festung Yamchun, welche wir durch eine abenteuerliche Schotterpiste den Berg hinauf erreichten. Zweck der Errichtung war die Kontrolle dieses Teils der alten Seidenstrasse.
Doch das Beste daran, es war kein Eintritt zu bezahlen und außer uns war niemand dort. Lennox und ich versuchten die Bestimmung der verschiedenen Zimmer zu entziffern die noch erkennbar waren, während sich Leander mit der Kamera und seiner Drohne austobte. Die heiße Quelle von Bibi Fatima, vor deren Toren wir campierten, hatten wir zwar noch besichtigt, doch während wir zurück zum Truck gingen um die Badesachen zu holen, schloss sie vor unserer Nase. Weshalb es für uns kein 42 Grad heißes Wasser zum Planschen gab, was unseren durchgerüttelten Knochen sicherlich gut getan hätte. Am Morgen danach war es uns schlichtweg zu heiß dafür.

Wir rollten die Straße wieder hinunter und folgten der Hauptstrasse nach Langar, wo wir unsere Freunde wieder treffen wollten. Leider haben die Straßen schon deutlich Spuren hinterlassen, und so durften wir zum insgesamt vierten, oder war es das fünfte Mal?, unseren Suchscheinwerfer verstärken und neu montieren. Auf dem Weg durften wir eine unglaubliche und wahrscheinlich einzigartige Erfahrung machen.
Auf der afghanischen Seite schickten sich Nomaden zum Weiterziehen zusammen. Eine Gruppe von geschätzt 30 Menschen, die Frauen und Mädchen in den schillerndsten Rottönen gekleidet, bauten ihr Lager ab um an einem neuen Futterplatz für die Tiere zu wechseln. Während sich einige Stammesmitglieder mit den Schaf-, Ziegen- und Kuhherden bereits auf den Weg machten, packten die übrigen Männer die wenigen Habseligkeiten auf Pferde, Kamele und Yaks. Wegen seiner Anpassung an die extremen klimatischen Bedingungen seines Lebensraumes stellt das Yak im zentralasiatischen Hochland und den angrenzenden Ländern nach wie vor die Lebensgrundlage eines großen Teils der dort lebenden Menschen dar.
Es liefert Milch, Fleisch, Leder, Haar und Wolle und nach wie vor wird das Yak als Last- und Reittier genutzt. Frauen spülten das Geschirr im Fluss, während die Kinder munter umher tollten. Wir hielten Akela, stiegen aus und liefen runter ans Flussufer. Keine 20 Meter trennten uns von den Nomaden und Afghanistan. Wir hockten uns auf den Boden und betrachteten andächtig das bunte Treiben. Ja – es gibt sie noch, die Wanderhirten die ein Leben voller Entbehrungen, in einer der kargsten Regionen in den mächtigen Bergen Zentralasiens führen. Einer der Männer machte ein Zeichen, dass er uns mit dem Pferd über den Fluss bringen könnte, doch irgendwie verabsäumten wir der Einladung zu folgen. Weshalb uns nichts anderes übrig blieb als ihnen auf der anderen Flussseite mit Akela zu folgen. Mehrere Kilometer begleiteten wir sie auf ihrer Wanderschaft, doch leider hat sich keine Gelegenheit mehr ergeben um das Ufer zu wechseln. Selten in meinem Leben war ich von einer Situation so gefangen und überwältigt, da ich mir ziemlich sicher bin, eine derartige Natürlichkeit uralter traditioneller Lebensweise so schnell nicht mehr zu Gesicht zu bekommen.

Von nun an ging es nach Norden ins Hochgebirge. Der Khargush Pass mit 4.344 m rückte nur sehr gemächlich näher. Kaum schneller als mit 15 km/h mühte sich Akela die einspurige Schotterpiste nach oben. Und er machte sich prächtig, wenn man bedenkt welch Gewicht er mit sich schleppen musste. Wir befanden uns nun offiziell auf dem Dach der Welt und bewegten uns fortan auf mindestens 3.500 m über dem Meeresspiegel. Um der Höhenkrankheit entgegenzuwirken hatte jeder von uns eine Wasserflasche im Führerhaus die mehrmals täglich gefüllt wurde. Damit auch Lennox genügend trank, veranstalteten wir mit ihm ein Wetttrinken. Dass wir im Gegenzug dazu alle zehn Minuten halten mussten um zu pinkeln, sei nur nebenbei erwähnt.

Nach dem Pass änderte sich plötzlich die Kulisse. Der Horizont weitete sich, der Himmel wurde ganz groß und die Straße führte geradeaus bis zum Horizont. Plötzlich waren wir von Hochebenen umgeben auf denen Schafe, Ziegen und Yaks weideten.
In Langar übernachteten wir vor einem der wenigen Homestays. Während die Rumänen trotz unzähliger Decken in der Nacht fröstelten, schmissen wir unseren Holzofen an und hatten es schön warm und gemütlich. Unzählige Radfahrer haben wir auf dem Pamir Highway angetroffen. Tag ein Tag aus schraubten sie sich bei jeder Witterung die Straße empor. Die hartgesottenen unter ihnen campten sogar auf 4.000m in ihren Zelten. Ich zollte jedem großen Respekt der mit dem Drahtesel in derartig schroffen Regionen unterwegs war. Mein Ding wäre es nicht, muss ich ganz ehrlich zugeben!

Die Rumänen fuhren wie immer voraus, da sie bedeutend schneller unterwegs waren mit ihrer Ural als unser Oldie. Es war eine gute Entscheidung gemeinsam mit ihnen den Highway zu fahren. Vor allem die Kinder genossen die abendlichen Zusammenkünfte sehr, da sie tagsüber viel still sitzen mussten und erst abends Gelegenheit hatten um sich auszutoben. Dumm war nur, dass wir unterwegs nirgends spontan stoppen konnten, wenn uns danach war. Vor Abfahrt wurde die Tagesetappe besprochen und Treffpunkt war Abends.
Aber wir hatten uns selber ins Bockshorn gejagt. Wären uns die drei nicht so sympathisch gewesen, wären wir nicht so hurtig durch den Pamir gehetzt sein. Wobei das Wort „gehetzt“ in unserem Fall schier eine ironische Bedeutung bekam wenn man bedachte, dass wir für Strecken von 100 km oftmals neun bis zehn Stunden hinterm Steuer saßen, und das tagtäglich.
Wir lenkten Akela weiter durch das Alichur Tal entlang der Hochebenen und bogen in das kleine Örtchen Bash Gumbez ab. Anscheinend bestünde dort die Möglichkeit auf Yak`s zu reiten, was wir ausprobieren wollten. Mitten im Dorf stellten wir den Truck ab und waren sofort von Einheimischen umringt.
Überall zwischen den Jurten und Lehmhäusern grasten die Grunzochsen, wie Yaks auch noch genannt wurden. Zum Reiten kamen wir leider nicht, da keine Möglichkeit geboten wurde. Dafür konnten wir live beobachten, wie ein Bauer die Reste eines frisch geschlachteten Tiers aus seinem Kofferraum hievte und diese verarbeitete.
Andere hatten vermeintlich mehr Glück in Alichur als wir. Wie zum Beispiel Adriane Lochner, die während einer Yak Safari die Einzigartigkeit Tajikistan`s erkunden durfte. Und das könnt ihr hier im Bergzeit Magazin nachlesen.

Nach einigen Gesprächen später kletterten wir zurück ins Führerhaus und traten die Fahrt nach Murgab an. Die kleine Stadt war das einzig größere Versorgungszentrum des Ost-Pamirs und besaß sogar ein Hotel. Als wir daran vorbei fuhren trauten wir unseren Augen kaum. Iwe der Holländer, der uns in Tabris (Iran) für mehrere Tage Gesellschaft leistete, sprintete aus dem Hotel und lief unserem Truck etwas torkelnd, ob es jetzt an der Höhe oder am Alkohol lag will ich jetzt mal dahin gestellt lassen, hinterher.
Mihai hatte uns bei unserer Ankunft ebenfalls erspäht, denn wir waren ja kaum zu übersehen, und gesellte sich dazu. Da es aber schon spät geworden war verkrümelten wir uns kurz darauf in unsere Betten um zu schlafen. Alle, bis auf Iwe – der ging weiterfeiern.
Murgab war bekannt für seinen Container Bazar. In Reiseberichten und Reiseführern hatte ich von der „bezaubernden“ oder „malerischen Atmosphäre“ des Marktes gelesen, weshalb ich mich schon riesig auf die Abwechslung gefreut hatte. Als wir auf dem Gelände eintrafen war allerdings nicht viel von der angepriesenen Stimmung zu spüren. Alte, verrostete russische Container oder Lieferwägen dienten als Verkaufsstände. Angeprangert wurde alles angefangen von Klamotten, Spielsachen, Lebensmittel, Werkzeug... vorwiegend Ramsch aus China, das im Grunde um die Ecke lag. Lediglich einen kleinen Shop konnten wir ausfindig machen der traditionelle Handwerkskunst anbot.
Leander konnte sich in solchen Läden ja sprichwörtlich zu Tode shoppen, während ich mich gut unter Kontrolle hatte. Auffällig war unser kleiner Zwerg, der mit viel Liebe kleine Mitbringsel für seine Freunde aussuchte, um sie damit im September wenn wir für ein Monat nach Hause fliegen, zu beschenken. Stolz trugen Leander und Lennox ihre ergatterten Schätze zum Auto, ehe es weiter ging.
Ins Auge stachen uns in Murgab und auf dem Bazar unzählige Männer mit ihren traditionellen Kalpaks auf dem Kopf (kegelförmige Mützen, zumeist aus Filz). Sie gehörten der kirgisischen Minderheit in Tadschikistan an und verrieten bereits die Nähe zum Nachbarland.
Die Straße hinter Murgab führte bis 30 km an China heran. Dazwischen lag ein Stück Niemandsland, das durch einen Stacheldrahtzaun markiert war. Dass dieser oft eingerissen war, störte wohl niemanden. Ich vermute in dieser kargen, unwirtlichen Hochgebirgswüste standen illegale Grenzübertritte wohl nicht auf der Tagesordnung.

Jetzt wurde es noch einmal spannend, wir waren kurz davor den höchsten Punkt der gesamten Reise, den Ak Baital Pass mit 4.655m zu bezwingen. Der Anstieg zog sich lange und relativ flach hin, was sehr trügerisch war, denn man bemerkte kaum in welcher Höhe man sich befand. Grundsätzlich hatten wir während der gesamten „Pamir Überquerung“ keinerlei gesundheitliche Probleme mit der Höhe.
Kein Kopfweh, keine Übelkeit – nichts! Als wir allerdings am höchsten Punkt halt machten um für ein Beweisfoto auszusteigen machte sich bei jedem Schritt Schnappatmung bemerkbar. Rings um uns herum befanden sich nur noch schroffe Hochgebirgswüsten und Wildnis.

Die Atmosphäre war unbeschreiblich, wir befanden uns auf fast 5.000 m über dem Meeresspiegel, und trotzdem wirkten wir auf das Gesamtbild gesehen klein – wie Ameisen. Pik Lenin mit seinen über 7.000 m schien zum Greifen nahe zu sein, weitere 7.000 er reihten sich nicht weniger eindrucksvoll nebenan. Zwei Drittel des Landes bestehen aus alpinem Hochgebirge, kann man sich das vorstellen?

Nach einem letzten schwermütigen Blick über die Landschaft ging es für uns gemächlich bergab zum Karakol Lake und dem gleichnamigen Ort. Nach zwei Stunden Fahrt tauchte der blitzblau strahlende See vor unseren Augen auf. Er soll vor fünf Millionen Jahren durch einen Meteoriten Einschlag entstanden sein. Sein Beiname „Schwarzer See“ rührt aus der dunklen Farbe, die der 238 m tiefe salzige See in den Wintermonaten erhält.
Das Dorf mit seinen kleinen Lehmhütten wirkte wie ausgestorben. Lediglich neugierige Kinder und ein paar alte Menschen konnten wir vor einem kleinen Homestay erspähen. Bei dem Gedanken wie wohl hier die Wintermonate aussehen würden, fröstelte es mich unbewusst. Unglaublich welch harten Lebensbedingungen die Menschen hier standhalten müssen.

Und dennoch, oder gerade wegen der unwirtlichen Atmosphäre und gewaltigen, düsteren Landschaft fand ich es unglaublich anziehend.

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