Skip navigation

Blog

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 03.01.2018

Durch Sibirien bis ans Ende der Welt!

Russland – Sibirien, Oktober 2017


An der mongolischen Ausreisestelle wurde uns nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, weswegen wir natürlich nicht enttäuscht waren. Nach einer Stunde waren wir offiziell ausgereist. Da gab es bei der Einreise auf der russischen Seite mehr zu hadern. Schuld war unser Motorrad, dass den Unmut der Beamten auf sich zog. Ein Fahrzeughalter mit zwei Gefährten, das ging über ihren Verstand, denn Leander stand in beiden Papieren als Besitzer eingetragen. Es benötigte drei Stunden Erklärungsbedarf und Formulare ausfüllen, bis alle erforderlichen Daten korrekt in deren EDV System erfasst waren. Danach durften wir zur Visa- und Passkontrolle, hoffentlich ohne weitere Verzögerungen. Bei den Russen musste man mit allem rechnen. Alleine die Beschaffung der Visa in Österreich war kompliziert und kostete mich unzählige Stunden.
Wer verreisen will, braucht einen gültigen Reisepass. Doch der allein reicht meist nicht als Eintrittskarte, um in gewisse Länder einzutauchen. Oft wird ein Visum benötigt, dessen Beschaffung einen Rattenschwanz an Bürokratie mit sich zieht. Immense Geldbeträge müssen über den Tresen geschoben werden, verbunden mit Unmengen an Wartezeit, Geduld und Nerven die einem abverlangt werden.
Guckt man ein wenig hinter die Kulisse „Visa“, dann ist dieses Dokument eigentlich eine fragwürdige Angelegenheit. Denn die Entscheidung, wer unter welchen Bedingungen in einen Staat einreisen darf oder auch nicht, unterliegt der vollständigen Entscheidungsgewalt der einzelnen Staaten und ist ein Kernbereich deren Souveränität. Die Gründe, die zum Visumzwang führen sind berechnend und werden bestimmt durch:
die Beziehung auf staatlicher Ebene, was soviel bedeutet wie die einzelnen Staaten einander gesinnt sind. Auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, sind sie neutral oder in Konkurrenz, oder gar verfeindet oder im Kriegszustand. Die wirtschaftliche Überlegung spielt eine große Rolle, denn schließlich könnten wichtige Investoren durch einen Visazwang abgehalten werden.
Allerdings bedeuten teure Visagebühren eine hohe Einnahmequelle für ein Land.

Für eine Familie wie uns, die möglichst unkompliziert von Land zu Land reisen möchte bedeuten all diese Verflechtungen einen brutalen Zeitverlust bedingt durch Wartezeiten und Erkundigungen. Die hohen Visagebühren schlugen ein Loch in unser Budget, welches wir tausendmal lieber für Eintritte oder Aktivitäten auf unserem Konto verbucht hätten. Die Nerven die für uneinsichtige Beamte, Telefonate oder Interventionen draufgingen, hätten wir uns auch gerne erspart. Und zu guter Letzt zwang uns die unbegründete Verweigerung eines Visums einen Umweg von 2000km zu fahren, was mit einem kleinen Kind natürlich super lustig war. Soweit ein kleiner Exkurs in unsere persönlichen Visa Erfahrungen. Ich glaube es ist nachvollziehbar, dass wir die Sinnhaftigkeit eines Visums, deren Ursprung berechnende Argumente zu Füßen liegen, bisweilen etwas anprangern.


Doch in diesem Fall ging alles gut und wir durften ein zweites Mal in Russland einreisen.
Der ganze Papierkrieg hatte es nicht nur spät werden lassen, sondern er ermüdete auch schrecklich. Wir parkten Akela unweit der Grenze, aßen zu Abend und fielen in die Betten. Als wir am nächsten Morgen die Augen öffneten staunten wir nicht schlecht. Etwa zehn Zentimeter Schnee waren vom Himmel gefallen. Für Lennox bedeutete die weiße Pracht natürlich hellste Freude. Er schnappte sich seine Lego Fahrzeuge, zog sich an und sprang hinaus.
Unsereins stand den vorherrschenden Wetterbedingungen eher skeptisch gegenüber. Wir sind und bleiben einfach Temperatur verwöhnte Sommerkinder. Man konnte sich ausrechnen, dass die bevorstehenden 4.000 km bis Vladivostok kein Honigschlecken werden würden, wenn sich Schnee und Eis halten würden. Sibirische Winter sind gefürchtet, nicht nur von uns. Unsere launische Dieselheizung, die sich oft erst nach unzähligen Neustarts dazu entschloss zu funktionieren, leistete auch keinen Beitrag, um die Beine entspannt auf den Tisch legen zu können. Auch der Hilfsrahmen geisterte noch in unseren Gedanken umher. Sollte er nicht halten, dann wäre die karge Tundra eher eine unliebsame Gegend um sich gegebenenfalls nach Hilfe umzusehen. Doch so ganz ließen wir uns von den kalten Temperaturen und dem Neuschnee nicht entmutigen. Wir entschlossen uns einen Abstecher zum Baikalsee zu machen.

Der Baikalsee, was soviel heißt wie „reicher See“ ist ein Gewässer der Superlative. Er ist nicht nur der größte, tiefste und älteste Süsswassersee der Welt, er weist auch die beste Trinkwasserqualität auf. Eingelagert inmitten von Gebirgszügen bietet er zerklüftete Felsküsten genauso wie feinsandige Strände. Die Flora und Fauna, die sich um und im Wasser tummelt, ist von gigantischer Vielfalt. Rund 2.500 Tierarten und 1.000 Pflanzenarten sind im und um den Baikal zu finden. Etwa die Hälfte der Tierarten und ein Drittel der Pflanzenarten sind endemisch, das heißt, sie kommen nur hier vor und nirgends sonst. Es ist kaum zu glauben, aber im Winter ist der See von einer dicken Eisschicht bedeckt. Aufgrund von massiven Schneemassen sind viele kleine Dörfer rund um das Ufer von der Aussenwelt abgeschnitten. Deshalb werden alljährlich Eisstrassen quer über den See angelegt, sogenannte „Zimniks“, um die dort lebenden Menschen zu versorgen. Temperaturen von −50°C sind in der kalten Jahreszeit keine Seltenheit. Von der Grenze benötigten wir über die Stadt Ulan Ude einen kompletten Tag um an das Ostufer des Sees zu gelangen. Es war eisig kalt und die Sonne verabschiedete sich bereits gemächlich, was uns nicht daran hinderte warme Klamotten überzustreifen und einen Spaziergang zu machen. Die unendliche Weite des Wassers war beeindruckend und geheimnisvoll zugleich. Doch dies war nur ein Zwischenstop. Ziel war der 120km entfernten Transbaikal Nationalpark, der von einem schier unendlichen Sandstrand gesäumt wurde. An einem herrlich ruhigen Plätzchen direkt am Wasser stellten wir Akela ab. Die Sonne strahlte vom Himmel, sanfte Wellen plätscherten ans Ufer und Muscheln, soweit das Auge reichte. Lennox und ich liebten die aufgebrochenen Schalen der Meeresbewohner, und wo immer wir welche sahen, verspürten wir den Drang, die schönsten Exemplare einzusammeln. Bewaffnet mit einem Kübel machten wir uns an die Arbeit. Leander spannte in der Zwischenzeit unsere Hängematte und widmete sich einem Buch, was Seltenheitswert hatte, denn Entspannung und Leander, das sind zwei Substantive die nicht wirklich d`accord gehen. Nun, der Kleine und ich kamen außer mit Muscheln noch mit allerlei anderem Gerümpel zurück, welches sich hervorragend für ein Lagerfeuer eignete. Wir stapelten alles fein säuberlich auf, holten unsere letzten Marshmallows aus dem Truck und zündeten das Gehölz an. Die lodernden Flammen spendeten unseren mittlerweile durchgefrorenen Knochen eine wohltuende Wärme. Wir hielten uns in den Armen, blickten hinaus auf die weite See, sahen unserem Sohn beim Herumtollen zu und genossen einfach nur die Ruhe die das Naturschutzgebiet ausstrahlte, und das zwei Tage lang. Auf dem Retourweg füllten wir in Ulan Ude unsere Vorräte auf und schlenderten über den Wochenmarkt, der uns nicht sonderlich spektakulär ins Auge stach, was aber auch daran liegen konnte, dass wir in den letzten Monaten unzählige Märkte besucht hatten. Vielleicht waren wir einfach schon übersättigt! Wir verstauten die Einkäufe und klemmten uns hinters Steuer um noch ein paar Kilometer zu machen. Wie bereits erwähnt standen uns sagenhafte 4.000 km durch die sibirische Einöde bevor um nach Vladivostok zu gelangen, dem östlichen Ende der befahrbaren Welt, von wo wir mit Akela via Fähre nach Südkorea übersetzen wollen. Was fällt einem zu Sibirien ein? Brutale Kälte, enorme Schneemassen, Tundra und Taiga, einsam und verlassen! Bis auf den Schnee, der sich wieder verabschiedet hatte, Gott sei Dank, traf alles zu. Die Sonne ließ sich erst spät am Morgen blicken und verschwand relativ zeitig wieder hinterm Horizont. Somit waren die Tage kurz und die Nächte lang und kalt. Komplett vereiste Fensterscheiben erwarteten uns jeden Morgen. Der gravierende Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen hatte zur Folge, dass wir mit enormer Feuchtigkeit im Truck zu kämpfen hatten. Ein verhasstes Ritual wiederholte sich von nun an tagtäglich, auf das wir gerne verzichtet hätten. Um Schimmelbefall unter den Matratzen zu vermeiden, denn auch dorthin kroch die Nässe, war es nach dem Aufstehen nötig, das gesamte Bettzeug inklusive Matratzen abzubauen. Dem folgte ein Stoßlüften, um alles wieder trocken zu kriegen, wodurch es natürlich im Truck rasant schnell auskühlte. In Winterjacken putzten wir uns die Zähne und wuschen unsere Gesichter. Mit ebenfalls kaltem Wasser wohlgemerkt, denn über Nacht war das Wasser im Boiler natürlich ausgekühlt. Eine Action die uns gut und gerne 40 Minuten abverlangte, frei nach dem Motto, täglich grüßt das Murmeltier!

Bei der Wahl der Straße in die Stadt Chita, durch die wir auf unserer Strecke durchmussten, griffen wir dann auch noch einmal voll ins Fettnäpfchen. Knapp 500km Wellblechpisten vom Feinsten erwarteten uns. An eine vernünftige Beschäftigung mit Lennox in der Wohnkabine war nicht zu denken. Spielkarten, Malblöcke oder Bücher, alles wurde uns unter der Hand weggerüttelt. Steife Glieder, verspannte Nacken, Schubladen die trotz Sicherung auf und zu knallten, es war eine Katastrophe. Gerädert, demotiviert und mürrisch waren wir zu Sonnenuntergang froh, unseren Lastwagen abstellen zu können. Wo war uns eigentlich schon fast egal. Hauptsache die Rüttelei hörte auf, zumindest für einige Stunden.
Doch man musste auch das Positive herauspicken, bis jetzt hielt unser Hilfsrahmen. Es schien als hatte Sergej gut gearbeitet. Nach drei kaum enden wollenden Fahrtagen erreichten wir die Stadt, wo wir gleich an der Einfahrt von der Polizei gestoppt wurden. Normalerweise fuhr Leander bei Kontrollen gerne durch, aus dem einfachen Grund, da die Beamten beim Anblick von Akela gerne verabsäumten, uns rechtzeitig an den Straßenrand zu winken, und mit einem 10 Tonner empfiehlt sich keine Notbremsung. Er war da relativ schmerzfrei, die Beamten allerdings auch, denn bis heute ist uns keine einzige Streife gefolgt. Im Grunde waren sie nur neugierig. Sie verlangten die Fahrzeugpapiere, die sie sowieso nicht lesen konnten und warfen einen Blick in die Reisepässe. Dieser Beamte war ganz perplex und erkundigte sich nach dem Grund warum wir die schlechte Straße nach Chita genommen hatten, wo es doch eine zweite, gut asphaltierte gab. Mit einem erzwungenen Lächeln stiegen wir wieder ein und bissen uns gedanklich in den Hintern.
Warum? Gute Frage! Die gewählte Strecke war laut Navi um einige Kilometer kürzer, wir wollten Zeit und Diesel sparen. Der Schuss ging eindeutig nach hinten los! Für die Nacht stellten wir den Truck etwas außerhalb der Stadt in einem Waldstück ab. Wo immer es möglich war, verrichteten wir die kleine Notdurft im Freien. Hier im Niemandsland, umringt von Bäumen und Nebelschwaden schauderte uns jedesmal, wenn wir bei Dunkelheit unsere Komfortzone verlassen mussten. Doch irgendwann half alles zusammen kneifen nichts mehr und man musste raus, ob man wollte oder nicht.
Allerdings hegten wir keine Furcht vor Räubern oder Halunken die uns auflauern könnten. Wir fürchteten uns mehr vor wilden Tieren wie Bären, Wölfe oder sibirische Tiger, die alle in der Region heimisch waren, und sich nicht im Hinterland versteckten. Im Reiseführer war darüber zu lesen, Einheimische berichteten von Begegnungen und das Internet war voll von Videos und Berichten. Lennox durfte nur in Begleitung aussteigen. Wir Erwachsenen ließen die Eingangstüre offen, um bei Gefahr schnellstmöglich in den Lastwagen zu flüchten, wodurch ein sehr entspanntes Gefühl des „Wasserlassens“ entstand. Übrigens eine super durchdachte Vorsichtsmaßnahme von uns, die Türe offen stehen zu lassen.
Denn ein Tiger oder ein Wolf würden bestimmt so fair sein und uns die Option gewähren in den Truck zu springen, wenn sie der Hunger quälte. Summa summarum landete keiner von uns als Hauptspeise im Magen eines Raubtieres. Doch die Angst saß, vor allem mir, bei jedem Toilettengang im Nacken. Es war wieder einmal soweit, der Wecker klingelte um 05:30 Uhr. Die Nacht musste furchtbar kalt gewesen sein, denn nicht nur unsere Fenster waren vereist, sondern auch das Türschloss an der Innenseite. Für eine Gesichtswäsche mit eiskaltem Wasser war ich noch nicht in Stimmung, die musste warten bis wir durch die Motorwärme heißes Wasser hatten. Ich streifte mir die Jacke über und setzte mich zu Leander ins frostige Führerhaus. Lennox schlief noch tief und fest.

Auch Akela hatte Schwierigkeiten mit den eisigen Temperaturen. Das Anlassen des Motors artete jedesmal in ein Bangen und Hoffen aus. „Bitte, bitte spring an und lass uns jetzt nicht hängen!“. Es dauerte oft Minuten bis die Maschine lief, verbunden mit tiefschwarzen Nebelschwaden die aus dem Auspuff fleuchten. Bibbernd vor Kälte fuhren wir los. Wir waren noch keine viertel Stunde unterwegs, als Leander plötzlich die Hände zusammenschlug und rief: “Himmel noch mal, der Motor läuft heiß!“
Es war paradox, die Aussentemperatur lag bei −10°C und unser Motor kochte. Wir rollten an den Straßenrand damit er abkühlen konnte. Kühlflüssigkeit war genügend im Behälter. Leander füllte täglich Wasser nach. Am fehlenden Frostschutzmittel konnte es auch nicht liegen, solches gaben wir in reichlichen Mengen bereits in Ulan Bataar für bis zu −50°C hinzu. Wir waren ratlos! Die klirrende Kälte, verstärkt durch unbarmherzigen Wind der sie noch unerträglicher machte, waren beim Denken nicht gerade hilfreich. Wir schlossen die Motorhaube, sprangen in die Wohnkabine und setzten uns beide vor die Heizungsschlitze. Unsere Finger und Zehen schmerzten wie Hölle und tauten langsam durch die warm ausströmende Luft wieder auf. Es war zum Kotzen. Eine Fehleranalyse brachte uns nicht weiter. An ein kaputtes Thermostat glaubten wir nicht, denn im Grunde war es neu. Wir hatten es zuletzt im Iran getauscht. Konnte eventuell die Anzeige defekt sein? Nachdem unsere Körper wieder einigermaßen auf Betriebstemperaturen liefen, versuchten wir unser Glück erneut. Ich streifte mir schnell ein drittes Paar Socken über und kletterte zurück ins Führerhaus. Doch das Drama wiederholte sich. In null Komma nichts schoss die Nadel der Temperaturanzeige auf 100 Grad.
Verdammte Sch..... ! Warum, warum, warum??? Genau das waren die Momente in denen das Gehirn dem Zweifel Platz macht und man sich insgeheim die Frage stellt : “Warum tuen wir uns das überhaupt an!?“ Das Nerven tötende Hop on Hop off Spektakel wiederholte sich noch mehrmals. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen und hüllte die Szenerie in eine erträglichere Atmosphäre. Da der Körper in kalten Gefilden mehr Energie benötigte um sich warm zu halten, kräftigten wir uns erst mal mit einem ordentlichen Frühstück. So redeten wir uns zumindest unseren Winterspeck schön. Danach ging es zurück hinters Steuer. Und siehe da, ein Wunder war geschehen. Akela fuhr Kilometer für Kilometer bei einer konstanten Temperatur von 80 Grad, also normale Betriebstemperatur.

Für den nächsten Tag nahmen wir uns vor, den Motor bereits einige Zeit vor Abfahrt zu Starten. Wie gesagt, die Kälte war nicht seine Stärke. Vielleicht half es, ihn nicht mit kalter Maschine auf den Asphalt zu schicken. Doch leider falsch gedacht! Wieder und wieder überhitzte der Motor. Wir fuhren fünf Minuten, und stellten zehn Minuten ab, um das System runter zu kühlen. Mit diesem System würden wir bis zur Tankstelle die in wenigen Kilometern auf dem Navi eingezeichnet war, ewig brauchen. Wir versuchten einen vorbeifahrenden Truck zu stoppen und wollten den Fahrer bitten, uns bis zur Tanke zu schleppen. Einer hielt, der Mann erklärte uns, dass er noch eine Lieferung machen müsste und dann zurück kommen würde. Doch wir warteten vergeblich auf ihn. Bei genauerem Nachdenken auch irgendwie logisch. Wir befanden uns in the middle of nowhere, weit und breit war keine Stadt, kein Dorf noch nicht einmal ein Haus zu sehen. Wohin hätte er fahren sollen, um mal schnell eine Lieferung zu machen? Die nach folgenden LKW`s die wir anhielten konnten uns nicht helfen. Anscheinend besitzen moderne Sattelschlepper keine Schleppvorrichtung.
Irgendwann wurde es uns zu bunt und wir stiegen zurück ins Führerhaus. Leander startete den Motor und fuhr konstant bei niedriger Geschwindigkeit, um die Maschine so wenig wie möglich zu belasten. Die Tankstelle rückte zwar näher und näher, doch equivalent dazu stieg auch die Temperaturanzeige. Unsere letzte Idee war, dass vielleicht der Sensor von der Anzeige einfach nicht mehr funktionierte? Ja, das könnte es natürlich sein! Diesmal ignorierte Leander alle Warnsignale. Der Zeiger stieg auf 90 Grad, auf 95 Grad, immer höher und höher. Doch er nahm den Fuß nicht vom Gaspedal, im Gegenteil. Er trat es durch bis zum Anschlag und hoffte, dass die Anzeige auf dem Armaturenbrett vielleicht einfach nur defekt war? Verbissen hielt er das Lenkrad umklammert und donnerte darauf los. Selbst den Signalton der plötzlich losheulte interessierte ihn Nüsse. Er ließ nicht locker. Mit Schweißperlen auf der Stirn jagte er der Tankstelle entgegen. Das funktionierte exakt solange, bis es im Führerhaus nach Verbranntem roch. Kurz darauf stieg weißer Qualm vor der Windschutzscheibe empor. Abrupt bremste er ab, sprang ins Freie und öffnete die Motorhaube. Ein dichter Rauchschwall schlug uns entgegen. Für einen Moment waren wir in dichtem Nebel eingehüllt. Feuer konnten wir zum Glück nicht entdecken. Mit den Händen schaufelten wir Schnee vom Straßenrand und warfen ihn auf den Motorblock. Es zischte, rauchte, krächzte und dampfte, wie eine alte Dampflok! Mann oh Mann, welch Teufel hatte ihn da bloß geritten? Nervös schritt er auf und ab und fluchte vor sich hin. Tja, der Sensor ist auf jeden Fall nicht defekt.
Sollte die Quintessenz dieser Aktion ein Motorschaden sein, wäre das eine Katastrophe. Kleines Trostpflaster, zumindest waren wir bis kurz vor die Tankstelle gekommen ;-)

Nach und nach löste sich der Qualm. Sichtbare Schäden konnten wir nicht entdecken. Die Nadel der Temperaturanzeige bewegte sich allerdings keinen Millimeter nach unten. Warten und bangen war angesagt. Nach geraumer Zeit stand die Anzeige wieder bei 80 Grad. Die Stunde der Wahrheit! Mit mulmigem Gefühl drehte Leander den Zündschlüssel rum und drückte den Startknopf. Manchmal hatten wir wirklich mehr Glück als Verstand, der alte Knabe sprang an, ohne murren und meckern. Der Motor schien rund zu laufen. Wir dürften einem Super Gau knapp entkommen sein. Behutsam rollten wir die letzten Meter bis zur Tankstelle. Dort deckten wir uns mit reichlich Frostschutzmittel ein und füllten auch gleich ordentlich nach. Unsere letzte Vermutung der vorhergegangenen Stop and go Fahrten war, dass wir das Antifreeze, welches wir in Ulan Baatar eingefüllt hatten, mittlerweile schon so mit Wasser verdünnt hatten, dass es bei den Temperaturen kaum mehr schützte.
Teils gefrorenes Kühlwasser und vielleicht vereiste Lamellen des Kühlers wären eine logische Erklärung für das morgendliche Überhitzen. Dafür sprechen würde auch, dass im Laufe des Tages, wenn die Sonne die Temperaturen etwas nach oben klettern ließ, der Truck wieder einwandfrei lief. Dies dürfte dann auch die tatsächliche Ursache gewesen sein, denn ab diesem Zeitpunkt hatten wir keine Probleme mehr. Es folgten zwei weitere Fahrtage. Das Einzige was uns auf der nicht enden wollenden Etappe Richtung Osten treu blieb waren riesige Birkenwälder die wir hinter uns ließen. Gelegentlich blitzten die Schienen der Transsibirischen Eisenbahn durch, die sich ebenfalls Richtung Vladivostok durch die Tundra schlängelte. Zehn Tage saßen wir von morgens bis abends im Truck mit dem einzigen Ziel Kilometer zu machen. Gehalten wurde nur für kurze Pinkelpausen. Das Mittagessen, zumeist nur ein kleiner Snack, bereiteten wir während der Fahrt zu.

Da es unser Zeitplan gut mit uns meinte, hielten wir in der nächsten Stadt Chabarowsk. Unsere belgischen Freunde, die auf der selben Strecke die Vorhut bildeten, versorgten uns laufend mit allerlei Infos. Die von Chabarowsk klangen ganz interessant. Wir bogen in das Stadtzentrum ein und fanden nach längerem Suchen einen relativ gut geeigneten Stellplatz am Amur Fluß. Dachten wir zu dem Zeitpunkt jedenfalls.
Zu späterer Stunde als Lennox bereits schlief, gingen Leander und ich noch einmal vor die Türe. Wir waren noch keine Minute draußen, als zwei Männer zielstrebig auf uns zusteuerten. Sie erkundigten sich nach unserer Herkunft und waren am Truck interessiert. Gängige Fragen, die uns oft gestellt wurden. Es war nicht zu übersehen, dass zumindest einer der beiden intensiv am Wodkaglas genippt hatte. Da wir „good people“ und „friends“ waren, wankte einer zu deren Auto zurück und kam mit einer Flasche Whiskey wieder, die er uns als Präsent überreichte. Wir bedankten uns und wollten wieder in den Lastwagen einsteigen. Doch die beiden Russen hatten andere Pläne. In gebrochenem Englisch erklärten sie uns, dass es kalt wäre und wir doch zum Aufwärmen die Flasche öffnen sollten, wozu Leander und ich allerdings nicht in Stimmung waren. Höflich aber bestimmt lehnten wir ab und stiegen ein. Was für die beiden aber kein Anlass war, um zu deren Auto zurück zu kehren, im Gegenteil, ewig schnurkten sie um den Truck herum. Wir hatten zwar keine Angst, aber das Gefühl beobachtet zu werden, verursachte ein mulmiges Gefühl. Irgendwann gingen sie zurück zu ihrem Auto und stiegen ein.
Wir hofften, dass sie endlich abhauen würden, doch falsch gedacht. Sie stellten ihren Wagen einen Meter vor Akela, machten die Scheinwerfer an und drehten die Musik voll auf. Um ihnen zu vermitteln, dass sie uns damit nicht störten, schalteten wir das Licht in der Kabine aus um ihnen zu verklickern, dass wir schlafen gingen.
In Wahrheit beobachteten wir sie heimlich vom Fenster aus. Genauso wie sie uns, sie taten es nur offensichtlich und provokant. Irgendwann wurde es Leander aber zu blöd und er wollte raus um die Jungs einfach mal zu fragen, ob sie nicht ganz dicht seien. Was ich aber zu verhindern wusste und ihn bat, sie einfach zu ignorieren.
Dieses Katz und Maus spiel zog sich bis 06:00 Uhr morgens. Ich gab um 02:00 w.o. und schlief ein. Leander hielt bis zum bitteren Ende durch. Generell bin ich davon überzeugt, dass sie uns nichts böses wollten, eher hatten wir sie in ihrer Ehre gekränkt, weil wir keinen über den Durst mit ihnen trinken wollten.
Leander war out of order als unser Zwergnase pünktlich wie die Maurer morgens nach einem Frühstück verlangte. Auch mir hingen die Augenringe bis hinunter zu den Knien. Doch dem Kleinen war das natürlich schnurz egal, er hatte Hunger. Was kümmerte ihn ob wir bis spät nachts Wache geschoben hatten? Um Leander noch einige Stunden Schlaf zu gönnen, packte ich Lennox ein um in ein Museum zu gehen, was eigentlich recht nett war, wäre ich bloß nicht so müde gewesen.

Doch nicht nur schräge Vögel liefen in Chabarowsk umher, auch wahre Engel waren unter ihnen. Das Kennenlernen eines solchen verdankten wir einem puren Zufall. Sein Name war Theodor. Auf dem Weg in die Arbeit stoppte er tagtäglich am Kaffeekiosk der gleich bei uns ums Eck war. Akela erregte seine Aufmerksamkeit, weshalb er uns auf Facebook eine Nachricht schrieb, in der er uns seine Hilfe anbot. Nach der vergangenen Nacht zögerten wir etwas, schrieben ihm dann aber doch zurück, dass wir uns über einen Besuch von ihm beim Truck freuen würden. Wir hatten etwa eine Stunde gewartet und standen zufällig vor dem Lastwagen, als ein Toyota Tundra, der an Mächtigkeit unserem Koloss fast nichts nachstand, vor uns hielt. Ein sympathischer Mann Ende dreißig stieg aus, kam auf uns zu und stellte sich vor. Es war Theodor. Sein Englisch war sehr gebrochen, doch mit Google Translate und Alexander bekamen wir eine Konversation hin.
Alexander, unser Sprachrohr aus Barnaul, ich weiß gar nicht, wie oft er uns aus der Patsche geholfen hatte, wenn wir mit unserem Russisch am Ende waren. Es kann gar nicht oft genug erwähnt werden, danke für deine Hilfe und danke, dass du zu jeder Tages- und Nachtzeit am Handy abhebst, wenn wir ratlos am anderen Ende hängen.
Zurück zu Theodor, er war ein Phänomen. Er besaß eine Werkstatt und noch andere Firmen und war nebenbei ambitionierter Reisender. Natürlich vielen ihm die frischen Ölflecke auf dem Asphalt auf, die Akela hinterließ.

Die Ölflecken waren aber nicht das Problem, sondern ein kleines Leck im Heizungskühler. Weswegen wir permanent Kühlwasser auffüllen mussten. Wir schilderten ihm ein wenig die Troubles die wir bis dato mit unserem Oldie hatten, worauf hin er uns aufforderte, ihm in seine Garage zu folgen. Nun, was konnten wir verlieren? Wir vertrauten ihm und fuhren ihm kreuz und quer durch die Stadt in seine Halle nach. Seine Mechaniker nahmen Akela unter die Lupe. Da wir sowieso nichts ausrichten konnten außer abwarten, folgten wir Theodor`s Einladung und fuhren mit ihm in seinem Auto nach Hause zu seiner Familie. Lennox war schon ganz aufgeregt, er hatte mitbekommen, dass Theodor zwei Söhne hatte, die nur wenig älter waren als er. Wir packten das Nötigste zusammen, stiegen in den Tundra und hielten nach einer dreiviertel Stunde vor einem großen Haus, dass von einem hohen Zaun umringt war. Wow, wo waren wir da gelandet? Das Eingangstor öffnete sich automatisch und wir fuhren in die Garage. Dort viel dann vor allem meinen beiden Männern die Kinnlade einen Stock tiefer. Theodor hortete dort mehrere Schneemobile, einen weiteren Range Rover Defender, Motorräder und einen Klassiker – einen alten Nissan Skyline.
Ich fand`s ja nicht sooo aufregend, aber das liegt bestimmt an meinen femininen Genen. Wir gingen ins Haus und lernten den Rest der Familie kennen. Olesya, Theodor`s Frau stand ihm an Sympathie nichts nach. Ihre beiden Söhne David und Bogdan schnappten Lennox und verschwanden mit ihm in ihre Zimmer. Von Berührungsängsten war keine Spur. Kamilla, ihre 15 jährige Tochter würden wir später kennen lernen.
Familie Gvazava machte es uns wirklich leicht uns mehr als geborgen und wohl zu fühlen. Olesya gestaltete im Nu den Dachboden, den sie als Arbeitsbereich für ihre selbstständige Tätigkeit als Kosmetikerin nutzte, für uns zum Schlafbereich um. Gegessen und getrunken haben wir in den fünf Tagen die wir dort longieren durften, nur vom Feinsten. Mittlerweile dringend nötige Bedürfnisse wie Duschen oder Schmutzwäsche waschen verstanden sich von selbst. Beim Einkaufsbummel durch ein Shoppingcenter ließ es sich Olesya nicht nehmen, Lennox mit der ein oder anderen Kleinigkeit zu beschenken, und mir machte sie eine riesige Freude, indem sie meine rauhen und rissigen Hände mit einer Pflegepackung verwöhnte.

Die Männer frönten natürlich wichtigeren Dingen. Akela! Doch allem Anschein nach stand er nicht so desolat da, wie wir vermuteten. Er bekam einen Ölwechsel verpasst, das Leck am Heizungskühler wurde gelötet, seine Bremsen wurden eingestellt und Kabel für einen neuen Kompressor Anschluss wurden verlegt. Wir durften weder die Arbeitszeit, noch das Material und auch nicht den Kompressor bezahlen, den Theodor noch oben drauf legte. Und zu guter Letzt, so lustig es klingt, mussten wir bis nach Russland fahren um unsere Dieselheizung repariert zu bekommen. Weder die Herstellerfirma in Österreich noch diverse Service Partner unterwegs waren in der Lage, den permanent angezeigten Fehlercode zu beheben. Den Russen sei dank konnten wir der Kälte wieder getrost ins Auge blicken. So schien es zumindest.
Unser Aufenthalt bei Familie Gvazava viel genau in eine schulfreie Woche, somit war auch Lennox nicht langweilig.
Der Abschied von euch viel uns unheimlich schwer, deshalb haben wir die Abfahrt auch immer wieder verschoben ;-). „Mi casa es su casa“, oder auf russisch „moi dom, dvoi dom“ war für euch keine schnell daher gesagte Floskel, sondern ihr habt es wortwörtlich genommen. Ihr habt uns nach Strich und Faden verwöhnt und uns eine Gastfreundschaft entgegen gebracht, die wir in der Form noch nie erlebt hatten. Ihr seit zu Freunden geworden die wir nicht mehr missen möchten, vielen Dank dafür! Wir hoffen, dass wir euch zumindest mit unseren Erfahrungen und Erlebnissen die uns während unserer Reise widerfahren sind weiter helfen konnten. Denn die Familie plant in absehbarer Zeit ebenfalls eine Weltreise, für die wir euch alles Gute wünschen, und wer weiß, wo sich unsere Wege wieder kreuzen werden.

Back on the road again! Vladivostok rückte näher und näher. Am frühen Nachmittag des zweiten Fahrtages erreichten wir die City, endlich! Sie empfing uns eingehüllt in einer dichten Nebelsuppe. Vladivostok ist sieben Zeitzonen von der Russischen Hauptstadt Moskau entfernt, nur um sich einen Begriff von der Größe des Landes zu machen. Sie ist Endpunkt der Transibirischen Eisenbahn und zugleich der größte und bedeutendste Osthafen am chinesischen Meer. Kreuzfahrtschiffe, Öltanker, Fracht,- und Militärschiffe säumten die gesamte Küste der Stadt. Kräne reihten sich aneinander, Frachtcontainer wo immer man hinsah. Unglaublich, ich hatte noch nie einen größeren Hafen erblickt.

Auf Grund der Lage in einer Hügellandschaft an der Pazifikküste, wegen seiner Buchten und Häfen, der historischen Bebauung und nicht zuletzt auch wegen des Nebels hat der sowjetische Generalsekretär Nikita Chruschtschow diese Stadt angeblich einmal als das "San Francisco Russlands” bezeichnet. Tatsächlich ist der Vergleich nicht so abwegig. Es war schwierig einen geeigneten Übernachtungsplatz zu finden. Trotz der vielen Parkplätze waren die meisten als Schlafplatz ungeeignet, da sie abschüssig waren.
Yuri, ein Agent der uns bei den Zollformalitäten bei der bevorstehenden Verschiffung nach Südkorea behilflich war, konnte weiterhelfen. Er lotste uns an einen riesigen Parkplatz der in vielerlei Hinsicht günstig war. Relativ zentral zur Altstadt, beinahe direkt neben dem Hafen Terminal, und sein Büro lag auch gleich um die Ecke. Perfekte Lage. Um den angebrochenen Nachmittag noch halbwegs sinnvoll zu nutzen, statteten wir Yuri einen Besuch in seinem Büro ab. Wir hatten uns nicht angemeldet, hatten aber Glück und trafen ihn an. Wir besprachen den Ablauf der Zollabwicklung und seine Kollegin Svetlana fertigte Kopien der erforderlichen Papiere an. Check, der erste Teil für die Fährüberfahrt war erledigt.

Ein Besuch bei DBS Ferry, der einzigen Reederei die von Vladivostok nach Donghae (Südkorea) bzw. Japan fuhr, stand für den nächsten Tag auf dem Plan. Seit Wochen waren wir mit Olga, einer Angestellten von DBS Ferries, in Kontakt und verhandelten über Preise, Termine, Versicherungen und sonstigen Kram. Bislang hatten wir nur eine Platzreservierung auf dem Schiff für den 15. November getätigt, den Rest wollten wir mit ihr persönlich klären. Unser ursprünglicher Plan sah so aus, dass wir mit DBS nach Südkorea übersetzen wollten um dort für einen Monat zu bleiben. Im Anschluss war gedacht, dass wir mit derselben Firma weiter nach Japan schiffen wollten. Doch Olga schaffte es mit ihren wirren Kalkulationen, dass wir unser Vorhaben nochmals komplett überdachten und in der Folge umdisponierten. Alleine die Unterbrechung in Südkorea hätte uns 1.000 € extra gekostet.
Dass wir für unser Motorrad separat Fracht bezahlen mussten, obwohl es mit dem Truck eine Einheit darstellte, ergab sich auch erst im direkten Gespräch. Obwohl, das könnte auch meine Schuld gewesen sein. Ich war mir bei der Flut an Mails die ich mit Olga hin und her geschickt hatte gar nicht mehr sicher, ob ich das Zweirad überhaupt erwähnt hatte. Es war schon Frechheit genug, dass wir bei Ankunft im Hafen von Donghae für den Truck UND das Motorrad eine Versicherung abschließen mussten. Doch darüber regten wir uns noch nicht sonderlich auf. Wir hofften diesen Posten mit dem Agenten vor Ort klären zu können, denn die Cross wollten wir gar nicht benutzen, wozu also Versicherung bezahlen? Schlussendlich buchten wir nur die Strecke Russland - Südkorea bei ihr, die günstigste Variante, was trotzdem sündhaft teuer war. Knapp 2.500 € kostete uns der Spaß. Doch es gab keine Alternativen. Für die Weiterfahrt von Südkorea nach Japan wollten wir uns auf der Halbinsel nach günstigeren Möglichkeiten umsehen. Es gab Verbindungen, wir mussten nur wieder neu recherchieren.

Mit Lennox im Schlepptau entpuppten sich solche Termine meist als Bewährungsprobe für die Nerven. Einerseits musste man den Kleinen in Zaum halten damit das Büro halbwegs intakt blieb, andererseits sollte man einen klaren Kopf bewahren, um nicht komplett aus der erforderlichen Materie auszusteigen. Doch zu guter Letzt hatten wir ein gültiges Fährticket für uns und den Truck in der Tasche.
Sollte mal jemand planen vom Hafen Vladivostok zu verschiffen, dann können wir mit gutem Gewissen die Agentur Links Lt. weiterempfehlen. Yuri und Svetlanda leisteten hervorragende Arbeit und ersparten uns dadurch mindestens zwei Tage die wir im Alleingang benötigt hätten, um alle zuständigen Behörden für die Zollabwicklung zu finden. In unseren Augen war die Gebühr von 150$ gut investiert. Zusätzlich managte Yuri, dass wir bis zur Verladung im Truck bleiben durften. Von anderen Reisenden wussten wir, dass sie sich für die Nacht vor Abfahrt um ein Hotel kümmern mussten. Somit waren wir wieder kurzfristig frei von Sorgen und konnten uns angenehmeren Themen widmen.
Vladivostok kann von sich behaupten, die einzige Zahnradbahn Russlands zu betreiben. Endpunkt der kurzen Fahrt ist eine Aussichtsplattform die einen gigantischen Blick über die Stadt gewährt. Ins Auge stach dabei die monumentale Brücke, welche die Innenstadt mit den umliegenden Inseln verband. Lennox liebte Städte bei Nacht, aus dem einfachen Grund weil ihm die vielen Lichter und bunten Leuchtreklamen gefielen.
Ansonsten betrieben wir nicht sonderlich viel Sightseeing in der Stadt. Um Museen, Kirchen oder anderen „Must sees“ die in Reiseführern erwähnt waren, machten wir gerne einen großen Bogen. Raus in die Natur, das lockte uns mehr an.
Da wir bis zu unserer Abfahrt am 15. November noch einige Tage Zeit hatten, planten wir einen Ausflug auf Russky Island, einer Insel die der Stadt vorgelagert war. Sie war durch eine Brücke mit dem Festland verbunden und sollte traumhafte schöne Strände besitzen, Vielleicht konnten wir dort ein nettes Plätzchen finden, wo wir bis zu unserer Abfahrt campen konnten. Außerdem befand sich auf ihr das weltweit größte Ozeanarium. Wir sind zwar keine Fans solcher Einrichtungen, doch nach der mühsamen Fahrt vom Baikalsee bis Vladivostok, die wir in knapp 14 Tagen bewältigten, und dem Büromarathon bis die Verschiffung im Kasten war, hatte sich unser Kleiner eine Abwechslung redlich verdient.

Das Aquarium war ganz ok und wir verbrachten einen ganzen Tag darin, der Rest der Insel war, wie soll ich sagen, unheimlich? Nicht wegen der Straßen die mit zu den Schlimmsten zählten auf denen wir je gefahren waren. Nein, es war das Ambiente der Insel welches einen Charme versprühte, der uns 70 Jahre zurück in eine unliebsame Vergangenheit katapultierte. Irgendwie hatten wir das Gefühl Stalin im Nacken sitzen zu haben, und Schlagwörter wie Glasnost oder Perestrojka mussten erst von der Geschichte geschrieben werden. Verfallene Kasernen und Militärstützpunkte waren allgegenwärtig, und bei genauerem Betrachten konnte man auch Schutzbunker erkennen. Selbst die wenigen bewohnten Häuser die wir passierten wirkten auf den ersten Blick tot. Das trübsinnige Wetter trug das letzte Schäufelchen zur Weltuntergangsstimmung bei. Wo die exzellenten Strände waren, die der Reiseführer versprach, keine Ahnung. Wir haben sie nicht entdeckt.
Ohne Herzschmerz kehrten wir am nächsten Tag der Insel den Rücken zu und steuerten den vertrauten Parkplatz in Vladivostok an. Das Warten auf die Fähre ließ sich dort angenehmer und abwechslungsreicher gestalten, bis es endlich hieß: „Leinen los, Südkorea wir kommen!'

Kommentare (1)

  1. Robin Cyrnik
    Robin Cyrnik am 06.07.2018
    Toller Artikel! Eine gute Reise Euch!

Neuen Kommentar schreiben