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Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 30.10.2017

Auf zu den grimmigen Russen!

Russland, August 2017

Zeitig am Morgen packten wir zusammen und machten uns auf zur russischen Grenze. Wir hatten etwas Spundus vor der Einreise, denn viele Reisende die wir unterwegs trafen, warnten uns vor den „bösen“ Russen. Sie sollten rüde und ruppig sein, und einem Späßchen eher verschlossen sein. Wir waren gespannt, denn der einzige Russe der uns bis dato über den Weg lief war Alex aus Moskau, und der hätte lustiger nicht sein können.
Die kasachische Ausreise verlief ohne Probleme. Nach einer kurzen Wartezeit mussten wir alle drei vor einen Schalter treten, wo uns der Beamte ohne großes Nachfragen den Exit Stempel im Pass quittierte. Akela blieb unkontrolliert. Weiter ging es zu den russischen Behörden. Ein großer Reisebus war vor uns an der Reihe und sorgte für etwas Verzögerung, doch im Grunde verlief alles ohne Komplikationen. Verwirrt hatte die Beamten lediglich die Tatsache, dass wir keinen Ausreisestempel von Kasachstan in unseren Reisepapieren vorweisen konnten. Denn wie bereits erwähnt, besitzt ein jeder von uns zwei Reisepässe, und das Russland Visa war in den zweiten Pässen eingeklebt. Doch der Ungereimtheit konnten wir schnell Abhilfe verschaffen, indem wir den Beamten beide Pässe vorlegten. Somit hatte alles seine Richtigkeit. Den Truck inspizierten die Russen im Schnellverfahren und gaben schlussendlich grünes Licht für die Durchfahrt.
Auf der russischen Seite angelangt schlossen wir eine KFZ Versicherung für €40 ab. Auch mit Internet konnten wir uns an Ort und Stelle eindecken. Es ersparte in der Folge Zeit, wenn man Besorgungen wie Internet oder Versicherung gleich an der Grenze abhacken konnte, wobei manchmal die schnellste Lösung auch nicht immer die beste Lösung ist, da man zum Teil auch nur gefaktes Zeugs bekommt. Froh, die Kontrollpunkte reibungslos überstanden zu haben, fuhren wir auf ausgezeichneten Straßen auf russischem Boden.

Unsere erste Anlaufstation war die Stadt Barnaul. Dort waren wir bereits mit Alexander in regem Kontakt, der für ein großes Ersatzteilelager tätig war. Da die kasachische Werkstatt es nicht gebacken bekommen hatte unseren Oldie durchzuchecken, versuchten wir nun unser Glück in Russland.
Dank eines langen Arbeitsaufenthaltes in Deutschland sprach Alexander unsere Muttersprache beinahe akzentfrei, was für uns natürlich super hilfreich war. Ungefähr 100km vor Barnaul schmissen wir allerdings unseren Plan, direkt in die City zu fahren, über den Haufen. Es dunkelte bereits und wir wären Abends in die Stadt gekommen, wo wir so oder so nichts mehr ausrichten hätten können. Wir fanden einen schönen Campingspot an einem kleinen Teich und aßen gemütlich zu Abend. Nach einer Gute Nacht Geschichte brachten wir Lennox ins Bett. Wir selbst klemmten uns, wie sooft wenn der Kleine eingeschlafen war, hinter unsere Laptops und begannen zu arbeiten, denn zu tun gab es immer etwas. In diesem Fall suchten wir verbissen im www nach der günstigsten Möglichkeit, um Flüge nach Hause zu ergattern. Denn Mitte September planten wir, für drei Wochen, nach Hause zu fliegen. Diese Aufgabe forderte uns bis 02:00 Uhr früh, ehe wir hundemüde, aber mit drei Flugtickets in der Tasche, in unsere Betten fielen.
Der Wecker blieb stumm an diesem Morgen, bis wir irgendwann von den warmen Sonnenstrahlen geweckt wurden, die durch die Dachluke blitzten. Wir standen auf und erledigten die Morgentoilette, konnten uns jedoch kaum zum Weiterfahren motivieren. Kurzerhand kuschelten wir uns alle drei wieder ins Bett und ließen am Computer großes Heimkino laufen. Wir schauten „Moana“, einen der neuesten Disney Klassiker, den wir uns im Iran auf einen Stick spielen lassen hatten.
Dass sich dieser Kinderfilm derartig in unsere Herzen einschlich und uns in unserem Handeln enorm beflügelte und motivierte, damit hatten wir nicht gerechnet. Es artete schier in einem Moana Hype aus. Leander lud den Soundtrack herunter, der von da an non stop rauf und runter lief. Wir lachten, tanzten und sprangen im Takt zur Musik, umarmten uns und wogen uns sicher, dass uns nichts auf unserer Reise aufhalten konnte. Bestens gelaunt hüpften wir am späten Nachmittag ins Führerhaus und brausten die restlichen Kilometer nach Barnaul. Unser ständiger Begleiter aus dem Lautsprecher der Box, der Soundtrack von Moana.

Während der Fahrt vereinbarten wir mit Alexander einen Treffpunkt bei einer MAN Werkstatt, die er als sehr fähig empfand, was sich schlussendlich dann aber als gehöriger Fehlgriff erwies. Aber dazu später.
Gegen 20:00 Uhr trudelten wir an besagtem Treffpunkt ein. Alexander wirkte auf Anhieb sehr sympathisch. Leander erklärte ihm die Punkte, die wir bereits wussten, dass sie repariert gehörten. Im Anschluss lotste uns Alexander noch auf einen Stellplatz gleich neben der Werkstatt und versprach, am nächsten Morgen pünktlich vor Ort und Stelle zu sein um gemeinsam mit den Mechanikern alles zu besprechen.

Pünktlich um acht klopfte Alex an Akela`s Tür. Nach einem kurzen Smalltalk wurden die Werkstatttore für unseren Oldie geöffnet und ein erster Lokalaugenschein fand statt. Sascha, wie man Alexander auf russisch auch nannte, und Leander gingen Schritt für Schritt mit den Mechanikern unseren Truck durch. Nach mehreren Stunden bekamen wir eine erste Diagnose. Unsere Servolenkung leckte, die Stabilager vorne gehörten getauscht, die Lenkstange und Spurstange mussten erneuert werden, der Differentialsimmering hinten ausgetauscht und noch so Kleinigkeiten. Im Grunde all das, was wir bereits seit Kasachstan wussten und mitunter Gründe für den Besuch der Werkstatt waren. Jetzt war Alexander an der Reihe um Ersatzteile zu organisieren. Er konnte uns nichts zusagen, versprach aber sein Bestes zu geben.

Somit hatten wir am Nachmittag frei. Die Sonne stand hoch am Horizont und gab ihr Bestes, um uns zum Schwitzen zu bringen. Lennox und ich kundschafteten ein nahe gelegenes Schwimmbad aus, während Leander im Truck blieb und sich über seine Fotos stürzte.
Am nächsten Tag besuchten wir den Zoo in Barnaul. Nun, Zoos an sich sind immer so eine Sache für sich. Sollte man sie nun unterstützen, da sie den Tieren ein neues Zuhause bieten, sie vielleicht als praktisches Lernbeispiel für Kinder sehen? Oder eher doch boykottieren, da wilde Tiere schlussendlich doch nur in engen Käfigen wider ihrer Natur gefangen gehalten werden und rein für den Menschen und das Geld zur Schau gestellt werden? Kommt sicherlich auch immer auf den jeweiligen Zoo an und sicher ein endloses Thema, über das man ewig diskutieren könnte. In diesem Fall war es allerdings offensichtlich, dass diese Tiere nicht mal ansatzweise artgerecht gehalten werden. Wölfe, Tiger und Leoparden in kleinen Käfigen eingezäunt, Seite an Seite mit den jeweiligen Rivalen, kaum Rückzugsmöglichkeiten. Ein Paradebeispiel wie ein Zoo auf keinen Fall sein sollte – unserer spärlichen Meinung nach zumindest.
Schwer enttäuscht und fassungslos holte uns Alexander gegen Abend vom Zoo ab und wir fuhren zurück zu Akela. Dort angekommen machte er den Vorschlag gemeinsam Abendessen zu gehen, was wir natürlich gerne annahmen. Bei dieser Gelegenheit lernten wir auch seine Freundin Alisia kennen. Sie führten uns in ein schickes Restaurant in dem wir vorzüglich speisten. Auch die Getränkekarte konnte sich sehen lassen, mit dem Nachteil, dass sich Mojito und Co ordentlich auf der Rechnung bemerkbar gemacht hatten. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Leicht angesäuselt ließen wir uns von zwei Taxis getrennt voneinander nach Hause kutschieren.
Mit leichtem Kopfbrummen öffneten wir Alex am nächsten Morgen die Türe. Frisch gebrauter Kaffee, den der Russe in rauhen Mengen konsumierte, stand bereits auf dem Ofen.
Er erklärte uns, dass einige Ersatzteile bereits auf seinem Schreibtisch lagen, andere wiederum bereiteten ihm Kopfzerbrechen. Eventuell mussten sogar welche aus Moskau eingeflogen werden. Es war unglaublich mit welchem Einsatz sich Alexander um uns kümmerte. Er wich nicht von unserer Seite, vernachlässigte seine übrige Arbeit, orderte Taxidienste um in die Wäscherei zu kommen, erledigte mit uns einen Großeinkauf, fuhr mit uns ins russische Bauhaus und plauderte nebenbei über die Geschichte und Politik seines Landes. Abends, nach ihrem Job gesellte sich Alisia meist hinzu. Es erweckte den Anschein als hätten sich die beiden zur Aufgabe gemacht uns keine Sekunde im Stich zu lassen.

Drei Tage waren bis jetzt vergangen, die wir schon in der Werkstatt standen. Am Vierten waren die Teile da und die Arbeit begann. Die Zusammenarbeit mit den Mechanikern lief, wie grundsätzlich in allen Werkstätten, mühsam und nervenaufreibend. Gearbeitet wurde nur dann konsequent, wenn Leander daneben stand und die Jungs sprichwörtlich antrieb. Immer mit dabei Alexander, der die sprachliche Barriere beseitigte. Für Lennox und mich waren solche Tage natürlich auch nie ein Honiglecken.
Wir waren auf Weltreise, da geisterten einem andere Bilder durch den Kopf als auf dreckigem Werkstatt Gelände Fußball zu spielen. Am Abend des fünften Tages schienen die Reparaturarbeiten abgeschlossen zu sein. Leander sprang ins Führerhaus und drehte eine kleine Proberunde auf dem Gelände. Doch was war nun? Der Truck ließ sich nur mit massiver Krafteinwirkung schlecht steuern bis auf einmal das Lenkrad mühelos zu drehen war – ohne dass sich die Reifen bewegten?
Mit hängenden Mundwinkeln und sichtlich angefressen blieb Akela vor der Werkstatt liegen. Leander und Alexander suchten ein Stell dich ein mit den Mechanikern, was sie aber auch nicht schlauer werden ließ. Es half nichts, der Truck musste zurück in die Werkstatt und erneut unter die Lupe genommen werden.
Ich hatte noch nicht erwähnt, dass die MAN Werkstatt im Schichtbetrieb 24 Stunden arbeitete. Bis dato hatten wir das Glück, dass am Truck unter Tags geschraubt wurde, Abends stellten wir Akela auf das Gelände raus und vernahmen nur aus der Entfernung den Krach der Werkstatt. Dies sollte sich nun ändern.

Alexander und Alisia hatten furchtbar Mitleid mit uns und versuchten uns zu überzeugen, doch zumindest für einige Stunden mit ihnen in ihre Wohnung zu kommen, um ein wenig Erholung zu finden. Ihre Fürsorge war wirklich rührend und zu guter Letzt ließen wir uns auch überreden, was sich später als Fehler herausstellte. Denn als wir um Mitternacht mit dem Taxi in die Werkstatt zurückkamen, lag die Servolenkung ausgebaut neben dem LKW. Von den zuständigen Mechanikern war jede Spur verloren.
Leander schlug Radau und rotierte im Kreis. Von den anwesenden Kollegen erfuhr er, dass „unsere“ Leute Schichtwechsel hatten und nach Hause gegangen waren. Unverrichteter Dinge ließen sie uns in Unkenntnis zurück, niemand wusste Bescheid. Es blieb uns nichts anderes übrig als auf den nächsten Morgen zu warten.
Lennox war bereits auf dem Rückweg im Taxi eingeschlafen, weshalb er mit dem Einschlafen bei dem Werkstattgetöse weniger Probleme hatte. Gott sei Dank zählte er zu den Kindern die einen gesegneten Schlaf hatten, aus dem ihn kaum etwas wachrütteln konnte. Er schlief durch bis zum nächsten Morgen. Leander und ich hatten da schon eher unsere Probleme, die jeder auf seine Art zu bewältigen versuchte. Während Leander sich mit Kopfhörern, aus denen laute Musik drang, auf der Essbank zusammenkauerte, wälzte ich mich im Alkoven hin und her. Es war schwül und stickig, es roch nach Öl und Diesel, Pressluftgehämmer und Geschraube waren allgegenwärtig und dazu die anwesenden Mechaniker, die ständig irgendwo herumwuselten. Es war unerträglich und kaum auszuhalten. Leander war in einen leichten Schlaf gefallen, ich konnte kein Auge zutun. Vodka sei Dank konnte ich dieses Problem nach ein paar Gläsern dann doch noch bereinigen.

Unser erster Anruf am nächsten Morgen galt Alexander, der wiedermal sofort an Ort und Stelle war. Wir fanden heraus, dass beim Ausbau der Servolenkung wohl die Kugeln des Lagers verloren gegangen waren und das gute Stück somit unbrauchbar war. Reparieren konnte das Ding in dieser Werkstatt auch niemand und wann oder wo oder wer das konnte, wusste auch niemand. Was aber niemanden weiter zu kümmern schien. Leander war auf 180, nein das reichte nicht. Er war kurz vor dem Explodieren. Er bat Alexander mit ihm zum Werkstattleiter zu gehen und „wortwörtlich“ zu übersetzen, was er ihm zu sagen hatte. Alex schlich hinter Leander her, vermutlich mit leichtem Bauchweh.
Einwenig hatte er Leander bereits kennen gelernt in den letzten Tagen und er konnte sich wohl vorstellen, was jetzt folgen würde. Ein Wortschwall hagelte vom Himmel und Alex übersetzte brav. Er verklickerte dem Chef, dass wir nun seit Tagen, und wie es aussieht noch auf unbestimmte Zeit, IN der Werkstatt stehen, mit einem Kind. Keine Entschuldigung für die entstandenen Schäden, keine Bemühungen das zu beheben, keine Frage ob wir eventuell was zu Essen oder Trinken benötigen, ob wir schlafen können oder nicht. Dass Fehler passieren können, sei menschlich, aber dass hier sei eine respektlose Art und Weise.
Und eines versprach Leander dem Chef noch. Falls bis heute Abend der Schaden nicht behoben werden würde – wir würden nicht nochmal IN der Werkstatt schlafen bei dem ganzen Lärm. Notfalls würden heute Abend die Lichter in der Werkstatt ausgehen! Und wer Leander kennt weiß, dass er immer seine Versprechen hält!

Der Chef gab sich sehr einsichtig. Eine Entschuldigung kam ihm jedoch immer noch nicht über seine Lippen.
Nach langem hin und her wurde ein Spezialist ausfindig gemacht, der die Lenkung möglicherweise reparieren konnte. Allerdings nicht mehr am selben Tag. Was blieb uns anderes übrig? Wir mussten abwarten und Tee trinken. Ein Nerventee wäre nicht schlecht gewesen, hatten wir aber leider nicht dabei. Die Servolenkung wurde per Botendienst zu besagtem Spezialisten geführt. Wir konnten nichts tun und saßen auf Nadeln. Dem Himmel sei Dank, dass Leander nicht eindeutig herausfinden konnte, wer für den verursachten Schaden zuständig war. Denn das hätte böse für denjenigen ausgehen können. Da Akela fahruntauglich war, rückten die Jungs am Abend mit Brechstangen an, setzten sie an den Felgen an und rüttelten den Truck Zentimeter für Zentimeter aus der Garage, was natürlich auch nicht ohne Schrammen von statten ging. Doch zumindest hatten wir eine halbwegs ruhige Nacht.
Im Laufe des nächsten Tages trudelte unsere Servolenkung ein, offensichtlich repariert. Alexander veranlasste den Einbau und wir traten nervös auf der Stelle rum. Irgendwann kam dann die erlösende Info, dass alles wieder am rechten Platz sei und einwandfrei laufen sollte.
Leander traute dem Frieden nicht ganz. Er sprang sofort hinters Steuer, fuhr Akela aus der Garage und drehte einige Runden mit ordentlichem Radeinschlägen.
Servolenkung schien zu funktionieren, Lenkspiel hatten die Jungs aber nicht eingestellt und das Lenkrad war komplett schief beim Geradeausfahren.
Also, nochmals zurück in die Werkstatt und neu einrichten.
Wir hatten den Glauben schon ein wenig daran verloren, doch spät Abends kam der Moment und wir rollten aus dem Werkstatt Gelände. Der Abschied von der MAN Garage verlief kurz und schmerzlos.
Der von Alexander und Alisia am nächsten Tag war schon bei weitem emotionsgeladener. Vielen, vielen Dank für eure Aufopferung und Bemühungen. Alexander machte es sich zur Aufgabe während des gesamten Aufenthaltes 24 Stunden für uns zur Verfügung zu stehen. Abgesehen von seinen unermüdlichen Übersetzungsdiensten die er leistete, organisierte er Ersatzteile, die im Grunde nicht verfügbar waren, und das auch noch zu erschwinglichen Preisen. Von seiner Freizeit, die er für uns opferte, ganz zu schweigen. Alisia verbrachte ebenfalls jede freie Minute nach ihrem Job bei uns in der Werkstatt und versuchte uns, und vor allem Lennox, bei Laune zu halten. Das war alles nicht selbstverständlich und wir hoffen uns irgendwann bei euch revanchieren zu können. Mehr als ein großes Dankeschön können wir euch momentan nicht geben, doch das kommt von Herzen.

Nach diesem Werkstatt Marathon erhofften wir uns einige erholsame Tage im russischen Altai. Ganz im Süden Sibiriens, dort wo Russland, Kasachstan, China und die Mongolei aufeinandertreffen, liegt die Republik Altai.
Das Gebirge ist durch die Vielfalt seiner Flora und Fauna und die altaische Kultur mittlerweile ein Anziehungspunkt für viele Menschen. Bis in Höhen von 1800m sind die Berghänge mit Zedern, Kiefern, Lärchen, Fichten und Birken bewachsen. Abgesehen von der natürlichen Schönheit steht das sibirische Altai für Geheimnis und Unzugänglichkeit wie kaum ein anderer Teil der Erde. Das mag daran liegen, dass es Ausländern noch nicht lange erlaubt ist, Sibirien frei zu bereisen. Die zentrale Kraft des Altai, die Berggöttin Belucha ist allgegenwärtig und wird als Ursprung der heilenden Schamanen verehrt. Wir waren schon sehr neugierig auf diesen Teil Russlands.
Auf dem Weg dorthin, noch nicht weit von Barnaul entfernt, klagte Leander allerdings erneut über die Lenkung von Akela. Er fuhr nicht gerade aus wenn man das Lenkrad los lies, was darauf hindeutete, dass die Jungs vergessen hatten, die Spur neu einzustellen. Ein kurzer Anruf bei Alexander verschaffte schnell Abhilfe. Er riet uns in der kleinen Stadt Byisk, die etwa 170km von Barnaul entfernt war, und sowieso auf unserem Weg ins Altai Gebirge lag, einen Stop einzulegen. Dort wohnte sein Freund Max den er bereits kontaktiert hatte. Max sollte uns in eine Werkstatt begleiten, wo der Truck kurz inspiziert werden sollte.

Wenige Kilometer vor Byisk riefen wir Max an. Ein Russe mit einem Landrover lotste uns an einen Treffpunkt, wo Max bereits mit dem Mechaniker auf uns wartete.
Als wir auf den Parkplatz rollten, wurden wir gleich freundlich und überschwenglich begrüßt. Max war groß, von stattlicher Figur und wirkte äußerst charmant und hilfsbereit. Er übersetzte dem Mechaniker Leander`s Problem auf Englisch, welcher sich gleich unter den Lastwagen legte um die Spur und Breite von Reifen zu Reifen zu vermessen – mit einem Kabelkanal wohlgemerkt! Nach etwa 20 Minuten erklärte uns Max, dass es um ein paar Zentimeter falsch eingestellt ist und wir am nächsten Tag einen Termin in einer Werkstatt hätten. Für die Nacht hätte er ein ruhiges Plätzchen für uns, wir sollten ihm einfach hinterher fahren.
Eigentlich waren wir momentan überhaupt nicht in Stimmung auf Unterhaltung und hätten eigentlich gerne unsere Ruhe gehabt. Aber irgendwie kam alles anders.
Während wir Max`s Jeep folgten, erhielt ich einen sonderbaren Anruf von Alexander. Er wies mich an, dass alles was in Byisk passieren würde, nicht hinterfragt werden sollte und alles auf Max`s Kosten gehen würde, da dieser darauf bestand.
Alexander hatte die Werbetrommel zu unseren Gunsten bei Max gerührt. Dieser wiederum war anscheinend so begeistert von uns und Akela als er uns persönlich traf, dass wir schlichtweg ein Verbot erhielten die Geldbörse zu zucken. Verdutzt legte ich auf und erzählte Leander was mir gerade am Telefon mitgeteilt wurde. Hm, schräge Geschichte. Wir waren nicht ganz sicher ob wir uns darauf einlassen sollten.
Everything what happens in Byisk stays in Byisk?? Hangover auf russisch?
Ach was solls, wir befanden uns bereits mittendrin, also sch.... drauf!

Nach wenigen Minuten hielt er an einem hohen Gartenzaun, durch den eine Villa durchblitzte. Das Tor öffnete sich und wir wurden hineingelotst. Innen tat sich uns ein schöner Garten mit Gartenlaube auf und ein Parkplatz, wo wir Akela abstellen konnten. Wir stiegen aus und warteten etwas hilfesuchend auf Max, der umgehend herbeigetrottet kam. Er lud uns in die Gartenlaube ein und servierte Tee und Kaffee. Bei einem netten Gespräch hatten wir endlich die Möglichkeit, ein wenig mehr von der Person Max zu erfahren. Er war Geschäftsführer einer großen Firma in Byisk. Das Anwesen, in das er uns geführt hatte, war eigens ein Hotel für Geschäftspartner und Kunden. Oder eben Menschen wie uns, die seine Gastfreundschaft genießen durften.
Nach dem Tee verschwand er mit Leander für wenige Minuten im Hotel. Als er zurückkam grinste er über beide Ohren und schüttelte den Kopf. Max hatte ihm eine Zweizimmer Suite gezeigt, die er uns zur Verfügung stellte. Er überließ es uns, ob wir im Truck übernachten wollten, oder im Hotel. Ganz zwanglos, nicht aufdringlich, einfach nur hilfsbereit, ohne großes drum herum. Einen Indoor Pool für Lennox gab es auch, und ums Essen mussten wir uns ebenfalls keine Sorgen machen. Kurze Zeit später gesellte sich Max wieder zu uns in die Sommerlaube. Er fragte Lennox ob er Hunde mag, der Kleine nickte. Kurzerhand nahm er unseren Sprössling an der Hand und ging mit ihm zu einem Verschlag, öffnete ihn und heraus sprang ein riesiger Malamut Husky. Total verspielt und handzahm, allerdings eine Nummer zu groß für Lennox. Es dauerte nicht lange bis ihn der Wirbelwind beim Spielen umgeworfen hatte. „Do you want a smaller one“ fragte der Russe Lennox erneut.
Unser Sohn nickte. Max erhob sich und schritt ins Hotel. Nach wenigen Minuten kam er mit einem drei Monate alten Dackel namens Archibald im Arm zurück, blickte Lennox an und meinte „Small enough?“ Lennox, dem es einen fetten Grinser im Gesicht aufzog antwortete vor Freude strahlend mit „Da“, was soviel wie Ja auf russisch heißt.
Max entschuldigte sich, da er noch einige Geschäftstermine zu erledigen hatte. Wir sollten uns wie zu Hause fühlen und zum Abendessen sei er wieder da. Unglaublich, wir konnten es immer noch nicht fassen. Wir longierten in einem tollen Hotel mit Pool, durften in einer traumhaften Suite übernachten, bekamen zu Essen und zu trinken, um unser Auto wurde sich gekümmert... und das alles for free? Einfach nur weil wir ihm sympathisch waren? Nun denn, wir dachten nicht mehr länger darüber nach und sprangen erst einmal in den Pool. Leander vergewisserte sich telefonisch noch einmal bei Alexander ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Dieser lachte nur und gab zu verstehen, dass Max einfach nur „crazy“ war.

Im Spaß meinte Leander zu Alex, dass es nett wäre, wenn er und Alisia auch noch dazukommen würden, was dieser sich nicht zweimal sagen ließ. Bis zum Abendessen könnten sie es schaffen, konterte Alexander. Es bedurfte nicht viel Überredungskunst. Pünktlich zum Abendessen waren die beiden da. Auch Max war in der Zwischenzeit wieder eingetrudelt. Er geleitete uns alle in die Gartenlaube, wo sein Personal lauter feine russische Spezialitäten auf den Tisch zauberten. Getrunken wurde dazu natürlich Wodka, und davon viel. Bis spät in die Nacht hinein haben wir gegessen und noch mehr getrunken, während Max aus dem Nähkästchen plauderte. Irgendwann forderte Max dann die beiden Männer auf, doch vor dem zu Bett gehen noch eine Runde Buchanka zu fahren.
Ein Buchanka ist ein in ganz Russland gängiges Geländefahrzeug. Seine kompakte, kastenartige Form brachte dem Fahrzeug die umgangssprachliche Bezeichnungen Buchanka (Kastenbrot) ein. Einige Modelle von ihnen besitzen in Russland regelrecht Kultstatus.
Der Russe verabschiedete sich nach dem kleine Ausflug von uns und ging zu Bett. Wir vier feierten noch geraume Zeit weiter, was wir am nächsten Tag bitter bereuten, vor allem Leander und Alexander. Denn die hatten bereits um 09:00 einen Termin mit Akela in der Werkstatt. Lennox und ich konnten ausschlafen, was in derartigen Gemächern nicht sonderlich schwer viel. Nach dem Frühstück kuschelten wir uns wieder ins Bett und guckten bei strahlendem Sonnenschein Disney Channel – man hat ja schließlich und endlich nicht jeden Tag einen Fernseher mit Disney Channel zur Hand!

Am frühen Nachmittag kamen die Männer mit Akela zurück. Die Werkstatt konnte keine groben Fehler finden. Die Spur wurde eingestellt und das sollte es hoffentlich gewesen sein. Jedenfalls fuhr der Lastwagen wieder geradeaus.
Alisia und Alexander verabschiedeten sich nach dem Mittagessen und fuhren zurück nach Barnaul. Wir drei genossen den restlichen Tag das traumhafte Anwesen und verlängerten noch um eine Nacht. Nicht weil wir unverschämt waren, sondern weil Max darauf bestanden hatte. Leider war er zum Abendessen nicht anwesend. Er musste ausserhalb der Stadt Termine wahrnehmen und kam voraussichtlich erst spät Abends wieder zurück. Was für uns kein Nachteil war, denn noch eine Wodka Nacht hätten wir nicht durchgehalten. Da es uns den Umständen entsprechend schlecht ging legten wir uns zeitig schlafen. Mitten in der Nacht wurden wir durch das Klingeln des Telefons geweckt, Max war am anderen Ende und erkundigte sich, ob wir noch wach wären. Er sei gerade von seinem Geschäftstermin zurückgekehrt und hätte eine Überraschung für uns. Schlaftrunken vertröstete ihn Leander auf den nächsten Morgen.
Sichtlich erholt ging ich nach dem Frühstück mit Lennox hinunter in den Garten. Der Kleine lief voraus, kam mir aber kurz darauf ganz aufgeregt auf der Treppe wieder entgegen. „Mama, Mama“ rief er, „Max hat ein Wolfsfell“. Keinen Tau wovon er sprach, folgte ich Lennox. Draußen im Garten kam mir bereits Max mit einem breiten Lächeln entgegen. Auf dem Arm ein Wolfsfell, welches er mir mit Augenzwinkern und den Worten „It`s for you!“ um den Hals hing. So langsam dunkelte es mir wieder. Leander und er hatten in der besagten Wodkanacht über Akela, Wölfe und Wolfsfell und so geredet. Eh voila, jetzt war er dank Max stolzer Besitzer eines solchen. Einfach so, aus Spaß am Schenken. Ich war sprachlos und wollte es zuerst gar nicht annehmen. Doch Max ließ sich nicht beirren und pochte darauf, dass es für ihn die größte Freude wäre, wenn es uns gefiel. In diversen Geschäften hatten wir schon beiläufig mitbekommen zu welchen Preisen solche Trophäen gehandelt wurden. Ein schlechtes Gewissen überrannte mich. Als Leander dazukam und ich ihm unser Present offerierte, war er ebenso buff und sprachlos.
Doch dem war immer noch nicht genug, als nach zwei wundervollen Tag der Moment des Abschiednehmens gekommen war, deckte uns Max noch mit reichlich Fisch, Honig und Hirschblut ein. Hirschblut wird aus dem mit Bast überzogenem Geweih eines erlegten Tieres gewonnen. Es dient anscheinend zur Stärkung des Immunsystems und trägt zur Verbesserung der männlichen Potenz bei. Wer es braucht!?
Als klitzekleines Dankeschön zauberte ich in Akela`s Küche einen original österreichischen Kaiserschmarren für Max, den er sich im Laufe unseres Aufenthaltes bereits zum zweiten Mal schmecken ließ.
Max, vielen Dank für deine außerordentliche Hilfsbereitschaft und unermessliche Gastfreundschaft. Du bist einzigartig und wir werden dich immer als den „crazy“ Russen in Erinnerung behalten.
Er ließ es sich nicht nehmen und geleitete uns noch sicher raus aus seiner Stadt, ehe wir uns an einem Parkplatz noch ein letztes Mal drückten und verabschiedeten. Und schlussendlich ließen wir das Wolfsfell allerdings dann doch da. So schön und nett es auch war, wir waren nicht so die Pelzfreunde, und lebende Wölfe sind uns auch lieber.

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