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Blog

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 07.12.2017

Wenn ein Land zur Leidenschaft wird

Mongolei, August - September 2017

Wir verließen die Jurte, rumpelten zurück auf die Hauptstraße um auf sehr bescheidenen Straßen in die Stadt Uliastai zu fahren. Nach einer kurzen Shoppingtour in einem Supermarkt ließen wir es für den heutigen Tag gut sein und parkten Akela ausserhalb der Stadt inmitten eines Hügelpanoramas. Lennox und ich kraxelten auf einen Hügel und betrachteten Geier und Adler bei ihren Flugmanövern, während sich Leander der undankbaren Aufgabe widmete, den Truck abzuschmieren, was dringend nötig war. Das Gelände würde nicht besser werden, da konnte frisches Fett in Akelas Gelenken nicht schaden.
Die Sonne hatte kaum ihren Tageslauf begonnen als wir den Motor starteten. Die Kreuzung zum Khar Nuur befand sich unweit nach der Stadt. Ein letzter Blickkontakt zueinander, check! Wir blieben bei unserer Entscheidung zum See zu gelangen.
Der Khar Nuur oder auch schwarzer See liegt in der Westmongolei und bietet einen traumhaften Blick auf das Changai Gebirge mit Gipfeln von über 4.000m. Erstaunlicherweise steigt der Wasserspiegel des Sees kontinuierlich an was dazu führt, dass einige Dünen aktuell am ertrinken sind. Weiters ist der Khar Nuur Rastplatz für viele Zugvögel auf dem Weg durch Zentralasien.

Die anfängliche Schotterpiste öffnete sich im Laufe der Fahrt in unzählige Sandpisten, die sich sternförmig über die gesamte Ebene ausbreiteten. Es glich einem Lotteriespiel für welche man sich entschied, und de facto war es immer die Falsche. Kaum hatte man die Spur gewechselt, bereute man es schon wieder, da die vorher gefahrene viel besser erschien. Schräglagen, die wir bekannterweise besonders mochten, standen an der Tagesordnung.
Auch mehrere Wasserüberquerungen standen an. Sei es, dass die Brücke eingestürzt war, oder wir zu schwer für die vorhandene waren. Die ständigen Verwindungen zwischen Führerhaus und Kabine, bedingt durch das äußerst unwegsame Gelände, stellten Akela unter Dauerbelastung. Permanent holperte, krachte, rumpelte und schepperte es. Wir purzelten durch die Fahrerkabine wie die Kugeln eines Flipperautomaten.
Unser Truck stieß im Schnitt bei 20km/h an seine persönliche Belastungsgrenze.
Wieviele Kilometer wir in diesem Höllentempo zurücklegen konnten liegt auf der Hand. Riesige Viehherden, Przewalskipferde und Kamele zogen an uns vorüber, gelegentlich konnte man Jurten im Hinterland entdecken und dicke Murmeltiere, die bei unserem Anblick sofort in ihre Höhlen flüchteten.

So gondelten wir bergauf, bergab, durch Täler und über Berge, oftmals im Ungewissen ob wir überhaupt in die richtige Richtung steuerten. Bis wir in der Ferne etwas blaues durchblitzen sahen. Das musste der See sein. Entgegen aller Erwartungen hatten wir relativ reibungslos das Ostufer des Khar Nuurs erreicht. Doch wir wollten zu den Wanderdünen, die sich in einer Bucht weiter südlich befanden.
Also ging die Schinderei für das Auto und für uns weiter. Man konnte die Wüste förmlich unter den Rädern spüren. Die Pisten wurden sandiger und unangenehme Schräglagen erwarteten uns. Drei Berge musste Akela noch bewältigen ehe das Ziel erreicht sein sollte.
Der Letzte war richtig heftig. Riesige Felsbrocken lagen überall auf der Piste verstreut. Leander hielt und stieg aus um eine befahrbare Linie zu suchen. Nach wenigen Minuten kam er zurück, stieg ein und steuerte entschlossen auf den Anstieg zu. Millimeter für Millimeter schob sich der Truck den Berg hinauf. Er war so steil, dass wir vom Führerhaus nur mehr den Himmel vor Augen hatte. Unglaublich mit welcher Kraft der Brummi die zehn Tonnen hinaufzog. Aus seinem Auspuff drang Qualm, der uns in eine graue Rauchwolke hüllte.
Im Schritttempo erreichten wir den Gipfel und wurden mit einem atemberaubenden Ausblick über die Dünen und den See belohnt. Wir hatten es geschafft, trotz aller Befürchtungen und Schwarzmalereien. Unser Lastwagen war einfach der Hammer, und der Lenker sowieso.
Entspannt und glückselig rollten wir auf der anderen Seite den Hang hinunter Richtung See. Direkt an den sandigen Strand wagten wir uns nicht vor, denn auf buddeln hatte so kurz vor dem Ziel niemand mehr Lust. Also beließen wir es dabei und stellten Akela wenige Meter vor dem Ufer ab. Ein langer und nervenaufreibender Fahrtag neigte sich dem Ende zu. Wir verfrachteten unsere müden Knochen ins Bett, und fielen mit Vorfreude auf einige erholsame Tage am See in einen ruhigen Schlaf.

Unbeschwert und sorgenfrei verbrachten wir die Tage am Khar Nuur. Verrückt wie wir waren krallten wir uns unsere Schi und stiegen eine Düne hoch. Es war mega kräfteraubend, denn einen Schilift suchte man vergebens. Doch die Anstrengung zahlte sich auf jeden Fall aus. Das Gefühl war irre. Nicht alle Tage hatte man die Gelegenheit im Bikini eine Sanddüne zu rocken. Selbst Lennox ließ es sich nicht nehmen und stapfte unermüdlich immer wieder mit den schweren Schischuhen den Grat hinauf.
Auch ohne Schi hatten wir viel Spaß in den Bergen aus Sand. Bei einem Spaziergang durch die Dünen ließen wir uns jedesmal auf der abfallenden Seite runter rollen. Von Kopf bis Fuß voller Sand standen wir lachend auf und liefen weiter. Der dabei verursachte Druck im Sand löste ein furchteinflössendes Geräusch aus, vergleichbar mit dem Signal eines Nebelhorns von einem alten Dampfer. Auch gelernt wurde, zwar nicht über Buchstaben und Zahlen, dafür über Tiere und Co. Obwohl die sandige Landschaft unter Tags wie ausgestorben wirkte, konnte man anhand der Spuren wildes Treiben erahnen.
Lennox möchte gerne Spurenleser werden, und die Wüste bot dazu die beste Gelegenheit um zu lernen und zu erkennen. Von Vögel bis Mäuse, Skorpione und Schlangen, alles war zu erkennen.
Und Leander, der konnte sich gar nicht entscheiden mit welchem Gerät er beginnen sollte die Licht und Schattenstimmungen der Wüste einzufangen. Zuerst die Drohne und dann die Kamera, oder doch umgekehrt? Seine Aufnahmen eines Nachtshootings auf dem Grat einer Düne zählen jedenfalls zu meinen persönlichen Favoriten.
Unsere Cross durfte auch Wüstenluft schnuppern. Es erforderte einiges an Geschick das Ding im Sand nicht gleich zu versenken. Nach einer kurzen Einweisung saß ich seit über 20 Jahren wieder alleine auf einem Zweirad. Ein tolles Gefühl! Und ich bin nicht umgefallen.
Nach vier wundervollen Tagen packten wir zusammen und begaben uns auf den Rückweg. Am Ostufer hielten wir kurz um unsere Wassertanks am See zu füllen, als plötzlich ein rot-weißer Unimog am Horizont auftauchte. Das konnten nur Pierre und Theresa sein, ein Frankokanadier und eine Schweizerin, die schon öfter unsere Wege gekreuzt hatten.
Während wir den beiden von der traumhaften Landschaft vorschwärmten, entschieden wir uns kurzerhand um und folgten den beiden wieder zurück. Die Wanderdünen waren ein einzigartiger Ort um der Seele freien Lauf zu lassen. Leander wusste mittlerweile wie er die Schlüsselstellen am Besten mit dem Truck zu nehmen hatte, daher gelang die Rückfahrt bedeutend schneller als beim ersten Mal.

Als wir nach zwei weiteren unbeschwerten Tagen endgültig unsere Zelte am Khar Nuur Lake abbrachen, machte Leander beim alltäglichen Check um den Lastwagen eine verheerende Entdeckung. Unser Hilfsrahmen, auf dem die Wohnkabine verankert ist, war an mehreren Stellen gebrochen.
F...! Somit ist eigentlich der worst case eingetroffen. Eine lange Ursachenforschung mussten wir nicht betreiben! Den schwarzen Peter schoben wir den vorherrschenden schlechten Straßenzuständen in die Schuhe, die sich in der Folge nicht ändern würden. Hier im nirgendwo hatten wir keine Chance den Schaden repariert zu bekommen. Wir mussten auf die Hauptstadt Ulan Baatar hoffen. Jedes Schlagloch, jede Mulde, jede Strassenunebenheit bedeutete Gift für Akela und würde den bereits vorhandenen Schaden nur noch verschlimmern. Bei tiefen Ausbuchtungen konnte man förmlich das „Klackern“ hören, wenn die Kabine auf den Rahm schlug. Leander hatte da noch viel sensiblere Ohren als ich.

Im Moment waren uns die Hände gebunden, und es blieb uns nichts anderes übrig als vorsichtig weiter zu fahren. In der Hoffnung, dass die Wohnkabine nicht runterpurzelte, versuchten wir uns gegenseitig nicht verrückt zu machen und fuhren weiter zum Vulkan Chorgo Nuur, der im Nationalpark Chorgo Terchiin Tsagaan Nuur beheimatet war.
Bis etwa 1920 galt der Chorgo als ein heiliger Berg, den nur Auserwählte betreten durften. In den letzten Jahren wurden am Feuerberg zahlreiche Ovoos errichtet. Steinhaufen, an denen man der Geister gedenkt und sie durch das Auflegen eines oder mehrerer weiterer Steine oder einer anderen Opfergabe um ihr Wohlwollen bittet. Das letzte Mal brach der Vulkan vor 7700 Jahren aus und hinterließ ein ausgedehntes Lavafeld, auf dem bis heute nur ein spärlicher Bewuchs von Bäumen und Sträucher gedeiht.
Markus aus Deutschland hatte uns von der einzigen Brücke geschildert, die zum Vulkan führte. Sie war mit einer Traglast von fünf Tonnen beschränkt. Akela hatte ein Kampfgewicht von knapp zehn Tonnen. Hm, wie soll ich sagen, es schien als wären wir zu überladen! Doch der Vulkan lag beinahe auf dem Weg nach Ulan Baatar, darum wollten wir uns selbst ein Bild von der Brücke machen. Für den Fall, dass wir sie nicht überqueren konnten war es im Prinzip kein Umweg.

Um bis zu besagtem Übergang zu gelangen benötigten wir zwei geschlagene Fahrtage. Im Hinterstübchen immer das metallene Geräusch unseres defekten Rahmens, das natürlich ungemein zur Beruhigung beitrug! Jeden Tag kontrollierte Leander die Bruchstellen, ob und wie weit sie sich verschlimmerten.
Wir fuhren durch den kleinen Ort der dem Nationalpark zu Füßen lag. Das besagte Verkehrsschild mit der Beschriftung 5T stach schon von Weitem ins Auge. Kurz davor stoppten wir die Maschine, sprangen aus dem Führerhaus und beäugten das gute Stück. Man konnte einbetonierte Stahlträger erkennen die relativ solide wirkten.
Wir gingen auf und ab und wussten nicht so recht was wir tun sollten. Vorbeifahrende Einheimische die wir befragten gaben ein Daumen hoch für Akela, trotz seiner zehn Tonnen. Sollten wir darauf vertrauen? Auch Leander`s Bauchgefühl gab grünes Licht. Sicherheitshalber ließ er Lennox und mich aussteigen, bevor er langsam anrollte.Ich konnte kaum hinsehen als die Vorderreifen die ersten Meter der Brücke berührten. Doch schlussendlich hielt das Gebälk dem Gewicht stand! Wir waren fast am Ziel, zwei Kilometer durch Lavagestein trennten uns noch von der Flagge auf dem Navi. Der Rahmen klapperte und krachte und jedes Schlagloch schmerzte, doch wir kamen an. Auf dem Parkplatz angelangt, stellten wir den Motor ab und sahen uns um. Dann kramten wir unsere Wanderschuhe raus, schlüpften in warme Klamotten und marschierten auf den Vulkan.
Etwa 40 Minuten benötigten wir bis wir am Krater ankamen. Es waren nicht viele Höhenmeter die zu bewältigen waren, trotzdem schnaubten wir wie Walrösser. Uns fehlte einfach die Bewegung oder der sportliche Ausgleich zum vielen Sitzen. Es war und ist uns ein großes Anliegen diesen Zustand zu ändern, denn wir sind äußerst unglücklich darüber. Auf dem Weg nach oben begegneten uns einige Touristen, und man merkte ganz deutlich, umso weiter östlich man kam, dass es viel touristischer wurde und die Saison dem Ende zuging. Die Souvenirläden und Fressbuden am Fuße des Berges waren bereits ausgeräumt und hatten geschlossen.
Für Lennox war es der erste Vulkan, den er in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Ständig vergewisserte er sich, ob wir uns sicher wären, dass der Berg kein Feuer speien würde. Wir lächelten ihn an und gingen weiter. Was ist heutzutage noch sicher? Eine hurtig herbeiziehende Gewitterfront beendete den Ausflug leider abrupt. Wir mussten Gas geben um noch rechtzeitig nach unten zu kommen.
Allerdings wären es nicht wir gewesen, hätten wir nicht am nächsten Morgen ein Brauch gewordenes Familienritual zelebriert. Und ja, ich nehme alles auf meine Kappe! Mea culpa, dass wir nicht zu Sonnenaufgang die Eierspeise am Gipfel genießen konnten. Während des gesamten Aufstieges hatte ich das Gemaule der beiden im Nacken. Mir hat das Frühstück trotzdem geschmeckt, auch wenn es bereits 10:00 Uhr war. Doch das kuschelig warme Bett wollte mich einfach nicht freigeben.

Am zweiten Tag verließen wir den Nationalpark. Der gebrochene Hilfsrahmen war natürlich nicht eingeplant und wenn möglich, wollten wir ihn noch vor unserer Heimreise repariert bekommen.
Eigentlich wollten wir noch einen „Abstecher“ ganz südlich in die Wüste Gobi machen, doch in diesem Falle mussten wir so schnell wie möglich in die Hauptstadt. 600km musste der Truck noch durchhalten, ehe er es geschafft hatte. Dies bedeutete zwei Tage auf dem Asphalt. Lennox versuchten wir an solchen Tagen während der Fahrt mit Kartenspielen, malen oder lesen bei Laune zu halten, was allerdings auf Dauer auch langweilig wurde.
Endlich erreichten wir die Stadt Charchorin, in der sich etwas ausserhalb der Stadt das Kloster Erdene Dsuu befindet. Wir besuchten die Anlage, denn Kultur und Geschichte in Maß und Ziel hat noch nie jemandem geschadet. Das Erdene Dsuu Kloster war das erste buddhistische Kloster in der Mongolei. Während seiner Blütezeit lebten bis zu 1000 Mönche darin. Die oftmalige Zerstörung des Klosters in den letzten Jahrhunderten konnte man weitläufig sehen. 4 der ehemals 100 florierenden Tempelanlagen stehen für Besucher zur Besichtigung offen. Das Personal war ungemein bemüht um uns, und stellte uns sogar einen persönlichen Guide zur Verfügung.
Nach der Besichtigung schlugen wir ein Stück entfernt von der Klosteranlage unser Nachtlager auf. Es würde vorerst die letzte Nacht in „freier Wildbahn“ sein. Die erste Etappe unserer Weltreise neigte sich dem Ende zu. Die letzten Kilometer bis nach Ulan Baatar würden wir morgen in Angriff nehmen und dann war es auch schon fast so weit. Die Heimat rief!

Wir waren etwas geschockt als wir in die Hauptstadt rollten. Vom stockenden Verkehr der nur Schritttempo erlaubte, hatten wir bereits gehört. Ich kann nicht beschreiben was wir uns erwartet hatten, jedenfalls keine hochmoderne Stadt in diesem Ausmaß. Ulan Baatar besitzt Universitäten, Museen, ausgezeichnete Krankenhäuser, viele historische Denkmähler, riesige Einkaufszentren, McDonalds, KFC sogar eine Fielmann Filiale konnte ich erblicken. Karaokeläden, Fitnesstudios, Kosmetikinstitute, adrett gekleidete und perfekt geschminkte junge Mädchen... wenn man mehrere Wochen atemberaubende, menschenleere und einzigartige Natur erleben durfte und in Gedanken noch die verträumten Jurten und unzähligen Tierherden vor Augen hat, dann ist man verwirrt und auch ein bisschen hilflos, so wie ich es war, als wir in den Großstadtdschungel einfuhren.

Wir nahmen Kurs auf das Oasis Guesthouse, welches jedem Overlander ein Begriff in der Stadt war. Als uns der Security Mann das Schiebetor öffnete um rein zu fahren, erspähten wir gleich zwei bekannte Gesichter. Anna und Heiner, die wir im russischen Altai kennengelernt hatten. Wir parkten den Lastwagen stiegen aus und sahen uns um.
Das Guesthouse war gut besucht. Während ich zur Rezeption ging um die Formalitäten zu klären, schnappte sich Leander ein Bier aus dem Kühlschrank und gesellte sich zur Runde auf der Terrasse um sich vorzustellen. Lennox rannte derweil wie verrückt im Garten umher, lugte in die Jurten die für die Gäste aufgebaut waren und hatte einfach Spaß sich zu bewegen. Es war immer bewundernswert wieviel Sitzfleisch er an langen Fahrtagen bewies.
Mit Tseke, der Juniorchefin des Oasis hatten wir bereits im Vorfeld ausgemacht, dass wir Akela für die Zeit des Heimataufenthaltes im Innenhof des Guesthouses abstellen konnten.
Ab jetzt tickte die Uhr! Wir mussten dringend VOR unserem Abflug jemanden finden, der den Rahmen reparieren konnte. Denn bei unserer Rückkehr Anfang Oktober bestand durchaus die Möglichkeit, dass bereits der Winter Einzug gehalten hatte.
Ulan Baatar gilt als die kälteste Hauptstadt der Welt. Mit etwas Glück, oder eher Pech in diesem Fall, konnte es passieren, dass wir mit Temperaturen um -20 bis -30 Grad empfangen wurden. Da will sich niemand mehr unter den Lastwagen legen.

Einen guten Schweißer, mehr sollte es eigentlich nicht brauchen. Doch es war Wochenende, somit mussten wir bis Montag warten um mit der Suche zu beginnen. Lennox war für zwei Tage verschwunden, eine belgische Familie mit vier Kids war ebenfalls angereist. Bewaffnet mit Lego verzogen sie sich in den warmen Aufenthaltsraum des Oasis und waren nicht mehr gesehen. Somit hatten auch Leander und ich etwas mehr Gelegenheit mit den anderen Reisenden ungestört zu plauschen. Norbert und Heidi zog es wieder in die Heimat, Anna und Heiner planten die Überfahrt von Wladiwostok nach Australien, bei Johanna und Nicolas, den belgischen Eltern stand ebenfalls Südkorea und Japan hoch im Kurs. Es war eine interessante Runde.
Irgendwie schien in der Mongolei auch schweißtechnisch alles ein bisschen anders zu sein, denn die beiden Schweißer die einen Blick auf Akela warfen und ihr Glück kurz probierten, wurden von Leander als nicht geeignet eingestuft. Kann doch nicht so schwer sein einen vernünftigen Schweißer aufzutreiben? Dachten wir auch.
Nun ja, jammern half in diesem Fall nicht wirklich, also Plan B. Selbermachen und improvisieren.
Als es Montag Morgen war machte sich Leander gleich nach dem Frühstück auf, um die umliegenden Eisenhändler abzuklappern. Der Plan war, die gebrochenen Stellen mit passenden U-Profilen zu verstärken und punktzuschweißen. Doch womit wir nicht gerechnet hatten war, dass es keine passenden Profile zu kaufen gab. Durch Zufall lernte er Ayruna kennen, die im Büro eines Eisenwarenladens arbeitete. Sie stellte den Kontakt zu zwei russischen Ingenieuren her, die sich den Truck an Ort und Stelle ansehen wollten. Wenige Stunden später standen sie auf der Matte. „Ne ponimayu“, wir verstanden nur Bahnhof von dem, was sie uns die erzählten. Da kam wie sooft Alexander, unser Ersatzteilelieferant aus Barnaul ins Spiel um via Handy zu übersetzen. Ich weiß gar nicht, wie oft er uns mit seine Russischübersetzungen aus der Patsche geholfen hat. Spasibo bolshoi!
Der Plan der Russen klang vernünftig. Doch 400$ für U-Profile und etwas schweißen? In der Mongolei? Reinste Abzocke!!!

Leander wollte Geld sparen und versuchte zu improvisieren. Wir fanden zwar keine von der Größe her passenden Stücke, allerdings konnten wir aus vorhandenen die exakt benötigte Höhe abmessen und zuschneiden. So konnten wir Keile „basteln“ die wir an den Bruchstellen zur Verstärkung einsetzen wollten. Gemeinsam gingen wir zu Ayruna und kauften dort Profile in der passenden Stärke. Um Zeit zu sparen ließ Leander dann die benötigte Anzahl in der von uns abgemessenen Länge abschneiden. Doch mit der Genauigkeit nahmen es die Mongolen nicht so ernst. Leander ärgerte sich grün und blau als er dem Cutter bei seiner Arbeit zu sah. Kein einziges Stück passte von den Maßen her, was nicht verwunderlich war, denn er zeichnete sich die Schnittstelle mit einer dicken Kreide an. Ein Stück war zu kurz, das andere zu lange, das nächste schief. So funktionierte das nicht. Er nahm dem Arbeiter die Flex weg und legte selbst Hand an. Die Mongolen beobachteten ihn und belächelten seine genaue Arbeitsweise.
Mit den abgeflexten Bastelstücken gingen wir ins Oasis zurück. Dort mussten die Teile abgeschliffen und verzinkt werden, was eine Höllen Arbeit bedeutete. Durch die tatkräftige Unterstützung von Norbert und Nicolas konnte nach wenigen Stunden das Werkzeug beiseite gelegt werden. Leander klopfte nach und nach die Stützprofile in die kaputten Profile rein, und sie passten auf Anhieb. Jetzt musste noch ein Schweißer gefunden werden, der die Teile punktschweißen konnte. So sah die Welt schon wieder etwas heiler aus für uns, und als Dankeschön gab es für die helfende Crew einen Kaiserschmarrn. Der war immer gerne gesehen.
Einen Schweißer konnte uns die Werkstatt neben dem Guesthouse organisieren, allerdings erst Tags darauf. Um nicht nur im Oasis rumzusitzen, sondern auch etwas von der Stadt mitzubekommen nutzten wir die freie Zeit und fuhren mit dem Taxi zum Black Market, einem Umschlagplatz für Waren jeglicher Art. Bei warmen Winterstiefeln konnten wir nicht widerstehen. Zumal wir die bei unserer Rückkehr definitiv gut gebrauchen konnten.
Ach ja, bevor ich es vergesse, das mongolische Fernsehen wurde auf uns aufmerksam und wollte uns treffen. Bereits Wochen zuvor schrieb uns der Anchorman eines mongolischen Fernsehsenders eine Nachricht. Er verfolgte unsere Reise via Instagram und schlug vor, sich mit uns in Ulan Baatar für ein Interview zu treffen. Natürlich stimmten wir zu. Unser erster Fernsehauftritt in Asien. Wann und Wo das ganze stattfinden sollte hatten wir bereits bei unserer Ankunft in der Stadt mit ihm fixiert.
Doch vor lauter Shoppen hatten wir die Uhr aus den Augen verloren und kamen erst spät zu Akela zurück. Für Maske bzw. Make Up blieb keine Zeit mehr, denn plötzlich stand das Kamerateam vor der Türe. Dann ging alles relativ rasch. Akela wurde von innen und aussen gefilmt, und für uns waren einige Fragen auf Englisch vorbereitet. „Was der Beweggrund unserer Reise ist“, oder „wie uns die Mongolei gefallen hat“! Fragen, die uns im Laufe der Reise auch unterwegs immer wieder gestellt wurden. Jedenfalls hat es richtig Spaß gemacht und wir sagen „Danke“ an das mongolische Fernsehen. Mit einer Übertragung zur Hauptsendezeit hatten wir allerdings nicht gerechnet.

Ein lustiger aber anstrengender Tag neigte sich dem Ende zu und wir fielen hundemüde in die Betten. Als ich am nächsten Morgen verschlafen auf mein Handy blickte traf mich fast der Schlag. Zeigte die Datumsanzeige wirklich den 11.09.? Bevor ich Leander hysterisch aufweckte, rieb ich mir nochmals die Augen und wagte einen zweiten Versuch. Verdammt, 11.09.!! Es blieb dabei. Waren wir mittlerweile schon so verpeilt, dass wir unseren Heimflug nicht mehr im Kopf hatten? Sicherheitshalber kramte ich die Flugtickets hervor. Da stand es schwarz auf weiß. Unser Flug ging heute um 18:00 Uhr, und wir hatten beinahe noch nichts vorbereitet. Ich rüttelte Leander aus dem Schlaf und sprang aus dem Bett.

Jetzt musste alles schnell gehen. Doch für einen Kaffee um die Gedanken zu sortieren blieb allemal Zeit. Wir kramten die To Do Liste für unsere Abfahrt hervor, die wir schon Tage zuvor vorbereitet hatten. Der LKW musste wintertauglich gemacht werden, damit wir bei unserer Rückkehr keine bösen Überraschungen erlebten. Systematisch arbeiteten wir die Punkte ab. Wassertank entleeren, Batterien abhängen, Winterzusatz in den Dieseltank geben, Frostschutzmittel einfüllen, Kühlschrank ausräumen, Wasserleitungen mit Druckluft durchblasen um all die Flüssigkeit rauszubringen, Computer Backup, Packen und noch vieles mehr ... und der Schweißer, auf den hatten wir beinahe vergessen, der wollte auch noch kommen.
An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Anna, die mit ihren Babysitterdiensten an diesem hektischen Tag dazu beigetragen hat, dass unser Sohn das vorherrschende Chaos nicht noch verschlimmert hat. Zu guter Letzt bekamen wir alles gebacken und warteten nur noch auf den Handwerker der den Hilfsrahmen fertigstellen sollte. Um 14:00 Uhr war ausgemacht. Als er um 14:15 immer noch nicht da war riefen wir den Werkstattbesitzer, der uns den Arbeiter vermittelt hatte, an. Er verspäte sich etwas, würde aber verlässlich kommen. Wir saßen auf Nadeln und tänzelten nervös umher, spätestens um 16:00 Uhr mussten wir uns auf den Weg zum Flughafen machen. Kurz vor 15:00 Uhr tauchte er mit dem Schweißer auf. Als Leander den Mann sah, viel ihm die Kinnlade einen Stock tiefer.
Bitte jetzt nicht falsch verstehen, aber es war ein älterer Mann der sich nicht mehr bücken konnte wie ein Junger. Wie sollte der es jemals schaffen unter den Truck zu klettern um die schwer zugänglichen Punkte zu schweißen? Wir waren skeptisch. Eine Menge Zeit verstrich dann auch noch weil wir uns auf die Suche nach einem Verlängerungskabel machen mussten, um Strom für das Schweißgerät zu bekommen.
Als das an Ort und Stelle war schälte sich der Schweißer unter den Truck. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte keine ordentlichen Schweißpunkte setzen, da er die erforderlichen Stellen einfach nicht erreichen konnte. Irgendwann brach Leander dann das ganze Spektakel ab. Leicht gereizt meckerte er den Chef an ob ihm nicht klar war, dass sich ein älterer Mann erheblich schwerer bei der anstehenden Arbeit tun würde als ein Junger. Noch dazu wo er doch zuvor die „Baustelle“ begutachtet hatte. Doch mehr als ein Grinser war ihm nicht zu entlocken. Immerhin bot er uns an uns zum Flughafen zu fahren, gegen Bares natürlich. Da wir es in der Hektik verabsäumt hatten uns um ein Taxi zu kümmern, mussten wir sein Angebot annehmen.
Der unerledigte Hilfsrahmen blieb uns also weiterhin als großer Kloß in der Magengegend erhalten. Genau das wollten wir eigentlich vermeiden!
Wir schmissen die Rucksäcke in den Kofferraum und verabschiedeten uns im Eiltempo von unseren Freunden. Die Fahrt zum Dschingis Khan International Airport dauerte eine Stunde. Permanent blickte ich auf die Uhr. Doch Ende gut, Alles gut! Das Gepäck war eingecheckt, und wir konnten mit unseren Boardingpässen zum Abflugsgate schlendern, wo unsere Maschine bereits zum Einsteigen bereit stand. Den Stein der Erleichterung der uns vom Herzen viel, dass wir die Maschine nicht versäumt hatten war bestimmt meilenweit zu vernehmen.
Heimat wir kommen!

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