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Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 29.12.2017

Auf zu den grimmigen Russen!

Österreich – Mongolei, September - Oktober 2017

Nach einem 16-stündigen Flug mit Zwischenstop in Peking, landeten wir in München. Fliegen ist für uns das so ziemlich Ungemütlichste was man sich vorstellen kann. Beneidenswert wenn man zu den Menschen zählt, die sich nach dem Start in ihre Nackenrollen kuscheln, und erst beim Senkflug wieder munter werden. Wir gehörten definitiv nicht zu dieser Gruppe. Trotz Quadratglupschern, bedingt durch stundenlanges Fernsehen und schwarzen Ringen unter den Augen, fielen wir beim Zoll nicht unter das Attribut verdächtig!
Langsam breitete sich in meiner Magengegend ein wohliges Gefühl aus. Good old Germany! Wir konnten Plakate und Infoschilder nicht nur lesen, sondern auch sinngemäß verstehen. Und ob wir wollten oder nicht, wir schnappten Gesprächsfetzen der Menschen rund um uns auf. Nach über zehn Monaten betraten wir vertrautes Terrain. Einerseits komisch und ungewohnt, andererseits freute ich mich schon seit Wochen darauf.

Wir schnallten die Rucksäcke um und machten uns auf den Weg zur Ankunftshalle, wo hoffentlich unsere Freunde Andrea und Arthur auf uns warteten. Nervös huschten meine Augen hin und her als sich die Schiebetüren öffneten. Sie erwarteten uns mit einem breiten Lächeln und steuerten auf uns zu. Wir warfen das Gepäck zu Boden und fielen uns in die Arme. Ich bin nahe am Wasser gebaut und natürlich flossen jede Menge Tränen.
Die Fahrt nach Salzburg verging wie im Flug. Wir quasselten durcheinander und überschlugen uns mit Erzählungen. Lennox saß im Kindersitz und zerrte immer wieder am Gurt. Er war es nicht mehr gewohnt während der Fahrt starr in einem Sessel zu sitzen.
Kulinarisch fehlte es uns an nichts die letzten Monate.
Wer davon ausging, dass wir ausgemergelt und abgemagert zurückkamen, der irrte fatal. Eher das Gegenteil traf zu, leider! Doch ein Schmankerl gab es, dass uns bereits seit Wochen das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Welches? In Eugendorf, dem Wohnort von Andrea und Arthur angekommen, hielten wir beim Dorfmetzger und stürmten förmlich seinen Laden. Durcheinander sprudelten verschiedene Varianten an Leberkäsesemmelbestellungen aus unseren Mündern. Mit Senf, Pfefferoni oder Gurkerl, unbezahlbar! Nicht lachen! So etwas gibt es ausserhalb von Österreich nicht mehr und kann eigentlich als ein Stück Heimatkultur gezählt werden!

Nachdem wir uns leicht überfressen hatten, stiegen wir zurück ins Auto und fuhren zu den beiden nach Hause. Sie hatten uns nicht nur vom Flughafen abgeholt, sondern wir durften auch die ersten Tage bei ihnen wohnen. Liebevoll gestalteten und dekorierten sie ihren frisch umgebauten Dachboden, um es für uns gemütlich zu machen. Wahre Freunde eben!
Leander blieb nicht viel Zeit um die Heimat zu genießen. Eine Handvoll Erledigungen und ein Treffen mit unseren engsten Freunden zum Abendessen, dann musste er auch schon wieder packen, um sich nach München auf zu machen. Bald hieß es wieder „ozapft is“.
Das Oktoberfest stand vor der Tür. Wie schon viele Jahre zuvor verdiente er dort als Kellner gutes Geld, das wir für die nächste Etappe unserer Reise bereits einkalkuliert hatten.

Zehn Monate verbrachten wir nonstop, 24 Stunden sieben Tage die Woche miteinander. Für viele undenkbar, doch die meiste Zeit davon verlief harmonisch. Natürlich gab es Situationen, wo der eine dem anderen den Buckel runter rutschen konnte, doch das kommt in jeder gesunden Beziehung vor, oder? Daher würde uns die räumliche Trennung der nächsten Wochen sicher nicht schaden. Nach einer letzten Umarmung zum Abschied stieg er ins Auto eines Freundes und fuhr los. Ich blieb mit Lennox und einer ellenlangen Liste an Erledigungen zurück.
Lennox blühte zu Hause förmlich auf. Laurin und Ben, die Kinder von Andrea und Arthur waren Balsam für seine Seele. Er holte alles auf was er die letzten Monate so vermisst hatte. Kinder mit denen er spielen konnte. Ohne Zankereien bauten sie stundenlang Lego oder powerten sich im Freien aus. Dadurch hatten Andrea und ich Zeit für Frauengespräche, die ich nach so langer Zeit auf Reisen mit zwei Männer ordentlich vermisst hatte.

Doch auch Lennox`s und meine Zeit in Österreich war knapp kalkuliert und diente nicht nur der Erholung. Arzttermine standen an, Ersatzteile für den LKW gehörten geordert um sie in die Mongolei mitzunehmen, Kostenvoranschläge für Verschiffungen mussten eingeholt werden ... Hunderttausend Kleinigkeiten die es zu organisieren gab und eine Menge Papierkram der anstand. Und nicht zu vergessen, ich musste Visa beantragen. Juhu, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen! Während das Mongolei Visa in Wien reibungslos auf dem Postweg klappte, ließ mich die russische Botschaft in Salzburg viermal antanzen, ehe sie sich mit den Unterlagen zufrieden gab.
Wir wollten Andrea, Arthur und die Kids mit unserem Aufenthalt nicht überstrapazieren. Bereits während der Reise konnte ich die Sommerresidenz von Flo und Nina, ebenfalls liebe Freunde von uns, in St. Wolfgang am Wolfgangsee organisieren. Die beiden sind wirklich der Hammer. Ohne mit der Wimper zu zucken war es für sie selbstverständlich uns für die gesamte Zeit dort wohnen zu lassen. Nicht, dass es uns bei Familie Braunstein in Eugendorf schlecht ergangen wäre, ganz im Gegenteil. Sie verwöhnten uns nach Strich und Faden und nahmen uns ganz selbstverständlich in ihrer Familie auf.
Allerdings war es mir ein Anliegen mit Lennox Zeit alleine zu verbringen, und selbst hoffte ich auch auf ein wenig Ruhe. Und wo gelingt das besser als im Salzkammergut, einer der traumhaftesten Gegenden die Österreich zu bieten hat? Ein Haus, idyllisch eingebettet in den Bergen der Umgebung mit Blick auf den Wolfgangsee.
Um überhaupt dort hin zu gelangen, und in der Folge nicht ganz weg vom Schuss zu sein benötigten wir ein Auto. Ein Leihauto für drei Wochen konnte ich mir nicht leisten. Doch da halfen Marina und ihre Familie. Aus deren Depot an Leihautos bekam ich einen BMW mit viel zu vielen PS zur Verfügung gestellt, für den Gegenwert einer Tankfüllung.
Wozu mir noch eine lustige Geschichte einfällt. Eines Nachts machte ich mich auf den Weg nach München und besuchte Leander auf dem Oktoberfest. Die 260 Pferdchen unter der Motorhaube machten sich fett auf der deutschen Autobahn bemerkbar. Beide Hände fest ums Lenkrad gekrallt, den rechte Fuß am Gaspedal, und aus den Lautsprechern dröhnte laute Muke. Vorüberziehende Verkehrszeichen und Bäume verschwanden im Tunnelblick. So musste sich Michael Schumacher fühlen auf dem Weg in die Zielgerade. Komisch war nur, dass die restlichen Verkehrsteilnehmer noch schnellere Autos hatten als ich, denn beinahe jeder überholte mich und betätigte dabei die Lichthupe. Beim Kontrollblick auf den Tacho überkam mich ein Schmunzeln. Ich blätterte mit geschlagenen 80km/h auf dem Asphalt und bekam beinahe weiche Knie. Die letzten Monate im Truck bei 20, 30 oder auch mal 60km/h hatten mein Gespür für Geschwindigkeit ordentlich durcheinander gebracht ;-)

Doch zurück zu unseren Freunden. Eines sei gesagt. Ihr habt uns ohne große Worte ganz selbstverständlich geholfen und unter die Arme gegriffen. Vielen, vielen Dank, ihr seit unbezahlbar!
Trotz aller Erledigungen blieb natürlich ein wenig Zeit, um in einen Erholungsmodus zu fallen. Zwei, dreimal spazierten der Kleine und ich in den Ort um einzukaufen und das Lustige daran war, dass wir uns wie Touristen in der eigenen Heimat fühlten. Nicht weil alles fremd war, oder wir uns nicht auskannten. Nein, weil St. Wolfgang vor ausländischen Gästen nur so wimmelte. Wir schleckten Eis an der Seepromenade und belächelten das rege Treiben. Froh einmal nicht die sein zu müssen, die null Ahnung von der Sprache hatten, verzweifelt einen Supermarkt suchten oder Sightseeing machten. Sich an einem Flecken Erde zu Hause oder geborgen zu fühlen verströmt Sicherheit und Wohlbehagen.
Abgerundet haben dieses wunderschöne, herzerwärmende Gefühl natürlich auch all die lieben Menschen die uns besucht haben. Ich konnte endlich meinen großen Sohn wieder in die Arme schließen. Lennox war happy seine auserwählte Prinzessin wieder zu sehen, die er später einmal heiraten würde. Und auch all die anderen, die jetzt nicht namentlich erwähnt wurden. Wir haben die wenige Zeit die wir mit euch verbringen durften genossen und bewahren die Erinnerung in unseren Herzen um lange davon zerren zu können.
Abends, wenn wieder Ruhe ins Haus eingekehrt war und Lennox bereits tief und fest schlief, setzte ich mich gelegentlich vor den lodernden Kamin und versank in Gedanken. Ich erwischte mich dabei darüber nachzudenken wie es wäre, hier zu bleiben. Doch mir wurde sehr schnell bewusst, dass die momentane „Urlaubsromantik“ nicht von ewiger Dauer sein würde. Altbekanntes wie Arbeit, Wohnung, Stress, Medien, Kindergarten, Geld... würden uns schneller als es uns lieb wäre wieder in eine gewohnte Routine schleudern, der wir doch eigentlich mit der Reise entfliehen wollten!?
Wir liebten es mit Akela unterwegs zu sein, neue Länder zu entdecken, Hilfsbereitschaft zu erfahren, sich durchzuschlagen... ja natürlich, auch auf Reisen verfällt man in eine Tagesroutine, die zuweilen zermürbt und mühsamer erscheint als die zu Hause. Doch Prioritäten verlagern sich und Probleme werden essentieller. Wir haben gelernt aus einer Mücke keinen Elefanten zu machen. Bei dem Gedanken daran zauberte es mir ein Lächeln auf die Lippen. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und hatte wieder Lust aufs Weiterfahren.
Der Tag des Abschieds rückte immer näher. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen und auch das Oktoberfest ging in den Endspurt. Nach 17 Tagen Bierschunkelatmosphäre holte ich Leander`s geschundenen Körper von München ab. Wir stiegen ins Auto und fuhren nach St. Wolfgang, wo wir noch zwei ungestörte Tage verbrachten.
Und dann wars auch schon wieder so weit. Den Taxidienst zum Flughafen übernahm diesmal Leander`s Mutter. Der Abschied vom einzigen Enkelkind auf unbestimmte Zeit fällt jeder Großmutter schwer, doch sie schlug sich tapfer.

Mit Zwischenstop in Moskau jetteten wir den hoffentlich noch nicht zu frostigen Temperaturen in der Mongolei entgegen. Um 06:00 Uhr morgens lokaler Ortszeit landeten wir in Ulaan Baatar. Es hatte null Grad bei unserer Ankunft, wärmer als erwartet. Müde trotteten wir zur Gepäckausgabe und warteten. Nach und nach tauchten unsere Habseligkeiten auf dem Förderband auf, bis auf eine Schachtel die wir aufgegeben hatten. Die blieb verschollen. Wir machten uns auf zum Lost & Found Schalter, wo wir einen Schrieb in die Hand gedrückt bekamen und angehalten wurden am nächsten Morgen pünktlich um 07:00 Uhr anzutanzen. Herrgott wie lästig! Wir hatten ja sonst nichts Besseres zu tun.
Wir verließen das Flughafengebäude, checkten ein Taxi und fuhren ins Oasis, wo Akela hoffentlich unbeschadet auf uns warten würde. Je mehr wir uns dem Guesthouse näherten, desto schneller pochten unsere Herzen. Gedankenblitze schossen durch unsere Köpfe. Hoffentlich waren keine Leitungen eingefroren!? Hatten die Batterien die lange Stehzeit überlebt? Unser Hilfsrahmen, shit, der war ja auch noch immer kaputt...! Als wir am Schiebetor des Hostels aus dem Taxi stiegen, strahlte uns unser gutes Stück bereits entgegen. Auf den ersten Blick schien von außen alles paletti zu sein. Leander schloss auf und wir betraten unser zu Hause. Ah, trautes Heim, Glück allein, welch Feeling!

Drinnen war es genauso kalt wie draußen. Stück für Stück holten wir unseren Oldie ins Leben zurück und es schien alles zu funktionieren, sogar die Heizung, yihaa! Nachdem alles wieder an seinem Platz war widmeten wir uns der ersten großen Action. Schlaf nachholen! Im Nu dösten wir alle drei für mehrere Stunden weg. Der Rest des Tages ging genauso ereignisreich weiter. Wie nasse Säcke schleppten wir uns zwischen Hostel und Akela hin und her und warteten darauf, dass wir uns wieder aufs Ohr hauen konnten.
Immer noch den Jetlag in den Knochen setzte ich mich tags darauf bei Morgendämmerung in ein Taxi und fuhr zum Flughafen in der Hoffnung, dass unser Paket angekommen war. Und siehe da, es wartete bereits auf mich. Gut gelaunt fuhr ich zurück, wo ich meine beiden Männer immer noch im Land der Träume vorfand.
Es half nicht, wir mussten uns immer noch mit dem Problem „Hilfsrahmen“ auseinandersetzen. Von der provisorischen Variante, die wir vor unserer Abreise begonnen hatten, war Leander mittlerweile nicht mehr ganz so überzeugt, da die Klebemethode in dieser Kälte nicht mehr funktionierte. Die Überlegung war, ob wir wirklich 400$ für die beiden russischen Ingenieure berappen mussten, um mit gutem Gewissen weiterfahren zu können?
Während unsere grauen Zellen mit Überlegen beschäftigt waren, trudelten nach und nach altbekannte Gäste im Oasis ein. Pierre und Theresa mit ihrem Unimog, Stevan und Hans, zwei Amerikaner die von einer mehrtägigen Mountainbike Tour zurückkamen, und auch einige neue Gesichter waren dabei. Was die ganze Situation gleich viel angenehmer gestaltete. Man fühlte sich besser aufgehoben im Gedankenaustausch mit anderen. Doch die Entscheidung wie wir agieren sollten konnte uns natürlich niemand abnehmen.

Es würde wenig Sinn machen sich nach weiteren Optionen umzusehen. Also machte ich mich auf den Weg zu Ayruna in den Eisenwarenhandel und hoffte, dass sie Sergej, den russischen Ingenieur, motivieren konnte, um erneut ins Hostel zu kommen. Sie erkannte mich sofort wieder als ich ihr Büro betrat. Ich schilderte ihr kurz unsere Not, worauf sie zum Handy griff und Sergej anrief. Er ließ sich überreden am kommenden Vormittag im Oasis vorbeizuschauen. Ich war erleichtert darüber, denn es wäre auch nachvollziehbar gewesen, dass er uns die kalte Schulter gezeigt hätte. Immerhin hatten wir ihm bei unserem ersten Treffen verklickert, dass wir seinen Preis utopisch fanden, wovon wir nach wie vor noch überzeugt sind! Aber was hilfts?
Tags darauf fackelte er nicht lange rum. 400$ im Voraus, bar auf die Kralle. Verhandlungsbasis gleich null. Bei jedem Versuch unsererseits machte er kehrt und ging zu seinem Auto zurück. Ein hartnäckiger Geschäftsmann! Wir belächelten die Dummheit eines jeden, der eine Dienstleistung im Vorhinein entlöhnte. Doch schlussendlich taten wir das gleiche und bangten bis zum nächsten Morgen ob uns Sergej abholen kommen würde, um in die Werkstatt zu fahren, oder nicht
Er hielt Wort und kam! Wir folgten seinem Auto quer durch die Stadt und landeten in einem Vorort. Nach einem heftigen Einparkmanöver, bedingt durch super enge Straßen, stellten wir Akela in seinem Vorhof ab. Wer jetzt an eine Werkstatt denkt liegt falsch. Das benötigte Material hatte er bereits vorbereitet, Werkzeug holte er aus einem Schuppen und gearbeitet wurde im Freien. Brrr, es ist immer wieder gigantisch mitanzusehen, wie die Russen mit der Kälte umgingen. Während wir drei Jacken übereinander trugen und immer noch froren, bestand Sergej`s Arbeitskleidung aus einem gefütterten Freizeitanzug. Er ließ keine Zeit verstreichen und machte sich mit seinem Helfer sofort ans Werk.
Baisa, seine Frau, die uns freundlich empfing, war eine große Überraschung für mich. Sie sprach Englisch und etwas Deutsch und bat mich, mit Lennox ins Haus zu kommen und ihr beim Kochen zu helfen. Während ich Kartoffeln schälte, gab sie mir einen kleinen Einblick in ihre Heimatstadt. Ich wußte bereits, dass Ulaan Baatar die kälteste Hauptstadt der Welt war. Anscheinend auch die Schmutzigste, was die Luftverschmutzung anbelangte. Den gesamten Winter hing eine dicke Feinstaubwolke über ihr. Sieben Monate fällt die Temperatur in der Stadt auf bis zu minus 30 Grad. Viele Menschen leben in den Randbezirken noch in traditionellen Jurten oder einfachen Holzhäusern. Sie heizen mit Kohle und Holz. Zwar stellt die Regierung den Jurtenbewohnern elektrische Öfen, doch die Menschen können sich den dafür benötigten Strom nicht leisten.
Auch die mit Zentralheizung ausgestatteten Wohnungen werden durch Kohlekraftwerke angetrieben. Richtig durchatmen und die Lungenflügel ordentlich mit Frischluft zu bereichern ist nicht unbedingt empfehlenswert in der Stadt. Unterm Strich hinterläßt die immense Luftbelastung Menschen, mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Schädigungen der Atemwege, vor allem bei den Kleinen. Geld für Ärzte oder Medizin bleibt selten übrig.
Eingebettet zwischen den Rohstoff-Giganten Russland und China galt die Mongolei lange selbst als Eldorado für Bodenschätze. Nun scheint die Luft raus zu sein. In dem zentralasiatischen Staat leben immer mehr Menschen unter der Armutsgrenze.
Positive Auswirkungen durch den Bodenschatzreichtum ihrer Heimat bekommen sie angesichts fallender Rohstoffpreise, stockender Bergbauprojekte und innenpolitischer Streitigkeiten nicht zu spüren. Dabei ist es nur wenige Jahre her, dass die Mongolei die weltweit am schnellsten wachsende Wirtschaft war.

Meinen hartnäckigen Husten, der bereits zu schmerzen begann, konnte ich jedenfalls nicht auf die verschmutzte Luft abwälzen. Diesen lästigen Begleiter schleppte ich bereits aus Österreich mit, und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Auch Sergej`s gut gemeintes Wundermittel, ein Glas Wodka mit Pfeffer vor dem Bett gehen, zeigte keine Wirkung.
Ab da, wo Sergei Kohle von uns erhalten hatte, stieg auch seine Laune. Er war doch nicht so rüde und forsch wie anfänglich vermutet. Nach und nach taute er auf und war sogar zu Scherzen aufgelegt. Seine Arbeit wirkte ordentlich, überlegt und durchdacht. Zum Beispiel waren die U-Profile die er verwendete bereits verzinkt, um in der Folge ein Rosten zu verhindern. Er und sein Kollege werkten effizient bis in die Dunkelheit hinein an Akela.
Sprachschwierigkeiten räumte diesmal Baisa aus dem Weg, die glücklich war ihr eingerostetes Englisch und Deutsch wieder aufzupolieren. Als die Beiden den Rahmen fertig hatten, war es bereits stockfinstere Nacht. Es hätte uns mindestens eine Stunde gekostet, um wieder ins Oasis zu gelangen, daher durften wir im Garten campieren. Sergej war ein Tüftler und Bastler, daher zeigten wir ihm unseren Holzofen, für den wir eigens aus Österreich Schamottplatten mitgebracht hatten, um die Wärme zu speichern.
Der Ofen sollte vorwiegend als Backup für unsere Dieselheizung dienen, die seit unserer Abfahrt aus Österreich nur dann lief, wenn es ihr in den Kram passte. Ein romantischer Hintergedanke spielte beim Einbau des Ofens natürlich auch mit! ;-) Allerdings kam das Einheizen mit dem guten Stück eher dem Zweck einer Sauna nahe. Im Nu waren Temperaturen um die 40 Grad erreicht und man musste alle Fenster aufreißen um einem Hitzeschlag zu entkommen. Hörte man zum Nachlegen auf, verpuffte die Wärme genauso abrupt wie sie entstanden war. Deshalb die mitgebrachten Steine, in der Hoffnung effizienter heizen zu können. Doch leider fehlte es uns an der geeigneten Vorrichtung um diese am Ofen zu befestigen. Sergej betrachtete das gute Stück und überlegte. Für heute war es erstens zu spät und ausserdem waren alle müde. Doch er versprach, dass er etwas basteln würde und uns das Ergebnis am nächsten Abend ins Oasis bringen würde.
Des Nachts hüteten wir uns aus Akela auszusteigen. Um vor Einbrechern geschützt zu sein ließ Sergej seinen Do Khyi oder auch Tibetmustiff frei im Garten herumlaufen. Und glaubt uns, diesem Hund will niemand freiwillig begegnen, erst recht nicht, wenn es finster ist!
Zeitig am Morgen führen wir zurück ins Oasis. Gesundheitlich ging es mir immer schlechter. Zum starken Husten gesellten sich Ohrenschmerzen und starkes Kopfweh hinzu. Ich fühlte mich wie erschlagen. Meine Hausmittelchen und Teetrinken halfen nicht, ich musste einen Arzt aufsuchen. Ulaan Baatar besitzt ein internationales Krankenhaus. Ich hatte mich lange gewehrt, doch jetzt war ich reif dafür. Mit einem Taxi machte ich mich auf dem Weg, während Leander und Lennox im Hostel blieben. In der Klinik konnte ich zwischen einem mongolischen Arzt für 90$ oder einem „international“ Doktor für 180$ wählen. Ich entschied mich für den mongolischen, mit dem ich sehr zufrieden war. Er diagnostizierte eine starke Bronchitis und Sinusitis und entließ mich mit einer heftigen Chemiebombe. Allerdings war ich mehr als bereit dazu mir vier verschiedene Medikamente die nächsten Tage rein zu dröhnen, ich fühlte mich zum Sterben verurteilt.
Am Abend kam wie versprochen noch Sergej vorbei und brachte uns die Halterung für die Steinplatten vorbei, die er zusammengeschweißt hatte. Sie passten perfekt und Leander musste sie nur noch am Ofen montieren.
Um noch etwas Erholung und Ruhe abzubekommen bevor es los ging, blieben wir noch für zwei Tage im Guesthouse. Es war eine gute Gelegenheit um Preise und Informationen für unsere Weiterfahrt zu recherchieren. Korea, Japan, Australien und Neuseeland standen auf dem Plan. Ich hatte zwar schon zu Hause diesbezüglich vorgearbeitet, doch man trifft immer wieder andere Reisende und erhält neue Informationen bzw. Kontakte.

Am dritten Tag fühlte ich mich soweit ok, dass wir auf den Asphalt zurückkehren konnten. Endlich, denn die herumhockerei im Guesthouse zermürbte mich zusätzlich. Wir wollten relativ zügig die Mongolei verlassen und in Russland einreisen. Doch bevor wir uns auf die lange Etappe von 4.000km quer durch Sibirien machten um Vladivostock zu erreichen, besichtigten wir das meines Erachtens mega übertriebene Denkmal des „mongolischen Helden“. Das größte Reiterstandbild der Welt. Die Statue von Dschingis Khan bei Tsonjin Boldog ragt seit 2008 etwa 30 Meter in den Himmel. Sie steht auf einem zehn Meter hohen Sockel, der wiederum auf einem Hügel 54 Kilometer östlich der mongolischen Hauptstadt errichtet wurde. Seine Grausamkeit ist legendär! Dschingis Khan, der „ungestüme Herrscher“ der Mongolen, Geburtsname Temüdschin, schuf mit wilden Reiterhorden ein Weltreich in Zentralasien. Die Nachbarvölker der Mongolen, vor allem in China und Sibirien, Persien und bis ans Kaspische Meer, hatten dem Stammeskrieger wenig entgegenzusetzen. Nach der Besichtigung nahmen wir die nördliche Route durch die Darchan Uul Region bis an die russische Grenze, was uns zwei volle Fahrtage abverlangte. Man merkte, dass Mütterchen Russland näher rückte, denn plötzlich tauchten Bäume und gar richtige Wälder vor unseren Augen auf. Die Region war äußerst touristisch. Lieblose Resorts wurden aus der Erde gestampft wie Pilze zur Saison. Umgehauen hat uns dann ein Golf Platz mitten in der Pampa, mit perfekt begrünten Abschlagflächen – mitten in der Mongolei! Mit so etwas hatten wir never ever gerechnet! Es bleibt abzuwarten, dass ein Golfurlaub in der Mongolei in heimischen Reisebüros als der „Burner“ gehandelt wird. Schrecklich! Was sind wir froh, dieses wunderbare Land noch halbwegs unberührt und naturbelassen erleben durften. 100km vor der russischen Grenze schlugen wir ein letztes Mal unser Nachtlager auf mongolischem Boden auf, ehe es zurück in Putins Reich ging.

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