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Blog

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 29.11.2017

Butter zum Frühstück!

Mongolei, August - September 2017

Die verbleibenden 80 km bis zur mongolischen Grenze fuhren wir im Konvoi mit den Engländern. Der Andrang wartender Autos bei unserer Ankunft hielt sich in Grenzen. Leander stellte den Motor ab und marschierte zum Zollhäuschen um die Lage abzuchecken. Als er zurück kam meinte er, dass wir uns auf eine längere Wartezeit einstellen konnten. Ein österreichisches Vater-Sohn Gespann, welches an der Pole Position der Warteschlange stand, wartete bereits seit Stunden ohne ersichtlichen Grund.
Als es uns im Führerhaus zu frostig wurde kletterten wir in die Fahrerkabine, schalteten die Heizung ein und warfen den Gasofen an, um zu kochen. In Russland ergatterten wir zu einem Hammerpreis mehrere Kilo Heidelbeeren, die wir nun im Handumdrehen in leckere „Schwarzbeerdatschi“ umwandelten. Unsere vier englischen Freunde ließen wir natürlich auch nicht hängen und versorgten sie ebenfalls mit extra Kalorien und heißem Tee, der bei der Kälte von innen warm hielt.
Irgendwann öffnete sich der Schranken und der Run auf die Behörden war eröffnet. Die Russen waren freundlich, relativ flott und legten einer raschen Ausreise nichts in die Quere. Der LKW blieb wie sooft unkontrolliert, und wir erhielten grünes Licht für die Durchfahrt.
Wir gondelten etwa 20km durch Niemandsland ehe wir bei den mongolischen Kollegen auftauchten.
Dort staute sich eine kleine Menschentraube im Abfertigungsgebäude auf. Die Beamten verlangten allen Ernstes ein Vorbringen aller persönlicher Gegenstände, um sie dem Gerätescan zu unterziehen. Wir hatten keinen blassen Schimmer womit wir da antanzen hätten sollen. Teller, Tassen, Kleider, Lebensmittel... unser gesamter Besitz befanden sich in Akela, und im Gegensatz zu den Meisten die mit uns am Zoll warteten, kamen wir nicht von einer Shoppingtour aus Russland retour. Bewaffnet mit unseren Reisepässen inklusive gültigem Visa spazierten wir zum Schalter, das musste reichen. Als wir an der Reihe waren fragte niemand nach persönlichen Dingen, doch anscheinend fehlte uns ein wichtiges Dokument. Welches? Keine Ahnung. Unentwegt forderte uns der Beamte auf, diesen Schrieb vorzulegen. Wir kramten in unserer Unterlagenmappe, fanden aber nichts womit er sich zufrieden gab. Keiner der Wartenden schien in Besitz dieses wichtigen Zettels zu sein. Die Schlange hinter uns wurde länger und länger. Als es dem Beamten zu blöd wurde knallte er einen weißen Zettel auf das Pult und forderte uns auf die fehlenden Infos darauf zu kritzeln, welche er mühsam in seinen Computer übertrug. Damit gab er sich zufrieden und ließ uns eine Station weiter.
Unsere Cross war das nächste Sorgenkind. Bei der Einreise legten wir nur die Papiere des Truck`s vor, wie immer eigentlich.
Doch einem Beamten war auf seinem Überwachungsmonitor die Honda am Heckträger aufgefallen. Somit mussten wir erneut Papierkram für das Motorrad erledigen. Nach einigem Hin und Her erhielten wir auch hierfür die Zollpapiere. Der fehlende russische Ausreisestempel sorgte noch kurz für Verwirrung, doch das Vorlegen der zweiten Pässe rückte alles wieder in grünes Licht und somit war alles wieder in Butter. Wir waren fertig und durften zu Akela. Dort sprangen zwei Beamte in den Truck und ließen sich die Schubladen öffnen. Einer der beiden meinte locker lässig, wir sollten den gesamten Inhalt unter Lennox`s Bett ausräumen, quasi unseren Keller. Leander brach in schallendes Gelächter aus und wir stellten uns blöd und gaben ihm zu verstehen, dass wir keinen Tau hatten wovon er sprach. Irgendwann gab er auf, murmelte etwas vor sich dahin und beendete die Inspektion. Somit waren wir nach insgesamt sechs Stunden auch auf der mongolischen Seite abfahrtbereit. Der Schranken öffnete sich uns und wir durften durchfahren.

Wir befanden uns nun offiziell in der Mongolei. Als wir noch zuhause im trauten Heim logierten, schwelgten wir oft in visuellen Vorstellungen über dieses weit entfernte und uns kulturell so fremde Land. Was außer Yakfleisch und Jurten würde uns erwarten? Wir ließen alles offen und waren gespannt.
Wie bereits vor den grimmigen Russen wurden wir auch vor den bösen Mongolen gewarnt. Überfälle in Städten, Steinwürfe gegen Touristen, auf all das sollten wir uns gefasst machen. Nun, wir nahmen die gut gemeinten Ratschläge zwar nicht auf die leichte Schulter, doch blieben wir relativ gelassen, da uns auch in Russland niemand den Kopf abgerissen hatte.
Eines hatte sich allerdings bewahrheitet, die Straßen empfingen uns in katastrophalem Zustand. Kaum berührten Akela`s Reifen mongolischen Boden, begann auch schon die Holperei.

Wir waren noch nicht weit gekommen, als John und Olli an einem Haus neben der Straße anhielten. Leander bremste und stieg ebenfalls aus. Ein Einheimischer stoppte quasi die vorbei fahrenden Autos, begrüßte uns überschwänglich und lud uns in sein Haus ein. Es war bereits spät geworden und wir wollten vorwärts kommen, aber die beiden Engländer zog es förmlich ins Innere, da sie mächtig Kohldampf hatten. In unserer ersten Naivität stapften wir hinterher. Doch unsere Alarmglocken klingelten relativ rasch. Im Wohnzimmer saß bestimmt ein halbes Dutzend blutjunger und reiseunerfahrener Mongol Rally Teilnehmer und mampften sich den Wanst voll. Teilweise vom Bier schon leicht angesäuselt riefen sie uns mit hochroten Köpfen entgegen „Oh, the mongolian hospitality – it`s so great!“
Nicht ungeschickt die Strategie des Mongolen. Er wusste um die Tatsache Bescheid, dass um diese Jahreszeit viele „Möchtegern Abenteurer“ in sein Land einreisten. Essen, Alkohol, Zigaretten, alles hatte er in seiner Vorratskammer. Doch natürlich nicht for free, wie seine Gäste vermuteten. Nach einer Tasse Tee verlangten wir die Rechnung. Mit 10USD wäre das der teuerste Tee gewesen, den wir je getrunken hätten. Wir lächelten ihn an und gaben ihm ein paar Tugrik, seiner kleinen Tochter schenkten wir noch etwas Obst, ehe wir uns vom Acker machten. Nun ja, nur aus Erfahrungen wird man klüger.
Der ewig andauernde Papierkram am Zoll und die falsch verstandene Gastfreundschaft bei dem Mongolen hatten es bereits spät werden lassen. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir die Stadt Ölgii, wo wir auf der Suche nach einer lokalen Sim Karte waren. Doch seit wir auf Reisen waren hatten wir irgendwie unser Zeitgefühl verloren und waren bei Ankunft ganz verdutzt, dass uns um 20:00 Uhr niemand mehr eine Telefonkarte verkaufen konnte, da bereits alle Läden dicht waren. Olli und John gingen noch eine Kleinigkeit essen. Von Ewan und Ben hatten wir jede Spur seit der Grenze verloren.

An einem See etwas außerhalb der Stadt hatten wir mit Olli und John einen Treffpunkt vereinbart.
Als wir stadtauswärts fuhren verdunkelte sich der Himmel. Tiefschwarze Wolken bäumten sich in den Bergen auf und schoben sich uns aufgeplustert entgegen. Massive Blitze schossen wie Feuerbälle aus dem Nichts hervor, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner. Alles ging sehr schnell und zum Umfahren war es zu spät. Apocalypse Now! Wir warteten nur darauf bis sich eine Furche auftat um uns zu verschlingen. Doch Irgendetwas hatte Erbarmen mit uns, und das gröbste Getöse zog an uns vorüber.
Es war bereits stockfinstere Nacht als wir den Truck am besagten See abstellten, wo wir uns mit den Engländern treffen wollten. Doch wir warteten vergebens. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt und ohne Internet konnten wir auch keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen. Etwas sorgenerfüllt gingen wir zu Bett.
Einen Wecker für den nächsten Morgen hatten wir nicht gestellt. Diesen Job übernahmen Ben und Ewan durch ein sanftes Klopfen an Akela`s Tür. Welch Überraschung? Mit den beiden hatten wir nicht gerechnet. Zu Heidelbeer Pancakes und Tee mussten wir sie nicht lange überreden. Als wir irgendwann auf die Uhr blickten war es bereits früher Nachmittag geworden. Es war an der Zeit sich zu verabschieden. Die Jungs zog es Richtung Ulaan Baatar und uns ins mongolische Altai. Von Olli und John fehlte nach wie vor jede Spur.

Wir waren noch nicht weit gekommen. Da erblickten wir von Weitem einen beigefarbenen MAN Truck mit deutschen Nummernschildern. Es war Markus. Aus Erzählungen anderer Reisender hatten wir bereits von ihm gehört. Er war mit seiner Frau und drei Kids unterwegs. Doch wie sich leider herausstellte, waren die Kinder mit der Mutter in Ulaan Baatar in einen Flieger Richtung Deutschland unterwegs. Im Austausch stiegen seine beiden Kumpels aus der Heimat zu, mit denen er den Truck nach Hause steuerte. Sehr zu Lennox`s Leidwesen, der sich auf Gesellschaft gefreut hätte.
Die drei Jungs peilten eine kleine Bucht am Tolbo Nuur Lake an, die Markus bereits kannte. Er lud uns ein ihm zu folgen, falls wir nichts besseres vorhatten. Das taten wir auch. Querfeldein tuckerten wir dem MAN hinterher und stellten ihn direkt am Ufer des Sees ab.
Die düster, aber dennoch einladende Landschaft des Tolbo Nuur Lakes, entfaltete sich nur 20km neben der asphaltierten Straße zwischen den Städten Ölgii und Chowd. Trotz der 2.080 Meter über dem Meeresspiegel ist das leicht salzhaltige Wasser im Sommer warm genug um darin zu baden. An einem klaren Tag bietet das baumlose Ufer Aussicht auf den Sairyn Uul (3.981m), einen Gletschergipfel im Osten. Für unser Empfinden war das Wasser mittlerweile zu kalt zum Planschen, doch dass wir verwöhnte Warmduscher waren, bewies uns tags darauf der Sohn einer mongolischen Familie.
Für Lennox war der MAN eine willkommene Abwechslung und Markus hatte keine Probleme damit, dass unser Kleiner die Spielsachen seiner Kinder durchstöberte. Vielleicht war er auch so entspannt, da er mittlerweile in Akela das dritte Stück Kuchen mampfte während er von seinen Reiseerfahrungen berichtete. Schade dass wir die Familie nicht „komplett“ kennenlernen durften, es wäre ein toller Erfahrungsaustausch gewesen. Am nächsten Morgen verließen uns Markus und seine Männercrew wieder. Ihr Zeitmanagement war sehr straff. In drei Wochen mussten sie zu Hause in Deutschland sein. Wir blieben noch.

Eingehüllt in warme Daunenjacken und Mützen auf dem Kopf erkundeten wir tags darauf die umliegende Hügellandschaft. Von oben konnte man vereinzelt Jurten erspähen und viele Familien die am See picknickten. Als wir zu Akela zurückkehrten hatten auch wir Gesellschaft bekommen. Eine Familie aus Ölgii kam mit frischer Melone auf uns zu und bombardierte uns neugierig mit Fragen. Allerdings konnte ich kaum meinen Blick von deren Sohn abwenden, der sich wie ein Wal bereits seit über 30 Minuten im eiskalten Wasser aalte und sichtlich Spaß daran hatte. Für uns hatte die Dusche am Morgen bereits den Charakter einer Mutprobe. Sogar Lennox, unser Spartiat was Kälte anbelangte, weinte beim Haare waschen vor Schmerz, als ich ihm das Wasser über den Kopf goss.

Doch leider ließ die Zeit auch uns nicht unberührt und zwang uns zum Weiterfahren. Nach einem langen Fahrtag entlang der Südroute hielten wir in dem Städtchen Chowd. Dort durchstöberten wir einen Supermarkt, der uns im wahrsten Sinne vom Hocker haute. Ich weiß nicht wer uns den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass in der Mongolei Lebensmittel rar wären. Ich spreche von den Städten, denn Überland war es wirklich schwierig an Lebensmittel zu gelangen. Im Gegenteil, es gab alles, sogar frisches Obst und Gemüse wurden angeboten zu moderaten Preisen. Natürlich mit dem Bewusstsein, dass die Produkte vorwiegend aus China importiert wurden, wie vieles andere auch. Denn eine florierende Landwirtschaft ließ der karge Boden des Landes nicht wirklich zu.
Einzig und alleine mit dem Wassertanken hatten wir so unsere Probleme. Die viel gepriesenen Wasserhäuschen, an denen man gegen eine kleine Gebühr Wasser beziehen konnte, blieben aus. Oder wir waren einfach zu dumm um sie zu erkennen. Jedenfalls fanden wir keine Möglichkeit um unsere Tanks zu füllen. Als es bereits dunkelte verließen wir die Stadt und siehe da, war das nicht ein Wasserhäuschen? Wir hielten und klopften an die Türe des dazugehörigen Hauses. Ein Mann öffnete und erklärte uns, dass es erst ab 07:00 Uhr früh wieder Wasser gäbe, da heute kein Strom mehr verfügbar sei.
Nun, wir hatten verschlafen und kreuzten erst um 11:00 Uhr dort auf mit der Konsequenz, dass das Wasser bereits wieder aus war. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, wie sehr ich dieses Sprichwort hasse. Doch wir hatten Glück im Unglück, ein Hotel direkt an der Straße ließ uns unseren Wassertank bereitwillig mit deren Gartenschlauch füllen.

Die Pisten auf denen wir uns bewegten waren mehr als bescheiden. Wir wurden im Führerhaus durchgerüttelt, dass einem übel wurde. Eigentlich wollten wir schnellstmöglich nach Altai, was aber bedeutet hätte, dass wir einen zweiten Fahrtag einlegen hätten müssen, wozu keiner Bock hatte. Da durchkreuzte der Khar Us Nuur unsere Pläne. Nach kurzer Beratschlagung entschieden wir uns für dem kleinen Abstecher.
Lennox war sowieso bei allem was mit See zu tun hatte „pro“ eingestellt und gegen eine kleine Rüttelpause war nichts einzuwenden. Nach einigen Kilometern querfeldein durch die Steppe, was oftmals für ein angenehmeres Fahrvergnügen sorgte als auf der Hauptstrasse zu fahren, erreichten wir die Wasserfläche. Zum Baden war er nicht geeignet. Beinahe das gesamte Ufer war moorastig und von hohem Schilf umwuchert. Dennoch war es eine traumhafte Kulisse. Wir stellten Akela unweit des Wassers ab und erkundeten ein wenig die Gegend. Pferde grasten rund um uns, und eine Vielzahl von unterschiedlichen Vogelarten bewohnten das Ufer.
Dass rund um den See der Nationalpark Khar Us Nuur lag, welcher eines der wichtigsten Feuchtgebiete der Mongolei schützte indem über 200 verschiedene Vogelarten Zuflucht fanden, erfuhren wir erst im Nachhinein.
Doch manchmal bedurfte es gar keinem Vorwissen um zu erahnen, in welch Paradies man sich befand.
Um das Ufer noch kreativer zu gestalten kramten wir die Wasserfarben hervor und verzierten die rumliegenden Steine mit schönen Farben und Mustern, eher wir tags darauf relativ zeitig auf den Asphalt zurückkehrten.

Auf komplett neu asphaltierten Straßen kamen wir zügig voran und erreichten gegen Abend die 400km entfernte Stadt Altai. Auf einem Hügel nahe eines Flughafens fanden wir einen geeigneten Stellplatz mit ausgezeichnetem Internetempfang, was sehr gelegen kam, denn so konnten wir einige Recherchen über den Khar Nuur Lake anstellen. Markus schwärmte von dem See, der am Südufer von riesigen Wanderdünen gesäumt sein soll, die direkt ins Wasser mündeten.
Allerdings bedeutete der See einen Umweg von gut 100km querfeldein auf mongolischen Pisten – oneway wohlgemerkt. Das mongolische Hinterland erforderte ein gewisses Geschick was Navigationskünste anbelangte. Aus unzähligen Pisten und Trampelpfaden die in alle Himmelsrichtungen ausstrahlten, musste gefühlsmässig die oder der Richtige gefunden werden. Das letzte Stück zu den Sanddünen beinhaltete anscheinend eine Schlüsselstelle, die nur schwer zu knacken war.
Sonja und Michael, das deutsche Pärchen mit denen wir Zeit am Issyk Kol Lake in Kirgistan verbrachten, waren aktuell vor Ort. Nach einem Telefonat mit Sonja waren wir kaum schlauer was Informationen anbelangte. Sie konnten uns die Entscheidung, ob wir es wagen sollten nicht abnehmen.
Sowohl Markus als auch Michael und Sonja hatten Trucks, die um ein vielfaches geländegängiger waren als unser Brummi. Doch die emotionsgeladenen Bilder, die wir im Internet gefunden hatten, halfen uns bei der Entscheidung. Wir wollten es versuchen, frei nach dem Motto „wer nicht wagt, der nicht gewinnt“! Umkehren konnten wir immer noch. Außerdem hingen unsere Sandbleche seit dem letzten, und bis dato einzigem Einsatz in der iranischen Wüste, wieder jungfräulich und einsatzbereit am Truck. Also was konnte groß schief gehen?

Kurz nach dem Städtchen Altai verließen wir die Südroute und fuhren auf das Verbindungsstück zur Mittelroute hoch. Wieder auf gewohnt schlechten Straßen, die uns in eine altbekannte Monotonie verfallen ließen, entschieden wir uns am frühen Nachmittag den Truck irgendwo in der Pampa abseits der Piste abzustellen, um noch etwas vom Tag zu genießen.
Bei 300 Sonnentagen im Jahr war es nicht verwunderlich, dass wir mit dem Wetter Glück hatten. Wir sprangen aus dem Führerhaus und nahmen die sagenhafte Weite und Größe des Landes in uns auf. Es war unglaublich mit wieviel „Nichts“ dieses Land beeindrucken konnte.
Oft geschah es, dass man tagelang in eine Richtung fuhr und kaum einer Menschenseele begegnete. Einzig und alleine riesige Herden von Pferden, Kamelen, Schafen und Ziegen boten eine Abwechslung. Wem gehörten nur all diese Tiere? Denn nur gelegentlich konnte man aus der Entfernung eine Jurte erkennen aus deren Kamin Rauch aufstieg. Ein weiteres Rätsel gaben uns auch die zahlreichen leeren Wodkaflaschen auf, die zuhauf in der Gegend rumlagen.

Der Motor war noch warm als wir einen Mann in traditionellem Gewand auf uns zureiten sahen. Er stieg vom Pferd und kam auf uns zu. „Sain Banu“ begrüßten wir ihn auf mongolisch. Mit einer Handgeste erwiderte er den Gruß und fing sofort zu plaudern an. Mit der Begrüßung war unser Wortschatz auch schon wieder ausgeschöpft, doch das störte niemanden. Munter quasselte der Hirte weiter. Er deutete auf Lennox, packte ihn und setzte den Kleinen auf sein Pferd.
Bei Kaffee und Keksen erfuhren wir, dass unser Camping Spot zu seinen Weidegründen für das Vieh gehörte. Er und seine Familie wohnten hinter dem Berg in einer Jurte. Es dauerte nicht lange, da stieß sein Nachbar dazu, allerdings auf dem Motorrad. Auch er ließ sich den Kaffee vorzüglich schmecken und beide waren einer zweiten Tasse nicht abgeneigt. Sie erklärten uns, dass sie gerade dabei waren das Vieh nach Hause zu treiben.
Nach geraumer Zeit stieg er wieder auf sein Pferd und gab uns mit einer Handbewegung zu verstehen, ihm zu folgen. Nach ca. 15 Minuten erreichten wir seine Jurte. Durch den Lärm des heran knatternden Trucks aufmerksam geworden, lugten seine Frau, die Tochter und die Enkelin aus dem Nomadenzelt.

Nachdem er seiner Familie die Umstände unseres Zusammentreffens geschildert hatte, wurden wir herzlich willkommen geheißen und in das Kuppelzelt eingeladen. Wir hatten zwar schon öfter unsere Nase in Souvenir,- oder Touristenjurten gesteckt, doch der Blick in ein „echtes“ Nomadenzelt blieb uns bislang verwehrt.
In der Mitte des Zeltes stand ein alter Holzofen in dem Feuer loderte, weiters befanden sich drei kleine Betten und eine alte Spiegelkommode darin, auf der fein säuberlich Schminkutensilien aufgereiht standen, ein Regal mit Kochgeschirr, eine Gefriertruhe.. das wars. Nein halt, bevor ich es vergesse, auf einem kleinen Schemel stand ein alter Fernseher, über dessen Bildschirm Nachrichten flimmerten. So einfach und spartanisch die Mongolenhütte auch war, Solarpanele, Handys und Internet hatten Einzug gehalten.
Emsig räumten die Frauen Kleidungsstücke und Spielsachen beiseite damit wir uns setzen konnten. Die warme Yakmilch die uns gereicht wurde schmeckte nicht schlecht, vielleicht ein bisschen salzig. Während wir mit unseren Tassen da saßen, schritt der Hausherr durch die kleine Holztüre und legte sich in voller Montur mitsamt Stiefeln auf eines der Betten und wartete auf das Essen, dass seine Frau in einem großen gusseisernen Topf am offenen Feuer bereitete. Das Rezept ist schnell erklärt. In siedendes Wasser schnitt sie Stücke von Yakfleisch hinein, dazu gehackte Zwiebeln und Spaghetti. Das ganze ließ sie mehrere Minuten köcheln, fertig.
Um es vorwegzunehmen, die mongolische Küche ist nichts für Vegetarier.
Die Nomadenküche ist darauf bedacht, sparsam mit Ressourcen umzugehen, insbesondere in der kalten Jahreszeit. Jede Kalorie ist wertvoll und sollte nicht zischend ins Feuer tropfen. So wird vorwiegend gedünstet und gekocht aber nicht gebraten. Zubereitet werden bevorzugt fettige Gerichte.
Jedem von uns wurde eine Schüssel randvoll mit Suppe gereicht. Sie schmeckte nicht schlecht, ich für meinen Teil hab halt die fettigen Fleischstücke unzerkaut einfach hinuntergeschluckt. Nach dem Essen versuchten wir einwenig voneinander zu erfahren, was nicht einfach war anhand fehlender Sprachkenntnisse beiderseits. Wir erfuhren, dass der Ehemann der Tochter auswärts arbeitete um Geld zu verdienen. Man sah es der jungen Frau nicht an, aber sie war im 5. Monat schwanger zum zweiten Kind. Die Schafe, Ziegen und Kühe die sie hüteten waren nicht ihr Eigentum. Gegen Bezahlung versorgten sie die Tiere für jemand anderen. Vor Wintereinbruch übersiedelten sie mit ihrem spärlichen Besitz in die Stadt, in der Hoffnung dort über die Runden zu kommen.
Lennox lief in der Zwischenzeit mit der dreijährigen Tochter draußen zwischen dem Nutzvieh umher und hatte Spaß. Vor allem den Hunden war er sehr zugetan, wie überall wenn ihm welche über den Weg liefen.
Ein Nomadenalltag beginnt zeitig am Morgen. Als wir sahen, dass dem Familienoberhaupt während der Unterhaltung bereits die Augen zufielen, bedankten wir uns für das Essen und verzogen uns in den Truck.

Am nächsten Morgen ärgerten wir uns, dass wir das alltägliche Ritual des Melkens verabsäumt hatten. Wir hätten gerne mitgeholfen oder zumindest zugesehen. Doch leider waren wir zu spät aus den Federn gekommen. Wie sooft verhinderten Erledigungen wie Fotos bearbeiten, Berichte schreiben oder allgemeine Recherchen ein zeitiges zu Bett gehen, was sich dann beim morgendlichen Aufstehen niederschlug. Die Frauen waren mit der Arbeit bereits fertig und luden uns zum Frühstück ein.
Lennox war der Erste der zur Jurte lief. Leander und ich folgten einige Minuten später. Wir hatten das Zelt noch nicht erreicht, als uns unser Sohn entgegen hastete und rief: „Mama, Mama, bitte sag ihnen, daß ich das nicht essen kann“! Keinen blassen Schimmer wovon er sprach gingen wir gemeinsam zurück in die warme Unterkunft. Er zeigte mir die Schüssel die ihm die Frau angeboten hatte und darin war – Butter! Butter zum Frühstück!
Bei solch nahrhafter Kost rebellierte sogar der Magen unseres Zwerges, der ansonsten überhaupt nicht heikel war. Freundlich gaben wir der Frau zu verstehen, dass wir bereits gefrühstückt hatten. Wir wollten nicht unhöflich wirken, aber Butter pur war zu viel für unsere westlichen Mägen. Die Frau lächelte nur und reichte die Schüssel ihrer kleinen Tochter weiter, die herzhaft die steinharten Kekse darin eintunkte und verschlang.
Für uns war es eine große Ehre und ein aussergewöhnliches Erlebnis, Gast in einer Jurte zu sein.
Ganz selbstverständlich teilte die Familie ihr Essen mit uns und gab uns auch noch ein großes Stück Yakfleisch mit auf den Weg.
Als kleines Dankeschön revanchierten wir uns mit einem Glas Honig und einigen Spielsachen für die Kleine. Die junge Frau schrieb uns noch ihre E-Mail Adresse auf einen Zettel mit der Bitte, ihnen doch die Fotos zukommen zu lassen, die Leander geschossen hatte. Dann ging es ans Abschied nehmen. Wir waren schon ein gutes Stück von der Jurte entfernt, doch im Rückspiegel konnte ich immer noch die Silhouetten der beiden Frauen erkennen, wie sie uns zum Abschied nachwunken.

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