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Author: Maria Zehentner / Translation: Moritz Zehentner
Beitrag vom: 29.09.2017

Zu Gast bei einem Adlerjäger

 

Kirgistan Teil III, Juli 2017


Nach der morgendlichen Wanderung durch den Fairy Tail Canyon begaben wir uns auf die letzten 40 km die uns von Aitbek, dem Adlerjäger, trennten. Mit einem nervösen Gefühl in der Magengrube fuhren wir los. Einerseits konnte uns Andre nur mit einer vagen Wegbeschreibung aushelfen und andererseits hatten wir keinen blassen Schimmer, was uns vor Ort erwarten würde. Es war ein langgehegter Wunsch von Leander, irgendwann mal einen Eagle Hunter zu treffen – und natürlich auch zu portraitieren. Andre, der als kirgisisches Sprachrohr zwischen Aitbek und Leander fungierte hatte dieses Treffen arrangiert, und da er nicht mitkommen konnte, hatte er auch schon telefonisch vorgefühlt, ob er mit einem Fotoshooting einverstanden wäre. Der Adlerjäger hatte zugestimmt.

Man konnte Leander während der Fahrt die Anspannung und auch die Vorfreude im Gesicht anmerken. Aus seinem Verwirrspiel der Gedanken riss ihn erst die Erkenntnis, dass wir das Häuschen des Adlerjägers laut Andres Beschreibung nicht finden konnten. Wir mussten wieder einige Kilometer zurückfahren, an einen Punkt wo wir Internet hatten, um Andre zu kontaktieren. Er teilte uns mit, dass wir an unserem Standpunkt ausharren sollten, er würde managen, dass uns Aitbek dort abholen kommt. Wir warteten ca. 30 Minuten bis ein dunkelblauer VW Polo vor uns hielt. Ein Mann um die 40 stieg aus, schritt uns entgegen, berührte zur Begrüßung unsere entgegengestreckte Rechte mit seinen beiden Händen und senkte den Kopf andächtig. Dann wies er uns an ihm zu folgen. Über unwegsames Gelände holperten wir ihm mehrere Kilometer hinterher, bis wir an einem kleinen Häuschen hielten. Wir parkten Akela unmittelbar davor und stiegen aus. Rund um das Gebäude herrschte reges Viehtreiben. Hasen, Hühner, Kücken, zwei Hunde, Pferde, alles war vertreten. Lennox schien Aitbek zu gefallen, denn bevor er uns in das Haus bat, schnappte er den Kleinen bei der Hand und führte ihn herum.
In der guten Stube wurden wir dann von der Hausherrin mit Aprikosentee und allerlei Süßigkeiten herzlich Willkommen geheißen. Andächtig saßen wir, Xenia, Martin, Leander, Lennox und ich gemeinsam mit Aitbek`s Familie um den Tisch und betrachteten die Fotos die an der Wand hingen, welche auf eine langjährige Tradition mit dem Umgang der majestätischen Tiere schließen lies. Mit unseren spärlichen Russisch Kenntnissen und Aitbek´s gebrochenem Englisch gelang trotzdem eine interessante Konversation. Er schilderte uns den Verlauf seines langjährigen Trainings um ein guter Jäger zu werden. Bereits als kleiner Junge im zarten Alter von acht Jahren begann er, unter Aufsicht seines Vaters, mit Falken zu arbeiten. Erst um die 20 wurde er für reif und erfahren genug befunden, um einen Adler anvertraut zu bekommen. Die Tradition des Eagle Hunting`s wird in der Regel innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.
Mittlerweile betreibt leider nur noch eine Handvoll Menschen diese Form des Jagens auf natürlicher und gesunder Basis.
Aitbek hat zwei Töchter und zu seinem Bedauern zeigte keine von beiden Interesse, das Familienhandwerk fort zu führen. Weshalb ein Hauch von Wehmut in seinen warmen, braunen Augen zu erkennen war. Mit ihm, als dem letzten Adlerjäger in der Familie, würde wohl die Kunst des Umgangs mit den würdevollen Tieren verschwinden.
Nun darf man natürlich nicht naiv und blind sein. Eagle Hunting ist gerechtfertigter Weise ein Thema, das jedem Tierschützer einen Aufschrei entlocken darf. Alleine der Gedanke, wie ein Jäger zu einem derartigen Tier gelangt, erlaubt Handlungsbedarf. Entweder wird zur Brutzeit ein Nest geplündert, oder die Vögel werden in freier Wildbahn eingefangen. Allerdings, so finde ich, ist immer noch ausschlaggebend und entscheidend, wie das Federtier behandelt wird. Es ist Tatsache, dass vermeintliche Adlerjäger nur noch kommerziell mit ihren Tieren durch das Land tingeln und den Touristen für Fotos Geld aus der Tasche ziehen, und das nicht gerade wenig. Ob die Vögel ordentlich ernährt, gut untergebracht und respektvoll behandelt werden interessiert hier niemanden. Hauptsache zu Hause kann man mit einem gelungenen Schnappschuss Anerkennung einheimsen.

Bei Aitbek hatten wir ein ehrliches Gefühl, was die Arbeit mit seinen Adlern betraf. Er erklärte uns, dass im Winter, wenn in den verschneiten Bergen lebensnotwendige Beute für die Wölfe rar wurde, diese ins Tal kamen und sich am Vieh der Bauern vergriffen. Da Wölfe in Zentralasien in großer Anzahl vertreten sind und nicht auf der roten Liste stehen wie in Europa, konnte man sich gut vorstellen, dass Übergriffe auf Rinder oder Schafe in der kalten Jahreszeit keine Einzelfälle waren, sondern an der Tagesordnung standen.
Die Winter in Kirgistan sind hart und zeugen von großen Entbehrungen, sowohl für die Tiere als auch für die Menschen. Weshalb der Verlust eines jeden Nutztieres für die Bauern einen großen Schaden bedeutet. Um dem Schauspiel entgegen zu wirken, rücken die Männer mit trainierten Adlern und Hunden aus, um den Wölfen entgegen zu wirken. Eine Bleikugel aus einem Gewehr wäre keine Alternative, denn es würde nicht dem natürlichen Lauf der Natur entsprechen. Jagen und gejagt werden, das ist die Devise. Dennoch kann es auch zum umgekehrten Fall kommen, dass bei einer Jagd ein Adler oder ein Hund für einen Wolf zu schwach sind und diese getötet werden.
Doch Tieren, egal ob Nutz- oder Wildtier, wird in diesen Regionen meines Erachtens sowieso ein anderer Stellenwert zugewiesen als in westlichen Teilen der Welt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Pferd, welches hier als Fortbewegungsmittel, Zugtier und auch als Nahrungsmittel dient. Gerade für die ländliche Bevölkerung ist es mitunter eine Lebens- und Versorgungsgrundlage und wird nicht einmal in der Woche für zwei Stunden aus dem Stall geholt, wenn der Timetable des Besitzers eine freie Lücke aufweist. Auch wird es nicht mit luxuriösen Accessoires wie teuren Sätteln, Gamaschen oder Zaumzeug geschmückt. Genauso wenig wie sich dessen Besitzer in teure „Reitkluft“ schmeißt bevor er aufsteigt. Und genau aus diesem Grund werden wilde Tiere die domestizierte Haustiere töten mit dem Adler bzw. dem Jagdhund getötet. Vielleicht kann man auch sagen aus Respekt vor der Natur? Man könnte über dieses Thema noch lange schreiben oder diskutieren. Doch schlussendlich muß sich jeder seine eigene Meinung darüber bilden.

Aber zurück zu Aitbek. Zum Fotografieren war es mittlerweile zu spät geworden. Leander war immer noch etwas planlos was das Shooting anbelangte und außerdem hatte es zu regnen begonnen. Weshalb alles auf den nächsten Morgen zu Sonnenaufgang verschoben wurde. Dafür durften wir die Adler besichtigen, welche abseits des Wohnhauses in separaten Verschlägen untergebracht waren. Als erstes zeigte er uns ein Jungtier von drei Monaten. Wer jetzt vermutet, dass ein kleines und flauschiges Federbündel hinter der Türe wartete, so wie auch ich der Meinung war, der irrt.
Ein beinahe ausgewachsenes Tier kam zum Vorschein, dass hastig mit den Schwingen schlug als es uns erblickte. Um den Vogel nicht zu verängstigen schloss er die Türe wieder und führte uns zu einem weiteren Stall, wo sich sein eigentliches Heiligtum befand. Karachin, ein ausgewachsenes Prachtexemplar von einem Adler der sieben Kilogramm auf die Wage brachte. Noch nie zuvor war ich einem Raubvogel so nahe gegenüber gestanden. Ehrfurcht und Respekt machten sich breit. Beim Anblick seines Schnabels und der Krallen konnte ich mir bildlich vorstellen, welch Verletzungen sie anrichten konnten. Stolz berichtete Aitbek, dass er mit Karachin schon viele Preise und Medaillen bei Wettkämpfen errungen hatte. Beim Verlassen des Stalls bückte er sich und las eine Feder auf, welche er Lennox schenkte. Laut den Geschichten des kleinen Indianer Jungen Yakari, die Lennox mit großer Leidenschaft verschlingt, war man erst dann würdig eine Adlerfeder zu tragen, wenn man eine Heldentat vollbracht hatte. Da diese aber ein Geschenk an Lennox war machten wir eine Ausnahme und er durfte sie behalten.
Um für das Shooting am nächsten Tag gerüstet zu sein machten Leander und ich einen Location Check in der Umgebung, während Xenia und Martin Lennox im Truck hüteten. Unser Kleiner genoss die Aufmerksamkeit von anderen Mitreisenden, was wir gut verstanden, denn wer klebt schon gerne 24 Stunden mit seinen Eltern zusammen? Das gleiche gilt allerdings auch umgekehrt!
Nach dem Abendessen lud uns Aitbek zu sich ins Haus und präsentierte uns ein Video, in dem er mit Karachin und seinem Hund auf Jagd ging. Es war schier überwältigend bildlich mitzuerleben, wie ein einziger Adler einen ausgewachsenen Wolf zur Strecke bringen konnte. Wenn man mit solch einer Materie noch nie in seinem Leben konfrontiert wurde, dann stockt einem schier das Blut in den Adern.
Pünktlich um halb Acht stand Aitbek, der in traditioneller Tracht gekleidet war, mit Karachin und seinem Pferd bereit. Die Sonne kletterte verschlafen über die Berge und versetzte die Landschaft in atemberaubendes Licht. Es war perfekt!
Leander dirigierte Aitbek kaum zu verschiedensten Posen und lies ihn ungezwungen agieren, was ihm sowieso die liebste Arbeitsweise war. Dennoch versuchte er das komplette Repertoir eines Eagle Hunter´s einzufangen. Mal mit Adler, mal ohne Adler, auf dem Pferd, ohne Pferd, mit Hund ohne Hund, was nicht einfach war, denn Tiere haben bekanntlich ihren eigenen Willen. Doch alle drei, Adler, Pferd und Hund wirkten unglaublich diszipliniert, und Aitbek sowieso. Man könnte fast meinen, dass sein ruhiges und besonnenes Wesen sich in den Tieren widerspiegelte. Für Leander war es harte Arbeit und so gut es möglich war, versuchten wir (Xenia, Martin und ich) ihn dabei zu unterstützen. Dennoch verströmte die Einzigartigkeit dieses Shootings, trotz „Arbeitsstress“, einen Hauch von Mystik.

Nachdem Leander sein Storyboard grob im Kasten hatte, fragte Aitbek ganz selbstverständlich ob wir auch Fotos mit Karachin haben möchten. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Ich war die Erste. Der Adlerjäger gab mir seinen Lederhandschuh zum Schutz vor den Krallen und platzierte den Raubvogel auf meinem Arm. Mit großem Respekt hielt ich die Hand weit ausgestreckt von mir. Ich hatte gesehen wozu ein Adler fähig war und hatte anfänglich etwas Angst um mein Gesicht. Doch ich vertraute Aitbek und der Arm mit dem Vogel wanderte immer näher gen meinen Körper. Was auch damit zusammen hängen konnte, dass ich einfach zu wenig Muckis in den Armen hatte, um sieben Kilo auf längere Zeit balancieren zu können. Dann führte er sein Pferd vor und ließ mich mitsamt Adler aufsitzen. Ich kann gar nicht beschreiben welch Glücksgefühl in diesem Moment in mir aufstieg. Hoch zu Ross mit einem Raubvogel auf dem Arm, mitten in den Bergen Kirgistans. Es war unbeschreiblich und einzigartig für mich. Vielen Dank Aitbek für das Vertrauen und danke Leander, dass du diese Momente so wundervoll und natürlich festgehalten hast. Unser Youngstar bekam auch eine kleine Serie mit dem Adlerjäger gewidmet. Allerdings ohne Karachin auf dem Arm, dafür mit seinem treuen Freund Jacky der Papagei. Und last but not least der Künstler selbst, der dem Vogel furchtlos gegenüber trat.
Nach gut einer Stunde war das Spektakel vorüber. Während Aitbek die Tiere versorgte, spazierten wir in einem Adrenalin geschwängerten Redeschwall zurück zu seiner Frau in die Küche, wo ein herzhaftes Frühstück auf uns wartete.

So langsam ging es ans Abschied nehmen, sowohl von Aitbek als auch von Xenia und Martin, die noch länger in Kirgistan verweilen wollten. Unsere letzte gemeinsame Unternehmung war ein Ethno Festival, nicht weit vom Ufer des Issyk Kul Lakes entfernt. Dort wollten wir ein letztes Mal Aitbek mit Karachin bei einer Vorführung bewundern und mit den beiden Schweizern noch ein paar nette Stunden verbringen. Bevor wir uns alle auf den Weg machten, bedankten wir uns noch einmal bei Aitbek für seine Zeit und seine Geduld.
Geistesabwesend winkte er ab und stapfte noch einmal zurück in das Haus. Als er wieder zum Vorschein kam rief er Lennox zu sich. In seiner Hand hielt er eine Medaille, die er bei einem Wettkampf errungen hatte, und legte sie dem Kleinen als Abschiedsgeschenk um den Hals. Uns war schon aufgefallen, dass er Lennox ein wenig in sein Herz geschlossen hatte, denn jedesmal wenn er ihn sah, zauberte er ihm ein Lächeln entgegen. Lennox war natürlich mächtig stolz auf das Gold um seinen Hals, welches er erst Abends zum Schlafengehen nach mehrmaligem Ermahnen mit Widerwillen beiseite legte.

Das Fest war nicht ganz nach unserem Geschmack. Wir gingen davon aus, dort viele Einheimische anzutreffen, was kaum der Fall war. Ganz im Gegenteil. Viele Overlander und Touristen tummelten sich auf dem Gelände, sogar unser alter holländischer Freund Iwe stolperte dort herum. Nach einem überteuerten Plow (Reisgericht mit Fleisch, allerdings war der Küche das Fleisch ausgegangen und es gab nur noch Reis) startete die Adlervorstellung. Gebannt standen wir an der Absperrung und warteten bis Aitbek an der Reihe war.
Doch auch der Adler hatte allem Anschein nach keine Lust auf Tourifestival, und schon gar keine, einem toten Fuchs hinterherzujagen. Weshalb er ins Gelände abbog und dort landete. Aitbek stapfte seinem Adler hinterher und ward auch nicht mehr gesehen. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und auf die Veranstaltung hatten wir keinen Bock mehr, weshalb wir uns von Xenia und Martin verabschiedeten und Richtung Truck spazierten. Blöd war nur, dass wir Aitbek nicht mehr gesehen hatten. Wir wollten nicht einfach losfahren ohne uns noch von ihm zu verabschieden. Doch wie es der Zufall so will, kam er uns auf dem Rückweg zu Akela mit seinem blauen Polo unter. Er und seine Frau hielten an und stiegen aus. Karachin hatte er im offenen Kofferraum verstaut, ohne Käfig ohne alles. Andere Länder andere Sitten.
Wir bedankten uns ein letztes Mal bei Aitbek für seine Gastfreundschaft und für das unvergessliche Erlebnis.

Die Stadt Bishkek stand nicht auf unserer Route, doch da wir wegen dem Eagle Hunter von Karakol beinahe die gesamte Küste des Issyk Kul Lakes wieder retour gefahren waren, war es der klügere und auch kürzere Weg über die Hauptstadt um nach Kasachstan zu gelangen. Es kam uns auch nicht ganz ungelegen, da Alex, der amerikanische Guide mit dem Leander viel Kontakt in Kirgistan hatte, mit seiner kirgisischen Lebensgefährtin in Bishkek wohnte. Er klang am Telefon sehr sympathisch und war außerordentlich hilfsbereit, was das Spotting netter Plätze anbelangte. Weshalb wir kurzer Hand beschlossen, ihm einen Besuch abzustatten.
Wir erreichten Bishkek am späten Nachmittag.
Alex gab uns via Whatsapp Koordinaten eines ruhigen Stellplatzes durch, an dem er uns treffen wollte. Wir warteten einige Minuten bis er mit seinem Auto um die Ecke gebogen kam. Er und seine Freundin waren spontan und unkompliziert. Wir hatten alle Kohldampf, weshalb er uns in sein Auto bugsierte und kurzer Hand an der nächsten Döner Bude stoppte, was uns allen Recht war. Nach dem Essen fuhren wir zum Truck zurück. Lennox waren bereits auf dem Rückweg die Augen zugefallen. Um den Kleinen in seiner Nachtruhe nicht zu stören, machten wir es uns vor dem LKW auf dem Bürgersteig mit ein paar Flaschen Bier gemütlich. Wir hatten noch viel Spaß an diesem feucht fröhlichen Abend ehe wir uns gegen 02:00 Uhr morgens von den Beiden verabschiedeten und leicht wankend in unsere Betten purzelten.

Am nächsten Morgen stand kurz die Überlegung im Raum, noch einen Tag in Bishkek zu verlängern. Doch der Charme der kirgisischen Hauptstadt schaffte es nicht uns zu überzeugen. Alex und Dina waren auch verplant, weshalb wir schweren Herzens beschlossen, Kirgistan lebe Wohl zu sagen und die letzten 20 km bis zur kasachischen Grenze zu fahren.

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