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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 31.08.2017

Kirgistan – das erste Land, das Wehmut in uns weckte!

Kirgistan, Juni – Juli 2017


Der tadschikische Grenzübergang lag im Hochgebirge. Ich denke, dass man nicht oft in seinem Leben die Gelegenheit hat, eine Landesgrenze auf fast 4.000m zu überschreiten. Das Zollhäuschen und der Schranken hoben sich optisch nicht sonderlich von den vielen Checkpoints ab die wir während des Pamir Highways zu passieren hatten.
Der Wind blies uns kräftig um die Ohren, was das Aussteigen nicht gerade angenehm gestaltete. Die Beamten verkrochen sich in ihrem Kämmerchen und zogen es vor, dasselbe nicht zu verlassen, weshalb die Abfertigung relativ schnell über die Bühne ging. Nach einem kurzen Small Talk war alles erledigt. Ich hatte bereits die Pässe wieder im Handschuhfach verstaut, als Leander abrupt abbremste.
Er hielt mich an, die Dokumente nach einem Ausreisestempel zu durchsuchen und siehe da – er fehlte! Wir wendeten Akela und fuhren zurück, denn das Fehlen des Stempels hätte an der kirgisischen Grenze unweigerlich Probleme verursacht. Nach einer kurzen Entschuldigung drückten uns die Beamten die Ausreisestampiglie in die Pässe.

Nun waren wir offiziell aus Tadschikistan ausgereist und konnten mit ruhigem Gewissen weiterfahren. 20 km trostloses Niemandsland mit ziemlich bescheidenen „Straßen“ trennten uns von der kirgisischen Grenze. Ein letztes mal quälte sich Akela auf 4.250 m um über den Kyzyl Art Pass zu gelangen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den kirgisischen Grenzposten. Vermummte Gesichter in Militäruniformen traten uns entgegen und wiesen uns an auszusteigen. Nach einer Gesichtskontrolle und nach dem Einscannen der Reisepässe wollten sie den Lastwagen inspizieren, worauf wir aber null Bock hatten.
Um dem Prozedere zu entkommen versuchten wir ihnen weis zu machen, dass Lennox Probleme mit der Höhe hatte (was frei erfunden war), um schneller durchgewunken zu werden. Doch es half alles nichts. Während Leander draußen die Stauboxen aufschließen musste, ließ sich ein weiterer Beamte von mir in der Wohnkabine alle Schubladen öffnen. Mokiert haben sie sich lediglich an den Yak Hörnern die unser Kleiner von einem Bauern geschenkt bekommen hatte. Es war wohl verboten sie außer Landes zu führen.
Doch wir stellten uns dumm, und in einem unbedachten Moment packte sie Leander schnell wieder weg. Aus den Augen aus dem Sinn! Eine Ökosteuer von umgerechnet € 15, weiß der Kuckuck wofür sie die einkassieren wollten, wäre uns beinahe noch zum Verhängnis geworden. Unsere letzten tadschikischen Somoni hatten wir in einem Supermarkt auf den Kopf gestellt und kirgisische Com mussten wir erst wechseln. Obwohl der Beamte unser Problem erkannte, zeigte er kein Erbarmen und wollte Kohle sehen. Gerettet hatte uns dann unsere „symbolische Reisekassa“ mit verschiedensten Währungen, welche wir von Freunden zum Abschied erhalten hatten. Wir kratzten die darin enthaltenen russischen Rubel und Dollar Scheine zusammen und überreichten sie dem Beamten, womit er sich schlussendlich zufrieden gab und den Schranken für uns öffnen ließ.
Es dunkelte bereits als wir Sary Tasch, den ersten Ort nach der Grenze erreichten. Mihai, Oana und Vladimir warteten bereits durchgefroren in ihrem Guesthouse auf uns. Es war zwar Sommer, doch im Hochgebirge sanken die Temperaturen Nachts gerne gegen den Nullpunkt. Geheizt wurde in den Unterkünften um diese Jahreszeit eher spärlich, weshalb es nicht verwunderlich war, dass wir unser Abendessen in relativ „kühler“ Atmosphäre einnahmen. Es war unser letzter gemeinsamer Abend, denn ab morgen sollten sich unsere Wege trennten! Weshalb wir mit einigen Flaschen Bier auf die gemeinsam verbrachte Zeit anstießen. Wir befanden uns immer noch auf über 3.200 Meter über dem Meeresspiegel, weshalb sich bereits eine halbe Flasche des Gebräus (zumindest bei Leander und mir) sehr schnell bemerkbar machte. Wir fühlten uns leicht angesäuselt und hatten einen fetten Grinser im Gesicht.

Die Anspannung der letzten Tage bröckelte wie eingetrockneter Schlamm von uns und sorgte für eine ausgelassene Stimmung. Leichtes Kopfbrummen begleitete uns beim Erwachen am nächsten Tag, doch den kleinen Kater nahmen wir gerne in Kauf in Anbetracht dessen, dass wir Abschied von einer super netten Familie feierten, deren Lebenseinstellung der unsrigen sehr nahe kam. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und geholfen, gemeinsam über die schlechten Zustände der Strassen gejammert, Erfahrungen ausgetauscht, gute Gespräche geführt und viel miteinander gelacht. Wir werden euch tierisch vermissen!
Doch auf jeden Abschied folgt auch ein Wiedersehen – und darauf freuen wir uns heute schon. Die Männer klopften sich zum Abschied auf die Schultern, während wir Mädels uns unter Tränen umarmten. Die Kinder tauschten noch kleine Geschenke aus, dann war es soweit.
Die drei stiegen in ihre Ural, Mihai startete den Motor und gab Gas. Wehmütig blickten wir ihnen solange hinterher, bis ihre Umrisse mit dem Staub der Strasse verschmolzen. Lennox wurde jetzt erst bewusst, dass sein Spielkamerad weitergezogen war und er wieder auf sich alleine gestellt war, weshalb er herzzerreißend zu heulen begann. Ich nahm ihn tröstend in die Arme, während mir selbst Tränen über die Wangen kullerten. In einer eher Männer dominierten „Offroad Welt“, bestehend aus Muggelpisten, Staub, Dreck und Fachgesimpel über Ersatzteile und Reparaturen, fand ich in Oana endlich eine Gesprächspartnerin, wie soll ich sagen, die einfach gut tat?!?
1.300 km auf der Mutter der Rumpelpisten, dem Pamir Highway, hinterließen bleibend schöne und unvergessliche Erinnerungen in uns. Dennoch wurde des öfteren an unserer persönlichen Schmerzgrenze gerüttelt. Stundenlanges, auf Schlagloch übersäten Schotterpisten dahin knattern, ermüdete Körper, Geist und Seele und verursachte manchen Durchhänger.

Wir waren müde und ausgelaugt. Unsere Knochen schmerzten und waren vom vielen Fahren träge geworden. Die letzten Kilometer zollten ihren Tribut. Bei dem Gedanken ins Führerhaus zu klettern und weiter zu fahren, wurden wir mittlerweile grün im Gesicht. Wir hatten es satt nur hinter dem Steuer zu sitzen und zu fahren. Ruhe, Entspannung und Erholung waren Schlagwörter, nach denen wir uns sehnten. Akela bewältigte die Herausforderung bravurös und bewies uns einmal sogar eindrucksvoll, dass zehn Tonnen auf Wellblechpisten mit dementsprechender Geschwindigkeit fähig waren zu fliegen! Sehr zum Leidwesen eines vorderen Stoßdämpfers, den es daraufhin komplett zerfetzt hatte. Einige Dichtungen gehörten gewechselt und noch so mancherlei Wehwechen, die in einer Fachwerkstatt begutachtet werden sollten. Und somit wussten wir auch schon, was wir in der nächst größeren Stadt zu tun hatten. Dass Interieur blieb im Großen und Ganzen heil, lediglich einige Trennwände in den Schränken hielten der Belastung der Straße nicht stand, und manch Schanier war durch die extreme Höhe verzogen worden. Doch alles Dinge, die wieder repariert werden konnten.

Wir wischten uns die Tränen des Abschieds aus den Gesichtern und machten Akela startklar. Sary Tasch`s Landschaft wirkte mit ihren vielen Jurten, Lehmhäusern, Pferden und Rindern auf saftigen Wiesen, eingebettet in sanftes Hügelland auf der einen Seite und dem schneebedeckten Gebirgsmassiv mit seinen 7000ern auf der anderen Seite, sehr einladend auf uns. Wir grasten die nähere Umgebung ab auf der Suche nach einem lauschigen Plätzchen.
Nach längerem Suchen meinten wir ein solches gefunden zu haben und lenkten den Truck in eine Off Road Piste. Allerdings führte ein heftiges Schlagloch dazu, dass unser gesamtes Geschirr aus den Hängeschränken segelte und in hohem Bogen auf den Holzboden knallte. Teller, Gläser, Tassen und Schüsseln lagen in hunderten von Scherben zerstreut vor uns. Echt jetzt?? Die letzten zigtausend Kilometer schlechte Straßen und den Pamir Highway hat es überstanden und dann genügt ein Schlagloch? Zwei Teller überlebten den Aufprall – zumindest für kurze Zeit – ehe sie einem klassischen Aggressionsabbau unsererseits zum Opfer vielen und ebenfalls auf dem Boden zerschellten.

Man lerne daraus, Geschirr entweder besser zu fixieren, oder in Regionen zu verstauen, die einen kürzeren Fallweg hatten. Doch Scherben brachten bekanntlich Glück, und schlussendlich war es nur Geschirr, dass ersetzt werden konnte.
Doch der Wettergott meinte es auch nicht so gut mit uns. Regen war angesagt die nächsten Tage, weshalb wir die Suche nach Ruhe und Entspannung verschoben und weiterzogen. Wir machten Akela abfahrbereit und steuerten die Stadt Osch an, das offizielle Ende des Pamir Highways.
Bei stetig sanftem Gefälle rauschten kleine Bäche, weiße Jurten, kupferbraune Berge die viel Grün an ihren Flanken trugen und unzählige Pferde und deren Fohlen, an unserer Windschutzscheibe vorbei. Im Vergleich zu den bizarren und schroffen Landschaften, die wir die letzten Wochen zu Gesicht bekommen hatten wirkte diese Idylle beinahe heimisch und wohltuend auf uns!
Spät Abends trudelten wir in Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, ein. Zielstrebig steuerten wir das Tes Guesthouse an, welches wir von Remo und Stefan, unseren Schweizer Freunden, empfohlen bekommen hatten. Der Preis für Stellplatz, Internet, Duschen und Frühstück war zwar mit umgerechnet € 5,50 pro Erwachsenem nicht gerade günstig, doch es war sauber und nett. Im überdachten Innenhof stach uns gleich ein junger Mann mit einem Gips am Bein ins Auge. Man kommt sehr rasch ins Gespräch auf Reisen, besonders mit Gleichgesinnten, weshalb wir schnell den Grund seiner Verletzung erfahren hatten.
CJ, Christopher James, war aus Vancouver mit seiner Enduro angereist und hatte im Gelände einen üblen Sturz, was ihn dazu zwang Zeit abzusitzen und auf seinen Rückflug zu warten. Er war für jede Ablenkung dankbar, weshalb er Leander am nächsten Tag behilflich war die Stoßdämpfer unserer Cross zu reparieren. In der Zwischenzeit schlenderten Lennox und ich über den Basar von Osch. Wir hatten einiges zu bewerkstelligen, die üblichen Verdächtigen halt, wenn wir in ein neues Land einreisten.
Internet, Geld wechseln, ein Zugseil für Akelas Motorhaube da das alte war gerissen, einige Lebensmittel. Völlig überhitzt und erschöpft kehrten wir Mittags in das Hostel zurück. Leander und CJ verstanden sich prächtig, weshalb die beiden im Hostel blieben, während Lennox und ich Abkühlung in einem nahe gelegenen Schwimmbad suchten. Zwei Tage gastierten wir in Osch, bis wir der Stadt und auch CJ lebe Wohl sagten. Beim Verlassen versuchten wir noch unser Glück in zwei Werkstätten, die wir über eine Overlander App ausfindig gemacht hatten, um dort vielleicht an Stoßdämpfer für unseren Oldie zu gelangen., doch vergeblich. Für € 60 das Stück wollte man uns gebrauchte andrehen, die wir dankend ablehnten. Dann musste es vorübergehend eben ohne gehen.
Unsere erste Nacht in der freien Wildnis von Kirgistan führte uns durch die Jalal Abad Region , die sehr nahe an der usbekischen Grenze lag. Ein kleiner See nahe dem Dorf Kayirma sollte nach vielen Stunden hinter dem Steuer für Erfrischung und Aufmunterung sorgen. Allerdings waren schon beim Zufahren des Geländes riesige Müllberge erkennbar. Kirgisische „Partypeople“ machten sich am Ufer des Sees mit dröhnender Musik und reichlich Alkohol locker. Wir fuhren einige Meter weiter und bezahlten eine kleine Gebühr, um in ein abgesperrtes Gelände zu gelangen. Es war zwar etwas ruhiger, doch richtig ansehnlich war es dort auch nicht. Der See war eisig kalt und das Ufer von allerlei Müll gesäumt. Weshalb wir nach einer Nacht wieder von Dannen zogen. Wir überlegten hin und her wohin wir fahren sollten?

Einfach mal Nichtstun, Ruhe, keine Leute – und am Besten an einem See. Das war der Plan. Und so entschieden wir uns für Sary Chelek – die abgelegene Schönheit. Es lag nicht unbedingt auf unserer geplanten Route, doch in Reiseführern wurde das Gebiet als eines der schönsten Kirgistans gehandelt. Traveller die wir unterwegs trafen legten uns ebenfalls nahe, diesen bezaubernden Flecken Erde unbedingt auf unsere To do Liste zu setzen.

Wir streiften die Randgebiete der Walnusswälder von Arslanbob ehe wir den Ort Arkyt erreichten. Von dort ging es 15 km auf „very dirty Roads“ auf 1.800 m Seehöhe Richtung See.
Dank des aussergewöhnlichen Klimas in der Region wucherte eine abwechslungsreiche Flora. Ebenso sollten dort auch Luchse, Bären und sogar Schneeleoparden beheimatet sein. Uns lief leider keines dieser scheuen Tiere vor die Linse.
Was vielleicht damit zusammen hängen konnte, dass feierlustige Kirgisen beinahe im Minutentakt in Minibussen an den See gekarrt wurden. Damit hatten wir nicht gerechnet! Wir erreichten die Wasserfläche zwar erst gegen Abend, als der schlimmste Trubel bereits abgeklungen war, dennoch konnte man die Spuren des Tages noch überall verstreut herumliegen sehen. Taschentücher, Speisereste, Plastikflaschen... sowohl um, als auch im See. Die Unesco nahm das Gebiet 1978 in ihre schützenswerte Liste auf, doch manchmal fragte ich mich was es mit dem Stempel „Unesco“ auf sich hatte?
Ich möchte jetzt niemandem unrecht tun oder zu nahe treten wenn ich in den Raum stelle, dass es meines Erachtens mancherorts den Anschein erweckte, dass diese „Liste“ nur dazu diente, um noch mehr zahlungskräftige Touristen an bezaubernde Orte zu locken! Überall wo Unesco drauf steht muss Eintritt bezahlt werden, oftmals nicht wenig.
Da stellt sich die Frage, wofür werden die Einnahmen und der Mitgliedsbeitrag der teilnehmenden Länder verwendet? Es würde schon helfen Mülleimer aufzustellen und ab und an nach dem Rechten zu sehen? Das Unesco Biosphärengebiet Sary Cheleck stand jedenfalls kurz davor im Dreck zu versinken, frei nach dem Motto „Der Tourist zerstört was er sucht, sobald er es gefunden hat“. Etwas enttäuscht legten wir uns nach dem Abendbrot schlafen.

Zuvor hatten wir noch für den nächsten Tag eine Wanderung zu weiteren Bergseen ausgekundschaftet. Die Strecke von sechs Kilometern pro Richtung, allerdings kaum mit Höhenmetern verbunden, sollte auch für Lennox machbar sein.
Zeitig am nächsten Morgen brachen wir auf. Der Weg führte uns durch dschungelartiges Gelände. Wir passierten ein kleines Forsthaus und hatten kleine Flussquerungen zu überwinden – alles in allem eine nette Wanderung. Selbst unser Zwerg vergaß seine üblichen Meckereien und spazierte brav neben uns her. Am Objekt der Begierde angekommen gönnten wir uns erst mal eine kräftige Jause. Der See selbst war sauber aber richtig, richtig kalt. So kalt, dass es an den Füßen schmerzte, wenn man sie länger ins Wasser hielt.
Für unseren Youngstar dennoch kein Problem. Mutig warf er sich in die Fluten und tauchte unter. Man konnte ihm in mancherlei Dingen das Attribut „zickig“ vorwerfen, doch wenn es um Wasser ging war er komplett schmerzfrei, schon von Klein an. Beim Rückmarsch entschieden wir uns für einen etwas längeren Weg, der dafür nicht querfeldein durch die Pampa führte und etwas angenehmer zum Gehen war. Die letzten 1,5 Kilometer bevor wir Akela erreichten, hatten wir dann auch noch das Glück, dass uns ein vorbeifahrender Pick Up einen Lift zurück zum Sary Cheleck Lake gab. Gemeinsam mit Kartoffeln, Getränken und einer Ziege durften wir uns die Ladefläche teilen.

Als wir beim Truck ausstiegen, traf uns beinahe der Schlag. Hunderte von Menschen campierten - überall!. Es war kaum eine freie Stelle Gras zu erkennen, Müll wo man hinsah! Jemand machte sich sogar den Spaß und lud direkt vor unserer Eingangstür seinen Dreck ab, es war unglaublich. Wir warfen unsere Wandersachen in die Wohnkabine, stiegen in die Fahrerkabine und verließen voller Zorn Sary Cheleck, die abgelegene Schönheit, die dem Anschein nach mit einer Müllhalde verwechselt wurde. Akela nahm die Abfahrt ohne Hindernisse, weshalb wir relativ flott wieder auf der Hauptstrasse angekommen waren. Froh dem Menschenauflauf entkommen zu sein, mussten wir uns auch schon wieder auf Stellplatzsuche machen, denn es war bereits spät geworden. Nach mehreren Anläufen fanden wir eine blumenübersäte Wiese mit einem kleinen Teich. Pferde grasten ausgelassen neben uns und unzählige Frösche gaben sich ein Quackkonzert.
Die Landschaft lud förmlich dazu ein die Kamera in die Hand zu nehmen. Als sich die Sonne gen Horizont neigte, ließ sich Leander nicht zweimal dazu bitten. Nach einer ruhigen Nacht und einem ausgiebigem Frühstück am nächsten Morgen ging unsere Fahrt weiter Richtung Son Kol Lake, einem Fixpunkt auf unserer Reise durch Kirgistan.
Die Strecke von über 400km mussten wir natürlich mehrmals unterteilen. Zum einen weil die Straßen in schlechtem Zustand waren und zum anderen, weil wir keine Lust mehr hatten ganze Tage lang hinter dem Steuer zu sitzen. Wir wollten endlich ein bisschen vom Kuchen genießen und abschalten, wir lechzten förmlich danach.

Nach mehreren Fahrstunden tauchte die Toktogul-Talsperre, die größte Talsperre Kirgistans, vor unseren Augen auf. Nach den letzten „Pleiten“ erwarteten wir uns ehrlich gesagt nicht allzu viel von dem See, doch wir wagten einen Versuch. Via Navi machten wir eine Stelle ausfindig, an der es so aussah, als ob eine direkte Zufahrt möglich wäre. Wir bogen von der Hauptstrasse ab in eine Schotterpiste und steuerten Richtung See. Bis zum Ufer gelangten wir nicht da ein Erdabriss, riesige Steine und meterhohes Gebüsch dies verhinderten.
Wir ließen den Motor laufen, sprangen aus dem Führerhaus und galoppierten die wenigen Meter bis zur Wasserfläche. Und siehe da, die konnte sich sehen lassen, glasklar, angenehm warm, eingesäumt durch ein grobes Kieselufer und, best of all, kein Müll. Lennox blieb gleich am Wasser und hechtete in die Fluten, während Leander und ich zum Truck zurückgingen und versuchten eine halbwegs gerade Parkposition in dem unwegsamen Gelände hinzubekommen, was gar nicht so einfach war. Schlussendlich packelten wir ihn auf einer Seite mit großen Steinen auf, von denen ja genug herumlagen, und gut wars.

Im Eiltempo kramten wir die Badesachen hervor und wollten zu unserem Sohn sprinten, als wir erkannten in was für ein „Pflanzenparadies“ wir geraten waren. Rund um uns, ohne sichtbares Ende wuchs wilder Hanf. Wir glaubten im Paradies gelandet zu sein, doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass es doch nur männliche Pflanzen waren die für einen kleinen Sinnesrausch wertlos waren.
Das Wasser war wunderbar! Wir planschten und alberten im kühlen Nass und genossen jede Minute. Es war herrlich und keine Menschenseele weit und breit. Lennox verbrachte den ganzen Nachmittag am Wasser. Blöd war nur, dass immer jemand von uns dabei sein musste, da Akela außer Sichtweite stand. Er konnte zwar schon sehr gut schwimmen, doch ein fünf jähriges Kind läßt man nicht alleine am Ufer spielen. Wenn der Stellplatz ein bisschen besser gewesen wäre, dann wäre es perfekt gewesen, doch hey – man konnte nicht alles haben. Um den Zwerg im Auge zu behalten nahm ich mir eine Beschäftigung mit zum See. Wäsche musste gewaschen werden, die Filteranlage unseres Wassersystems gehörte gereinigt und wir selbst vertrugen ebenfalls ein wenig Seife. Leander nutzte die Ruhe im Truck um Fotos aufzuarbeiten. Viel zu selten bot sich für ihn die Gelegenheit dazu, weshalb sich die Arbeit stapelte.

Den Folgetag verbrachten wir ähnlich. Baden, relaxen, baden – ehe wir am späten Nachmittag unsere sieben Sachen zusammenpackten und Akela fahrbereit machten. Die Straße Richtung Son Kol führte rund um die Toktokul Talsperre, weshalb wir für den Abend nochmals mit einem feinen Platz am See spekulierten. Doch leider ergab sich nichts mehr. Das Ufer auf der anderen Seite des Sees war sumpfig und prädestiniert für Mücken. Aufgrund dessen steuerten wir in den nächsten Ort und parkten Akela auf einer Anhöhe, um zumindest Internet nutzen zu können.
Die ewige Stellplatzsuche mit unserem Koloss war auch eine Sache für sich, die zuweilen viel Nerven kosten konnte. Vor allem, wenn man den ganzen Tag hinterm Steuer verbracht hatte. Zu eng, zu schmal, zu schief, zu sumpfig, zu vermüllt, zu viele Menschen, kein Internet, zu niedrige Einfahrtshöhe...und, und, und! Klingt vielleicht für den ein oder anderen ein wenig wählerisch, denn ein paar Quadratmeter zum übernachten sollten doch schnell gefunden sein. Doch wer noch nie mit einem Zehntonner unterwegs war, kann diese Problematik vermutlich nicht nachvollziehen. Fakt war, dass wir oft nach anstrengenden Fahrtagen noch geraume Zeit damit beschäftigt waren, ein Plätzchen zu finden.

Nach einer ruhigen Nacht, was Seltenheitswert in Städten oder Dörfern hatte, denn zumeist wurde man vom Strassenlärm oder neugierigen Menschen geweckt die um das Auto standen, brachen wir am nächsten Morgen auf Richtung Son Kol Lake.
Wenn wir lange Strecken zu fahren hatten bot sich oftmals die Gelegenheit um gute Gespräche zu führen. Dabei stellte sich heraus, dass wir beide Kirgistan „anders“ in uns aufnahmen, als all die Länder zuvor. Es verursachte ein Kribbeln in der Magengegend, verbunden mit ein wenig Wehmut. Die hügelige Landschaft mit ihren unzähligen Seen ähnelte unserer Heimat sehr, und das erste Mal seit wir Österreich verlassen hatten, wurde uns bewusst, wie schön es zu Hause eigentlich war. Beinahe vor unserer Haustüre hatten wir Berge zum Wandern und glasklare Seen zum Baden. Alles was wir die letzten Wochen schon verzweifelt suchten, lag zu Hause direkt vor unseren Nase. Doch wir konnten oder wollten es nicht wahrnehmen, oder gar schätzen.
Wir waren stur der Meinung, draußen in der großen weiten Welt würde alles noch aufregender und atemberaubender sein. Doch das war es nicht, oder zumindest viel zu selten. Und die ewige Suche danach ermüdete uns auf Dauer.

Kommentare (4)

  1. Philomena
    Philomena am 04.10.2017
    Ja, zu Hause ist es immer noch am Schönsten (so soll es ja auch sein), aber jemand sehr kluges hat einmal gesagt: ,,Wer niemals fort geht, kommt niemals Heim."
    Und ihr wisst´s es ja am besten, schwierige Wege führen oft zu den schönsten Zielen.
    Macht´s es gut!
    Liebe Grüße und alles Gute
    PMN
    1. Maria Zehentner
      Maria Zehentner am 16.10.2017
      Hallo Philomena,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Da hast schon recht, manchmal - wenn die Dinge vielleicht nicht ganz so laufen, wie man es sich wünscht, oder vorstellt, bekommt man leicht etwas Heimweh! Doch wir finden immer wieder die Motivation, sei es durch neue Bekanntschaften die wir machen, aussergewöhnliche Landschaften die wir entdecken dürfen, oder einfach nur durch Worte wie deine!! Seit über einer Woche sind wir wieder zurück in der Mongolei. Leander und ich sind beide krank angereist. Lennox ist fit. Morgen werden wir Richtung Russland aufbrechen und durch Sibirien Richtung Vladiwostok fahren. Wir hoffen, dass uns der russische Winter (der ein Jahrhundertwinter werden soll) etwas verschont. Mal schauen wies läuft. Ich hoffe dir und der Family geht es gut? Grüß alle lieb von uns. Dickes Bussi an euch alle, ML2
  2. Chrisi Huber
    Chrisi Huber am 13.10.2017
    wie immer wieder grandios geschrieben, Maria, mit allen ups and downs einfach authentisch und emotional. Wir fühlen uns quasi wieder wie live dabei ;-)
    die Landschaft hat echt Wiedererkennungswert mit der Heimat :)

    Wir drücken euch!
    1. Maria Zehentner
      Maria Zehentner am 16.10.2017
      Hallo liebe Chrisi,
      vielen Dank für deine lieben Worte! Es freut mich besonders, wenn ich so etwas lese, denn wir haben am Wolfgangsee darüber gesprochen, dass die Motivation aus diversen Gründen manchmal ein wenig in den Keller rasselt, was das Schreiben anbelangt. Es gibt natürlich doppelt Auftrieb, wenn ich weiß, dass so liebe Menschen wie ihr es seit immer live mit dabei sind.
      Jetzt sind wir bereits seit über einer Woche wieder in der Mongolei. Leander und ich sind beide krank angereist und nehmen Antibiotika, damit wir schnellst möglich wieder fit werden. Lennox geht es gut. Aber nachdem wir jetzt schon ewig in einem Hostel in Ulan Baatar stehen wird es auch allmählich langweilig und wir sind gierig aufs weiterfahren. Morgen geht es los Richtung Russland, wo wir durch Sibirien Richtung Vladiwostok fahren werden. Hoffentlich verschont uns der russische Winter ein wenig, denn unsere Heizung funktioniert nicht reibungslos. Aber was läuft bei uns schon ohne Probleme ;-) Eine dicke Umarmung und ein dickes Küsschen von Lennox an euch beide! Bis bald ML2

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