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Author: Maria Zehentner / Translation: Moritz Zehentner
Beitrag vom: 09.09.2017

Endlich mal die Seele baumeln lassen

 

Kirgistan Teil II, Juli 2017


In Toktogul, einer Stadt am gleichnamigen See, erledigten wir die nötigsten Einkäufe bevor wir uns Richtung Song Kol Lake aufmachten. Der Bergsee liegt im Norden des kirgisischen Gebiets Naryn und ist ein alpiner Süßwassersee auf 3013m über dem Meeresspiegel.
330km galt es zu bewältigen, auf gewohnt üblen Strassen! Es war Utopie zu glauben, dass wir die gesamte Distanz an einem Tag schaffen konnten, zumal es auch einen Pass zu überqueren galt. Ohne ein Tagesziel klar zu definieren fuhren wir, wie so oft, einfach darauf los und überließen es dem Zufall, wie viel der Strecke wir schaffen konnten.
An den vorangegangenen Tagen schien viel Wasser vom Himmel gefallen zu sein. Weshalb wir nach einem unerwarteten Umweg, verursacht durch eine eingestürzte Brücke, spät Abends den Ort Bagysh erreichten.
50km trennten uns noch von unserem Ziel, doch da es bereits dunkelte parkten wir Akela etwas ausserhalb des Dorfplatzes auf einer Wiese. Nach einem kurzen Stell-dich-ein mit einigen Dorfbewohnern, die ihr Interesse an uns und Akela bekundeten, verschlangen wir Spaghetti zum Abendessen und verkrochen uns in unsere Betten. Obwohl wir uns nicht sportlich betätigt hatten, sondern „nur“ hinter dem Steuer saßen, schmerzten unsere Knochen als wären wir einen Marathon gelaufen.

Der Wecker riss uns zeitig am Morgen aus den Federn. Wir hatten zwar nur noch ein Sechstel der Strecke zu bewältigen, doch es war vorauszuahnen, dass es kein Honiglecken werden würde. Lennox verschanzte sich wie so oft nach dem Frühstück in sein Bett um zu spielen, während wir den Brummi fahrtauglich machten um los zu starten.
Das Südufer des Sees sollte angeblich das reizvollere und weniger touristische sein, dafür war es auch schwerer zugänglich.
Durch Alex, einen Amerikaner der in Kirgistan für eine Reiseagentur arbeitete und den Leander via Internetrecherchen zufällig kennengelernt hatte, bekamen wir die Koordinaten eines Yurten Camps am Song Kol, welches er uns für einen Stop wärmstens empfahl. Die ersten 20 Kilometer auf dem Weg zum See waren wie gewohnt rumpelig und wackelig. Um Lennox ein wenig abzulenken kletterte ich zu ihm in die Wohnkabine. Ich unterbreitete ihm den Vorschlag, dass es doch eine gute Gelegenheit wäre, die Fahrzeit für etwas Sinnvolles zu nutzen wie zum Beispiel lesen zu lernen.
Anfänglich war er etwas skeptisch, denn er hatte null Bock auf Schule. Doch ich erklärte ihm, dass in der „Akela-Schule“ die Uhren anders ticken würden, und wir vom herkömmlichen Schulsystem, wie er es von Freunden oder Erzählungen bereits beiläufig mitbekommen hatte, weit entfernt waren. Wir würden dann lernen, wenn wir Zeit und Lust dazu hatten. Unser Klassenzimmer war nicht stur in einem Betonklotz integriert, sondern würde uns während des Studierens durch die Kulturen der großen weiten Welt kutschieren.
Schulglocken, die einen starren 50 Minuten Takt vorgaben gab es natürlich auch nicht! Gelernt sollte solange werden, wie es die Konzentration zuließ, und hey – Lennox war erst fünf Jahre alt, wir mussten es nicht übertreiben. Der Gedanke vielleicht in wenigen Monaten eigenständig ein Buch lesen zu können gefiel ihm schon nicht schlecht, weshalb er einwilligte. Geeignete Lektüre für den Einstieg in die Welt der Buchstaben hatte ich bereits von zu Hause mitgenommen.

Wir saßen noch keine zehn Minuten hinter den Büchern, als Leander stoppte. Zuerst dachte ich, dass er wegen einer Pinkelpause hielt, doch als wir ihn mit jemandem quatschen hörten, lugten wir aus dem Fenster. Eine Haufen von mehreren Radfahrern gruppierte sich um Akela. Lennox und ich stiegen aus, und stellten uns ebenfalls vor. Es waren vorwiegend Kasachen und Briten, die für eine mehrtägige Mountainbike Tour nach Kirgistan gereist waren.
Sie stellten viele Fragen über uns und unser Projekt und zeigten reges Interesse. Rowan und seine Freundin Olga drückten uns beim Verabschieden noch ihre Visitenkarte in die Hand und betonten mit Nachdruck, dass sie sich riesig freuen würden, wenn wir uns bei ihnen melden, sobald wir in ihre Heimatstadt Almaty (Kasachstan) kamen.
Bevor sie endgültig weiter radelten erkundigten wir uns noch über die Beschaffenheit der Passstrasse die uns noch bevor stand. Kein Problem meinten sie, zwar Schotter und phasenweise etwas eng, jedoch machbar.
Wir stiegen ein und fuhren weiter. Die Piste schlängelte sich durch grünes Hügelland immer höher dem Pass entgegen. Der Weg wurde enger und enger, was grundsätzlich kein Problem war, denn spätestens seit dem Pamir Highway warf uns eigentlich so schnell keine Straße mehr vom Hocker. Bei den Serpentinen fing es dann an, ungemütlich zu werden. Sie boten zwar genügend Platz um mehrfach zu reversieren, was nötig war, allerdings hatten sie teilweise abschüssige Stellen, die Akela in bedrohliche Schieflage manövrierten. Enge Abschnitte, steile Kurven, tiefe Schlaglöcher, Serpentinen, alles schon lange kein Problem mehr für Leander, der mittlerweile unseren Brummi aus dem Handgelenk heraus sicher und zuversichtlich an jedes Ziel steuerte. Jedoch eine einzige Strassenbeschaffenheit gab es, die er hasste wie die Pest, und die ihn gehörig ins Schwitzen brachte – schiefe Fahrbahnen.
An den Wendepunkten stieg ich aus und lief voran um die Strasse zu begutachten, räumte große Steine aus dem Weg und versuchte zu helfen so gut es ging.
Als wir die Kehren „überstanden“ hatten, wogen wir uns in Sicherheit. Doch dann fing die Katastrophe erst so richtig an. Eine Passage von wenigen Metern gen Gipfel offenbarte sich uns. Nicht besonders lange, dafür extrem abschüssig, ohne Ausweichmöglichkeit. Leander stieg aus und begutachtete die Strasse. Nervös schritt er auf und ab mit der Erkenntnis, dass es zum Umkehren zu spät war.
Er kletterte ins Führerhaus zurück, schaltete den Allrad zu und fuhr los. Der Truck ratterte los, und mit jeder Reifenumdrehung konnte man beobachten wie er schiefer und schiefer in den Spurrinnen hing. Leander saß hinterm Steuer und lenkte den LKW wie auf rohen Eiern Millimeter um Millimeter vorwärts. Dicke Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und seine Augen huschten nervös hin und her.
Während Leander fuhr, lief ich rückwärts vor dem Truck her und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Mir war heiß und kalt zugleich, und ich spürte wie mein Herz vor lauter Aufregung und Angst wie verrückt in meiner Brust pochte. Die angsterfüllten und verzwickten Blicke, die ich Leander immer wieder ins Führerhaus zuwarf, trugen definitiv NICHT motivierend zur Gesamtsituation bei. Als er irgendwann im „Kampf ums Weiterfahren“ dann auch noch stehenblieb und Lennox aussteigen ließ, kannte ich mich aus. Das tat er nur, wenn er sich selber nicht mehr hundert prozentig sicher war, dass alles glatt gehen würde. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand stapften der Kleine und ich hinter Akela her.
Lennox erkannte den Ernst der Lage nicht, vielleicht auch gut so! Unentwegt plapperte er neben mir irgendwelchen „Kinderkram“ daher, während mein Nervenkostüm brach lag. Ich konnte kaum hinsehen und starb tausend Tode. Als Akela dann an einer Stelle ein Stück abrutschte und mehr als bedrohlich ins Wanken kam, war es dann soweit. Instinktiv schloß ich meine Augen, griff nach Lennox`s Hand und wartete auf den großen Knall. Unser Truck hing so schief im Gelände, dass der Windstoss eines Schmetterlings ausgereicht hätte um ihn zum Kippen zu bringen. Ich sandte ein Stoßgebet zu den Engeln, dass sie uns doch bitte jetzt nicht im Stich lassen sollten – und es half. Nach und nach ebnete sich die Straße wieder, und Akela kehrte in „Normallage“ zurück.

Am Gipfel angekommen stieg Leander aus und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Dann klopfte er Akela einige Male aufs Führerhaus, als Zeichen seiner Dankbarkeit. Unser Oldie hatte die schlimmste Passage, die wir bis dato je gefahren sind, brillant gemeistert. Ich rannte zu Leander und fiel in seine Arme. Für Sekunden hielten wir uns einfach nur fest und waren froh, es geschafft zu haben. Den Stein der uns vom Herzen viel konnte man bestimmt meilenweit hören. Nach dem ersten Schock schritten wir einige Meter zurück und begutachteten die Schlüsselstellen, die uns beinahe Kopf und Kragen gekostet hätten. Was wir dabei noch entdeckten, entlockte uns einerseits einen Grinser, andererseits ärgerten wir uns grün und blau über unsere Dummheit.
Nicht weit von der Strasse entfernt die wir gefahren waren, führte parallel eine bei weitem weniger nervtötende Piste auf den Gipfel. Keine Serpentinen, keine schiefen Stellen – eine „ganz normale“ Piste. Wie dämlich waren wir eigentlich gewesen und konnten die „richtige“ Straße übersehen? Bei näherem Betrachten kam mir vor, als ob wir Akela den Wanderweg für Fußgänger empor gejagt hätten. Doch Ärgern brachte nichts, es war alles gut gegangen, und alleine das war ausschlaggebend. Nachdem sich der Adrenalinhaushalt wieder im grünen Bereich eingependelt hatte, stiegen wir alle zurück ins Führerhaus und fuhren die Graspiste entlang Richtung Wasser, das uns bereits entgegen blitzte.

Der See lag malerisch eingebettet zwischen grünen Hügeln, umgeben von schneebedeckten Gipfeln. Ringsumher grasten freilaufende Pferde wo immer man hinsah. Es wirkte beinahe zu kitschig um real zu sein. Jedoch verwirrte mich der Blick aus dem Führerhaus etwas! Akela rollte über eine weiß bedeckte Wiese, doch es war kein Schnee. Um Gewissheit zu erlangen worüber der Truck rollte, stoppten wir die Maschine und hüpften raus.
Bei näherem Hinsehen traute ich meinen Augen kaum. Der Boden war flächendeckend mit alpinem Edelweiß bestückt. Man konnte keinen Schritt setzen, auch wenn dieser noch so sorgfältig gewählt war, ohne eine dieser kostbaren Pflanzen, die in Österreich unter Naturschutz standen, zu zertrampeln.
Hier am Song Kol Lake galten sie als Leibspeise der Pferde, so wie es aussah, denn diese rupften die Raritäten in rauhen Mengen aus und verschlangen sie genüsslich. Unvorstellbar, ein Bild für Götter! Heimische Botaniker würden einem Herzinfarkt erliegen. Da es hier auf zwei, drei Blümchen nicht ankam pflückte ich einige und legte sie behutsam in ein Buch um sie zu trocknen, als Andenken.

Das Yurtencamp, welches uns Alex empfohlen hatte, war schnell gefunden. Etwas abseits der Zelte parkten wir Akela und sahen uns erst einmal um. Der See war schwer zugänglich, da die letzten Meter zum Wasser sumpfig wurden. Allerdings wäre er mit seinen 11 Grad auch zu kalt zum Baden gewesen, selbst für unsere Wasserratte. Immer noch gestocked von der beeindruckenden Kulisse und den unzähligen Edelweiß schlenderten wir zum Camp und erkundigten uns über die Möglichkeit, Pferde für den nächsten Tag auszuleihen. 10€ kostete ein Pferd für einen vollen Tag, was günstig war, wenn man es mit einer Reitstunde in Österreich verglich. Für zehn Uhr am nächsten Tag sollten zwei dieser Tiere für uns parat stehen. Den angebrochenen Nachmittag verbrachte ich mit einem Großputz in Akela, was mehr als nötig war, während die Jungs im Freien herumalberten.
Die wärmenden Sonnenstrahlen die durch unsere Dachlucke blitzten, weckten uns zeitig am nächsten Morgen. Aufgeregt sprangen wir aus den Betten, schlangen das Frühstück hinunter, packten den Rucksack mit warmen Klamotten und Essen voll und schlenderten zu den Yurten. Reiten war angesagt!
Meine Reiterfahrung mit Pferden lag gut 30 Jahre zurück, Leander hatte noch nie auf einem Gaul gesessen. Das konnte heiter werden! Unsere beiden Exemplare warteten bereits gesattelt auf uns. Wer jetzt glaubt, dass wir eine „Einschulung“ bekommen hätten, der irrt. Der Bauer drückte uns die Zügel in die Hand und ließ uns aufsitzen, was wir noch alle ohne gröbere Probleme hinbekamen.
Leander nahm Lennox zu sich auf das Pferd. Dann ahmte der Besitzer der Tiere einmal einen Zug mit den Zügeln nach rechts, dann nach links, und zuletzt beide gleichzeitig nach hinten nach, das wars. Er gab den Vierbeinern noch einen kräftigen Klaps auf das Hinterteil und ab ging die Post. Nach einer kurz andauernden Unsicherheit fühlten wir uns relativ sicher und komfortabel auf den Rücken der Pferden, zumal wir ja auch keine Rennpferde zwischen den Schenkeln hatten. Eher das Gegenteil war der Fall, es bedurfte einiges an Muskelkraft um sie in Trab zu bringen, von Galopp waren wir noch weit entfernt. Aber wir hatten ja noch den ganzen Tag zum Üben zur Verfügung.

Gemächlich steuerten wir am Ufer entlang, wo sich die Pferde an einem kleinen Bach erst einmal gründlich satt tranken, ehe wir in das hügelige Hinterland ritten. Es war ein wunderschöner Tag, nur wir drei inmitten einer sagenhaften Natur. Wenn es steil bergauf ging, stiegen wir ab und führten die Pferde und wenn wir Rast machten ließen wir sie frei laufen und sahen ihnen zu, wie sie sich den Wanst mit Edelweiß vollstopften. Über uns kreisten Falken und Adler, während sich vor unseren Augen das atemberaubende Antlitz des Song Kol Lakes darbot.
Am Nachmittag kehrten wir von einem traumhaften Ausflug zurück und siehe da, plötzlich gingen unsere gemütlichen Pferde in einen flotten Galopp über. Kann auch daran gelegen haben, dass sie die Yurten gesehen hatten und vermuteten, endlich Feierabend zu haben. Doch zu früh gefreut, entlang der weiten Ebenen des Ufers testeten wir noch einmal richtig aus, was unsere Vierbeiner in sich hatten. Auch Lennox traute sich ohne Zögern alleine zu reiten, sogar im Galopp, da ihm ein Zwischengang zu langsam war.
Zum Leidwesen der Pferde, durften diese immer noch nicht in den wohlverdienten Feierabend. Leander hatte einige romantische Bilder im Kopf, in denen die Vierbeiner eine tragende Rolle spielen sollten. Als sich dann die Sonne gen Horizont neigte, packte er seine Kamera aus und zauberte einige der wundervollsten Fotos gemeinsam mit mir und den Pferden, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Ich liebe diese Bilder!

Auf über 3.000m ist es auch im August, trotz strahlendem Sonnenschein, eher frisch. Uns dünkte es nach Sonne, Strand, Meer und endlich baden, weshalb wir nach einer letzten Nacht am Song Kol See aufbrachen und uns auf dem Weg zum Issyk Kul Lake machten.
Vanessa und Gerhard, ein super liebes Pärchen aus Österreich, die wir in Buchara kennenlernten, und mit denen wir einen netten gemeinsamen Abend verbracht hatten, rückten damals ausnahmsweise die Koordinaten ihres absoluten Lieblingsplatzes am Issyk Kul Lake für uns raus.
Laut deren Beschreibung sollte es genau der richtige Flecken Erde sein um für ein paar Tage zu entspannen. Knapp 300 Kilometer trennten uns noch davon.
Issyk Kul Lake ist nach dem Titicacasee der zweitgrößte Alpinsee der Welt und misst an seiner tiefsten Stelle bis zu 700m. Weshalb es nicht verwunderlich erschien, dass das russische Militär über Jahrzehnte hinweg U-Boot Testfahrten dort durchführte. Heutzutage dient er vorwiegend als Erholungsgebiet für Kirgisen, Kasachen und Russen. Vor allem das Nordufer ist mit zahlreichen Hotels und Ferienanlagen für einen großen Touristenstrom in den Sommermonaten gewappnet, weshalb wir zielsicher die Südküste, an der auch Vanessas und Gerhards Geheimtipp lag, anpeilten. Die schlechten Straßen zwangen uns allerdings diese Distanz mehrmals zu unterteilen.

Den ersten Stop legten wir gleich zu Beginn des Issyk Kul Lake ein. Der See war warm und sauber. Da wir aber spät Abends ankamen, verschoben wir ein Bad auf den nächsten Morgen. Dachten wir jedenfalls, zumindest solange bis Lennox, während ich kochte, draußen lauthals zu brüllen begann. Als ich nachguckte sah ich noch, wie er sich aus einem Drecksrinnsal herausschälte, in das er beim Spielen kopfüber hineingefallen war. Weshalb mir nichts anderes übrig blieb, als ihn am See unter lautem Protestgeschrei ordentlich runter zu waschen. Am nächsten Morgen sprangen wir alle drei in den See.
Bewaffnet mit Duschgel und Haarshampoo erledigten wir im Anschluss eine gründliche Morgentoilette, die schon mehr als nötig war. Danach setzten wir uns ans Steuer und lenkten Akela entlang des Issyk Kul Ufers, dessen Querausdehnung sich auf ca. 200 km beläuft.
Von der Hauptstrasse sah die Küste sehr einladend aus. Schattenspendende Bäume säumten das Ufer und der See blitzte marine blau zwischen den Ästen hervor.
Allerdings hatten wir morgens wieder getrödelt und die besten Stellplätze schienen mittlerweile belegt zu sein. Es war Wochenende und Ferienzeit. Ein Grund für viele ihre Zelte einzupacken und Erholung im kühlen Nass zu suchen. Wir suchten und suchten bis es endlich von der Straße aus den Anschein machte, als ob wir ein Plätzchen gefunden hätten. Leander lenkte in die Sandpiste ein und fuhr gen See.
Ein paar Meter davor parkten wir den Truck. Als wir ausstiegen überrollte mich ein mittlerweile leider schon gewohnter Anblick. Müll wohin man auch sah. Wir hatten aber keine Lust mehr auf Weiterfahren und Lennox war sowieso bereits in den See gesprungen. Weshalb wir uns einen großen Müllsack schnappten und anfingen den Flecken rund um uns zu „entmüllen“, um es ein wenig gemütlicher zu machen. Kaum waren wir mit unserer Aufräumaktion fertig trabten zwei Männer zielstrebig auf uns zu. Sie hielten uns einen Ausweis unter die Nase und teilten mit, dass sie von der Ökopolizei wären. Campen mit dem eigenen Fahrzeug so dicht am Ufer wäre verboten. Sie wiesen uns an Akela auf der Straße zu parken. Ein Schmiergeld von umgerechnet €20 hätte es allerdings möglich gemacht den Brummi an Ort und Stelle stehen zu lassen. Wir vermittelten ihm, dass in unseren Augen die Bezeichnung Ökopolizei lächerlich sei, in Anbetracht dessen, dass es hier aussah wie auf einer Müllhalde. Einer der beiden streckte uns noch ein „Daumen hoch“ für unsere Säuberungsaktion entgegen, während der andere keifte und meinte, dass er uns die Reifen aufschlitzen würde, wenn wir nicht abhauen würden. Genervt von den beiden möchtegern Wichtigtuern packten wir zusammen und kehrten auf den Asphalt zurück. Da wir keine Lust auf weitere „Abenteuer“ hatten, hielten wir Schnur stracks Kurs ins vermeintliche Paradies von Vanessa und Gerhard.

Oh Gott, wie sehr hofften wir, dass wir dort endlich für ein paar Tage Ruhe finden würden. Laut Navi bogen wir an der dementsprechenden Kreuzung ab, die dort hin führen sollte. Der Weg führte uns durch hohes Schilf und vorbei an verfallenen Häusern runter zum See. Solange, bis wir an einem Tor standen. Die Österreicher hatten uns mitgeteilt, dass eine kleine Gebühr fürs Campen zu entrichten wäre, welche wir gerne bereit waren zu bezahlen wenn wir dafür unsere Ruhe hatten – und es sauber war. Das Areal, welches auf einer kleinen Halbinsel lag, war riesig. Vereinzelt konnte man aufgebaute Zelte sehen, denen man aber großräumig ausweichen konnte.
Wenige Meter vom Wasser entfernt fanden wir einen perfekten Stellplatz für unseren Oldie. Keine Menschenseele weit und breit. Der Kieselstrand war großteils sauber, der See glasklar und eine Aussicht, die der Hammer war. Die schneebedeckten Gipfel des Tien Shan Gebirges lachten uns entgegen, während wir in Badeklamotten dem kühlen Nass fröhnten. Gerhard und Vanessa hatten nicht gelogen, es war mit Abstand einer der schönsten Orte, die wir in letzter Zeit zu Gesicht bekommen hatten. Danke, dass ihr uns euer Lieblingsplätzchen verraten habt.
Es tat uns allen dreien sichtlich gut nach den Anstrengungen und Strapazen der letzten Wochen einfach mal Nichts zu tun. Es klingelte kein Wecker in der Früh, keine Horrorstrassen die unsere schmerzverzehrten Glieder durchrüttelten. Einfach nur die Seele baumeln lassen und genießen, eine Wohltat! Als dann am zweiten Tag auch noch Sonja und Michael, ein deutsches Pärchen dass wir bereits vor Monaten auf der griechischen Autobahn kennengelernt hatten, ganz unverhofft wie aus dem Nichts auftauchten, hatten wir auch noch nette Gesellschaft.
Lennox genoss es nackt am Strand entlang zu laufen und Sandburgen zu bauen. Zwischen Baden und Spielen war ein wenig Unterricht angesagt, der bei strahlendem Sonnenschein und rauschenden Wellen auch viel leichter von der Hand ging als auf Rüttelpisten in Akela. Als uns allmählich die Lebensmittel und die Sonnencreme ausgingen, holten wir unsere Honda vom Heckträger und düsten in den nächsten Ort. Auch immer wieder ein tolles Gefühl, sich auf dem Motorrad in fremden Ländern den Wind um die Nase wehen zu lassen. Nach vier Tagen verabschiedeten sich Sonja und Michael und zogen weiter Richtung Kasachstan. Wir packten erst Tags darauf zusammen um uns auf den Weg zu machen.
Doch als wir fahrbereit waren und zum Abschied noch einmal alle drei gemeinsam an den See spazierten, um die letzten Impressionen in uns aufzusaugen, überkam uns ein wehmütiges Gefühl. Irgendetwas hinderte uns am Weiterfahren. Unter Tränen hielten wir uns fest umschlungen und raunten uns leise zu, dass wir uns schon lange nicht mehr so wohl gefühlt hatten wie hier. Wir waren noch nicht bereit die Wärme und Leichtigkeit, welche sich in unseren Herzen breit gemacht hatte, gegen Staub und Asphalt einzutauschen. Weshalb wir kurzerhand entschieden noch einen Tag dranzuhängen. In Windeseile entledigten wir uns unserer Klamotten, sprangen nackt in den See, alberten herum und genossen einfach nur den Tag. Es klang komisch, doch dieser letzte Tag spendete uns den fehlenden Funken an Motivation, um wieder auf die Straße zurückzukehren, die uns in das Städtchen Karakol führte.

Karakol bedeutet schwarzer Arm und führt auf eine russische Militär Basis in den 1860er zurück. Die Stadt liegt ca. 5 km südlich des östlichen Endes des Yssyk Kul Sees. Heutzutage ist es vorwiegend ein Touristenzentrum mit unzähligen Hostels, Souvenirshops und Reisebüros, die Touren rund um die Region Yssyk Kul anbieten.
Der Hauptgrund für unseren Stop war unser Wasservorrat, der sich dem Ende neigte. Von Michael und Sonja erhielten wir den Kontakt des Riverside Hostels wo wir unser Glück, an Wasser zu gelangen, versuchten. Aus einem geplanten kurzen Stop um unsere Tanks zu füllen wurde eine Nacht, da wir sowohl von Andre, dem holländischen Besitzer als auch von seinen Gästen mit offenen Armen empfangen wurden. Bei einem lustigen und geselligen Abend mit Schaschlik und Co wurden eine Menge Informationen und Geschichten unter den Reisenden ausgetauscht. Andre konnte uns sogar mit einem Kontakt eines Eagle Hunters, der noch sehr authentisch sein sollte, weiterhelfen. Seit wir auf Reisen waren hofften und freuten wir uns auf eine Begegnung mit einem Adlerjäger.
Dass dieses Erlebnis eventuell in Kirgistan stattfinden würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Denn laut unseren Infos wurde die traditionelle Form des Jagens mit Adlern nur noch in bestimmten Gebieten Kasachstans und der Mongolei zelebriert, und das vorallem im Winter.
Um in das Gebiet des Eagle Hunters zu gelangen, mussten wir allerdings beinahe das gesamte Südufer des Yssyk Kul Lakes zurück fahren, was nicht der Plan gewesen war. Doch für dieses Highlight stellten wir unsere Route gerne auf den Kopf und disponierten um.
Xenia und Martin, (www.xtadventures.ch) ein Schweizer Pärchen das mit Motorrädern unterwegs war, waren ebenfalls Gäste im Riverside. Die Chemie unter uns vieren stimmte auf Anhieb, weshalb wir beschlossen die nächsten Tage gemeinsam „on the road“ zu sein. Doch bevor wir uns auf den Weg machten, baten wir Martin, von dem wir am Vorabend erfahren hatten dass er ein gelernter Tischler war, noch um einen Gefallen. Die desolaten Strassen der letzten Länder hinterließen ihre Spuren an unserer Einrichtung. Ohne zu zögern reparierte er unsere Badtüre, die nicht mehr schloss und stellte sämtliche Scharniere der Frontabdeckungen ein, die extrem verzogen waren. Nach getaner Arbeit ging es los.

Da der Fairy Tail Canyon, dem wir bei der Hinfahrt wenig Bedeutung geschenkt hatten auf der Strecke Richtung Adlerjäger lag, beschlossen wir dort zu übernachten. Nach ca. 100km entlang des Seeufers erreichten wir die Kreuzung die zum Canyon führte. Bei unserer Ankunft dunkelte es bereits, weshalb wir beschlossen erst am nächsten Morgen eine Besichtigung zu starten. Nur wenige Kilometer lag der Skazka Canyon, wie er von Einheimischen genannt wurde (was soviel bedeutet wie Märchen Schlucht) von der Hauptstrasse entfernt, und diesen Beinamen verdiente die Schlucht zurecht.
Die Natur formte über Jahrhunderte hinweg aus Sandstein eine Art chinesische Mauer, die sich durch den Canyon zog. Mein Highlight aber waren die bunten Berge, die in Farben erstrahlten, die sonst nur der Herbst kannte, von ocker bis rostbraun waren sämtliche Nuancen vertreten. Farbenprächtige Berge, bizarre Sandsteinformationen und im Hintergrund das Blau des Issyk Kul Lakes. Eine Szenerie wie aus einem Märchen entsprungen, sagenhaft und beeindruckend.

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