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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 11.10.2017

Die unglaubliche Vielfalt Kasachstans

Kasachstan, Juli 2017

Gemächlich rollten wir der kasachischen Grenze entgegen. Auf der kirgisischen Seite waren am Strassenrand einige Verkaufsstände aufgebaut die Lennox und mir die Wartezeit etwas verkürzten, während Leander Akela Schritt für Schritt dem Kontrollpunkt entgegen steuerte. Nach einer erträglichen Wartezeit kamen wir an die Reihe. Unerwarteterweise verlief alles Ratz-Fatz. Die Kirgisen warfen einen kurzen Blick in die Pässe und drückten uns ohne weitere Fragen den Ausreisestempel in unsere Reisedokumente. Der Lastwagen interessierte sie Null.
Weiter ging es zu den kasachischen Kollegen. Bei unserer ersten Einreise in Kasachstan im Mai konnte ich mich noch erinnern, dass der Truck relativ genau unter die Lupe genommen wurde. Mal sehen was uns erwartete. Doch nichts dergleichen geschah. Wir mussten alle drei für eine Gesichtskontrolle aussteigen und erhielten innerhalb kürzester Zeit die Einreisebestätigung. Wie zuvor bei den Kirgisen, erweckte Akela auch bei den Kasachen keinerlei Interesse. Das waren fast die schnellsten Grenzpunkte die wir je passiert hatten. In nur 45 Minuten waren wir durch beide Checkpoints durch. Eine Autoversicherung sparten wir uns, da wir in dem Glauben waren, dass die KFZ Versicherung, die wir bei unserer ersten Einreise abgeschlossen hatten, noch gültig war.
Auf relativ guten, kasachischen Strassen steuerten wir Almaty an. Mit dem Wissen, dass uns unsere Reise durch die Stadt führte, konnten wir organisieren, dass unsere Zweitpässe mit dem russischen Visa, dass wir in Österreich beantragt hatten, zu Olga und Rowan, dem „Mountain Bike Pärchen“ die wir in Kirgistan kennengelernt hatten, geschickt wurden.
Almaty ist der Inbegriff einer kasachischen Metropole und dessen geografische Lage einzigartig. Direkt hinter den Hochhäusern und Villen erheben sich die mächtigen Gipfel des Tien Shan Gebirges, welches sowohl die Herzen der Winter- als auch Sommersportler höher schlagen lassen. Die Straßenzüge der Innenstadt sind durch die sozialistische und stalinistische Architektur geprägt. Diese werden von zahlreichen Parks und Grünanlagen gesäumt, die für ein gutes Stadtbild sorgen.
Da die Sonne bereits am untergehen war, entschieden wir uns einige Kilometer vor der Stadt unser Nachtlager aufzuschlagen und uns zeitig am nächsten Morgen in den Dschungel der Großstadt zu werfen. Gesagt getan!
Gegen 08:30 Uhr befanden wir uns inmitten der Rushhour der Metropole. Ein Truck in Akela`s Größe erleichtert das Fahren im Stadtverkehr nicht unbedingt und die Kasachen taten das Restliche hinzu. Sie kamen von links, von rechts, hielten ohne ersichtlichen Grund mitten auf der Straße, Fußgänger hüpften aus dem Nichts hervor, es war ein heilloses Durcheinander. Doch Leander ließ sich nicht beirren. Unbeeindruckt von dem Gehupe und Gezeter der Autofahrer lenkte er den Truck sicher durch die morgendliche Blechlawine. Bis es krachte! Ein PKW quetschte sich in die viel zu kleine Lücke vor uns. Das Ergebnis war eine beachtliche Schramme auf seiner Fahrerseite. Der Schaden an Akela war nicht der Rede wert. Mit hoch erhobenen Armen sprang der Lenker aus dem Fahrzeug und schritt uns mit wildem Geplärr entgegen. Im Nu waren wir von einer Menschentraube umringt die alle „Augenzeugen“ waren, natürlich zugunsten des Kasachen, was klar war! Mit Englisch kamen wir kaum weiter. Wir verstanden nur soviel, dass die Polizei demnächst auftauchen sollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb ein Einsatzfahrzeug stehen. Zwei Beamte stiegen aus, markierten die Unfallstelle und wiesen uns an am Straßenrand auf weitere Kollegen zu warten, da dieser Bezirk nicht in ihre Zuständigkeit fiel. Wir parkten Akela am gegenüberliegenden Parkplatz und verzogen uns erst einmal in die Wohnkabine um zu frühstücken, denn man konnte sich die Wartezeit auch angenehm vertreiben. Doch nach mehrmaligen Telefonaten, mehrmaligem Auftauchen der Polizei, die niemals zuständig war und in Summe über einer Stunde Wartezeit wurde es uns zu bunt. Wir erklärten dem „Geschädigten“, der im Grunde auch selber Schuld war, dass wir keine Zeit und Lust mehr hatten um auf die wirklich zuständigen Gesetzeshüter zu warten. Er fotografierte unsere KFZ Polizze und tippte unsere Telefonnummer in sein Handy, dann stiegen wir ein und ließen ihn alleine zurück. Ob jemals zuständige Beamte am Unfallort auftauchten wissen wir bis heute nicht, gemeldet hat sich jedenfalls bis dato niemand mehr bei uns.
Bevor wir freie Zeit mit Olga und Rowan verbringen konnten, wollten oder besser gesagt mussten wir unsere To Do Liste in Almaty abrackern. Leander hatte am Pamir Highway seine Drohne gecrasht und eines seiner Objektive funktionierte auch nicht mehr reibungslos. Dank Internetrecherche machte er einen Photo Shop in Almaty ausfindig, und hatte bereits vor unserer Ankunft regen e-mail Kontakt mit einem der Angestellten. Eine Reparatur des Objektiv`s sollte kein Problem darstellen und zufällig war auch die Drohne, mit der Leander schon länger liebäugelte, auf Lager. Nebenbei erwähnt: Super nette und kompetente Mitarbeiter in dem Photostore. Sehr zu empfehlen. pspdf.kz
Während Leander der Technik im Photostore fröhnte, quälten Lennox und ich uns bei knapp 40 Grad auf einen Spielplatz in der Nähe. Der Kleine verbrannte sich beinahe den Hosenboden an einer Rutsche, weshalb wir uns für ein Eis entschieden und in einem schattigen Plätzchen mittlerweile ungeduldig auf Leander warteten. Endlich kam er um die Ecke gebogen, mit einem breiten Grinser im Gesicht und einer großen Tüte in der Hand was verheißen ließ, dass er der neuen Drohne nicht widerstehen konnte. Das Objektiv war ebenfalls repariert. Punkt eins der Liste war abgehackt. Leander`s Ausflug in die mediale Welt hatte den gesamten Nachmittag in Anspruch genommen. Der Tag war mehr oder weniger gelaufen und wir alle hatten mächtig Kohldampf. Wir sprangen ins Auto und parkten neben einem riesigen Einkaufszentrum, welche in Almaty an jeder Ecke zu finden waren. Mit Burger & Co besänftigten wir zuerst unseren Magen und im Anschluss unser Ego mit einigen Klamotten. Erschreckend wie schnell man sich doch wieder an Großstädte und ihre Versuchungen gewöhnen kann, die überall auf kaufwütige Konsumenten lauerten. Nachdem wir unsere Geldbörse mehr als strapaziert hatten, schlenderten wir zum Truck und machten uns auf die Suche nach einem einigermaßen ruhigen Schlafplatz. Rowan, dem wir mitgeteilt hatten, dass wir bereits in der City waren, half uns via WhatsApp mit Koordinaten.

Der nächste Tag war für die mongolische Botschaft reserviert, da Österreicher für die Einreise ein Visa benötigten. Auf Grund von Baustellen war diese aber nur sehr schwer zugänglich. Zig mal fuhren wir im Kreis herum, bekamen es allerdings nicht gebacken vor die Pforten der Behörde zu gelangen. Wir stellten den Lastwagen in einiger Entfernung ab und machten uns zu Fuß auf den Weg. Dort angekommen standen wir leider vor verschlossenen Toren. Wieder einmal dumm von uns, denn ein kurzer Anruf hätte eine Menge Zeit erspart. Doch wir würden noch mehrere Tage in Almaty verweilen und mussten unser Glück eben an einem anderen Tag versuchen. Was für uns wiederum bedeutete, die unangenehmste und zugleich wichtigste Sache in Angriff zu nehmen. Akela! Wir machten uns auf den Weg in eine große MAN Werkstatt, mit der wir bereits seit einigen Tagen in Kontakt standen.
Wir hofften dort vordere Stoßdämpfer zu bekommen und wollten den Truck generell durchchecken lassen, da Leander vermutete, dass aufgrund der desaströsen Straßen der letzten zigtausend Kilometer einige Lager ausgeschlagen waren. Rafael, unser Ansprechpartner sprach relativ gut Englisch und wirkte sehr sympathisch. Wir hofften in einer großen, namhaften Werkstatt gut aufgehoben zu sein, zumal sie in diversen Reiseforen in höchsten Tönen gelobt wurde. Doch irgendwie konnten wir dies nicht bestätigen. In den vier Tagen die wir in den Hallen von MAN verweilten, fühlten wir uns zuweilen im Stich gelassen und auch ein wenig veräppelt. Man konnte die Jungs nicht alleine arbeiten lassen. Selbst das Reifen wechseln, wir tauschten alle Reifen einmal durch damit sie gleichmässig abgefahren wurden, verlief nicht reibungslos. Wäre Leander nicht mit seinen Argusaugen anwesend gewesen, dann hätten wir die Räder komplett seitenverkehrt montiert bekommen.
Rafael konnte vordere Stoßdämpfer organisieren und veranlasste den Einbau. Einen Ölwechsel bekamen sie ebenfalls noch hin, dann war aber aufgeräumt. Leander drängte immer darauf, denn Lastwagen „durchzuchecken“, doch irgendwie konnten die Mechaniker nichts damit anfangen. Sooft es ging verdünnisierten sie sich und waren in der gesamten Werkstatt unauffindbar. Leander rotierte am Stand. Wir standen bereits fünf Tage in den Hallen der MAN und außer den oben erwähnten Reparaturen, welche an einem Tag erledigt hätten werden können, geschah nichts.
Nachdem sie es irgendwann doch noch schafften einen Blick unter Akela zu werfen, kam nur heraus, dass alles in Ordnung sei. Whaaattt? Selbst Leander als Laie konnte zuvor schon erkennen, dass vorne Lager ausgeschlagen waren. Rafael rechtfertigte sich damit, dass er und sein Team sich an einem Truck diesen Alters, Baujahr 1977, nicht mehr ran trauten, da, falls bei Reparaturen etwas schief gehen sollte, sie keine Ersatzteile auftreiben könnten. Ok, zum Teil verständlich, aber im Grunde wollten wir keine Reparatur sondern nur einen Komplettcheck vom Status Quo!
Es schien als ob richtiges Schrauben in Werkstätten nicht mehr üblich war. Defekte Trucks wurden nur noch an Fehlersuchgeräte angehängt und dementsprechend wurde laut Handbuch agiert. Da waren sie bei Akela natürlich an der falschen Adresse, denn der hatte wiederum mit moderner Technik nichts am Hut.
Was eigentlich ein Kaufgrund für diesen Truck war, da wir dachten, umso östlicher man fährt, umso mehr können die Jungs noch reparieren und mit Basistechnik umgehen, nicht nur austauschen. Tja, die Zeiten sind hier wohl auch vorbei.

Allerdings hatte die MAN Garage einen namhaften Vorteil, zumindest für Lennox und mich. Vom Gelände aus führte eine mit Pflanzen zugewucherte, in Vergessenheit geratene Treppe, direkt in eine traumhafte Wasserlandschaft. Dem Ray Pool Club! Die Vormittage schlugen sich der Kleine und ich bei brütender Hitze mit Erledigungen um die Ohren. Nach vorheriger telefonischer Absprache, denn man lernt aus seinen Fehlern, fuhren wir mit dem Taxi zur mongolischen Botschaft und waren in weniger als 30 Minuten stolze Besitzer eines gültigen Visums. Auch eine KFZ Versicherung mussten wir organisieren, da unsere alte mittlerweile ausgelaufen war. Im Anschluss an die getane Arbeit schlichen wir uns auf leisen Sohlen die „geheime Treppe“ hinunter zum Pool und genossen das erfrischende Nass.
Als es uns bei Rafael in der Werkstatt zu bunt wurde, erlaubten wir uns bei der nebenan gelegenen Volvo LKW Werkstatt nachzufragen, ob sie den Truck durchchecken konnten. Und das taten sie. In weniger als einer Stunde wussten wir mehr über Akela`s Befinden. Vier Lager waren ausgeschlagen und einige Dichtungen gehörten getauscht. Da wir bereits soviel unserer kostbare Zeit in der MAN Werkstatt vergeudet hatten und in Kasachstan keine Ersatzteile bekamen, beschlossen wir uns diese Reparaturen für Russland aufzuheben, unserem nächsten Ziel. Irgendwie hofften wir darauf, dass die Russen etwas mehr am Kasten hatten und mit unserem Oldie besser umzugehen wussten.

Es war bereits später Nachmittag geworden als wir aus den Fängen der Werkstätte entlassen wurden ehe wir Rowan anrufen konnten, dass wir nun endlich Zeit für ein Treffen hätten. Wir vereinbarten einen Zeitpunkt an dem Parkplatz den er uns empfohlen hatte und warteten dort auf ihn. Pünktlich tauchte der Brite mit einem breiten Grinser beim Lastwagen auf. Er lud uns in seine Wohnung ein die nur wenige Schritte von unserem Stellplatz entfernt lag und bot uns zugleich an, auch unsere Schmutzwäsche mitzunehmen. Es war erfrischend wie unkompliziert er war. In seinem Zuhause angekommen bot er uns ein kühles Blondes an, während sich die Waschmaschine mit unserer Dreckwäsche abmühte. Leider war Olga, seine Freundin, an diesem Abend beruflich verhindert, weshalb wir nach einer Dusche, die dringend nötig war, mit Rowan alleine ins Einkaufszentrum schlenderten und eine Pizza verdrückten.
Die beinahe unerträgliche Hitze unter Tags hatte uns alle sichtlich mitgenommen. Relativ zeitig trennten sich unsere Wege um in unsere heiß ersehnten Betten zu fallen. Heiß war das richtige Wort, denn im Truck herrschten ebenfalls tropische Temperaturen die einen erholsamen Schlaf nur bedingt zuließen. Rowan lud uns für den nächsten Morgen zu sich nach Hause zum Frühstück ein, wo wir endlich auch auf Olga treffen würden.
Pünktlich um neun, fast zumindest, klingelten wir an der Wohnungstür. Die Schiebetüren des Lifts hatten sich kaum geöffneten als wir Olga bereits mit ausgebreiteten Armen vor uns stehen sahen. Sie drückte jeden von uns ausgiebig. Besonders unseren Youngster, den sie bereits bei unserem ersten Treffen in Kirgistan ein klein wenig in ihr Herz geschlossen hatte.
Es erwartete uns ein reichlich gedeckter Frühstückstisch.
Doch wie immer wenn es richtig nett ist, vergeht die Zeit wie im Flug. Wir plauderten, tauschten Erfahrungen aus und erhielten einige Reisetips die wir unbedingt besuchen sollten, wofür wir sehr dankbar waren, da wir in Kasachstan relativ planlos unterwegs waren. Gegen mittag trennten sich unsere Wege. Rowan und Olga hatten eine Verabredung, und wir mussten uns darüber klar werden, wohin uns unsere Reise führen sollte. Um den erhaltenen Input ein wenig zu ordnen, beschlossen wir in ein nahegelegenes Cafe zu gehen um zu beratschlagen, was als nächstes auf dem Plan stand. Da die Uhr bereits zeitig voran geschritten war erhielt der Bartogai Lake den Zuschlag. Er war ca. 180 km von Almaty entfernt. Eine Distanz die wir an dem angebrochenen Nachmittag noch schaffen konnten. Die Strassen dorthin sollten laut den beiden in relativ gutem Zustand sein.

Die Sonne verkroch sich bereits langsam hinter den Bergen als wir den See erreichten. Doch leider entpuppte er sich eher als Flop. Das Wasser war schmutzig und auch die Landschaft rund um den See lud nicht sonderlich zum Verweilen ein. Doch für diese Nacht musste es reichen. Es blies ein leichtes Lüftchen, genau richtig um endlich einen der beiden Lenkdrachen auszuprobieren, die wir seinerzeit im Iran gekauft hatten. Er funktionierte prächtig, und Lennox und ich hatten viel Spaß damit. Am nächsten Morgen erlaubten wir uns den Wecker auf „off“ zu schalten um endlich wieder einmal ausschlafen zu können. Die Meinung Vieler basiert oftmals darauf, dass man auf Reisen alle Zeit der Welt hätte. Doch dem war leider viel zu selten so. Werkstatttermine, lange Fahrstrecken, diverse Erledigungen zwangen uns immer wieder zeitig am Morgen aus den warmen Betten zu klettern, ob wir Lust dazu hatten oder nicht. Gleichzusetzen mit dem vertrauten Hamsterrad zu Hause, wo man sich in der Regel an Werktagen morgens mürrisch aus den Federn quält um seine Brötchen zu verdienen. Während Lennox und ich am nächsten Tag das Seeufer nach verborgenen Schätzen erkundeten, ließ Leander die Drohne über uns aufsteigen um die Landschaft festzuhalten. Danach beratschlagten wir uns während des Frühstücks über die nächsten Fahrziele. Kaindy Lake und Charyn Canyon waren Spots, die es in die engere Auswahl schafften. Olga und Rowan hatten uns die beiden Plätze empfohlen und von Martin und Xenia (ihr erinnert euch, wir verbrachten in Kirgistan einige nette gemeinsame Tage) hatten wir bereits Fotos auf Instagram von dort erhascht. Also auf zum Lake Kaindy, der knapp 120km entfernt lag. Der See befindet sich 1867 Meter über dem Meeresspiegel und hat eine Länge von 400 Metern. An einigen Stellen ist er bis zu 30 Meter tief. Er ist auf eine seltsame Weise entstanden. 1911 kam es zu einem riesigen Erdrutsch, der von einem Erdbeben ausgelöst wurde. Die Schlucht wurde durch das viele herabkommende Geröll versperrt, wodurch ein Damm entstand. Darin sammelte sich das Regenwasser der letzten Jahrzehnte und bildet nun den Kaindy See. Die abgestorbenen Fichtenstämme, die sich in der Wasserfläche befinden, machen diesen Ort zu etwas Mystischem. Leider gestaltete sich das Erreichen dieses geheimnisvollen Ortes äußerst schwierig. Ca. 12 km bevor uns das Navi das Ziel voraussagte, gaben wir mit Akela auf. Wir platzierten den Oldie sicher an einem schönen Flußbett, ehe der Anstieg zum See begann. Es war Zeit die Cross vom Heckträger zu holen und die letzten Kilometer mit dem Bike vorzufühlen, um mit dem Truck böse Überraschungen zu vermeiden. Als wir an der vermeintlichen Zielflagge angekommen waren, stutzten wir ein wenig. Die Lacke die wir vorfanden hatte nichts mit den Bildern, die wir von Xenia und Martin kannten, gemeinsam. Ganz im Gegenteil! Wir platzten in ein Partycamp mit laut dröhnender Musik und angetrunkenen Russen und Kasachen. Nach mühsamen Durchfragen erfuhren wir, dass der Kaindy Lake nur mit einem 20 minütigen Fußmarsch erreichbar wäre. Wir parkten die Honda und stapften los. Nach wenigen Minuten wandern konnten wir das smaragdgrüne Wasser des Sees durch die Baumwipfel durchblitzen sehen. Die Vorfreude auf das Baden und einen lauschigen Ort wurden durch das ankommende schlechte Wetter getrübt. Auch der „Wow“ Effekt stellte sich irgendwie nicht ein. Das Plätzchen war nett. Der Anblick von abgestorbenen Fichtenbäumen im Wasser erschien uns ungewohnt, doch mystisch war es nicht. Vielleicht, wenn nicht wie überall Müll und Dreck herumgelegen wäre. Außerdem wuselten für unseren Geschmack viel zu viele Menschen um den See. Leander schoss einige Fotos und startete die Drohne. Dann leerten wir unseren mitgebrachten Proviant und machten uns wieder auf den Rückweg zu Akela, ehe es zu regnen begann. Um ehrlich zu sein empfanden wir den Stellplatz des LKW`s viel schöner. Das Wasser des kleinen Flusses war zwar eisig kalt aber kristallklar, und von Mensch und Müll unberührt. Was will man mehr?

Nach zwei Tagen am Fusse des Kaindy Lakes brachen wir unsere Zelte ab und machten uns auf zum Charyn Nationalpark. Die eigentliche Attraktion des Charyn Nationalparks ist der Charyn Canyon, ein ausgetrockneter Seitenarm des Charyn-Flusses. Die Erosion hat hier über Jahre hinweg tolle Steinformationen und Felsvorsprünge in den roten Sandstein geschliffen. Die Schlucht wird häufig mit dem Grand Canyon in den USA verglichen, jedoch ist der Charyn Canyon etwas kleiner, aber ähnlich bizarr ausgeformt. Am späten Nachmittag, als es nicht mehr so heiß war, erreichten wir den Park. Wir streiften unsere Wanderschuhe über und spazierten am Grat des Canyon entlang. Die bereits langsam untergehende Sonne tunkte die einzigartigen Felsformationen in ein gewaltiges Spiel aus Licht und Schatten. Mit etwas Fantasie konnte man in den Steinen Tiere, Gesichter oder auch Gegenstände erkennen, woraus sich ein lustiges Spiel ergab. Es dunkelte bereits als wir zu Akela zurückkehrten. Ich bereitete ein schnelles Abendmahl zu und wollte zusehen, dass Lennox schleunigst ins Bett kam. Als mir im Bad seine Zahnbürste zu Boden fiel und ich mich danach bückte, entkam mir ein kleiner Schrei. Irgendetwas kleines, pelziges hatte es sich auf dem Karton, indem wir unsere Getränke transportierten, gemütlich gemacht. Bei näherem Hinsehen hatte ich einen Verdacht, ließ aber Leander den Vortritt beim Begutachten. Eine kleine Fledermaus war vermutlich bereits am Kaindy Lake zugestiegen und bekam nun einen gratis Lift zum Charyn Canyon. Leander bugsierte den haarigen Zwerg auf einen Ast und zeigte ihn Lennox, bevor er ihn behutsam an einem sicheren Ort ausserhalb des Lastwagens absetzte. Am nächsten Morgen unternahmen wir noch eine kleine Wanderung im Nationalpark, ehe wir uns hinters Steuer klemmten und unsere Fahrt fortsetzten. „Alle Wege führen nach Rom“, ließ Kaiser Augustus 20 v. Ch. in eine Steintafel meisseln, die er am Forum Romanum aufstellte. All unsere Wege führten zurück nach Almaty. Egal wie wir es drehten und wendeten, wir mussten in die City zurück, was uns aber nicht unangenehm erschien. Olga und Rowan hatten Zeit und wir verabredeten uns in einem netten Restaurant zum Abendessen. Wir hatten viel Spaß an diesem Abend, genossen eine hervorragende Küche, tranken ein paar Bier und Lennox verzauberte nebenbei Olga mit seinem Charme. Es ließ mich manchmal ein wenig erschaudern, wenn ich gedanklich das Rad zehn Jahre weiter spann. Unser Sohn schaffte es im zarten Alter von fünf Jahren die Herzen beinahe jeder Frau zum Schmelzen zu bringen, die uns über den Weg lief. Das konnte ja heiter werden. Nach einer der heißesten Nächte im Truck fuhren Lennox und ich ins nahegelegene Delfin Spa, einem Schwimmbad, um uns dort abzukühlen. In der Zwischenzeit schmolz Leander im Truck während er seine Fotos bearbeitete. Doch nach geraumer Zeit wurde es auch seinem Laptop zu heiß und um ihn vor dem endgültigen Knockout zu bewahren, steckte er ihn kurzer Hand in den Kühlschrank und folgte uns ins Bad, wo wir noch einige wenige Stunden gemeinsam Zeit verbrachten. Nach so vielen Tagen in Almaty, die wir ursprünglich gar nicht eingeplant hatten, drängte die Zeit ein wenig zum Weiterfahren. Das Russland Visa, welches wir in Österreich mit unseren Zweitpässen beantragt hatten, war Gott sei Dank rechtzeitig in Almaty bei Olga und Rowan eingetroffen. Nichts hinderte uns mehr daran in Richtung Russland aufzubrechen. Auf dem Weg dorthin passierten wir mehr oder weniger Alakol Lake. Wir wagten einen Versuch, dort ein erholsames Plätzchen für die nächsten ein bis zwei Tage zu finden.

Der Alakol See ist ein Salzwassersee und hat eine Größe von 2.650km2. Die Zufahrt zum See war wegen enormen Straßenschäden durchgehend - wenn überhaupt - nur im Schritttempo befahrbar. Die Wasserfläche und das Ufer rund herum wird als eines der wichtigsten Vogelgebiete in Zentralasien geführt. Dennoch hat sich im Sommer ein beliebtes Wild-Camping Gebiet etabliert, dass leider kaum kontrolliert wird. In den Ferienmonaten wird der See von Kasachen, Russen und Chinesen als beliebtes Urlaubsziel genutzt. Die Folge des Massentourismus ist wie überall, Müll der liegenbleibt, wo er produziert wird. Um dessen Beseitigung schert sich niemand.
Nachdem wir stundenlang bei sengender Hitze hinterm Steuer saßen um überhaupt zum Alakol Lake zu gelangen, verlangte es uns nochmals mehrere Stunden ab, um am Ufer ein annehmbares Plätzchen für uns und Akela zu finden. Wir fuhren querfeldein über Stock und Stein ohne eine ersichtliche Straße. Bis es uns schlussendlich zu dumm wurde und wir Akela einfach in der Pampa so nahe wie möglich am See abstellten. Das Fleckchen teilten wir uns mit mehreren russischen Familien, die dort ihren Sommerurlaub verbrachten.
Das Wasser des Sees war angenehm warm und sauber. Über den vermüllten Zustand rund herum hatten wir mittlerweile gelernt hinwegzusehen. Ich weiß es ist nicht richtig, doch wir konnten keine „Umweltkampagne“ in Zentralasien starten. Wir taten zumindest alles, um unsererseits kein Schäufchen zur Verschlechterung beizutragen. Oft sammelten wir tagelang unseren eigenen Müll in großen Plastiksäcken und kutschierten ihn mit uns herum, bis wir die Gelegenheit hatten, ihn ordnungsgemäß zu entsorgen.

Nach zwei Nächten am Alakol Lake brachen wir gegen Mittag des Folgetages auf und knatterten der russischen Grenze entgegen. Knattern war das richtige Wort, denn wir benötigten 12 Stunden für 300km. Es war nervtötend und demotivierend. Unsere kaputten Lager meldeten sich bei jedem Schlagloch, der Differentialsimmering hinten leckte und zu guter Letzt kam auch noch der Dichtring von der Servolenkung hinzu. Doch wir hatten eine große Hoffnung die uns durchhalten ließ. Die Straßen in Russland sollten in ausgezeichnetem Zustand sein.
Ca. 20km vor der russischen Grenze übernachteten wir mehr oder weniger neben der Straße. Wir wollten zeitig am nächsten Morgen aufbrechen um die Grenze zu überquren. Schreckliche Horrorgeschichten kursierten in Reiseforen, wie fast immer, über den Eintritt in Putin`s Territorium. Es graute uns ein wenig, doch wir hofften und vertrauten auf mehr Glück!

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