Skip navigation

Blog

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 07.03.2018

Sayonara und Konnichiwa Kyoto!

Nach der langen Stehzeit bei Kyoshi in der Werkstatt lechzten wir danach, endlich wieder einmal unsere Schi vom Dach zu holen. Mit der Gewissheit einer funktionierenden Heizung hielt uns nichts mehr davon ab nach Hakuba, Japans Schneeparadies zu jetten. 400km trennten uns noch vom feinen Powder. Allerdings wollten wir keine Gewaltstour anpacken und planten einen Stop in der kleinen Stadt Koka ein. Etwas außerhalb der Stadt, auf einem weitläufigen Gelände besuchten wir ein Ninja Haus mit integriertem Museum. Im Gegensatz zu Superman oder anderen Superhelden hatten Ninjas keine Superkräfte, aber besondere Fähigkeiten, während sie im Schatten blieben, was mitunter der Grund für ihre Beliebtheit als Mysterium des Ostens war. Ein Ninja war ein besonders gut ausgebildeter Kämpfer des vorindustriellen Japans, der als Kundschafter, Spion, Saboteur oder Meuchelmörder eingesetzt wurde. Aufgrund ihrer Lebensweise war es daher nicht verwunderlich, dass ihre Wohnhäuser mit Vorkehrungen wie Fallen oder geheimen Fluchtwegen ausgestattet waren. Während einer kleinen Führung bekamen wir die Tücken eines Ninja Hauses demonstriert und durften auch selber auf Entdeckungsreise gehen.

Übernachtet haben wir auf dem Parkplatz einer Raststätte neben der Strasse. Es war zwar laut, doch der Platz bot gratis Internet und Leander nutzte die Gelegenheit und lud einige Lieder von Wolfgang Ambros und dem Rest der Austropop Bande herunter. Der Altklassiker „Schifoan“ wurde von da an zu unserer Tageshymne und dröhnte nonstop aus den Lautsprecherboxen. Wir waren aufgedreht, hibbelig und freuten uns auf ausgelassene Tage im Schnee. Außerdem würden wir uns mit „Bumsti“ treffen, einem Österreicher, der vor Ort für eine Skischule arbeitete. Wir erreichten Hakuba, aber wer war nicht da? Bumsti. Mit eineinhalb Stunden Verspätung tauchte er beim Treffpunkt auf und überschlug sich mit Entschuldigungen. Doch man konnte ihm nicht böse sein, denn Bernhard, alias Bumsti war lustig, redete viel und lachte oft. Er eskortierte uns zu seinem Appartement, etwas ausserhalb der Stadt wo wir parken konnten. 

Bei ein, zwei Bier im Lastwagen lernten wir uns besser kennen. Der Oldie gefiel ihm, was nicht verwunderlich war. Unser „Alpen Chalet“ stand umringt von meterhohen Schneebergen beinahe neben der Skipiste, und aus den Lautsprechern trällerte „Schifoan“. Wem wurde da nicht warm ums Herz? Am nächsten Morgen schnallten wir uns die Ski an und rutschten zur Piste. Obwohl sich Frau Holle ordentlich austobte und dicke Nebelschwaden über den Kamm zogen, konnten wir es nicht mehr erwarten. 

Zu Beginn mit wackeligen Knien, hatten wir nach den ersten Schwüngen den Dreh schnell wieder raus. Außer Lennox, der tat sich etwas schwerer. Er hatte keinen Bock auf Skifahren lernen, sondern wollte gleich die Piste runter fetzen wie sein Freund Fabi von den Snowmads. Den Spruch „es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ hielt unser Sohn für Bullshit. Dem zufolge kullerte er relativ häufig ungebremst, kopfüber in den Schnee. Doch er nahm es gelassen, rappelte sich auf und fuhr weiter. Full Speed versteht sich! Mir wurde schon oft erzählt, dass sich der Schnee in Japan anders anfühlen sollte als der, den ich von zu Hause her kannte. Allerdings wusste ich nie so recht, wovon die Leute sprachen. Schnee bleibt Schnee, egal wo, doch ich wurde eines besseren belehrt. Er war viel fluffiger, lockerer und feiner, und garantierte ein Fahrvergnügen wie auf Wolken. Ein Traum!

Hakuba versank im Schnee. Pro Stunde fiel bis zu 30cm Neuschnee, was toll für die Pisten war, jedoch Gift für Akela. Mindestens zweimal täglich musste Leander auf das Dach steigen und es freischaufeln. Eine Beschäftigung die gut und gerne eine Stunde Zeit in Anspruch nahm. War er an einem Ende angelangt, konnte er quasi wieder von vorne beginnen. Eine mühsame Arbeit, die aber dringend nötig war, denn wir wollten nicht riskieren, dass uns die horrenden Schneemassen das Dach eindrückten. Am nächsten Tag mussten wir zwangsweise pausieren. Aufgrund schlechter Wetterbedingungen sperrten die Lifte morgens gleich gar nicht auf. Notgedrungen verbrachten wir den ganzen Tag im Truck und freuten uns schon darauf, Abends gemeinsam mit Bumsti in einem nahegelegenen Pub zu Abend essen. Das Essen war lecker, und der Wein war auch nicht zu verachten. 

Unser Kleiner belagerte den Kärntner förmlich da dieser genau wie Lennox, nur Unsinn im Kopf hatte. Wir verbrachten einen lustigen und ausgelassenen Abend, was schon lange nicht mehr der Fall war. Lennox mokierte sich zwar als ich mit ihm zu späterer Stunde in den Truck ging, aber irgendwann war halt auch mal Schluss mit lustig. Unbekümmert öffnete ich die Türe, schaltete das Licht ein und warf einen zur Routine gewordenen Kontrollblick auf das Heizungsdisplay, und da war er wieder. Error 52. F...! Das durfte nicht wahr sein. Jetzt bloß keine Panik schieben. Zuerst machte ich Lennox Bett fertig, dann widmete ich mich der Heizung. Ein,- und ausschalten half nicht, das System reseten verlief ebenfalls ohne Erfolg. Also zog ich mich wieder an und stapfte zurück zum Pub. Als mich Leander erblickte grinste er und wollte gleich noch eine Flasche Wein bestellen. Das wär mir jetzt auch lieber gewesen, doch ich war ein Spielverderber und erzählte ihm die Hiobsbotschaft. Man konnte zusehen wie sein Gesichtsausdruck von Himmel hoch jauchzend auf angepisst umschaltete. 

Bei klirrender Kälte und dichtem Schneefall reinigte er am nächsten Morgen die Heizungsfilter und blies die Dieselleitung mit Druckluft durch. Doch vergeblich, sie sprang nicht an. Was richtig blöd war, denn Nachts hatte es um die -20 Grad. Ich degradierte mich freiwillig zum Heizmeister, was bedeutete, dass ich alle zwei Stunden Holz nachlegen musste, auch Nachts, damit wir nicht erfroren. Dadurch konnten zumindest die Jungs bei warmen Temperaturen in die Skiklamotten schlüpfen und den Schnee genießen. Am zweiten Tag mussten wir w.o. geben, denn das Brennholz war aus, und in Hakuba konnten wir keinen Nachschub finden. Wir hatten keine andere Wahl und mussten in wärmere Gefilde fahren. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von Bumsti. So hatten wir uns den „Skiurlaub“ nicht vorgestellt. Kurz bevor wir Bumsti verließen, musste Lennox noch auf die Toilette. Er lief in Bumsti`s Appartement und suchte das Stille Örtchen auf. Als er sein Geschäft erledigt hatte kam er mir ganz aufgeregt entgegen und bat mich, ihm zu folgen da er mir unbedingt etwas zeigen wollte. Auf dichtem Fuß folgte ich ihm. Am Klo angelangt, drückte er blitzschnell einen Knopf und sprintete pfeilschnell davon. Bevor ich mich versah, war ich von oben bis unten komplett nass gespritzt. Ich konnte ihn zwar nicht sehen, hörte aber sein schallendes Gelächter. Die Rüge kam unmittelbar danach, denn zusätzlich konnten wir den Wasserstrahl nicht mehr stoppen und setzten Bumstis Toilette komplett unter Wasser. 

Japan war bekannt für seine Kuriositäten, und die Toilette gehörte definitiv dazu. Dort wurde gewaschen, geföhnt und gespült, nicht nur die Toilette, sondern auch der Benutzer. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, sollte man sich auf jeden Fall vor dem Gebrauch mit dem Gerät vertraut machen. In der Regel gab es immer eine Bildbeschreibung an der Wand. Doch zurück zur Geschichte. Eine Tankstelle die wir passierten brachte Leander noch auf eine letzte zündende Idee. Wir hatten immer noch Diesel aus Kyoto im Tank. Einen Versuch war es wert auf „Hakubadiesel“ umzurüsten, worauf wir eigentlich schon früher hätten kommen können bei den Temperaturen. Wir tankten voll und fuhren einige Kilometer damit sich der Diesel schön vermischte. Dann hielten wir an einem Parkplatz und ich kletterte nach hinten um die Heizung einzuschalten, und oh Wunder, sie lief. Bevor wir einen Freudentanz starteten, warteten wir noch einige Minuten ab und beobachteten das gute Stück, doch sie funktionierte immer noch. Wir vermuteten, dass aufgrund des „Sommerdiesel`s“ die Leitungen eingefroren waren. Wie auch immer, es war warm in der Stube und das zählte! 

Tja und nun? „ I foa no ned Z`haus, i bleib am Montog a no do, weil I wü schifoan“! Und genauso machten wir es auch. Wir drehten um und fuhren zurück, allerdings nicht nach Hakuba sondern Richtung Cortina, dem Nachbarskigebiet. Dort logierten wir auf dem Parkplatz des Vier Sterne Hotel`s Green Plaza, direkt neben den Gondeln. Wenn sich die Heizung dazu entschied uns nicht abermals in Stich zu lassen, dann konnten die nächsten Tage noch echt fett werden. Wir blieben drei weitere Tage und hatten richtig viel Spaß. Das Wetter klarte auf und ließ sogar einige Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke blitzen. Lennox war mittlerweile zu einer kleinen Rennsemmel geworden und fuhr unermüdlich rauf und runter. Rein zufällig, wie immer, war auch Remo in Hakuba eingetrudelt. Leander und er verabredeten sich für einen Hike abseits der Pisten, um einige anspruchsvollere Lines zu ziehen, was ich ihm sehr vergönnt war, denn ich wusste, dass ihm braves Pistenfahren auf Dauer zu langweilig wurde. Somit kam jeder auf seine Kosten. Nach der allerletzten Abfahrt gönnten wir uns noch einen Besuch in dem Onsen des Hotels, die noch einmal so richtig der Knaller waren. Nicht nur für unsere geschundenen Glieder! Der Clou der Anlage war der überdachte Aussenbereich, der einen freien Blick auf die mittlerweile beleuchtete Skipiste bot. Das würde ich einen krönenden Abschluss nennen.

Zu einer christlichen Zeit stiegen wir tags darauf in den Truck und zogen weiter. Hokkaido, die nördlichste der großen Inseln hätte uns noch sehr gereizt, allerdings entschieden wir uns nach langem Hin und Her dagegen. Hoch im Norden herrschten um diese Jahreszeit noch rauhere Wetterbedingungen. Teure Autobahngebühren und hohe Spritkosten würden sich mächtig in unserem Geldbörserl bemerkbar machen. Und wie immer, lief natürlich auch die Zeit gegen uns. 12 Werkstatttage wirken sich in unserem Zeitmanagement nicht positiv aus. 

Wir verließen das winterliche Hakuba und fuhren nach Osaka, von wo wir Richtung Borneo verschifften. Wir verzichteten auf Hokkaido, und wollten die verbleibende Zeit in Japan noch gemütlich verbringen. Wir fuhren entlang der früheren Nakasendo Road, die Kyoto mit Old Edo, dem heutigen Tokyo verband. Dort besuchten wir das malerische Städtchen Narai, wo sich die größte und älteste Poststadt des Landes befandt. Mit viel Liebe wurden die über 220 Jahre alten Häuschen und Geschäfte für Besucher aufrecht erhalten.

Den Kompass immer südlich gerichtet, besuchten wir bei Tajimi ein weiteres Ninja Haus, wo Lennox endlich sein ersehntes Ninja Kostüm absahnte. Kaum war die Führung beendet, stürmte unser Zwerg in den Lastwagen, warf sich in Schale und verwandelte Akela in seine persönliche Ninja Höhle. Was auf 12m2 für alle die keinem Ninja Clan angehörten, sehr anstrengend war. Über Nagoya verschlug es uns weiter in die Stadt Ise, wo sich die Meoto Iwa, wörtlich übersetzt „Ehemann und Ehefrau Felsen“, befanden. Die beiden Steine waren durch ein Shimenawa Seil (Taue aus geschlagenem Reisstroh) verbunden und galten zusammen mit dem benachbarten Okitama Schrein als Heiligtümer der Region. In der Mythologie repräsentierten die Felsen die Ehe zwischen Mann und Frau. Das über eine Tonne wiegende Seil mußte mehrmals pro Jahr in einer speziellen Zeremonie ersetzt werden. Viele Frischvermählte kommen an diesen Ort um für Glück und Segen zu bitten.

Aberglaube ist in Japan weit verbreitet. Japaner nehmen viele Dinge sehr ernst, über die wir Europäer lachen, vor allem in ländlichen Gegenden. Zum Beispiel gehört es sich nicht, beim Essen etwas vom Reis übrig zu lassen. Bereits Kindern wird gelernt, dass in jedem Reiskorn ein Geist lebt. Den Geist zu verschmähen oder zu beleidigen, indem man den Reis stehen lässt, wird nicht gerne gesehen. Andere Länder andere Sitten. Einer der Hauptgründe, warum wir unsere Zelte in Österreich abbrachen und uns auf Achse machten. Allerdings rechneten wir absolut nicht damit, dass uns all die neu gewonnenen Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen auf Dauer schier mental erschlugen. Vor allem bei Lennox konnte man erkennen, dass sein Gehirn auf Hochtouren lief. Weshalb wir ihm den ein oder anderen Gefühlsausbruch nicht verübeln konnten. 

Viel Skifahren, Sightseeing, und unzählige Stunden hinter dem Lenkrad führten dazu, dass meine beiden Männer nicht hundert prozentig fit waren. Sie waren nicht krank, fühlten sich aber matt und erschlagen. Da kam uns der kleine Ort Yoshini mitten in der Pampa gerade recht. Etwas abseits vom Mainstream, an einem kleinen See fanden wir einen netten Stellplatz, wo die zwei ihre Batterien wieder aufzuladen konnten. Schwächeanfälle dieser Art traten immer wieder auf. Viel Liebe, Zuwendung und Zeit waren alt bewährte Hausmittel, die zuverlässig halfen. 

Über ein Jahr pilgerten wir mittlerweile durch die Weltgeschichte, wo wir viel erleben durften. Positives wie negatives. Facebook und Instagram suggerierten in dieser Zeit unseren treuen Lesern eine unbeschwerte und tolle Zeit, die nach Dauerurlaub aussah. Und ja, wir möchten euch natürlich zeigen wie wunderbar und einzigartig unser Planet ist. Und ja, wir sind uns bewusst, welch Glück wir haben, diese vielen und tolle Erlebnisse die Unseren nennen zu dürfen. Doch um ehrlich zu sein, gestaltet sich unser Leben seit wir mit Akela aufgebrochen sind anstrengender als je zuvor. Einen Großteil unserer Zeit verbrachten wir hinter dem Steuer oder dem Computer. Nicht weil wir das so toll fanden, sondern weil es unerlässlich war und sich ansonsten das Rad nicht weiterdrehte. Mit Kind zu reisen, machte die ganze Sache nicht einfacher. Logischerweise forderte auch Lennox seine Zeit ein, und ihm war es schnurz egal ob wir am Vortag bis drei Uhr morgens gearbeitet hatten oder nicht. Ich möchte nicht auf hohem Niveau jammern, doch die Reise gestaltete sich nicht nach unseren Erwartungen. Zeit für eigene Interessen oder Zeit für den Partner blieb kaum mehr. Dafür hatte ein Tag einfach zu wenige Stunden. Doch genau die Zeit war es, deren kostbares Gut wir uns so erhofft hatten! Immer wieder tauchte die Frage auf was wir falsch machten. Die Stunden rannen im Eiltempo davon, wie die Sandkörner einer Sanduhr die wir nicht stoppen konnten. Dieser Punkt blieb weiterhin ein ungelüftetes Geheimnis. Nach zwei Tagen hatten sich Leander und Lennox wieder erholt, und waren bereit für neue Abenteuer die uns nach Koyasan führten.

Der Name Koyasan bezog sich auf die gesamte Bergkette ringsum, inklusive dem eingeschlossenen Hochplateau. Dort befand sich der buddhistische Kongobu Tempel, der als das höchste japanische Heiligtum galt, nicht zuletzt weil er das Mausoleum von Kukai beinhaltete, dem Mönch der als Begründer des japanischen Buddhismus galt. Wir befanden uns auf knapp 900m über dem Meeresspiegel und der Jahreszeit entsprechend lag noch Schnee. Als wir gegen Abend Akela auf einem Parkplatz im Ort abstellten, fielen dicke Flocken vom Himmel. 

Eingehüllt in dicke Winterklamotten machten wir uns am nächsten Morgen auf und marschierten zum Okunoin, Japan`s größtem und beeindruckendsten Friedhof. Es reichte schon der Gang über die Brücke Ichi no Hashi aus die zu dem Areal führte, um zu spüren, dass man in eine andere Welt eintauchte. Gläubige falteten vor dem Überqueren ihre Hände und verbeugen sich aus Respekt vor Kûkai. Der Friedhof war gesäumt von in schwindelerregende Höhen wachsenden Zedern, die den Himmel verdeckten und somit die Richtung des gepflasterten Weges nur erahnen ließen. Zu vielfältig war das Aussehen der einzelnen Gräber, als dass das Auge an einem einzelnen hängen bleiben konnte. Je mehr man vom Hauptpfad abkam, desto häufiger stieß man auf vergessene Gräber. Noch mystischer wirkte die Begräbnisstätte morgens und abends, wenn das fahle Licht der Laternen die Gräber spärlich ausleuchtete. Viele der kleinen Buddhastatuen entlang des Hauptweges waren mit roten Lätzchen geschmückt. Sie sahen lustig aus, hatten aber einen ernsten Hintergrund. Traurige Mütter widmeten diese ihren Kindern die zu früh gegangen waren und baten mit dieser Geste um  Schutz für ihre Lieben in der anderen Welt. 

Ziemlich zentral gelegen befand sich der Toro-do Pavillon, der hunderte Laternen bewahrte von denen einige, so erzählte es die Legende, seit mehr als 900 Jahren unverändert brannten. Als Licht in der Dunkelheit war dieser Pavillon das letzte Gebäude vor dem Heiligen Herzstück des Friedhofs, die ewige Ruhestätte Kukai`s. Der Okunoin war ein unglaublicher Ort der Andacht. Ein Tag reichte nicht aus, um die volle Bedeutung des Gesehenen zu erfassen, und es bedürfte mehrerer Leben, um alle Geheimnisse des Heiligtums zu lüften. Mehrere Tage hintereinander gingen wir an den heiligen Ort und es wäre schön gewesen, wenn die erlangte innere Ruhe auch im Truck angehalten hätte. Doch da machte uns Lennox einen Strich durch die Rechnung. Aus unerklärlichem Grund tickte der Kleine im dreiviertel Takt aus und hatte Spaß daran uns zu ärgern. Wir mussten mit härteren Geschützen durchgreifen, damit er sich wieder beruhigte. 

Gott sei Dank legten sich diese Ausbrüche nach wenigenTagen, und alle konnten wieder entspannt durchatmen. Vielleicht war dies auch seine Art die düstere Stimmung der letzten Tage zu verarbeiten. Unser Aufenthalt in Japan neigte sich langsam dem Ende zu. Vor unserer Ankunft in Kyoto legten wir einen Stop in der Stadt Nara ein und besuchten dort hauptsächlich wegen Lennox, einen der ältesten Parks in Japan. Der 8km2 große Nara Park war für viele Touristen nicht nur Anziehungspunkt wegen seiner beeindruckenden Tempel und Schreine die sich darin befanden. Hauptmagnet waren die unzähligen Sikarhirsche die sich auf diesem Areal das ganze Jahr austoben durften. An einem Kiosk konnte man Cracker für die Tiere kauft, die dementsprechend ungehalten reagierten und gerne ihre Geweihe einsetzten, wenn die Leckerlis nicht schnell verteilt wurden. Lennox konnte ein Lied davon singen, und wir waren vorwiegend damit beschäftigt ihm die brotneidigen Tiere vom Leib zu halten. 

Wir fuhren zurück nach Kyoto wo es unser Plan vorsah, dass wir die restlichen Tage bis zu unserer Verschiffung für Vorbereitungsarbeiten nutzten. Dies konnten wir relativ gut an dem Parkplatz neben dem Sportplatz erledigen, den wir bereits kannten. Damit das Personal am Hafen unseren Oldie überhaupt von der Stelle bewegen konnte, gehörten die Knöpfe und Schalter auf Englisch beschriftet, dazu fertigten wir eine Bedienungsanleitung an, die im Führerhaus platziert wurde. Geräte wie Rückfahrkameramonitor und Reifendruckmessgerät wurden abgebaut, wir räumten das Handschuhfach leer, und vernagelten zusätzlich den Durchgang in die Wohnkabine. Wir machten den Benz so unattraktiv wie möglich, um es eventuellen Langfingern schwerer zu machen. Natürlich, wenn es jemand darauf anlegte, war der Truck im Nu geknackt, doch wir fühlten uns mit unseren Maßnahmen wohler. Danach räumten wir unseren „Keller“ komplett aus, entledigten uns von lange mitgeschleppten Ladenhütern und sortierten alles wieder neu und ordentlich ein. Der Truck war soweit schiffstauglich und wir konnten nur noch warten bis der große Tag näher rückte. 

Obwohl wir uns auf Borneo freuten, hatten wir wegen Akela ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Es war das erste Mal, dass wir ihn alleine auf Reisen schickten. Etwa 17 Tage würde der Frachter von Osaka nach Kota Kinabalu benötigen. Für die Zeit in der wir obdachlos waren hatten wir uns einige nette Plätzchen in Thailand ausgesucht und freuten uns auf zwei sorgenfreie Wochen mit Sonne, Strand und Meer. Das Gröbste war erledigt und uns blieb sogar noch Zeit übrig, die wir gerne mit unseren neuen Freunden verbringen wollten.

Wir hatten Kyoshi und Ko bereits vorgewarnt, dass wir wieder in der Stadt waren. Als wir langsam vor die Tore des KOC rollten und zur Begrüßung kräftig das Signalhorn drückten, kamen beide mit einem breiten Grinser aus dem Büro gestürmt. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten riesig. Kyoshi konnte gar nicht aufhören Lennox immer wieder zu drücken und hoch zu heben. Natürlich verlangte es das Pflichtgefühl uns unsere letzten Tage in Japan so angenehm wie möglich zu gestalten. Doch wichtiger war, dass wir spürten herzlich willkommen zu sein. Zufällig fiel Kyoshi`s 60ster Geburtstag in unseren Aufenthalt und es war uns ein Volksfest ihm zum Frühstück unseren mittlerweile berühmt berüchtigten Kaiserschmarren zu kredenzen. Während unseres zweiten Stops in Kyoto klappte auch ein Treffen mit Randy. Er holte uns mit seinem PKW am Parkplatz ab, und zeigte uns noch einige Highlights seiner Wahlheimat, die wir noch nicht gesehen hatten. Unter anderem besichtigten wir den Shinto Inari Schrein, der als einer der schönsten in Japan galt und dem Reisgott Inari gewidmet war. Er beherbergte mehr als 1000 rote Tore, die in Tunneln aufgestellt waren. An der Innenseite der Tore konnte man die Namen der stiftenden Personen lesen, zumindest für die, die Japanich lesen konnten.

Lennox war in seinem Ninja Kostüm losgezogen und erhaschte von den vielen Touristen beinahe mehr Aufmerksamkeit als der Schrein selbst. Ununterbrochen wurde er gebeten für Fotos zu posieren. Wir wären mittlerweile stinkreich, wenn wir für jedes Porträt mit unserem Sohn eine Donation verlangt hätten. Um an Fotos ohne Massenansturm zu gelangen, die sich Lennox gewünscht hatte, stoppten Randy und ich immer wieder die Menschenströme, die sich durch die Tore schoben. Anderes wäre es nicht möglich gewesen. Nach der Besichtigung schlendern wir durch enge Gassen und vorbei an kleinen Geschäften, die sündhaft teuere Souvenirs und lokale Köstlichkeiten anboten. Flink wie ein Wiesel sprang Randy von Laden zu Laden und kaufte kleine Häppchen die wir verköstigten, vorwiegend Süßes, bis wir beinahe platzten. Den dabei anfallenden Müll gaben wir in den Geschäften wieder ab. Wer schon einmal in Japan war dem wird aufgefallen sein, dass es keine Mistkübel gab. Das hatte damit zu tun, dass 1995 nach einem Gasanschlag in der U- Bahn von Tokyo alle Mülleimer abgebaut wurden. Die Müllentsorgung in Japan ist generell ein sehr kompliziertes und komplexes Thema und würde hier den Rahmen sprengen. 

Es war zwar eisig kalt, aber nach dem Exkurs durch Japans Schleckermäulchenabteilung düngte es uns nach etwas Bewegung. Randy zeigte uns eine weiteren Tempelanlage, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Sie war menschenleer, wunderschön und eine perfekte Kulisse für Lennox, um noch einmal ein Ninja zu sein. Wir hatten viel Spaß an diesem Nachmittag, doch wie immer im Leben hielt die Zeit nicht still und der Moment des Verabschiedens rückte näher. Randy brachte uns zum Truck zurück, wo wir uns noch mit einer Tasse heissen Kaffee aufwärmten. Japaner tranken viel und gerne Kaffee. Allerdings war das schwarze Pulver, dass man im Supermarkt kaufen konnte keine Empfehlung wert. Die Einheimischen griffen bei diesem Produkt vorwiegend auf Getränkeautomaten zurück, die im ganzen Land so zahlreich vertreten waren, dass man schier alle paar Meter über einen solchen stolperte.

Unsere letzte Nacht im Land der aufgehenden Sonne verlief sehr ruhig. Wir frühstückten noch in Ruhe und machten uns dann auf nach Osaka, wo wir Akela um 13:00 Uhr in die Hände von Mr. Nakanishi, unserem Schiffsagenten, übergeben mussten. Eigentlich hatten wir für die Distanz von 50 km mehr als genug Zeit einkalkuliert, trotzdem legten wir eine Punktlandung hin. Kurz vor dem Hafen starb der Brummi plötzlich mitten auf der Straße ab und wollte nicht mehr anspringen. Doch Leander kannte unseren Dicken besser als seine Hosentaschen und war dem Problem schnell auf die Schliche gekommen. Irgendjemand, Verdächtigungen lasse ich jetzt einmal außen vor, war am Umschalthebel unserer beiden Tanks angekommen, der somit Luft angesogen hatte was dazu führte, dass die Maschine keinen Diesel mehr bekam. Nichts großartiges, aber lästig und zeitaufwendig. Nachdem wir 30 Minuten am Strassenrand gepumpt hatten was das Zeug hielt, sprang der Truck Gott sei Dank wieder an, und wir konnten weiter fahren. Mr. Nakanishi wartete bereits auf uns an dem ausgemachten Treffpunkt. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, und wir ein letztes mal den Truck checkten, blieb uns nichts anderes übrig als die gepackten Rucksäcke zu schnappen und Adieu zu sagen, was nicht leicht fiel. Mr. Nakanishi war noch so nett und kutschierte uns zum Flughafen, wo um Mitternacht unser Flug gen Süden abhob.

Manch einer wird sich vielleicht fragen ob ich vergessen habe über Tokyo zu schreiben. Nein, habe ich nicht. Wir haben die Metropole absichtlich gemieden. Nach Seoul, der Hauptstadt Südkorea`s waren wir von derartigen Ballungszentren in Kombination mit dem Truck und Kind geheilt. Keine Parkmöglichkeiten, enge Straßen, Monsterverkehr, lange U-Bahnfahrten, Lärm, … . Wir hatten keinen Bock darauf! Japan, seine Menschen und deren Kultur haben uns sehr bewegt und beeindruckt. Irgendwann werden wir dieses aussergewöhnliche Land bestimmt noch einmal besuchen, ohne Lastwagen! Da geht sich bestimmt auch ein Besuch in Tokyo aus.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben