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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 06.06.2017

Tropische Temperaturen gepaart mit Werkstattmarathon!

Das Shahdad Desert Camp lag 20 Kilometer außerhalb der Stadt Shahdad und war der letzte Punkt an dem Leben existierte, bevor es in die brütende Einsamkeit ging. Die Wüste Lut ist der heißeste Ort der Erde mit Spitzentemperaturen bis 70 Grad. Wir waren zuversichtlich und hofften auf niedrigere Werte, reisten wir doch im Frühling. Und es wäre nicht Leander gewesen, wenn da nicht der kleine Abenteurer rausgeguckt hätte. Er wollte mit seinem Truck die Wüste erobern, selbst wenn es nur wenige Kilometer waren. Zeit zum Vorbereiten war nicht viel geblieben. Weder vor der Reise und schon gar nicht währenddessen. Lediglich ein wenig Luft haben wir aus den Rädern abgelassen, um im Sand besser Halt zu finden. Allerdings nicht zu viel, da später natürlich die Luft wieder in die Reifen rein musste, und unser Kompressor vom LKW nicht ganz so funktionierte, wie wir uns das wünschten.

Mit dem Laptop auf den Knien, den wir zum navigieren benötigten, bogen wir ab und wagten das Abenteuer Wüste. Vor unseren Augen tat sich eine bizarre Landschaft auf. Vom Wind zusammengepresste Sandfelsen prägten das Bild. Dort musste man sich seinen Weg suchen, in der Hoffnung den Truck nicht zu versenken. Es gab nichts Grünes, keine Kakteen, keine Tiere. Nichts, außer Sand und Staub. Mit gehörig Respekt steuerte Leander unseren Oldie Meter für Meter durch die Wüste, bis es geschah. Wir hatten uns festgefahren und steckten im Sand. Nichts ging mehr, und das nach grob geschätzt acht Kilometern. Na toll!! Leander und ich sprangen aus dem Führerhaus und begutachteten die Lage. So wie es sich darbot, mussten wir wohl oder übel die Schaufeln aktivieren. Unser Thermometer stieg über den Anschlag und konnte uns nur noch die 50 Grad Marke anzeigen. Heißer Wind peitschte uns ins Gesicht und selbst lange Kleidung und Tücher um den Kopf schützten uns nicht vor dem Sand, der sich anfühlte, als wenn wir sandgestrahlt werden würden. Was gibt es schöneres? 

Wir buddelten die Räder frei so gut es ging, doch vergeblich. Bei jedem Versuch den Truck zu befreien, grub sich dieser immer weiter in den Boden. Der Wind wurde heftiger und artete in einen Sandsturm aus. Die Wolken verdunkelten den Himmel und die ersten Blitze waren im Anmarsch. Und es fing auch leicht zu tröpfeln an. Echt jetzt?? Mitten in der Wüste wo es eigentlich nie regnet muss es gerade jetzt anfangen?? Leander´s Miene verdunkelte sich ebenso wie die Wolken und gab uns zu verstehen, dass wir uns sputen sollten und den Truck so schnell wie möglich befreien mussten. Wenn es jetzt wirklich noch zu regnen beginnt, haben wir ein richtiges Problem, da der Sand sich dann zu Schlamm entwickeln würde. Was fahrtechnisch nicht mal ansatzweise von Vorteil wäre!

Wir ließen nochmals Luft aus den Rädern, diesmal etwas mehr, und schaufelten was das Zeug hielt. Doch alles umsonst. Akela rührte sich keinen Millimeter. Teilweise war der Sturm so heftig, dass wir zwischendurch in den Lastwagen flüchten mussten. Unsere letzte Chance aus dem Schlamassel wieder heil raus zu kommen waren die Sandbleche, welche wir glücklicherweise mithatten. Mit denen musste es funktionieren. Ich hatte keinen Bock mehr auf buddeln und graben und hätte am liebsten das Weite gesucht. Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken und half so gut es ging. Abermals schippten wir die Reifen frei um die Sandbleche so unterlegen zu können, dass Akela Grip fand. Es war unsere letzte Chance. Leander setzte sich hinters Steuer, legte den Gang ein und gab Gas! Yihaa – die Räder fanden Halt und schwupp, mit einem Ruck war der Truck frei. Gott sei Dank, wir hatten es gemeinsam geschafft, nach 3 Stunden schaufeln in der iranischen Hitze! Stolz und erleichtert vielen wir uns in die Arme! Als wir zu Lennox in die Wohnkabine stiegen um ihm die frohe Botschaft zu übermitteln, meinte dieser nur:“ Na endlich...“, denn ihm sei schon langweilig geworden. Na gut zu wissen, daß sich die Kinder Sorgen machen, während man draußen ums blanke Überleben kämpft.

Vom wilden Wüstenabenteuer hatten wir nach dieser Aktion vorerst die Schnauze voll. Vorsichtig, wie auf rohen Eiern machten wir kehrt und steuerten die Strecke wieder zurück, diesmal ohne Zwischenfall. Wenns nach mir gegangen wäre, dann hätten wir weiterfahren können. Ich, für meinen Geschmack, hatte genug Wüste gesehen. Leander hielt es aber noch, denn er wollte die Welt aus Sand noch nicht ganz aus seinen Gedanken streichen. Wir stellten Akela einige Meter abseits der Straße ab und schlugen dort unser Nachtlager auf.

Fototechnisch bot die Lut natürlich eine traumhafte Kulisse. Zuweilen erlangte uns das Gefühl, als wären wir auf dem Mond gelandet, so abstrus bot sich die Landschaft. Die Jungs ließen die Cross vom Heckträger und drehten einige Runden durch die Wüste. Doch auch Motorradfahren in der Wüste sieht viel einfacher aus, als es in wirklich ist. Als die Temperaturen zu Sonnenuntergang erträglicher wurden, hackten und stapelten sie mitgebrachtes Feuerholz für ein Lagerfeuer auf. Kamera, Drohne, GoPro,… Alles was wir an Aufnahmegeräten zu bieten hatten kam an diesem Tag zum Einsatz, denn wir durften nicht vergessen, dass neben dem Reisen auch noch Geld verdient werden musste. Sponsoren warteten auf Berichte, Fotos und Videomaterial. Das alles musste erst produziert und dann aufbereitet werden, was mit viel Arbeit verbunden war. Denn entgegen der Meinung Vieler, müssen wir auch unterwegs unsere Brötchen verdienen und können nicht von Luft und Liebe alleine leben. Doch für heute war Schluss mit schaffen. Als der Kleine im Bett schlummerte machten wir es uns am knisternden Feuer gemütlich und plauschten bis spät in die Nacht hinein. Wir sogen die Stille der Wüste förmlich in uns auf und genossen jede Minute der so seltenen Zweisamkeit.

Nach zwei ereignisreichen Tagen Dasht-e Lut verließen wir das heiße Pflaster und fuhren zurück nach Kerman, wo wir erneut im Hinterhof des Hotels Akhavan für eine Nacht campierten. Womöglich ist uns unser Geruch schon vorausgeeilt, denn der Rezeptionist bot uns an, in einem der Hotelzimmer zu duschen. Dankend nahmen wir das Angebot an. Sand, Schlamm und Dreck floss in kleinen Bächen von unseren Körpern in den Abfluss. Selbst nach mehrmaligem Einseifen und Haare waschen fühlten wir uns immer noch nicht richtig sauber. So gut es ging beseitigten wir auch an Akela die Spuren der letzten Tage und bereiteten ihn auf eine lange Strecke vor. Wir mussten nach Mashad, eine Stadt kurz vor der turkmenischen Grenze, um dort unser Turkmenistan Transitvisa abzuholen. Knapp 800 km durch die endlose Wüste.

Als wir ins Bett gingen machten wir den Fehler und stellten keinen Wecker. Fehler deshalb, weil wir alle drei einiges an Schlaf nachzuholen hatten und erst gegen zehn Uhr morgens aufwachten. Was bedeutete, dass wir in der ärgsten Mittagssonne im Truck sitzen würden. Aus gewissen Situationen lernt man einfach nicht, und macht die selbe Dummheit immer wieder.

An das ständige Anhalten zwischendurch, um den Kühler mit Wasser zu versorgen damit der Motor nicht überhitzte, hatten wir uns mittlerweile gewöhnt. 300 km nach Kerman, 100 km von dem letzten Dorf entfernt, machten wir erneut Rast. Als wir weiterfahren wollten, passierte es. Aber was war das? Beim Starten gab Akela ein lautes, metallisches Geräusch von sich und beim Anfahren ruckelte er wie ein bockiger Esel. Wir hatten keine Idee was passiert war. Denn bis zur Pause war er noch einwandfrei gelaufen! An ein Weiterfahren war nicht zu denken. Leander dachte sofort an einen Getriebeschaden, doch verwarf den Gedanke auch gleich wieder. Kann ja nicht sein, von einer auf die andere Minute? Vielleicht konnte uns ein vorbeifahrender LKW Fahrer erste Hilfe leisten. Nach mehreren Anläufen klappte es und ein Brummi Fahrer hielt an. Da er kein Englisch sprach starteten wir den Motor und fuhren ein kleines Stück an, um ihm unser Problem zu veranschaulichen. Er rollte die Augen und legte sich unter das Fahrzeug, „Problem – Problem“ murmelte er unentwegt. Naja, soviel wussten wir auch selber. Eine Panne am Randgebiet der Wüste in the middle of nowhere. Verdammte Sch....e! Das darf doch nicht wahr sein. Der Truck Fahrer bot uns an, Akela in die nächste Werkstatt zu schleppen, da er meinte, dass kein Mechaniker in die Wüste kommen würde. Doch plötzlich hielt er nach wenigen Metern, die er uns gezogen hatte und stieg grinsend aus. Er deutete auf ein Schild am Strassenrand worauf in etwa geschrieben stand: “Hey ich bin Mechaniker, wenn sie hier eine Panne haben, rufen sie mich an“. Ironie des Schicksals! Nach knapp einer Stunde und 100 km trudelte der Mechaniker ein und machte einen ersten Lokalaugenschein. Irgendetwas schien mit unserem Verteilergetriebe nicht in Ordnung zu sein. An Ort und Stelle konnte er das Problem nicht beheben, wir mussten in seine Werkstatt, welche ca. 100km entfernt lag. Es blieb uns nichts anderes übrig. Im Schneckentempo folgten wir dem Mechaniker und hinter unserem Auto zogen wir eine Rauchwolke mit, die der eines Waldbrandes glich. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir das Städtchen Ravar, wo seine Werkstatt war.

Niedergeschlagen und demotiviert fielen Leander und ich ins Bett. Lennox hatten wir bereits Stunden zuvor niedergelegt. Es schien, als wären wir vom Pech verfolgt. Bis in die Türkei schaffte es unser Brummi anstandslos, doch im Iran ging ihm die Puste aus. Die Hälfte unserer Zeit in diesem Land verbrachten wir beinahe in Werkstätten. Erst muss man eine Werkstatt suchen, dann erklären was Stand der Dinge war... und so weiter. Dass man der jeweiligen Landessprache nicht mächtig ist, erleichtert die Situation natürlich nicht. All diese Pannen raubten uns soviel unserer kostbaren Freizeit, die wegen Arbeiten, Recherchen, Visa Erledigungen, Routenplanung, … sowieso schon viel zu kurz kam. Doch letztendlich musste man immer froh sein, wenn einem schnell geholfen wurde.

Pünktlich um halb acht am morgen machte sich Ruhola, der Mechaniker, ans Werk. Die Diagnose war schnell gestellt. Wir hatten einen Verteilergetriebeschaden vom Feinsten, irreparabel! Also doch, Fuck!! Die Ursache? Keine Ahnung, bis dato ungeklärt. Fakt war, ein neues Getriebe musste her, wo sich auch schon das nächste Problem auftat. Nun suchten wir in Österreich über mehrere Monate einen 911er Benz, da wir erwarteten, dass diese alten Modelle im Iran gang und gebe waren. Das Rundhauber Paradies schlechthin, was es auch war - für iranische Fahrzeuge - nicht aber für unser Exemplar. Der Unterschied der beiden Fahrzeuge besteht darin, dass der Iranische einen deutschen Motor besitzt, ansonsten made in Iran ist. Und Verteilergetriebe kannten sie im Iran auch nicht. Unserer war durch und durch deutscher Abstammung. Ergo, fast keine Ersatzteile für den Truck, zumindest sehr schwierig zu beschaffen. Doch irgendwie schaffte es Ruhola über sieben Ecken ein passendes Getriebe aufzutreiben. Allerdings kein mechanisches, wie das Alte, sondern ein pneumatisches. Das heißt, noch mehr Anpassungen um den Allrad und die kleinen Gänge zu aktivieren. Leander und er konnten es am nächsten Tag in Kerman bei einem Mercedes Shop abholen. Wie er an das Teil gekommen war? Keine Ahnung! Ein kleiner Hoffnungsschimmer machte sich in uns breit. Dennoch mussten wir alle Eventualitäten durchbesprechen. Unter anderem stand auch die Überlegung im Raum abzubrechen und Richtung Heimat zu fahren, dort den Truck von Grund auf zu überholen und einen erneuten Versuch zu starten. Aber wo bzw. wer sollte das machen? Die heimischen Mechaniker arbeiten ähnlich wie die Irani, mit dem Unterschied dass sie das Zehnfache verlangen. Und womit das alles bezahlen? Wir haben unser Budget längst überstrapaziert auf Grund der ganzen Reparaturen. Es war ein Auf und Ab unseres Gefühlsbarometers, doch wir mussten positiv denken. Morgen sollte das Getriebe da sein, und man konnte weiter sehen.

Am frühen Nachmittag kamen Ruhola und Leander aus Kerman zurück. Kaum aus dem Auto ausgestiegen machten sie sich an die Arbeit. Nach wenigen Stunden war das neue Getriebe eingebaut, mit Hilfsmitteln die einem österreichischen Mechaniker einen müden Grinser entlockt hätten. Ein paar Holzblöcke und ein Wagenheber und schwupps war das 150 kg schwere Verteilergetriebe angeschraubt. Alles war am richtigen Platz und schien zu laufen. Leander war sehr begeistert von dem Mechaniker, weshalb er Ruhola bat, auch noch ein paar andere Kleinigkeiten zu machen, unteranderem einen Ölwechsel. Denn selber machen durften wir nichts! 

Allerdings goss unser Mechaniker geistesabwesend das Öl in die falsche Öffnung, nämlich oben in den Ventildeckel rein. Leander versuchte ihn noch zu überzeugen, dass das die falsche Öffnung sei, doch Ruhola winkte ab und gab zu verstehen, dass er schon wisse was zu tun sei. Sein Wort in Gottes Ohr! Wer ein Getriebe ohne wirkliche Hilfsmittel in ein paar Stunden gewechselt bekommt, dem muss man doch eigentlich nicht erklären, wo man das Motoröl einfüllt, oder? Doch durch das Starten des Motors nach dem Einfüllen manövrierte er uns in die nächste Katastrophe. Wer es jetzt genauer wissen möchte muß Leander kontaktieren. Fakt war, dass er durch das Einfüllen des Öls in die falsche Öffnung, und das Starten danach, beinahe einen Motorschaden fabrizierte. Nach dieser Aktion gab das Auto keinen Muckser mehr von sich. Oh mein Gott! Leanders erster Kommentar war:“Jetzt kenn ma z`samm packen und hoam foan, jetzt is olles kaputt!“ Das durfte alles nicht wahr sein. Wir kamen uns vor wie in einem schlechten Film. Auch Ruhola fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Ich denke, sein Fehler war ihm von Anfang an bewusst. Unermüdlich arbeitete er und Leander an dem Benz. Er zerlegte den Motor in sämtliche Einzelteile und holte sich Unterstützung von einem „Motorspezialisten“. 

Es glich einer Operation am offenen Herz.Unterdessen erkundigte sich Leander bei unseren Anlaufstellen in Österreich, was da passiert sein konnte und ob eine derartige Reparatur überhaupt Sinn machte und durchgeführt werden konnte. Vielen vielen Dank Peter für deine Hilfe. Peter und Sabine haben auch einen Rundhauber und Peter wusste sofort was Sache war und hat uns tatkräftig unterstützt! Schaut mal rein bei ihnen: www.augustderreisewagen.com

Als geduldiger Übersetzer in diesen Tagen erwies sich Babek, ein LKW Fahrer aus Esfahan, den Leander bei unserem Besuch in der Stadt kennenlernte.

Diesmal ließ Ruhola ein benötigtes Ersatzteil aus Kerman mit dem Taxi bringen, damit er wieder weiterarbeiten konnte. Er hämmerte und schraubte bis spät in die Nacht hinein und am nächsten Morgen ging es zeitig weiter. Bis schlussendlich der Moment gekommen war, an dem Ruhola das Werkzeug beiseite legte und „tamam“ brummte. Auf gut deutsch „fertig“. Leander sprang ins Führerhaus, drehte den Zündschlüssel und drückte den Startknopf. Nach etwas Murren und Knattern sprang die Kiste an und lief, und das nicht schlecht. Der Motor hörte sich gut an, und eine Probefahrt zeigte nichts Gegenteiliges.

Wir hofften, dass das Gröbste nun geschafft war. Das neue Getriebe und der Motor liefen, allerdings musste die Druckluft und die Anpassungen am Getriebe noch richtig eingestellt werden. Ruhola konnte uns dabei nicht weiterhelfen, weil er sich diesbezüglich nicht auskannte.

Während Leander mit Ruhola dreckverschmiert beim LKW schuftete, durften Lennox und ich die Gastfreundschaft seiner Familie genießen. Seine Frau Fatima und deren Tochter Asma verwöhnten uns nach Strich und Faden und Lennox hatte mit den drei Söhnen auch seinen Spaß. Eine besondere Freude war es für mich, Asma zum Englischunterricht in die Schule zu begleiten. Lennox und ich durften dort ein wenig über unsere Reise berichten und wurden im Anschluss mit vielen Fragen bombardiert. Danke Asma, dass du mich mitgenommen hast. Es hat mir super viel Spaß gemacht. Danke auch an deine Familie für alles was ihr für uns getan habt, das war nicht selbstverständlich. Auch wenn dein Vater beinahe unser Zuhause zerstört hätte ;-)!

Ich denke, Ruhola war froh als wir nach fünf Tagen endlich seine Werkstatt verlassen konnten, und wir nicht weniger.

Da sich die schlechten Nachrichten die uns ereilten überschlugen, hätte ich beinahe eine Tragende vergessen. Im Gefühlswirrwarr zwischen himmelhochjauchzend und im Erdboden versinkend, weiterfahren oder Heimreise antreten, bekam ich von der turkmenischen Botschaft telefonisch eine Ablehnung unseres Transitvisas mitgeteilt. Hatte ich richtig verstanden? Visa declined? WTF?? Warum konnte ich gar nicht mehr erfragen, da am anderen Ende bereits aufgelegt wurde. Guter Rat war teuer. Wie konnten wir unsere geplante Route fortsetzen, ohne dieses gottverdammte Land zu durchqueren? Mehrere Reiserouten und Möglichkeiten wurden in den Raum geschmissen, darunter auch einige sehr waghalsige. Einen Fahrer bezahlen der den Truck durch Turkmenistan fährt, Autoreisezug, das kaspische Meer umfahren oder mit der Autofähre zu durchqueren. Am Schluss kontaktierte Leander sogar ein paar Freunde vom Militär zwecks Militäreskorte durch Afghanistan. Doch die fragten ihn nur, ob er nicht ganz dicht sei ;-)

Viele Recherchen waren nötig um herauszufiltern, welche Variante die Klügste war. Die Sorge um den Lastwagen hatte nicht gereicht, wär ja beinahe langweilig geworden. Schlussendlich entschieden wir uns für die Fähre von Baku (Aserbajdschan) nach Aktau (Kasachstan) über die kaspische See. Anstatt Richtung Norden zu fahren, um in Mashad unser Transit Visa entgegen zu nehmen, führte uns die neue Route in die Hauptstadt Aserbajdschans, und forderte einen Umweg von 2000km. Mit der Überfahrt, über die man im Internet nur sehr vage Informationen aufstöberte, kalkulierten wir einen Zeitverlust von etwa zwei Wochen ein. Was im Grunde nicht viel war wenn man reist, in unserem Fall schmerzte allerdings jeder weitere Tag, denn schon zu viele davon hatten wir in Werkstätten und für Visa vergeudet. Und die Zeit lief, da unser Visa für Usbekistan auch zeitlich begrenzt war!

Esfahan schien eine gute Möglichkeit zu sein, um die noch nötigen Reparaturen am Getriebe zu bewerkstelligen. Die Fahrt dorthin war für den Brummi zugleich eine Bewährungsprobe. Wenn er die Strecke heil übersteht, sollte das ein gutes Zeichen sein. Gleichzusetzen wie die kritischen Stunden auf einer Intensivstation nach einer schweren Operation.

In Esfahan nahm uns dann Babek in Empfang und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Hashem, Babeks richtiger Name, spricht deutsch und ist mit Dagmar, einer Slovakin, verheiratet. Einen ganzen Tag hat es gedauert, bis wir endlich eine Werkstatt gefunden hatten, die es schaffte, den Allrad richtig einzustellen. Am nächsten Tag wurden glaube ich dann noch die Ölwannendichtung getauscht, da Ruhola ein wenig schlampig gearbeitet hatte, und bestimmt noch irgend etwas, was mir gar nicht mehr einfällt, da es so viele Reparaturen in letzter Zeit waren.

Hashem bestand darauf, dass Lennox und ich die Zeit bei Dagmar und deren Sohn Benjamin verbrachten, während Akela in der Werkstatt stand. Was uns nur sehr recht war. Ich lernte Dagmar kennen, die mir auf Anhieb sympathisch war. Ihr trockener Humor und ihre bildhaften Schilderungen wie zum Beispiel: “ Iranische Mädchen sind wunderhübsch, aber haben Schnurrbart wie Mann“! haben mich oft zum Lachen gebracht.

Akela sollte nach diesem Werkstattmarathon wieder fit in den Startlöchern stehen. Ein wenig Durchatmen tat allen gut, weshalb wir noch gemeinsam mit Hashem und seiner Familie einen einzigartigen Tag in Esfahans Altstadt erlebten. Mit den beiden unterwegs zu sein fühlte sich an wie zu Hause zu sein. Hilfsbereit, gastfreundlich, aufmerksam... aber nicht übertrieben, wie wir es im Iran oft erlebt hatten. Es war so angenehm „Nein danke“ sagen zu können, ohne sich weiter rechtfertigen zu müssen. Mehr als ein großes Dankeschön können wir euch momentan nicht zurückgeben, doch man sieht sich immer zweimal im Leben, vielleicht in Neuseeland?

 


Über Kashan und Qom traten wir den langen Weg nördlich Richtung Aserbajdschan an. Das benötigte Visa konnten wir online beantragen und hatten es bereits 24 Stunden später in der Tasche. In Kaswin, einem kleinen Städtchen nahe der kaspischen Meeresküste legten wir einen letzten Garagenstop ein. Dichtungen vom neuen Verteilergetriebe wurden getauscht und das Getriebeöl gewechselt, da das vorhandene bereits schwarz war. Kurz vor der aserbaidschanischen Grenze fanden wir nach Wochen wieder ein nettes Plätzchen im Wald, wo wir unseren Iran Aufenthalt ausklingen ließen. Ganz entspannt entlang eines Flusses mit Wiener Schnitzel und anschließendem Lagerfeuer.

Im Iran wogen wir uns noch halbwegs in Sicherheit, was Reparaturen anbelangte. In den bevorstehenden zentralasiatischen Ländern wie Kasachstan oder Usbekistan wollten wir es nicht herausfordern nach Mechanikern, geschweige denn Ersatzteilen, zu suchen. Werkstätten, egal ob Ein-Mann-Betriebe oder große Fachwerkstätten, schauten im Iran im Grunde alle sehr ähnlich aus. Es waren Garagenhinterhöfe, die mit minimalistischem Werkzeug ausgestattet waren. Oftmals scheiterte es bereits an einem geeigneten Wagenheber für unser Schwergewicht. Repariert wurde im Iran auf Teufel komm raus, doch leider nicht sonderlich vorausschauend, was dazu führte, dass man nach wenigen Kilometern wieder genötigt wurde, eine Werkstatt aufzusuchen. Naja, eh fast wie zuhause ;-) Dies wiederum schlägt sich auf das Gemüt und half der Motivation nicht unbedingt auf die Sprünge. Leckte eine Dichtung, so wurde nur diese getauscht und den übrigen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Beim Einbau des neuen Getriebes wurde es nicht für nötig gehalten, das alte Öl gegen Neues zu tauschen, die alten Dichtungen zu wechseln,… Alles extra Stunden die eigentlich in einem Arbeitsgang erledigt werden hätten können, und uns jetzt doppelt Zeit und Nerven kosteten. 

Nachdem es nun eigentlich nichts mehr zu tauschen gab an Akela und alles runderneuert sein sollte, brachen wir nach zwei Tagen auf und bewältigten unsere letzten Kilometer auf iranischem Boden.

Der Norden ließ das Land noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Über tausende von Kilometern führte uns der Weg durch Wüstenlandschaft und ausgetrocknete Täler. Kurz vor der aserbajdschanischen Grenze empfing uns die Landschaft in sattem Grün und war außerordentlich fruchtbar. Reisfelder begleiteten uns über viele Kilometer entlang der Straße und auch die Temperaturen wurden langsam wieder erträglicher. Wir steuerten die Hafenstadt Astara an, durch deren Mitte die Landesgrenze des Aserbajdschans führte. Nach über sechs Wochen in dem Wüstenstaat freuten wir uns auf neue Länder und neue Begegnungen. Die Erfahrung „Iran“ wollen wir nicht missen und bleibt in unseren Gedanken als eine Art „Haßliebe“ verankert. 

Kommentare (2)

  1. Christian
    Christian am 11.07.2017
    na das liest sich ja wie die reise des odysseus ;-)... dank für die netten berichte, die trotz aller strapazen sehr viel witz haben und eure lebensfreude ausstrahlen... und bekanntlich wächst man ja mit seinen aufgaben:-) vieles erinnert mich an meine eigenen abendteuer und was da so alles passiert ist! also aufgeben tut man einen brief... ich wünsch euch alles gute und warte auf viele schöne bilder und neu geschichten... inschallah "alles wird gut"
    DANKE
    www.mehrzeitfueruns.com
  2. Maria Zehentner
    Maria Zehentner am 13.07.2017
    Hallo Christian,
    vielen Dank für deine netten Worte. Es freut mich immer zu hören, wenn jemand meine Berichte liest. Denn die meisten machen sich nicht die Mühe und schreiben halt schnell mal auf Whatsup oder FB um zu erfahren wie es läuft. Du hast recht, aufgeben tut man einen Brief. Allerdings rasselt die Motivation schon gelegentlich in den Keller, und läßt uns kurz daran denken alles hinzuwerfen. Doch wir treffen so viele hilfsbereite und nette Menschen auf unserer Reise, und auch Kommentare wie deiner helfen ungemein, die Flinte wieder aus dem Korn zu nehmen und erneut durchzustarten. Ich hoffe, du bleibst weiter an unserer Geschichte dran.
    Viele liebe Grüße an dich
    Maria

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