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Author: Maria Zehentner / Translation: Elke Weninger
Beitrag vom: 29.05.2017

Iran - ein Auf und Ab der Eindrücke!

Um die Distanz von 550 Kilometer, die Esfahan entfernt lag, vernünftig zu unterteilen, legten wir auf halber Strecke einen Übernachtungsstop ein. Zu unserer Freude kam uns sehr gelegen, dass Margrit und Peter, das Schweizer Pärchen die wir bereits in Meteora kennenlernen durften, sich gerade auf den Rückweg von Süd nach Nord machten. Die Reiserouten kreuzten sich praktisch, weshalb wir uns quasi zum Dinner im Städtchen Kashan verabredeten. Es war total nett die beiden wieder zu begrüßen. Auch unser Zwerg genoss solche Treffen sichtlich, war es doch für alle eine freudige und willkommene Abwechslung. Die beiden versorgten uns mit vielen hilfreichen Tips was unsere zukünftigen Etappen anbelangten. Denn sie kamen von dort zurück, wo es uns hinzog. Bis ein Uhr nachts saßen wir im Freien und plauderten, ehe wir gute Nacht sagten. Hoffentlich klappt es mit einem erneuten Treffen in der Mongolei. Ihr beide seit bewundernswert und eine Bereicherung in unserem Freundeskreis.

Der Iran besteht großteils aus hohem, schroffen Gebirge und trockenen, wüstenhaften Becken. Sand und Staub sind allgegenwärtig. Seine Lage zwischen dem Kaspischem Meer und der Straße von Hormus, am Persischen Golf, macht ihn zu einem Gebiet von hoher strategischer Bedeutung mit langer, bis in die Antike zurückreichender Geschichte. Waren wir in Tabris noch mit Schnee und Regen konfrontiert, so kletterte die Anzeige unseres Thermometers kontinuierlich nach oben, je weiter wir uns Richtung Süden bewegten.

Esfahan ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Iran. Die Stadt liegt im Zentraliran, rund 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran auf einer Seehöhe von 1500 Metern in einer Flussoase im fruchtbaren Tal des Flusses Zayandeh Rud am Rande des Zagrosgebirges. 

Im Süden und Westen der Stadt erheben sich die Bachtiari Berge, und im Norden und Osten erstreckt sich die iranische Hochebene, die in die großen Wüsten übergeht. Das historische Stadtbild ist durch Paläste, eine Vielzahl an Minaretten und blauen Kuppeln der Moscheen geprägt. Herausragend sind die Prachtanlage des Imam-Platzes und die 33-Bogen-Brücke (persisch: Si-o-seh pol) über den Fluss Zayandeh Rud.

Kurz vor Esfahan schrieb ich Simin eine SMS. Ihr erinnert euch, die junge Frau die wir auf dem Parkplatz kurz nach er iranischen Grenze kennenlernten. Prompt schrieb sie mir auf meine Nachricht zurück. Wir vereinbarten einen Treffpunkt außerhalb der Stadt an einer Tanke wo uns ihr Mann Amir abholen wollte und uns, wenn möglich gleich in eine Werkstatt bringen sollte, da wir bemerkt hatten, dass uns die Aufhängung des Auspuffs abgerissen war. Die Wiedersehensfreude war groß, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Im Schlepptau fuhren wir in eine Werkstatt, wo uns Amirs Schwager den Auspuff im Nu schweißte. Erleichtert über die schnelle Lösung des Problems folgten wir seiner Einladung in sein Elternhaus.

Unsere erste Begegnung mit Amir und seiner Familie auf dem Parkplatz nach der Grenze dauerte vielleicht 10 Minuten, nichtsdestotrotz fühlten wir uns sicher und bestens aufgehoben. 

Amir war der erste Iraner dem es egal zu sein schien, dass ich eine Frau war. Er reichte mir die Hand und sprach mit mir, ohne den Blick zu senken. Nach einer erfrischenden Dusche und einem Snack, den seine Mutter zubereitete, trafen wir uns mit Simin und den Kindern in der Stadt. Den Truck konnten wir nach mehreren Anlaufschwierigkeiten mitten im historischen Zentrum, direkt in der blauen Zone vor der Si-o-seh Pol Brücke, parken. Simin sprach perfekt englisch und gab sich die allergrößte Mühe uns die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt zu präsentieren, welche jedoch von uns wenig Aufmerksamkeit erhaschten. Wir versuchten Ihr zu erklärten, dass uns bewusst war, welch kulturelle Perle Esfahan war, uns aber der direkte Kontakt zu den Einwohnern mehr Bereicherung bescherte. Zu einem offenen Gespräch musste man die beiden nicht zweimal bitten. Frei von der Leber sprachen sie aus dem Nähkästchen. Sie klagte über die Religion, die es schier unmöglich machte ein Leben in Freiheit zu genießen. Politische Themen wurden totgeschwiegen, Pressefreiheit war ein Fremdwort und aus dem Westen kommende Musik, Filme, Mode, Kultur oder Social Medias wurden den Menschen vorenthalten. Die Mullah gaukeln dem Volk vor, dass all die Verbote westlicher Versuchungen dem persönlichen Schutz und der Sicherheit im eigenen Land dienen würden. Doch Simin und ihr Mann waren nicht naiv und glaubten den Bullshit nicht, der ihnen vorgegaukelt wurde. Lieber heute als morgen würden sie aus dem verlogenen System ausbrechen, wenn da nicht die Familie wäre. Denn Familie bedeutet im Iran sehr viel und sie wollten ihre Eltern nicht einfach so zurücklassen.

Wir schlenderten vorbei an eindrucksvollen Bauwerken wie die Si-o-Se Pol- oder Khaju Brücke, auch singende Brücke genannt weil sich zu jeder Tages- und Nachtzeit dort Menschen zum musizieren treffen, und lauschten gefesselt den Erzählungen unserer iranischen Freunde. 

Amir war voll multitasking fähig! Er konnte erzählen, telefonieren, den Kindern hinterher laufen, Eis kaufen... alles auf einmal, mit einem permanenten Lächeln im Gesicht. Weshalb er von uns nur noch als „crazy man“ betitelt wurde. Es war spät geworden und den Kindern fielen bereits die Augenlider zu, weshalb wir uns verabschiedeten und für den nächsten Nachmittag verabredeten. 

Leander nutzte die frühen Morgenstunden um Esfahan mit seiner Kamera in den schönsten Farbstimmungen einzufangen. Gestärkt vom Frühstück schlenderten wir danach zum Imam Square, der mit seinen beiden Prachtmoscheen, dem Palast und dem dazugehörigen Bazar zu den größten Sehenswürdigkeiten des vorderen Orients zählt. Gegen 15:00 Uhr wollten wir uns mit Amir, Simin und den Kids an besagtem Platz treffen. Es dauerte nicht lange, da sahen wir den crazy man auch schon auf uns zusteuern. Das Handy zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, in beiden Händen Eis, und unter der Achsel zappelten die Beine eines seiner Kinder. 

Sabbat machte uns einen Strich durch die Rechnung. Trotz vieler Touristen die sich auf dem Platz tummelten, hatten die meisten Läden im Bazar geschlossen. Doch das Ersatzprogramm klang auch witzig. Es war Vatertag im Iran und Simin lud uns in das Landhaus ihres Onkels ein, wo die ganze Familie zusammenkam, um diesen Feiertag gebührend zu zelebrierte. Es war ein riesen „Hallo“ als wir dort aufkreuzten. Fragen wie: “where are you coming from“, „what is your name“, „do you like iran?“... wurden uns durcheinander entgegen geworfen. Unsere Anwesenheit beschwor ein ohrenbetäubendes Stimmenchaos herauf. Cay und Chickenkebap wurden gereicht, Knabbereien und Gaz (iranische Süßigkeiten) standen überall im Wohnzimmer in süßen kleinen Schälchen verteilt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das Letzte mal so vollgestopft habe, obgleich man von der iranischen Gastfreundschaft auch etwas dazu genötigt wird. Das klingt vielleicht ein wenig hilflos, aber wer schon einmal in diesem Land gewesen ist, weiß wovon ich spreche.

Es war ein außergewöhnlicher Nachmittag, dessen krönender Abschluss der Anschnitt der Festtagstorte war. Leander, der Gast und natürlich auch Vater war, wurde diese Ehre zugeteilt. Mit dicken Bäuchen brachte uns Amir gegen Einbruch der Dunkelheit zu Akela zurück. Die Verabschiedung viel allen sichtlich schwer. Danke für den Einblick in eure Familie und danke für eure Hilfsbereitschaft – it was amazing! Simin ich hoffe, dass sich all deine Träume erfüllen, und du mit deiner Familie weiterhin glücklich bist!

Völlig ermüdet und erschöpft vielen wir in die Federn um bei Morgengrauen Richtung Yazd aufzubrechen. Der Weg führte uns durch eintönige Wüste dem Gebirge zu, des weiteren führte die Straße über einen Pass der über 2.000 Meter hoch war. Die zunehmend heißen Temperaturen und die konstante Steigung setzten unserem Brummi zu und der Motor lief heiß. Immer wieder mussten wir stehenbleiben und Pausen einlegen, da die Anzeige des Thermostats verrückt spielte. In Summe benötigten wir für die Strecke Esfahan – Yazd (330 km) 2 Tage. Wir mussten zwei verschiedene Werkstätten aufsuchen. Unser Kühler schien zu funktionieren, weshalb ein defektes Thermostat vermutet wurde. Besagtes Teil wurde in einer Werkstatt ausgebaut, um dann in der nächsten wieder eingebaut zu werden, um die Erkenntnis zu erlangen, dass alles - „khub, kheili khub“ - war!! Was auf persisch soviel heißt wie, gut - alles in Ordnung!

Yazd ist eine der ältesten Städte des Iran und wurde an einer Oase gegründet. Sie liegt zwischen den Wüsten der Dascht-e Kavir und der Dascht-e Lut. Gerne entscheiden sich iranische Männer für eine Frau aus Yazd, denn ein altes Sprichwort sagt: „Wenn Du eine Frau suchst, die dich gut bekocht, nimm eine aus Tabris. Suchst Du eine, die dich verzaubern soll, nimm eine aus Shiraz. Suchst du eine, die treu ist, so heirate eine Frau aus Yazd“.

In der historischen Altstadt befinden sich auf mehr als 3km2 fast ausschliesslich aneinander gereihte Lehmhäuser in engen Gassen mit teils überdachten Gängen und Kuppeln sowie zahlreichen Windtürmen. Nach knapp drei Wochen Iran hatten wir in Yazd das erste mal das Gefühl, in Persien gelandet zu sein. Trotz 40 Grad Aussentemperatur schlenderten wir durch die Altstadt. Ab und an huschte eine Frau im schwarzen Tschador (Umhang der iranischen Frauen der nur das Gesicht frei lässt) an uns vorüber. Mit seinen vielen bunten Läden, Teehäusern, Shishaecken und verwinkelten Dachterassen hatte das Städtchen einen Hauch von 1001 Nacht. Die horrenden Preise ließen uns allerdings sehr schnell wieder aus dem Märchen aufwachen. Angepriesen wurden schlampig gefertigte Produkte aus China, die teuer waren, und handgemachte heimische Produkte wie Taschen, Schmuck und Teppiche... die unverschämt teuer waren. Am dritten und letzten Tag verabschiedeten wir uns von Yazd bei einem Abendessen auf einer Dachterrasse. Dann machten wir uns an die Arbeit. 660km galt es zu bewältigen, um endlich ans Meer zu gelangen. Lennox kuschelte sich ins Bett und wir schwangen uns ins Führerhaus. Die Nachtschicht zog sich diesmal bis 02:00 Uhr morgens, da Akela irgendwann beschlossen hatte, seine Leistung dramatisch zu drosseln und nur mehr im Schneckentempo voran schlich. Wir hielten an um die vermutete Ursache, verstopfte Vorfilter des Dieseltanks, zu beheben. Doch der Truck wollte immer noch nicht Gas geben. Missmutig stoppte Leander ein zweites Mal und reinigte diesmal den Hauptfilter. Doch auch dieser Versuch endete ohne den erwünschten Erfolg. Wir hatten keine Lust mehr und hielten an einem Parkplatz, um uns aufs Ohr zu hauen und in der Hoffnung - neuer Tag neues Glück! 

Nach wenigen Stunden Schlaf starteten wir den Motor erneut und tuckerten weiter Richtung Süden. Unsere Stoßgebete wurden nicht erhört. Akela lief wie eine lahme Schnecke. Doch allmählich überzuckerten wir, weshalb unserem Brummi die Luft ausging. Kaum merkbar, aber kontinuierlich steigend, schoben wir uns auf 2.500m hoch, was ihm anscheinend Probleme bereitete. Permanent mussten wir anhalten, um Kühlflüssigkeit nachzufüllen und den heißgelaufenen Motor abzukühlen. Es war eine Horrorfahrt! Unausgeschlafen und bei Außentemperaturen von 40 Grad erreichten wir nach gesamt 13 Stunden Fahrt den Hafen von Bandar Abbas am persischen Golf, in dem Glauben, dort eine Fähre nach Qeshm Island zu ergattern. Falsch gedacht. Wir wurden weitere 90 km nach Bandar Pohl geschickt, denn nur von dort gab es Autofähren nach Qeshm Island. Eigentor. Hätten wir besser recherchiert, wären uns die Zusatzkilometer erspart geblieben. Aber lange meckern führt auch nicht früher ans Ziel, weshalb wir auch diese Hürde noch nahmen.

Angelangt am Hafen von Bandar Pohl konnten wir nach einer Stunde Formalitätenkram die Fähre befahren.

Qeshm ist die größte Insel in der Straße von Hormus, am Ostende des persischen Golfes.

Spät am Nachmittag erreichten wir Qeshm City, die Hauptstadt. Dort hatten wir den Kontakt von Ali, der einen kleinen Campingplatz inklusive Restaurant betrieb. In der Übernachtungspauschale sollte Frühstück, Wasser und gratis Internet inkludiert sein. Leider hatte Ali bei unserer Ankunft für vier Tage geschlossen. Irgendwie hatten wir Pech im Iran. Überall wo wir auftauchten hatten die Läden dicht, weshalb wir mit einem großen Schotterparkplatz vorlieb nehmen mussten, was auch nicht weiter schlimm war. An unserem ersten Morgen auf Qeshm Island konnten wir unseren Youngstar nicht mehr im Zaum halten. Bei bereits 30 Grad zum Frühstück wollte er nur noch ins Meer um sich abzukühlen. Allerdings war das kühle Nass nur für die Männer erfrischend, ich gab mich damit zufrieden mit hochgekrempelten Hosenbeinen am Strand entlang zu spazieren. Denn das Tragen eines Bikini war natürlich ein absolutes No go, aber in voller Kleidungsmontur baden zu gehen erschien mir auch lächerlich und unangebracht. Die Mittagshitze übertauchten wir in den gut klimatisierten Shoppingzentren der Stadt. Qeshm ist eine zollfreie Handelszone und deshalb preislich günstiger als das übrige Land. Allerdings blieb der große Kaufrausch aus, denn auch hier dominierten chinesische Waren den Markt. Nach zwei Tagen kehrten wir der Hauptstadt den Rücken und fuhren der Küste entlang Richtung Stars Valley. 

Das Sternental ist nicht einfach nur ein schöner Flecken Erde, es ist ein geologisches Phänomen. Der Sage nach glauben die Einheimischen, dass vom Himmel herabfallende Sterne die abstrakten Felsformationen geformt haben. Tatsache ist jedoch, dass Bodenerosionen, Oberflächenwasser, sintflutartige Regenschauer und Windböen die Tuffformationen über Jahrhunderte hinweg gestaltet haben. 

Zwei Tage ließen wir uns dort die iranische Sonne auf den Bauch scheinen, ja im wahrsten Sinne. Es gab versteckte Strandabschnitte unweit der Strasse, wo ich es wagte im Bikini an den Strand zu gehen, und das im Iran. Wenn auch nicht ganz unbeobachtet. Viele vertreten jetzt vielleicht die Meinung, dass es provokant wäre, in einem islamischen Land im Bikini anzutanzen. Anfangs dachte ich das auch, doch mittlerweile vertrat ich die Meinung, dass der menschenleere Strandabschnitt lange genug war und Platz für alle bot. Wer meinte mich begaffen zu müssen, dem gönnte ich die Freude. Wenn Gäste aus islamischen Ländern Österreich bereisen, denken sie auch nicht im entferntesten daran sich den Gepflogenheiten anzupassen und ihre Körperverhüllung abzulegen. Ich behaupte von uns sagen zu können, dass wir sehr wohl auf Gebräuche und Sitten anderer Länder Rücksicht nehmen. Sind sie doch auch der Grund, warum wir diese Reise unternehmen. Doch irgendwann ist Schluss mit lustig. 

Abends als die Temperaturen tiefer sanken fuhren wir ins Stars Valley und wanderten mit Laterne und Essen im Gepäck auf das Hochplateau des Tales. Eine kühle Brise wehte uns um die Nase während wir stillschweigend die Landschaft in uns aufsogen. 

Den Namakdan Salt Caves statteten wir ebenfalls einen Besuch ab, waren allerdings ein wenig enttäuscht. Anscheinend soll sich die Höhle über sechs Kilometer in den Berg schlängeln. Für Besucher sind nur die ersten 50 Meter zugänglich. Schade! 

Wer in Qeshm zur rechten Zeit am richtigen Ort ist, der kann in Shib Deraz Meeresschildkröten beim Eierablegen am Strand beobachten. Leider kamen wir eine halbe Stunde zu spät, und hatten auch die restliche Nacht kein Glück mehr dieses Naturschauspiel zu beobachten. Von Shib Deraz rollten wir tags darauf, nachdem wir eine Woche auf Qeshm Island verweilten, direkt nach Laft, von wo wir die Fähre zurück aufs Festland nahmen. 

Qeshm bleibt uns auf jeden Fall als die Insel ohne Schatten in Erinnerung. Man darf die Insel nicht mit einer griechischen oder spanischen Insel vergleichen, die man vielleicht von seinen Urlauben her kennt. Dort gibt es nichts, keine Liegen oder Schirme, keine netten Strandcafes, was alles noch ok ist, jedoch das schlimmste – keinen Flecken Schatten. Bei frühlingshaften Temperaturen von über 40 Grad, schwitzten wir uns die Seelen aus den Körpern.

 

 

Die Rückfahrt von Qeshm Island auf das Festland verlief unkompliziert und wir erreichten am frühen Nachmittag den Hafen von Bandar Pohl. Die Fahrt führte uns zurück nach Bandar Abbas, wo wir erneut stoppten. Bandar Abbas ist die Hauptstadt der Provinz Hormozgan im Süden des Iran. Die Stadt beheimatet den größten Marinestützpunkt und größten Hafen des Landes. Wir wussten, dass es in der Stadt ein Büro of Alien Affairs (heißt wirklich so) gab, wo man Visa Verlängerungen beantragen konnte. Diese Bürokratie durften wir nicht verabsäumen, denn in fünf Tagen lief unser offizielles Iran Visa ab. Das Gebäude war schnell gefunden, allerdings klappte es mit der Verlängerung nicht mehr, denn die Beamten richteten sich bereits zum nach Hause gehen. Wir wurden auf den nächsten Tag vertröstet. 

Lennox bereitete uns ein wenig Sorgen an diesem Tag. Er klagte über Müdigkeit und war lustlos. Als er nach dem Abendessen auch noch Fieber bekam, vermuteten wir einen leichten Sonnenstich, kombiniert mit Erschöpfung. Wir breiteten für ihn vor dem Lastwagen eine Decke aus, da es mittlerweile draußen „angenehm abgekühlt“ hatte, wo er sich ausruhen konnte. Mit kalten Umschlägen und erholsamen Schlaf sank seine Körpertemperatur schnell wieder auf Normalzustand. Allerdings war es schwierig in friedlich schlummern zu lassen. Viele Iraner kamen zu uns geeilt und erteilten gut gemeinte Ratschläge oder luden uns ein mit ihnen nach Hause zu fahren, um Lennox in einer klimatisierten Wohnung zu pflegen. Ein Mann meinte mir den Kleinen förmlich aus der Hand reißen zu müssen, da ihm die Lagerung des Jungen am Boden wohl nicht gefiel. Sorry, aber das ging zu weit. Wir wussten die Hilfsbereitschaft der Menschen wirklich zu schätzen, aber was unserem Sohn gut tat und was nicht konnten wir als Eltern wohl am besten abschätzen. Allmählich ging uns die Gastfreundschaft der Iraner ein wenig auf die Nerven, und ich hoffe das wird jetzt nicht als überheblich oder undankbar empfunden, wenn wir das so in den Raum stellen. Doch niemand mag Essen bis zum Umfallen, und jeder schläft lieber in den eigenen vier Wänden als auswärts, und bei den eigenen Kindern hört sich sowieso vieles auf. All dies löste permanente Diskussionen aus, die allmählich zermürbten und die Lust am Reisen in diesem Land nahmen. 

Die Nacht verlief ruhig und Lennox fühlte sich tags darauf wieder top fit, weshalb wir pünktlich um acht Uhr erneut vor besagter Visastelle oder auch Polizeistation standen. Wir reichten dem Beamten die erforderlichen Unterlagen für die Verlängerung durch das Fenster und warteten ab. Nach kurzem Durchsehen wandte er sich uns zu und meinte, es wäre alles in Ordnung bis auf meine mitgebrachten Passfotos. Er erklärte uns, dass wir im Iran wären und für eine Verlängerung Fotos mit Kopftuch erforderlich wären. Anfänglich hielten wir es für einen schlechten Scherz und machten uns noch lustig darüber. Doch das Lachen verging uns schnell. Eine lautstarke und hitzige Diskussion über die Sinnhaftigkeit mancher Dinge in diesem Land entfachte und beinahe wäre eine Rangelei zwischen dem Beamten und Leander entstanden, wären die Kollegen nicht dazwischen gegangen. Der Beamte ließ sich nicht abbringen und betonte immer wieder, „you are in Iran, this is law“! Mehrere Polizisten eskortierten uns aus dem Gebäude. Hoffentlich hatten wir uns mit diesem Streit nicht die Visaverlängerung verhaut. Nichtsdestotrotz machten wir uns mit dem Taxi auf den Weg um alles zu organisieren. Passfotos mit „Schädlfetzn“, wie Leander das Kopftuch mittlerweile nannte, Farbkopien des Iran Visa und die Gebühr per Banküberweisung. Mühsame Erledigungen wenn man im Iran ist. 

Ich weiß nicht so recht, wie ich das Gefühl im Iran zu reisen beschreiben soll. Oftmals erscheint vieles unlogisch und erfordert ein strammes Nervenkostüm. Alltägliches wirkt auf uns Europäer mega kompliziert und super umständlich. Vor allem in organisatorischen Bereichen ist es eine Zettelwirtschaft mit „Stempelmarkencharakter“ wo die linke Hand nicht weiß, was die rechte gerade getan hat. Fragt man auf der Straße nach dem Weg, kommt eine Menschentraube herbeigeeilt und jeder weiß noch mehr als der andere. Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Iraner ist unglaublich, doch kommt man sich phasenweise entmündigt vor. Ein „Nein“ wird gerne überhört oder gar ignoriert. Das Land vermittelt uns Ausländern auch des öfteren einen verlogenen Beigeschmack. Bei tropischen Temperaturen werden Frauen gezwungen ihre Körper zu verhüllen. By the way, knielange Hosen an Männern sind auch nicht gerade der letzte Schrei. Doch hinter verschlossenen Türen sieht die Welt bei vielen sehr westlich aus. Frauen tragen offenes Haar und hübsche Kleider, Alkohol wird getrunken und es wird gelästert, viel und über jeden! Selbst der beste Freund wird nicht verschont. Doch vor den Türen sorgt die Religion für Zucht und Ordnung. Viele Situationen sind uns bislang untergekommen, die uns kopfschüttelnd zurückgelassen haben. Dagmar, eine liebe Freundin die ich in Esfahan kennenlernen durfte (sie ist mit einem Iraner verheiratet) beschrieb mir den typischen Iraner so: wenn es dich am rechten Ohr juckt, nimmst du die rechte Hand um dich zu kratzen. Der Iraner greift mit der Linken über den Kopf, damit er sich umständlich am rechten Ohr kratzen kann. Warum einfach, wenns komplizier auch funktioniert. That`s Iran!

Aber wieder zurück in unsere Polizeistation. Nach geraumer Zeit hatten wir alle Auflagen erledigt und hetzten zurück ins Büro. Leander reichte dem Beamten die Rechte zur Entschuldigung und dieser schlug sofort etwas beschämt ein. Der zuvor gegangene Streit war beseitigt und alles wieder in Butter. Nach einer Stunde Wartezeit hatten wir 30 extra Tage im Pass eingestempelt. Erleichtert und immer noch völlig perplex stiegen wir in den Truck und machten uns auf Richtung Norden. 

Die Dasht-e-Lut war unser nächstes Ziel. Die Entfernung war für einen Tag zu viel, weshalb wir in dem Städtchen Kerman einen Stop einlegten. Aus Reiseforen hatten wir den Kontakt eines Hotels, dass im Hinterhof Parkmöglichkeiten anbot. Wasser, Internet und Duschen sollten auch vorhanden sein, was nie ein Fehler war. 

Es war bereits dämmrig bei unserer Ankunft, weshalb wir nur noch schnell Abendbrot aßen und hundemüde in die Betten fielen, allerdings währte der Schlaf von kurzer Dauer. Lennox wachte mit höllischen Magenkrämpfen auf. Bereits die letzten Wochen hatte er vermehrt über Bauchweh geklagt. Mit Wärmflasche, massieren und gut zureden konnten wir die Nacht übertauchen und suchten am nächsten Morgen sofort ein Krankenhaus auf. Der Arzt im Krankenhaus erklärte mir, dass Lennox einen Magenvirus hätte. Er verschrieb uns Medizin und verhängte stricktes Süßigkeitenverbot für unser Schleckermäulchen. Gott sei Dank nichts Ernstes, denn wir hatten auch schon an Blinddarm gedacht. Nach zwei griechischen Krankenhäusern durften wir jetzt auch ein iranisches auf unsere Liste setzen. Diese Erfahrung muss man auch einmal gemacht haben, denn auch hier tickt die Uhr andersrum. 

Wir gönnten Lennox etwas Erholung und blieben einen weiteren Tag in Kerman. Es war ein guter Ort um etwas Haushalt und Arbeit nachzuholen. Ich konnte im Truck Wäsche waschen, da Wasser im Preis inklusive war, und Leander machte sich an die Fotos und Videos, die er auf Qeshm Island geschossen hatte. Der Kleine lag im Bett, kurierte sich aus und durfte Disney Filme am Laptop schauen, auch das musste manchmal sein! Nach zwei Tagen war der Knabe wieder fit, was für uns hieß – ab in die Wüste nach Shahdad.

Kommentare (1)

  1. Amir Kaljikovic
    Amir Kaljikovic am 13.06.2017
    Ohne Amir geht wohl nichts, hier nicht und im Iran auch nicht. :)
    Ich hätte die Situation ums Schädlfetzn gern gesehen, kann mir Leander richtig gut vorstellen in so einer Situation. *haha*
    Grüße aus der Heimat.

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