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Blog

Author: Maria Zehentner
Beitrag vom: 10.04.2018

Borneo, eine Reise ins Abenteuer!

Borneo, Sabah, März 2018

Where the hell is Borneo? Häufig, wenn wir über die Insel recherchierten, landeten wir gedanklich in einer Indiana Jones Welt, die voll von Abenteuern war. Wir reden von unentdeckten Regenwäldern, seltenen Vogel- und Tierarten, darunter der Orang Utan, exotischen Pflanzen, türkisblauem Meer und einen der besten Tauchgebieten der Welt! Sagenumwobene Geschichten über Piraten, Kopfgeldjäger und unheimliche Ureinwohner sorgten für Gänsehaut und Bauchgrummeln. Sogar Kannibalen sollten dort immer noch ihr Unwesen treiben. Werden wir begleitet von Ritualtänzen in einem dampfenden Kochtopf gegart und anschließend verspeist? Wohl kaum ;-)

Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt und schlummert im malayischen Archipel Südostasiens. Malaysia, Brunei und Indonesien teilen die schroffe Insel unter sich auf.

Um auf Nummer sicher zu gehen flogen wir bereits einige Tage vor Akela`s erwarteter Ankunft nach Kota Kinabalu, der Hauptstadt des malayischen Teils, kurz KK genannt.
Gegen Mitternacht stolperten wir hundemüde aus dem Flughafengebäude und fuhren mit einem Taxi zur gebuchten Unterkunft.
Dummerweise stellte sich heraus, dass unsere Reservierung verschlampt wurde und aktuell kein Zimmer verfügbar war. Während die Jungs an der Rezeption warteten, klapperte ich die umliegenden Hotels ab bis ich fündig wurde. Endlich schlafen! Dass das Zimmer klein, muffelig und stinkig war störte um diese Uhrzeit niemanden mehr.
Noch völlig gerädert von der anstrengenden Nacht blinzelten wir am nächsten Morgen aus dem Hotel,wo uns die nächste Ohrfeige erwartete. Erbarmungslose Hitze. Generell vertrugen wir tropische Temperaturen sehr gut, doch Borneo übertraf alles.
In einem klimatisierten Kaffee sammelten wir uns erstmal und planten die nächsten Tage, denn in zwei Tagen sollten wir Akela im Hafen von KK in Empfang nehmen können.
Wir durchlebten viele Pechsträhnen während unserer Reise.
Doch das Glück auf hilfsbereite Menschen zu treffen blieb uns immer treu, so auch in KK, wo wir auf Emi stießen. Ein „Bilderbuch Italiener“! Groß, stattliche Figur und Besitzer einer Pizzeria. Er half wo er konnte und nötigte uns schier, sich durch seine Speisekarte rauf und runter zu fressen.

Endlich war er da der lang herbei ersehnte Moment. Akela war im Hafen von KK eingetrudelt. Home sweet Home! Nach einem Monat Backpacking durch Thailand mit Kind und Kegel, was für viele einen ultimativen Urlaub ausmachte hatten wir gelernt, dass wir dem nichts mehr abgewinnen konnten und freuten uns auf unser trautes Heim, um endlich wieder on the road zu sein.
Mit zahlreichen Tips von Emi in der Tasche starteten wir einen Loop durch Sabah, dem östlichen Teil Malaysia`s auf Borneo.
Die Straßen waren schmal, aber in einigermaßen gutem Zustand. Schnell erkannten wir, dass Akela wohl zu den größten Fahrzeugen auf dieser Insel zählte. Mit einer Breite von 2,5m füllte er die Hälfte der Straße mehr als aus und oft musste das Bankett herhalten. Heimische Trucks waren teils nicht mal halb so groß wie unser Dicker, und beinahe überall wo wir durch wollten ging es eng her. Der vorherrschende Linksverkehr war nach Südkorea und Japan mittlerweile nur noch ein Klacks für Leander.

Unsere Tour führte uns zunächst an den nördlichsten Zipfel der Insel, dem Tip of Borneo, wo das südchinesische Meer und die Zulu See aufeinander treffen.
In den letzten Jahren sorgten Touristenentführungen von Piraten von den nahe gelegenen Philippinen an den Küsten Sabah´s immer wieder für Schlagzeilen, weshalb Strände teilweise unter Polizeischutz standen. Es war das erste Mal, seitdem wir aufgebrochen sind, wo wir ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch hatten.
Trotz dem, dass wir die Tage, und vor allem die Nächte, sehr aufmerksam waren, ließen wir uns dennoch nicht die Laune verderben und verbrachten einige entspannte Tage mit baden und dem Verzehr von Kokosnüssen, nach denen wir alle drei verrückt waren. Die einzige Attacke die wir bzw. Lennox erleiden musste, waren die Sandflöhe, die ihn regelrecht aufgefressen haben als er bei Sonnenuntergang am Strand spielte.

Am Strand abhängen und Nichts tun ist zwar fein, doch irgendwann wird auch das langweilig. Wir packten zusammen, schwangen uns motiviert hinters Steuer und fuhren östlich in die Region Sandakan. Eine zuvor noch nie erlebte Flora zog an Akela`s Fenstern vorüber.
Verschiedenste Grün Nuancen gaben sich in sekundenschnelle ein Stell dich ein. Blumen, Sträucher, Pflanzen und Bäume wo immer das Auge hängen blieb, in Größendimensionen die uns bislang fremd waren. „Lost in the jungle“ war Borneo`s leichteste Übung. Wenige Schritte hinein in das Dickicht reichten völlig aus um die Orientierung zu verlieren. Es war überwältigend und so neu für uns!

Doch bei genauerem Hinsehen bekam unsere Euphorie schnell einen Dämpfer. Denn das satte Grün der Landschaft rührte nicht nur von der wuchernden Wildnis her. Unzählige, gleich aussehende Palmen standen in Reih und Glied angeordnet und störten das Bild. Zufahrten, die durch Schranken abgeriegelt waren und mit großen Hinweistafeln gekennzeichnet waren, zumeist auf chinesisch, halfen unserer Unwissenheit schnell auf die Sprünge.
Es handelte sich um Palmöl Plantagen die allgegenwärtig waren. Das erklärte auch die dutzenden Tank Lkw`s die sich im Schritttempo durch das Auf und Ab der Straßen plagten. Sie transportierten Palmöl.

Doch Borneo ist nicht nur für seine „vermeintlich“ unberührte und wilde Landschaft berühmt, auch der Orang-Utan, Borneo`s Maskottchen, ist dort beheimatet. Leider findet man die Waldmenschen, wie sie umgangssprachlich auch genannt werden, fast nur noch in geschützten Nationalparks wie beispielsweise der Sepilok Lodge.
Der große rotzottelige Affe, dessen Erbinformation der unseren zu 97% gleicht, steht ganz oben auf der Liste der bedrohten Tierarten. Warum? Wir Menschen sind der Grund dafür.

Seit Jahrzehnten roden wir den kostbaren Primärwald, schlagen Tropenhölzer, um damit dekadent unser Heim zu zieren und machen den Rest des kostbaren Grün mit Bulldozern dem Erdboden gleich, um Palmöl Plantagen anzubauen. Aus den Früchten der Palmen wird wiederum Palmöl gewonnen, dass mittlerweile in jedem zweiten Supermarktprodukt zu finden ist. Stück für Stück wird das natürliche Habitat dieser einzigartigen Tiere zerstört.
Die rücksichtslose Rodung ist in Malaysia nicht zu übersehen. Tausende Orang-Utans, und natürlich viele andere Tiere, fielen der Gier der Menschen zum Opfer.
Sie wurden rücksichtslos getötet, verkauft oder versklavt. Wenige hatten oder haben das Glück, falls man das so nennen kann, ihren Lebensabend in geschützten Einrichtungen zu verbringen. In freier Natur findet man den König der­ Baumkronen kaum noch.

Einerseits war es natürlich sehr beeindruckend die Tiere hautnah in der Sepilok Lodge zu beobachten, vor allem für Lennox, andererseits begleitete uns ein beklemmendes und bedrückendes Gefühl, welches uns die Kehle immer enger zuschnürte je mehr wir darüber erfuhren.
Wir recherchierten viel im Internet über Urwaldrodung, Palmöl, Folgen und Lösungen, und drangen so immer tiefer in die schockierende Materie ein.
Es schien keinen Anfang und kein Ende zu geben. Die weltweiten Zusammenhänge und Auswirkungen der globalen Urwaldrodungen sind erschütternd und schockierend. Wir verbrachten Tage vor dem Computer und versuchten natürlich auch Lennox kindgerecht mit der Situation zu konfrontieren.
Wir sprechen von einer Problematik, deren Wirkungskreis sich auf den gesamten Planeten ausgedehnt hat. Es betrifft jeden Einzelnen von uns und darf keinesfalls unter den Tisch gekehrt werden, bloß weil sich das Geschehen nicht bei uns ums Eck abspielt.

Es ist uns ein Anliegen, in unseren Reiseberichten Probleme aufzuzeigen. Obgleich wir natürlich wissen, dass wir mit unserem Blog nicht die Welt verändern können hoffen wir natürlich, unsere Leser zur Eigeninitiative animieren zu können. Das Ziel ist, sich eine Meinung zu bilden, weltweite Zusammenhänge erkennen und verstehen lernen, und im Zuge dessen verantwortungsvoller und bewusster zu Handeln.
Das Thema Regenwald und Palmöl würde diesen Artikel allerdings sprengen, und weil es uns ein wirkliches Anliegen ist diese Problematik zu kommunizieren, schreiben wir speziell zu diesem Thema einen separatenArtikel.

An jeder Ecke Borneo`s gab es etwas zu erkunden, und so führte uns der Entdeckerdrang an den Kinabatangan River, dem längsten Fluss der Insel. Mit einer Länge von über 560km schlängelt er sich quer durch Sabah. Während der Oberlauf des Flusses einem großflächigen Baumschlag zum Opfer gefallen ist, konnte der Unterlauf weitgehend erhalten und geschützt werden.
An den Ufern des Flusses eröffnete sich eine Vielzahl an Lebensräumen, darunter überflutete Auwälder, Tieflandwälder und Mangroven. Mit etwas Glück kann man dort Nasenaffen, Orang Utans, Gibbons, Pygmäen-Elefanten, Makaken, Krokodile, Hornbills und eine Vielzahl anderer Vögel beobachten.

Mit Akela war es wie schon so oft schwierig, einen geeigneten Stellplatz zu finden, da er einfach zu monströs war. Unzählige Male fuhren wir die Flussbiegungen rauf und runter, bis wir vor einem kleinen Resort stehen blieben.
Ohne mit der Wimper zu zucken erlaubte uns das Personal davor zu parken. Obendrein durften wir die Duschen benutzen und in der Open Air Lounge einfach nur relaxen, for free.
Die Menschen auf Borneo empfingen uns überall super offen und freundlich. Sie waren hilfsbereit und neugierig, jedoch niemals aufdringlich.
Mit Englisch kamen wir durch die Bank sehr gut zurecht, und obwohl ein Großteil der Bornesen dem Islam angehört, fühlte ich mich in kurzen Hosen nie „underdressed“. Wir campierten einige Tage in dem Ort Sukau und unternahmen mehrere Flusspirschfahrten zu den unterschiedlichsten Tageszeiten, auch Nachts, was ganz schön spooky war.
Der Fluss war gespickt mit Krokodilen, für die es ein Leichtes gewesen wäre die winzige Nussschale umzukippen und uns als Zwischengang zu verspeisen. Doch unsere Expeditionen standen unter einem guten Stern. Wir wurden nicht gefressen und durften bis auf Pygmäen-Elefanten die volle Tierpalette genießen. Selbst wilde Orang Utans konnten wir sichten.

Auch unser erstes Erlebnis mit einem hochgiftigen Tausendfüssler durften wir auf der Insel verbuchen. Es regnete in Strömen und wir saßen alle drei unter der überdachten Veranda und lasen ein Buch. Gedanken versunken chillten wir auf der Couch, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel etwas großes am Boden krabbeln sah.
Bei genauerem Hinsehen durchfuhr mich ein Schauer. Ich kannte dieses Tier! Bisher hatte ich es nur hinter Glas versperrt in der Insektenabteilung diverser Zoos gesehen, immer mit dem Vermerk hochgiftig. Jetzt bloß nicht schreien, das hilft niemandem! Leander war der Einzige, der die Beine am Boden hatte. Mit bestimmtem Ton forderte ich ihn auf sofort die Füsse hoch zu nehmen, was er auch anstandslos tat. Fragend blickte er mich an und folgte meiner Aufforderung auf den Boden zu schauen. What the fuck! Er sah den Kollegen gerade noch um die Ecke biegen. So schnell wie er auftauchte, war er auch wieder verschwunden. Unser Puls hielt sich noch eine Weile auf Hochfrequenz.

Zum Abschied veranstalteten die Mädels aus dem Resort noch ein spontanes Fotoshooting mit uns. Schließlich geschah es nicht alle Tage, dass eine europäische Familie mit ihrem mobilen Heim vor der Türe parkte. Besonders von Lennox viel ihnen der Abschied schwer, aber wem nicht? Immer wieder umarmten und drückten sie den Kleinen.
War er doch mit seinen blonden Haaren und seiner aufgeschlossenen Art ein wahrer Blickfang in Südostasien. Ihm gefiel das weniger. Dann und wann bat er uns seine Haare schwarz färben zu dürfen. Er hatte es satt immer und überall angegriffen und betatscht zu werden. Er wollte wie alle anderen Kinder aussehen und nicht immer etwas Besonderes sein.

Nach erholsamen und erlebnisreichen Tagen ging es für uns weiter an die Ostküste Borneo`s, genauer gesagt in die Stadt Semporna. Sie war das Tor zum Tun Sakaran Marine Park, einer Gruppe von 8 Inseln die einige der schönsten Tauchspots der Welt beherbergte.

Leander´s Interesse galt schon lange Naturvölkern und es war auch die Idee, während unserer Reise manche von Ihnen zu besuchen. Fasziniert von deren verschiedensten Lebensarten und vor allem deren Zugang und Umgang mit der Natur, war ein Punkt den wir auch Lennox näher bringen wollten.
Das war auch der Grund dafür, dass wir uns bis ins letzte Eck von Borneo aufmachten um die Bajau Laut, die letzten Seenomanden die weit draussen im malaiischen Archipel angesiedelt sind, zu besuchen.Die Bajau Laut sind eine indigene Bevölkerungsgruppe die es aus verschiedenen Gründen vorgezogen hat, vor mehr als 500 Jahren den Ozean auf Hausbooten zu bewohnen. Leander hatte schon viel über sie recherchiert, doch was uns schließlich erwartet hatte, übertraf all unsere Erwartungen.

In Semporna angekommen viel uns zuallererst die Kinnlade einen Stock tiefer. Was soll ich sagen, ein Drecksloch sondergleichen. Als ich mir im Nachhinein beim Schreiben unseres Blog`s zwecks Recherche eine Beschreibung aus einem Reiseführer einverleibte, kommt mir immer noch das Kotzen. „Fancy Stelzenbamboo Bungalows über kristallklarem Wasser laden an sauberen, exotischen und naturbelassenen Traumstränden zum Baden und Schnorcheln ein. Genießen sie ihr Abendessen bei Sonnenuntergang in einem der zahlreichen Fischrestaurants an der Promenade.“ Wo zum Teufel hatte sich diese Traumkulisse versteckt? Wir standen Beschreibungen aus Reiseführern ja schon immer skeptisch gegenüber, aber das hier übertraf alles bisher gelesene.
Die Realität waren abgewrackte und versiffte Bungalows direkt am Hafen, eingesäumt in Tonnen von Müll. Zahlreiche, billigst aus dem Boden gestampfte Touranbieter keilten um chinesische Touristen, die in Scharen in Ausflugsboote gepfercht wurden, um im Akkord Barracudas & Co abzuknipsen.

Wir hatten es anders geplant, dank Emi. Durch seine Kontakte konnten wir schon vorweg ein kleines Boot inklusive Übersetzer anheuern, das uns zu den Bajau Laut bringen sollte.
Wenn die Seenomaden damit einverstanden waren, wollten wir gerne ein, zwei Tage Zeit mit ihnen verbringen. Ausgestattet mit Reis, Klamotten und Trinkwasser machten wir uns am nächsten Morgen zeitig auf den Weg und steuerten raus auf das offene Meer.
Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs als vor uns im Wasser eine kleine Siedlung auf Stelzen auftauchte. Je näher wir kamen, desto eindeutiger wurde das Schauspiel.
Mehrere Ausflugsboote voll mit Touristen ankerten vor den einfachen Holzhütten und lichteten die dort lebenden Menschen wie Ausstellungsobjekte ab. Als „Belohnung“ fürs Posieren wurde den Kindern Geld und Süssigkeiten zugeworfen. Nachdem die Fotos im Kasten waren wurde der Motor angelassen und weitergefahren.
Schrecklich was sich da vor unseren Augen abspielte. Genau diese Situation wollten wir tunlichst vermeiden. Wir zählten uns nicht zu den Touristen die rücksichtslos in ein Land einreisten und dort 14 Tage sprichwörtlich „die Sau“ rausließen. Wir waren Reisende, darauf bedacht einem Land und seinen Einwohnern Respekt zu zeigen, und mehr über die Kultur, Gebräuche und Sitten zu erfahren und zu lernen.

Zur Sicherheit erklärten wir unserem Guide nochmal unser Anliegen, um nicht missverstanden zu werden. Er gab uns zu verstehen, dass er verstand worum es uns ging und fuhr weiter hinaus, bis wir nach geschätzt einer Stunde eine weitere Siedlung erreichten. Der Bootsmann dockte an der kleinen Lepa an, wie die Boote der Bajau Laut auch genannt werden. An Board waren eine Frau und mehrere Kinder. Kenny, unser Guide, wechselte einige Worte mit ihr und gab uns zu verstehen, dass es für sie ok wäre, wenn wir hier ankerten.

Eine Lepa ist kein Schiff wie wir es uns in Gedanken vorstellen. Sie besitzt keine Kajüten wo geschlafen wird, keine Küche, keine Toilette, nichts. Genau genommen war es ein Schiffsrumpf mit einem kleinen Gaskocher, die wenigen Habseligkeiten der Familie waren kreuz und quer auf dem Boot verstreut.
Bereits im Vorfeld hatten wir uns darüber Gedanken gemacht, welche Fragen wir hatten, oder was wir über die Bajau Laut wissen wollten. Kenny übersetzte bereitwillig.
Leider war es eine sehr einseitige Kommunikation, denn die Frau zeigte null Interesse an uns. Nachdem einige Zeit vergangen war überreichten wir ihr den Reis, die Kleider und das Trinkwasser. Bereitwillig nahm sie die Sachen an und verstaute alles im Boot. Es gab kein Danke, kein Lächeln, nicht einmal Augenkontakt nahm sie zu uns auf.
Nichts. Wir waren viel rumgekommen die letzten Jahre und ein Lächeln war noch nie zu viel verlangt, egal ob reich oder arm. Wir verspürten ein komisches und irgendwie auch unangenehmes Gefühl! Ein Gefühl, dass wir von solchen Begegnungen bisher nicht kannten und uns schwer überraschte. Vorerst.
Es war uns nicht entgangen, dass die Frau ein apathisch wirkendes Kleinkind in den Armen hielt. Über Kenny fanden wir heraus, dass sich das Kind bereits seit Tagen in diesem Delirium befand. Es war am ganzen Körper mit Ausschlag übersät und hatte hohes Fieber.
Einen Arzt brauchte die Familie nicht zu konsultieren. Erstens war kein Geld vorhanden und zweitens drohte den Seenomaden bei Betreten des Festlandes meist das Gefängnis. Sie sind staatenlos und nirgends gerne gesehen. Sie besitzen keinen Reisepass, keine Geburtsurkunde oder sonst irgend eine Identitätskarte. Was tun? Wir konnten nicht zusehen wie das Kind vielleicht langsam in ihren Armen sterben würde.
Kenny sollte sie fragen ob es ihr recht wäre, wenn wir tags darauf mit Medizin zurück kehren würden, was sie bejahte.
Als wir wieder im Hafen von Semporna angekommen waren holte ich mir zuallererst eine Ferndiagnose von unserem Tropenarzt, der selber schon viel gereist war. Er riet mir zu einem Antibiotikum welches wir in unserer Hausapotheke mitführten, gab mir aber im gleichen Atemzug zu verstehen, dass Naturvölker anders mit dem Tod von Familienangehörigen umgehen. Es wurde zwar getrauert, allerdings gab es auch in der Folge ein Maul weniger zu stopfen. Für uns Europäer ein unvorstellbarer Gedanke, aber ich musste diese Einstellung akzeptieren und respektieren. Es war die natürliche Selektion wie sie schon von Darwin beschreiben wurde.

Dennoch entschieden wir uns am nächsten Tag erneut zu der Lepa zu fahren, mit der Medizin an Board. Dort angekommen kletterte ich zu der Frau ins Boot und zeigte ihr wie sie dem Kind das Medikament verabreichen konnte. Ob sie es in der Folge tat oder auch nicht, war ihr überlassen. Ich hatte nicht das Recht sie zu drängen oder gar zu nötigen.
Obwohl wir unserer Meinung nach Gutes taten fühlten wir uns schlecht. Wir verweilten noch einige Zeit neben dem Boot, brachen aber schlussendlich auf und kehrten um, da keinerlei Feedback zurück kam.
Entmutigt und mit hängenden Köpfen kehrten wir zu Akela zurück. Ein Wirbelsturm an Gefühlen wütete in uns. Wir waren traurig, zornig, ratlos, entmutigt, verwirrt, alles zugleich.

Was hatten wir uns von einem Besuch bei den Seenomaden erwartet? Ehrlich gesagt, wir können diese Frage bis heute nicht zufriedenstellend beantworten. Hatten wir in unserer Naivität wirklich geglaubt, dass wir bei den Bajau Laut Menschen vorfinden die noch ursprünglich und im Einklang mit der Natur leben? Googelt man den Begriff „Bajau Laut“, so findet man zahlreiche Berichte, National Geopgraphic Reportagen und Fotos im Netz. Konnten diese Menschen durch die aktive Internetpräsenz von der westlichen Welt überhaupt noch abgeschottet sein? Nein!
Sie sind zum Freiwild für Schaulustige und möchte gerne Abenteurer mutiert. Uns tut diese Erfahrung im Herzen weh, und um ehrlich zu sein, wir schämen uns dafür. Allerdings war unser Beweggrund dorthin zu fahren ein Anderer, ein ehrlich gemeinter! Doch wir konnten das Gefühl nicht vermitteln oder weitergeben. Stattdessen erlebten wir die schamlose Ausbeutung einer schützenswerten Kultur die es bald nicht mehr geben wird.
Doch auch hierfür wird es nochmals einen separaten Artikel geben.

Zurück zu unserer Reise. Auf unserem Rückweg besuchten wir die Gomatong Caves, die durch eine gigantische Population an Fledermäusen besticht. Der beißende Geruch der uns bereits am Eingang entgegen klaffte, verursacht durch die Ausscheidungen der kleinen Tierchen, machte das Weitergehen nicht gerade angenehmer.
Vor allem Lennox rümpfte die Nase und meckerte unentwegt. Mit Nase zu halten ging es dann, und es hat sich gelohnt.
Zweimal im Jahr nisten in der Höhle tausende von Schwalben deren Nester, wenn die Jungen flügge geworden sind, heiß begehrte Ware sind. Für wen? Für die Chinesen natürlich, für wen sonst. Potenz steigernde Mittelchen spielen im Reich der Mitte immer noch eine große Rolle. Schwalbennester stehen dabei wegen ihres hohen Eiweißgehaltes hoch im Kurs. Für 1kg Schwalbennest werden bis zu €15.000 hingeblättert.
Jaja, die Chinesen scheinen es bitter nötig zu haben.

Unseren geplanten Loop durch Sabah, auf dem Rückweg nach KK, beendeten wir mit dem Kinabalu Park, der in Bergen auf knapp 1.000 Höhenmetern liegt, was die Temperaturen in angenehme Tiefen sinken ließ. Wir wanderten zu mehreren Wasserfällen und wagten uns in die schwindelerregende Höhe eines Canopy Walks, der uns auf alten Hängeseilbrücken durch mächtige Baumkronen führte, über deren Wipfel hinweg man einen atemberaubenden Blick über den Nationalpark erhaschen konnte. So zumindest die Beschreibung der kleinen Hängebrücke zwischen den Bäumen ;-)

Die Besteigung des Mt Kinabalu, der mit 4.095m der höchste Berg Südostasiens ist, war uns dann mit einer Gebühr von $300 pro Person (ein Guide ist Pflicht!) eine Spur zu teuer. Glücklicherweise verschlechterte sich auch noch das Wetter für die kommenden Tage, und so hatten wir zwei gute Ausreden, den anspruchsvollen Hike auszulassen, vor dem uns konditionell gesehen schon gegraust hatte ;-)

Emi we are back! Unser letzter Weg in Sabah führte uns zurück nach KK, ins Little Italy, wo wir uns nach den Strapazen der letzten Tage erst einmal mit Pizza, Tiramisu und Limejuice stärkten. Der Italiener war phänomenal. Während unserer Abwesenheit organisierte er in der International School seiner Kinder einen Vortrag für uns.
Auf die Idee waren wir noch gar nicht gekommen, dass Schulen an unserer Reise interessiert sein könnten. Doch es funktionierte. Für eine Stunde Diavortrag mit Geschichten und Stories über uns gab es gutes Geld, welches wir dankend annahmen und dringend brauchten. Wir verbrachten noch einige Tage in KK bevor es ans Abschied nehmen ging, und der von Emi fiel uns wirklich schwer.

Kommentare (1)

  1. Robert
    Robert vor 2 Wochen
    Großartig! Eure Empfindungen decken sich zu 100% mit unseren. Wir weilen gerade im Drecksloch Semporna, was für ein Unterschied zum restlichen Borneo und Malaysia. Ich hoffe unser Tauchtrip auf Mabul wird besser. Davor waren wir auch am Kinabatangan River und hatten viel Glück. Aber die Palmölplantagen sind furchtbar. Die stundenlangen Busfahrten entlang dieser teils gerodeten Einöden machen uns auch sehr betroffen. Und wir werden definitiv so gut als möglich auf Produkte damit verzichten. Das haben wir uns auch davor schon in Sepilok gesagt. So herzig wie sie auch anzuschauen sind, die jungen Waldmenschen, so traurig sind die Gründe, dass wir sie überhaupt zu Gesicht bekommen. KK ist eine total sympathische Stadt, am Little Italy sind wir jeden Tag vorbeispaziert und haben uns noch gefragt, ob der Laden wohl von einem Italiener geführt wird :-)
    Die Freundlichkeit der Bornesen können wir auch nur bestätigen. Jeder grüßt und winkt und alle sind höflich. Aber nicht aufdringlich oder Löcher in uns starrend wie u.a. in Vietnam.
    Tasmanien steht auch auf unserem Plan, in einem Monat sind wir dort. Ich folge euch seit dem Start eurer Reise, seit dem SN-Artikel damals. Weiter so!

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